Deutschland

Sunday, 26. february 2012 7 26 /02 /Feb. /2012 10:45

 

"Warum ist die Krise nicht die Stunde der Linken ?" Diese konsternierte Frage wird innerhalb der Linken oft gestellt - und mit pseudotheoretischen Behauptungen beantwortet: Die Arbeiterklasse sei in Aufloesung, die traditionelle Arbeiterbewegung verliere ihre soziale Basis, man muesse heutzutage stattdessen auf die "neuen sozialen Bewegungen" setzen.

 

Was die bestbezahlten Schichten der Arbeiterklasse in deutschland angeht, ist die Antwort auf die Frage viel einfacher: Die Krise hat bisher ihre Lebensverhaeltnisse noch nicht drastisch verschlechtert. Zwar stagnieren die Loehne eher, werden die bescheidenen Zuwaechse von den Preissteigerungen aufgefressen, bleibt unterm Strich von Jahr zu Jahr eher etwas weniger; aber nicht in einem Umfang, der diese Kolleginnen und Kollegen auf die Strasse bringt.

 

Ueberschrift eines Artikels in der FAZonline von heute: "Jetzt kassiert die Arbeiterklasse". In den schoensten Farben malt das Blatt des Grosskapitals aus, dass die Belegschaften von Daimler, VW, Audi, Porsche fuer das Jahr 2011 Praemien von ueber 4000 Euro bis zu ueber 10 000 Euro erhaltlen. Nicht erwaehnt wird, dass es sich bei den Beglueckten nur um die Stammbelegschaft handelt und auch bei dieser die Hoehe der Zahlung sehr von der Zeit der Betriebszugehoerigkeit abhaengt.

 

Aber das Beispiel zeigt: das deutsche Monopolkapital laesst es sich durchaus etwas kosten, den Kern der produktiven Arbeiter politisch bei der Stange zu halten und den Co-Managern in den Gewerkschaften und Betriebsraeten Erfolge in einer staendischen Interessenspolitik zu ermoeglichen, mit denen sie die Gewerkschafter unter Kontrolle halten und auf die "Standort Deutschland"-Politik verpflichten koennen.

 

Das ist schon  das ganze Geheimnis der Ruhigstellung der Arbeiterklasse in Deutschland, was ihre am engsten mit den entscheidenden Produktionsmitteln verbundenen Schichten - und damit ihren potentiell maechtigsten Kern - betrifft. Die Milliarden, die in diese Ruhigstellung fliessen, zeigen auch, dass diese Schichten fuer das Monopolkapital der neuralgische Punkt sind, dessen politische Ausschaltung die Milliarden eben wert ist.

 

Es ist, von der anderen Seite betrachtet, gerade nicht die abnehmende Bedeutung der Arbeiterklasse, die sich in ihrer politischen Bewegungslosigkeit ausdrueckt, sondern umgekehrt ihre potentielle Macht. Die Bewegungslosigkeit muss - und kann bisher - erkauft werden. Wuerde das der Bourgeoisie nicht mehr gelingen, waere es mit der "Stabilitaet" vorbei. Dann waere die Krise, was die Arbeiterklasse betrifft, "die Stunde der Linken" und die Co-Manager koennten einpacken.

 

Das Ruhigstellen entscheidender produktiver Schichten der Arbeiterklasse ist Taktik im Rahmen eines grossangelegten strategischen Konzepts. Dieses Konzept besteht darin, die Lohnquote deutlich zu senken, die Lebensverhaeltnisse der Arbeiterklasse auf ein Niveau herunter zu bringen, das fuer viele noch kaum vorstellbar, aber fuer die am schlechtesten gestellten Schichten der Arbeiterklasse schon Realitaet ist - Loehne unter 1000 Euro, Zeitarbeitsvertraege, Teilzeit zu miesen Bedingungen, Leiharbeit, "Aufstocker".

 

Die heute noch besser gestellten Kolleginnen und Kollegen werden vom strategischen Ziel der Kapitalisten nicht verschont bleiben. Sie kommen bloss als letzte dran. Um sie herum werden die Verhaeltnisse bereits geschaffen, die ihren materiellen und rechtlichen Stand zu einem historischen Ueberbleibsel machen, das weniger und weniger "zeitgerecht" ist - bis auch die letzten Bastionen des "guten Lebens" sturmreif gemacht sind.

 

Im Grund wissen das die meisten Kolleginnen und Kollegen heute noch gutgestellter Stammbelegschaften auch. Sie spueren ja den Leistungsdruck, der staendig verschaerft wird. Sie sehen, wie ihre Zahl bestaendig reduziert wird, wie alles "outgesourced" wird,  was irgendie geht, wie die Leiharbeit vordringt, wie es auch Stammbelegschaften zu Tausenden "erwischt", wenn Standorte platt gemacht werden. Aber vielleicht geht es a noch ein Weilchen. Vielleicht kann man sich selber  noch bis zur Rente durchretten...

 

"Das soziale Europa ist Vergangenheit", zitiert die FAZ von heute irgendeinen EU-Funktionaer. Das ist es noch nicht gaenzlich. Aber das ist die Zukunft, wenn es nach den Kapitalisten geht. In den europaeischen Staaten, in denen dieses Konzept schon weitergehend durchgesetzt wird, entwickelt sich auch der Widerstand der Arbeiterklasse. Er wird sich auch in Deutschland entwickeln, je mehr es ans "Eingemachte" geht.

 

Die meisten Kolleginnen und Kollegen wollen ihre Ruhe haben, so lange es irgend geht. Gekaempft wird, wenn es gar nicht mehr anders geht. Diese Phase wird unweigerlich kommen, auch in Deutschland. Dann ist "die Stunde der Linken". Was jetzt zu tun ist, ist, sie so gut wie moeglich mit den vorhandenen bescheidenen Kraeften vorzubereiten.

 


von Sepp Aigner - veröffentlicht in: Deutschland - Community: Kritische Massen
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Wednesday, 22. february 2012 3 22 /02 /Feb. /2012 19:42

 

Freiheit ist das politische Schlagwort, das Joachim Gauck am meisten benutzt. Es gibt selbst im buergerlichen Lager schon Stimmen, die dezent darauf hinweisen, dass diese Floskel gemaess der bundesdeutschen Staatsraeson doch stets mit einer anderen kombiniert werden muss - der von der sozialen Verantwortung. Das wird man ihm schon noch beibringen. "Soziale Kaelte" ist zwar in der Praxis angesagt, zu reden ist aber vom Mitnehmen der Schwachen und sozialer Partnerschaft, und so ein Bundespraesident ist schliesslich zum Reden da. Die handfesten Sachen machen die Manager der grossen Eigentuemer schon selbst.

 

Gauck wird verstehen. Er hat immer verstanden. In der DDR hat er den Sozialismus verstanden. Im neuen Grossdeutschland hat er das mit der Freiheit schon lang verstanden, und da noch irgendwie was Soziales hintendran zu flicken, wird eine seiner leichteren Uebungen sein. Worauf es ankommt, hat er ohnehin schon deutlich genug gesagt: Freiheit ist auch und vor allem wirtschaftliche Freiheit, also die Freiheit derer, denen die Wirtschaft gehoert. Darein haben sich die anderen zu schicken, denen die Wirtschaft nicht gehoert. Alle paar Jahre eine Konjunkturkrise, das Chaos des Marktes, die Freiheit des privaten Profitmachens und des Bezahlens der Risiken der systemrelevanten Privaten mit Steuergeldern, die Freiheit zur Zerstoerung des Planeten, die allgemeine Krise des Kapitalismus ? Klar. Wo bliebe sie denn sonst, die Freiheit ?! Zweifel am Kapitalismus sind laecherlich.

 

So ganz trifft Gauck den Zeitgeist damit nicht. Diese Zweifel reichen ja bis tief ins Buergertum hinein. Es ist ja mit Haenden zu greifen, dass es eine eigenartige Anschauung von Freiheit ist, wenn der Kapitalismus ganze Voelker neu ins Elend bringt und andere seit Menschengedenken darin haelt. Was sollen die zehn Millionen Leute ueber diese Freiheit denken, die im reichen Deutschland auf Hartz IV-Niveau leben muessen ? Die Leiharbeiter, die die selbe Arbeit machen wie die Kollegen von der Stammbelegschaft, aber bloss die Haelfte dafuer kriegen ? Die Arbeitslosen, die mit einem Federstrich irgendeines in voller Freiheit handelnden Mangaments zu solchen gemacht worden sind ?

 

Nun sagt man Gauck Opportunismus nach. Waere es, wenn dieser Vorwurf zutrifft, nicht folgerichtig, wenn er sich dem Zeitgeist des Zweifels anpassen wuerde ? Nein, waere es nicht. Der Opportunismus des Herrn Gauck ist naemlich genordet wie eine Kompassnadel. Der Pol, nach dem er sich richtet, ist die Macht. Ob die Maechtigen Kommunisten sind oder freiheitlich-demokratische Kapitalisten - ihm doch egal. Jeder muss halt sehen, wo er bleibt und sich sein Nestchen nach den Umstaenden richten. Ein gesunder Freiheitstrieb bringt es auch in einer DDR zur Reisefreiheit, fuer sich selbst, und wenn in einer BRD Kommunistenfressen einen geilen Job und karriereversprechenden Ruf bringt, muss man halt sehen, dass man knapp noch die Kurve vom SED-Guenstling zum Buergerrechtler kratzt. Schliesslich hat schon Kohl gesagt, dass das Fenster der Gelegenheit nur fuer einen geschichtlich kurzen Augenblick offenstand. Da heisst es schluepfen, von der einen Seite auf die andere. In die Freiheit.

 

Da ist er jetzt. Da haben wir in. Ein Fels in der Brandung. Hoffentlich kommen diese Kommunisten nicht wieder ans Ruder. Der beantragt glatt wieder einen VW-Bus. 

von Sepp Aigner - veröffentlicht in: Deutschland - Community: Kritische Massen
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Monday, 20. february 2012 1 20 /02 /Feb. /2012 10:45

 

Angetreten waren die Parteien- und Staatsfuehrer mit der Ankuendigung, einen Repraesentanten aller zu suchen. Gefunden haben sie Gauck. Das ist in Ordnung. Einen gemeinsamen Repraesentanten von Hart IV-Empfaengern, Arbeitern und Angestellten und gebeutelten Selbstaendigen auf der einen Seite und der deutschen Industrie- und Bankenwelt und ihren politischen Sachwaltern auf der anderen Seite gibt es ohnehin nicht.

 

Von den 99 % abgesehen, ist Gauck wirklich ein gemeinsamer Kandidat. Die Postenjaeger-Agenturen CDU, CSU, FDP, SPD und Gruene, die sich politische Parteien nennen, haben sich einen ausgesucht, der sie wuerdig repraesentieren wird. Da waechst zusammen, was zusammengehoert. Da ist sie, die Berliner Republik, die nur noch zeigt, dass wir eine bessere brauchen. Anders als Gauck sieht der oberste Repraesentant einer Gesellschaft nicht aus, in der sich alles ums Geld dreht und auf der Jagd danach der eigene Vorteil und Ellenbogen, das Tricksern und Taeuschen, das Kriechen vor den Oberen und das Treten nach unten die wichtigsten staatsbuergerlichen Eigenschaften sind.

 

Aber immerhin ist Gauck doch ein Mann von Format ? Das stimmt. Das Dschungelcamp ist ja schliesslich auch ein Format, und die Tages-Show und das, was vier Buchstaben im Titel traegt und sich Zeitung nennt. Zu wirklichen Format hat der Mann es in der Disziplin des Opportunismus gebracht. In der DDR hat er sich den Status eines Privilegierten zu verschaffen gewusst. Waehrend der "Wende" hat er sich der neuen Macht ngedient und seinen weiteren Aufstieg auf die Luege vom "Buergerrechtler Gauck" und die Verleumdung der DDR, in der er gepaeppelt wurde, als "Unrechtsstaat" gegruendet.

 

Gauck als Bundespraesident - das ist ein Affront gegen alle ehemaligen DDR-Buerger, die sich ihr rechtschaffenes Leben in einem auf soziale Gleichheit gegruendeten Staat nicht nachtraeglich von den Siegern und speichelleckenden Quislingen in den Dreck treten lassen. Er ist sogar ein Affront gegen die aufrichtigen Buergerrechtler in der DDR, denen es nicht um den Anschluss, sondern um eine bessere DDR ging. Zu ihnen gehoerte Gauck naeemlich nicht. Aber er schmueckt sich seit der Konterrevolution mit deren Renommee. Veraechtliche Bemerkungen ueber Hartz IV-Empfaenger und die Occupy-Bewegten, aber "differenzierte" zu Sarrazin - das ist der liberale, konservative und linke Gauck. Die FAZ hat ihm heute diese Zuordnungen verpasst, und die fiese alte Tante hat recht: Der ist, was gerade nuetzlich ist.

 

Das offizielle Deutschland wird in Gauck den Bundespraesidenten haben, den es verdient. Gekuert worden ist er uebrigens am Rosenmontag. An dem Tag fuehren bekanntlich die Narren das Szepter.

 


 


von Sepp Aigner - veröffentlicht in: Deutschland - Community: Kritische Massen
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Saturday, 11. february 2012 6 11 /02 /Feb. /2012 06:38

Die OeTV geht mit einer Forderung von um die 6,5 % in die anstehende Tarifrunde und folgt damit der IG Metall. Zur selben Zeit verfuegt die griechische Kolonialverwaltung, die sich Regierung nennt, eine Lohnkuerzung von 22 %. Augenfaelliger koennte die unterschiedliche Lage der deutschen und der griechischen Arbeiterklasse kaum sein. - So sieht es auf den ersten Blick aus. Da bewaehrt sie sich also, die beruehmte deutsche Sozialpartnerschaft. Dahin kommt es also mit griechischem Klassenkampf.

 

Ein zweiter, genauerer Blick ist notwendig, wenn man ein realistisches Bild gewinnen will. Die deutschen Tarifloehne sind ein Fels, an dem die Brandung der "Standort"-Politik nagt. Jedes Jahr wird die Zahl der prekaeren Arbeitsverhaeltnisse auch in Deutschland groesser. Die Belegschaften werden gespalten in Stammbelegschaft, Leiharbeiter, Zeitarbeiter, Aufstocker, Minijobber. Gerade erfahren die Kolleginnen und Kollegen bei Nokia, dass es keine Arbeitsplatzbesitzer gibt. Nokia ist keine Ausnahme. Wo die Profitkalkulationen erfordern, dass hochqualifizierte Stammbelegschaften rasiert werden, werden sie ohne jedes sozialpartnerschaftliche Bedenken rasiert. Dann reduziert sich die Sozialpartnerschaft auf ein paar Monatsloehne Abfindung. Wer arbeitslos wird, findet sich anschliessend selber in den Billig-Segmenten der Lohnarbeit wieder. Das ist die Zukunft der Lohnarbeit nicht nur in Griechenland, sondern auch in Deutschland. Es geht um die dauerhafte Absenkung der Lohnquote. Das ist der Inhalt der Parole von der "Staerkung der Wettbewerbsfaehigkeit".

 

Die extremer werdende Spreizung zwischen noch auskoemmlichen Tarifloehnen und Hungerloehnen, von denen man kaum noch leben kann, ist auf nationaler Ebene der strategisch angelegte Weg in die Verarmung der Arbeiterklasse. Um nicht weniger geht es. Das ist die Zukunft, wenn es nach den Absichten der Kapitalisten und der buergerlichen Parteien und Regierungen geht. Das wiederholt sich auf internationaler Ebene. Gerade werden die Griechen auf das Niveau bulgarischer und rumaenischer Lohnarbeit gebracht. Von diesem Trend werden die noch besser gestellten Lohnarbeiterschichten im Zentrum der EU nicht verschont bleiben. Das ist keine Katastrophen-Prophetie. Das geht schon vor sich. Zwei Drittel des "deutschen Jobwunders" sind heute schon eben solche "schon fast griechischen" Drecksjobs. Und jeder solche Drecksjob unterminiert die Tarifloehne.

 

Uebrigens arbeiten die "faulen Griechen" - die, die noch einen "Vollarbeitsplatz" haben - drei- oder vierhundert Stunden im Jahr mehr als die "fleissigen Deutschen". Neben der Verbilligung der Arbeitsstunde gibt es noch eine zweite wichtige Ressource fuer die Erhoehung der Profite: die Verlaengerung des Arbeitstags - und die Verlaengerung der Lebens-Arbeitszeit. Gestern, Nachrichten im bayrischen Rundfunk: Die erhoehte Lebenserwartung erfordere, dass das Renteneintrittsalter jedes Jahr entsprechend angepasst werden muesse, bei 67 Jahren koenne es nicht bleiben.

 

In Griechenland sieht einbedeutender Teil der Arbeiterklasse, der politisch der kommunistischen Partei folgt, als einzigen moeglichen Ausweg nur noch den Sturz der Kapitalregierung, die Enteignung der grossen Kapitalisten und eine Wirtschaft, die sich nicht um die "Notwendigkeiten" der Kapitalverwertung schert, sondern auf die Befriedigung der Beduerfnisse der Bevoelkerung ausgerichtet wird. An so etwas auch nur zu denken, erscheint heute der Masse der deutschen Lohnabhaengigen noch als abwegig. Zum Denken kann man niemanden zwingen. Vernunft ist bei keinem Gericht der Welt einklagbar. Es ist aber die Entwicklung der gesellschaftlichen Verhaeltnisse selbst, die mehr und mehr nahelegt, den eigenen Kopf gruendlich zu entruempeln von den angesammelten Illusionen ueber einen menschengerechten Kapitalismus, die in der Realitaet immer weniger Anknuepfungspunkte haben. Besser waere, mit dem Denken nicht zu warten, bis die deutschen Veerhaeltnisse griechisch geworden sind.

 


 


von Sepp Aigner - veröffentlicht in: Deutschland - Community: Kritische Massen
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Friday, 27. january 2012 5 27 /01 /Jan. /2012 15:02

In ihrem neuen Parteiprogramm stellt sich die Linkspartei "ohne Hintertürchen" gegen Kriegspolitik. Aber die Praxis sieht anders aus. Weder die Partei als ganzes noch die Bundestagsfraktion oder irgendeine Landtagsfraktion haben den Aufruf gegen die Kriegsvorbereitungen gegen Syrien und Iran unterschrieben. Diejenigen, die sich das Parteiprogramm auch in der Praxis zur Richtschnur nehmen, sind eine Minderheit. Konsequent für den Frieden einzutreten bedeutet, nicht koalitionsfähig zu sein mit den Kriegstreiberparteien SPD und Grüne. Das ist aber vielen Mandatsträgern und Funktionären der Linkspartei wichtiger.

 

Das Programm-Papier ist geduldig und liest sich schön. Wenn es darauf ankommt, ist es nicht viel wert, wie sich an diesem Beispiel zeigt. Auf die Linkspartei insgesamt ist in Sachen Krieg und Frieden kein Verlass. Man erinnere sich an Gysis List in Sachen NATO: Da steht irgendwo die Forderung nach Auflösung der NATOm ? - Aber nicht nach Austritt aus der NATO ! Also bleibt die "schöne Forderung" folgenlos, und das mit Bedacht. Das kennzeichnet die Haltung der "Realpolitiker" in der Linkspartei. Sie wollen ankommen im imperialistischen Deutschland, in Ministerämtern und als Partei, die "dazu gehört".

 

Den Schlächtern dienen - An die Macht und in den Krieg auf dem Rücken der syrischen und iranischen Bevölkerung    

 

 
Geschrieben von: Bundesarbeitskreis Antimilitarismus und Frieden (BAK AuF)

 

Freitag, den 27. Januar 2012 um 14:29 Uhr

 

Als Karl Liebknecht 1914 dem deutschen Kaiser und den Kriegskrediten seine Stimme verweigerte, war er der einzige Abgeordnete, der dies im damaligen Reichstag tat. Bereits vorher hatten sich die sozialdemokratischen PatriotInnen offen gezeigt: Nationale Reden signalisierten Unterstützung im „Verteidigungsfalle“, Bebel stimmte der Kostendeckung der Heeresvorlage zu und die Meinung linker antimilitaristischer KritikerInnen wurde öffentlich als „Einzelmeinung“ von der Parteiführung diffamiert. Schon damals verbreiteten die deutschen Eliten die Mär vom „Verteidigungskrieg“. Von heute aus betrachtet, hätten sie ergänzen müssen: „zum Schutz des russischen Volkes“. Das hätte den kriegswilligen SozialdemokratInnen vielleicht den Verrat am eigenen Programm und das Überlaufen noch erleichtert.

Liebknechts eigene (sozialdemokratische) Fraktion hatte den nationalen Pakt mit der herrschenden Klasse einer klassenkämpferischen Position gegen den Krieg und die UnterdrückerInnen im eigenen Land vorgezogen und war schließlich, berauscht von der Anerkennung durch den einstigen Klassenfeind, in den Krieg gezogen. An die „Sicherheit“ Deutschlands oder an die Solidarität mit dem angegriffenen Schlächter im russischen St. Petersburg (Petrograd) verschwendete Liebknecht hingegen zurecht keinen Gedanken. Warum auch? Schließlich sollten die deutschen und die russischen ArbeiterInnen Seite an Seite gegen ihre herrschenden Klassen kämpfen. Ein Krieg verschlechterte die Kampfbedingungen aber grundlegend.

Nun hat jede Analogie ihre Grenzen. Wir gehen nicht davon aus, dass ein Angriff der NATO auf den Iran und/oder Syrien einen Weltkrieg auslöst. Ein Flächenbrand wäre aber unvermeidlich.

Um diesen Punkt geht es aber in der Debatte um die Antikriegsposition einiger linker Bundestagsabgeordneter auch gar nicht. Die derzeitige Hexenjagd auf Dieter Dehm, Ulla Jelpke, Sevim Dagdelen, Heike Hänsel, Annette Groth und Eva Bulling-Schröter wegen ihrer Unterschrift unter den Aufruf „Kriegsvorbereitungen stoppen! Embargos beenden! Solidarität mit den Völkern Irans und Syriens!“ hat andere Gründe. In einer Zeit der ideologischen und militärischen Mobilmachung für mögliche Angriffskriege á la Irak (Iran) und Libyen (Syrien) ist es nur unterstützenwert, dass Bundestagsabgeordnete der LINKEN sich öffentlich für den Frieden und eine friedliche Beilegung zweier internationaler Konflikte – und damit gegen die imperialistische und kriegsvorbereitende Interessenpolitik Deutschlands und der anderen NATO-Staaten – aussprechen. Sie nehmen das jüngst verabschiedete Parteiprogramm der LINKEN in diesem Punkt ernst und setzen es praktisch um. Das gemeinsame Sperrfeuer der bürgerlichen Medien, des BAK „Shalom“ und einiger sozialdemokratischer LINKEN-Funktionäre gegen die sechs ist die konsequente Folge unterschiedlicher Interessen. Die einen kämpfen mit dem Rücken zur Wand gegen den Krieg, die anderen dienen sich den SchlächterInnen der Feldzüge im Irak, in Pakistan und Afghanistan oder des Gazakriegs an und liefern ihnen die gewünschten Stichworte, um Propaganda gegen KriegsgegnerInnen zu machen. Bei möglichen Unzulänglichkeiten und der Kürze des Aufrufes: Anlass, sich als Linke/r gegen ihn zu positionieren, hat er inhaltlich nicht geboten.

Wer sich in der momentanen Situation nicht solidarisch mit den GenossInnen zeigt, die den Aufruf unterschrieben haben und sie nicht vor Angriffen in Schutz nimmt, macht sich gemein mit den bürgerlichen Medien und den regierenden Parteien, die sich trotz ihrer Verstrickung in internationalen Waffenhandel, Ölgeschäfte mit Diktatoren und ihrer Ignoranz gegenüber schwersten Menschenrechtsverletzungen durch „verbündete“ Diktaturen erdreisten, auf aufrechte AntimilitaristInnen einzuschlagen. Weshalb tragen Abgeordnete aus der eigenen Fraktion wie Jan Korte und Dagmar Enkelmann eine Kampagne gegen den Aufruf, dessen Inhalt bewusst verkürzt wiedergegeben wird, mit, anstatt sich hinter ihre GenossInnen zu stellen und sich klar gegen Angriffskriege gegen Syrien und den Iran zu positionieren?

In der LINKEN darf man den Krieg gegen Afghanistan ablehnen, in Teilen der Partei den Krieg gegen den Iran aber offensichtlich nicht. Wer sich als Koalitionär bewähren und im Lager der Grünen- und SPD-WählerInnen fischen will, kann sich dies auch nicht erlauben. Das Großreinemachen in den eigenen Reihen beginnt selbstverständlich mit denjenigen, die den Weg der Aufweichung linker Positionen nicht mitgehen wollen. Das Papier, auf dem das Parteiprogramm niedergeschrieben wurde, ist unterdessen bis zur Regierungsbeteiligung geduldig. Entscheidend ist die reale Politik. Bei den Grünen war man schließlich auch pazifistisch bis zum Kosovokrieg.

Dass ein möglicher Krieg gegen den Iran von der NATO vorbereitet wird, haben wir und andere bereits vor Wochen detailliert dargelegt. Dass auch Israel sich daran beteiligt, haben die Mainstream-Medien mehrfach gemeldet. An beidem besteht kein Zweifel. Anders als Korte und Co stehen die US-amerikanischen und israelischen Eliten auch offen zu ihrer „Rote-Linien“-Politik. Ihre Motive sind hinlänglich bekannt und können in den NATO-Papieren nachgelesen werden: Verfügung über ökonomische Ressourcen wie Öl und Gas, die Kontrolle einer geostrategisch bedeutsamen Region, die Entfernung des letzten ernstzunehmenden machtpolitischen Widersachers im Nahen Osten usw.

Die sozialdemokratischen LINKEN lösen ihr Ticket für eine Regierungsbeteiligung und für ihre Akzeptanz bei den deutschen Eliten, indem sie de facto der herrschenden Klasse des Westens für die nächsten Schritte auf dem Weg in einen neuen Krieg Rückendeckung aus der LINKEN geben. Für jene sind die Schandtaten der Assads, Husseins, Mubaraks, Schahs, Könige usw. vollkommen belanglos, solange sie ihr nutzen. Die Leidtragenden von Sanktionen und Kriegspolitik sind erwiesenermaßen eben nicht die Diktatoren, sondern die Bevölkerungen und die Kampffähigkeit linker und progressiver Kräfte in den jeweiligen Staaten.

Kriege und die imperialistische Politik der Embargos, Sanktionen usw. helfen niemandem außer den herrschenden Klassen in den USA, Deutschland, Frankreich, Israel usw. Sie sorgen für humanitäre Katastrophen für den Großteil der Zivilbevölkerung und schwächen progressive und emanzipatorische Kräfte innerhalb der Länder- oder lassen sie gleich ganz verschwinden. Damit wird den westlichen Mächten auch die Chance gegeben, in absehbarer Zeit evtl. ihre nächsten Marionetten zu installieren, die dann freie Hand erhalten, mit allen anderen politischen Bewegungen so umzugehen, wie es die Könige in Saudi-Arabien, Bahrain, Kuwait usw. schon seit Jahrzehnten unter Billigung derselben Kräfte tun dürfen, die momentan Menschenrechtsverletzungen im Iran und in Syrien beklagen. Die linke syrische und iranische Opposition, die derzeit (gewollt oder ungewollt) von den KriegstrommlerInnen als KronzeugInnen herangezogen werden, werden dann das Bauernopfer sein, das sofort erbracht wird, sobald sie den Interessen des Westens nicht mehr nutzen.

Für uns gibt es daher auch keine Gründe, der herrschenden Politik nur einen einzigen Millimeter weder moralisch noch politisch über den Weg zu trauen. Wir haben – auch aus der linken – Geschichte gelernt. Der Hauptfeind steht im eigenen Land. Krieg dem Kriege!

Bundesarbeitskreis Antimilitarismus und Frieden (BAK AuF)
26. Januar 2012

 

Quelle: http://www.redglobe.de/deutschland/friedensbewegung/4900-den-schlaechtern-dienen-an-die-macht-und-in-den-krieg-auf-dem-ruecken-der-syrischen-und-iranischen-bevoelkerung

von Sepp Aigner - veröffentlicht in: Deutschland - Community: Kritische Massen
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