Deutschland

Monday, 28. may 2012 1 28 /05 /Mai /2012 10:42

 

 

Die Tarifrunde bei Telecom ist gelaufen. Einmal mehr bestätigt sich, dass es für bessere Ergebnisse notwendig ist, dass sich die Gewerkschaftskolleginnen und -kollegen und ihre Vertrauensleute mehr Einfluss auf die Verhandlungen erkämpfen. Maulen hilft nichts. Die Gewerkschaftsführungen und Tarifkommissionen müssen an die Kandare der Mitglieder gelegt werden. 

 

Hier eine Einschätzung der Ergebnisse in der DKP-Zeitung UZ:

 

 

Positives und Gründe zur Verärgerung
Einschätzung der Tarifrunde bei Telekom
Deutschland und den Service-GmbH

Die Tarifverhandlungen für die etwa 90 000 Beschäftigten der Telekom sind im Wesentlichen beendet. Davon, dass die "Kaufkraft der Beschäftigten deutlich gestärkt" wurde, wie von ver.di eingeschätzt wird, kann nicht die Rede sein. Für die DTAG (Konzernzentrale) und Telekom Deutschland und den Service-GmbH liegen Ergebnisse vor. Für T-Systems wird eine Einigung im Rahmen der vorliegenden Ergebnisse erwartet. Der Abschluss hat eine Laufzeit von 24 Monaten. Er sieht nach drei Nullmonaten drei Erhöhungen vor: ab Mai 2,3 %, ab Januar und August 2013 jeweils je 2,1 %. Die Löhne u. a. der Callcenter-Beschäftigten in den unteren Entgeltgruppen 1 und 2 steigen zum 1. Februar 2012 um 3 % überproportional. Betroffen sind etwa 6 000 KollegInnen - vor allem Nachwuchskräfte. Für die Beschäftigten in den Technikzentren wurde zum 1. Februar 2012 eine Erhöhung um 3,6 % vereinbart, was aber mit dem Wegfall einer Bestandssicherung von 2,17 % aus der Tarifauseinandersetzung 2008 zusammenfällt.

 

Das Ziel, die variablen Entgeltbestandteile zu "entschärfen" wurde über Sicherungsregelungen erreicht. In diesem Jahr sind zwischen 88 % und 96 % (in Abhängigkeit vom variablen Anteil von 30 %-10 %) des Jahreszielentgeltes gesichert. Ab Januar 2013 beträgt die Sicherung 94 %-98 %. Nachwuchskräfte mit abgesenkten Einstiegsgehältern ("Beschäftigungsbrücke"), die nicht von der Erhöhung der Entgeltgruppen 1 und 2 profitieren, erhalten in mehreren Stufen eine Einmalzahlung von 400 Euro. Die unterschiedliche Bezahlung von kaufmännischen und technischen Auszubildenden (Entgelt-Cluster) wird schrittweise abgeschafft.

 

Die Abschaffung der Cluster, die Abfederung der "Beschäftigungsbrücke" sowie die überproportionale Anhebung der EG 1 und 2 und die Sicherung der Variablen sind positiv. Es wurden Ziele der tarifpolitischen Konferenz in Fulda 2012 teilweise erreicht. Positiv ist, dass Versuche der Kapitalseite, eine Verlängerung der Wochenarbeitszeit als Kompensation ins Spiel zu bringen, abgewehrt wurden.

 

Für Verärgerung sorgte die Fachbereichsleitung als es um die Entscheidungsfindung über die Verhandlungs-/Schlichtungsergebnisse ging: Keine substanziellen Informationen aus Verhandlungs-/Sondierungsrunden. Gewerkschaftsbasis und Vertrauensleute hatten keine Möglichkeit, auf Entscheidungen der Großen Tarifkommission Einfluss zu nehmen. Das Bedürfnis der Vertrauensleute, "zu wissen, was passiert" und die Entwicklung mit zu bestimmen, wurde durch diese Art von Stellvertreterpolitik missachtet.

 

Dabei war die Tarifrunde 2012 in vielen Bereichen von hoher Konfliktbereitschaft der Beschäftigten geprägt. In Betrieben, die früher nicht in Tarifauseinandersetzungen einbezogen waren, wurde die Mobilisierungsfähigkeit gesteigert. Die Kolleginnen und Kollegen sind angesichts der unverschämten Ausschüttungen an die Eigentümer (3,4 Milliarden Euro) zunehmend bereit, für ihre Forderungen aktiv zu werden. Solidaritätsaktionen bei T-Mobile USA während des Arbeitskampfes trugen dazu bei.

Es gibt aber immer noch Bereiche, die in Sachen Arbeitskampffähigkeit und Organisationsgrad weiße Flecken sind. Die Einbeziehung der Beschäftigten in Arbeitskämpfe, das haben die Warnstreiks gezeigt, bietet hierfür gute Ansatzpunkte.

 

Neben dem Angehen weißer Flecken stehen weitere Themen auf der Tagesordnung: Eine Tarifpolitik, die ihren Schwerpunkt nicht auf Verhandlungen, Sondierungen und Schlichtung legt, sondern offensiv und konfliktbereit die Forderungen durchsetzt. Eine Verhandlungsführung, die Positionen und Verhandlungsstände transparent macht und die Vertrauensleute kontinuierlich in die Entscheidungen einbezieht. Eine Forderungsdiskussion, die sich an den Bedürfnissen der Mitglieder und den volkswirtschaftlichen Notwendigkeiten aus Sicht der Lohnabhängigen orientiert.

 

Nach Abschluss der Tarifrunde haben viele ver.di-Mitglieder Frust über die materielle Höhe des Ergebnisses, aber auch über das Zustandekommen. Eine intensive Auswertung der Tarifrunde im Betrieb kann die Aktions- und Konfliktfähigkeit durch die Stärkung und Qualifizierung der Vertrauensleutearbeit erreichen. Die gibt es aber nicht zum Nulltarif, sondern durch eine bessere Einbindung der betrieblichen Ebene vor Abschluss von Tarifverträgen. Vor Ort muss verständlicher Frust in eine Diskussion nach einer stärkeren Rolle der Vertrauensleute bei Tarifverhandlungen umgewandelt werden.

 

Yvonne Schuld

 

Quelle: http://www.dkp-online.de/uz/aktuell/

 

 

von Sepp Aigner - veröffentlicht in: Deutschland - Community: Kritische Massen
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Friday, 25. may 2012 5 25 /05 /Mai /2012 10:32

Manfred Sohn, ehemaliges Mitglied des Sekretariats des Parteivorstands der DKP und jetzt Fraktionsvorsitzender der Linkspartei im niedersächsischen Landtag, hat sich im Führungsstreit der Linkspartei positioniert. Die Marxisten in der Linkspartei müssten handeln, meint er.

 

Hier sein Artikel in junge welt:

 

Zeit zu handeln

Position. Zur Lage der Linken und der Partei Die Linke

Von Manfred Sohn
Wichtiger als die Partei ist die sie tragende Bewegung: Linkspar
Wichtiger als die Partei ist die sie tragende Bewegung: Linkspartei-Mitglieder auf der »Blockupy«-Demonstration in Frankfurt am Main (19.5.2012)
Anläßlich der sich zuspitzenden internen Debatten in der Partei Die Linke veröffentlicht jW exklusiv einen Artikel des Vorsitzenden des Landesverbands der Partei Die Linke Niedersachsen, Manfred Sohn. Im Anschluß dokumentieren wir eine gemeinsame Stellungnahme von sechs Funktionsträgern der Linkspartei sowie eine Erklärung der Bundestagsabgeordneten Sabine Zimmermann zu ihrer Kandidatur für den Parteivorsitz.

Die lange schwärende Krise der Partei Die Linke ist mit der Erklärung Oskar Lafontaines, nicht für den Parteivorsitz zu kandidieren und künftig keine bundespolitischen Aufgaben – also auch nicht die eines Kandidaten für den Deutschen Bundestag – zu übernehmen, offen ausgebrochen.

Die Tragweite dieser Entscheidung wird vielen Mitgliedern und mit dieser Partei Sympathisierenden erst nach und nach ins Bewußtsein träufeln. Marxismus ist vor allem eine historische Wissenschaft, die gelernt hat und lernt, daß nichts an aktuellen Entwicklungen erklärbar ist ohne einen Blick in die Geschichte, die zu ihnen geführt hat. Dieser Blick aber erhellt: Der Ausbruch der parteiförmig organisierten Linken diesseits von SPD und Grünen fällt nicht nur zeitlich, sondern ursächlich zusammen mit der Erklärung Lafontaines, wenn sich WASG und PDS einigten auf eine neue Partei, wäre er dabei und würde für sie antreten.

Die Sonderbedingungen, die zum Aufschwung dieser Partei geführt haben, sind mit der Erklärung von Dienstag nachmittag erloschen. Es ist naives Hoffnungsgebrabbel zu glauben, das würde die Entwicklungsmöglichkeiten dieser Partei nun nicht nur nicht gravierend beeinträchtigen, sondern verbessern.

Bevor wir uns der Frage widmen, in welcher Lage sich nach dieser Entscheidung die Linke insgesamt – die wichtigere, die mehr ist als eine Partei – und die Linkspartei befinden, halten wir kurz inne. Denn auch das gehört zu dem, was wir uns künftig gemeinsam leisten sollten: Oskar Lafontaine ist zu danken für das, was er für die Linke getan hat und ihm ist zu danken für das Angebot, sich auf die 70 zugehend noch einmal für die Partei dieses Namens vor den Karren zu spannen. Wenigstens die Nachdenklicheren derjenigen, die ihn aus dem Geschirr gespuckt haben, werden, sich gegen die Speichen des Karrens, der jetzt im Dreck hängt, stemmend, noch über manche Erklärung, die da in die Mikrophone geschnoddert wurde, ärgern. Wer von »Erpressung« geredet hat, redet ehrlicherweise künftig auch empört darüber, daß ihn jeden Morgen sein Bäcker erpresse, weil er ihm die Brötchen nur liefert, wenn er dafür auch Geld bekommt – und dann auch noch in der Höhe nicht einmal verhandelbar. Also, Oskar Lafontaine: Gute Arbeit, großer Dank und nun eine schwere Bürde.

Ende der Selbstüberschätzung

Dreierlei ist zunächst bei der Sichtung der Lage zu betonen. Erstens: Parteien überschätzen sich regelmäßig selbst. Fraktionen sind in dieser Hinsicht übrigens meist die Potentierung dieser Selbstüberschätzung. In der Regel sind sie nur in seltenen Situationen wirklich geschichtsmächtig. Vor allem sind sie ein Reflex auf gesellschaftliche Entwicklungen und Kräfteverhältnisse, denen sie einen organisatorischen und – in bürgerlich verfaßten Gesellschaften – parlamentarischen Ausdruck geben. Folglich sind nicht sie das Entscheidende, sondern immer die sie tragende gesellschaftliche Konstellation und Bewegung. Das bedeutet für unsere Lage: Bei der Frage der Perspektive der Partei Die Linke muß der Hauptblick nicht der Partei, sondern der sie tragenden linken Bewegung insgesamt gelten. So wie das Original immer wichtiger ist als sein Spiegelbild, so ist das Außerparlamentarische immer wichtiger als das Parlamentarische, und so ist die außerparlamentarische Linke immer wichtiger als die in Parteiform und in Parlamenten wirkende Linke. Sie wird so oder so weiterbestehen.

Erstens: Die Partei Die Linke hat es nicht vermocht, daß ihr – auch durch Lafontaine – verliehene Anfangsmoment zu nutzen, um über die schnell errungenen parlamentarischen Positionen hinaus ein Wurzelwerk aus aktiven Parteigruppen in Wohngebieten und Betrieben zu schaffen und sich von diesen ausgehend eng mit außerparlamentischen Bewegungen zu verweben.
AktionIch lese die junge Welt, weil es "Die rote Fahne" der KPD nicht mehr gibt.
Holger Hertwig, Bremen

Zweitens: Schon das Kandidaturangebot Lafontaines war kein Zeichen von Stärke dieser Partei, sondern ein Ausdruck ihrer Schwäche. Ein Motor, der ständig neue Impulse vom Anlasser braucht, macht nicht wirklich Freude. Woher kommt diese Schwäche? Es ist Lügerei in die eigene Tasche, dies auf Personalquerelen zurückzuführen und nun zu glauben, weil doch der Streit der alten Männer mit dem Rückzug des Älteren vorbei sei, sei der Weg in eine goldene Zukunft aufgestoßen. In der Regel sind bei Organisationen – Unternehmen, Gewerkschaften, Vereinen, Parteien – Personalstreitigkeiten nicht Ursache, sondern Folge von Schwächephasen. Daran ändert die Tatsache nichts, daß sie die Schwäche dann noch lebensbedrohlicher machen als sie ohnehin schon ist. Aber die Reihenfolge ist regelmäßig: Erst drohende Schwäche, dann Personalstreit – so war das auch bei der Linkspartei.

Ursachen der Schwäche

Auf dem Bundesparteitag in Erfurt (im Bild Delegierte am 22.Okto
Auf dem Bundesparteitag in Erfurt (im Bild Delegierte am 22.Oktober 2011) hat Die Linke sich ein gemeinsames Programm gegeben. Jetzt braucht sie das geeignete Personal für dessen Umsetzung
Diese Schwäche hat aus meiner Sicht zwei Haupt­ursachen. Die tieferliegende ist, daß wir nicht an der Peripherie, sondern im Zentrum des von Deutschland beherrschten europäischen Imperiums leben. Dessen Peripherie wird zur Zeit von diesem Zentrum bzw. seinen dort agierenden großen Banken und Konzerne ausgeplündert. Das erklärt sowohl die an Aufstände grenzende Neigung zur Rebellion in der Peripherie (Griechenland, Italien, Spanien, in der Perspektive auch Frankreich) als auch die relative Ruhe im Zentrum. Dessen herrschende Klasse zweigt einen Teil ihrer Profite ab zur Beruhigung der Kerngruppen der hiesigen Arbeitenden und gibt sie beispielsweise als Boni für Automobilarbeiter oder eine vierprozentige Lohnerhöhung im Metallbereich nach unten ab – weitgehend kampflos, wie die jüngste Tarifrunde gezeigt hat. Das Ergebnis ist (trotz der 30000 während der »Blockupy«-Proteste in Frankfurt) das Ausbleiben von Massenbewegungen und statt dessen Ruhe an der Heimatfront. Wo aber die von Löhnen und Lohnersatzleistungen Abhängigen sich nicht in Bewegung setzen, verkümmert und siecht eine von ihrer Bewegung abhängige linke Partei.

Dazu kommt – das ist gesellschaftsanalytisch eine Ebene höher zu verorten – eine Umgruppierung innerhalb der Parteien, die die politischen Geschäfte dieses westdeutschen Kapitalismus verwalten, also (in bunter Reihe, weil sie austauschbar sind): SPD, CDU, Grüne, FDP. Das Ausscheiden erst der Grünen, dann der SPD aus der Regierungsverantwortung hat sie in die Lage versetzt, verbal nach links zu rücken und – ohne Aufgabe ihrer alten Positionen zur Rente mit 67, Auslandseinsätzen, Hartz IV und anderen – die Entfaltungsräume jeder Partei links von ihr enger zu machen. Auf diese Umgruppierung hat Die Linke außer »Abwarten« keine schlüssige Antwort gefunden.

Drittens ist zu beachten: Die Linkspartei war von Anfang an ein in Parteiform gegossenes Linksbündnis mit für solche Bündnisse ungewöhnlich weiter Spanne. Es reicht von Kommunistinnen und Kommunisten bis hin zu Mitgliedern vor allem im Osten der Republik, die in vielen westlichen SPD-Ortsverbänden nicht auf deren linkem Flügel sitzen würden.

Durch mehrere besondere Effekte hat diese Formationen bei Wahlen Menschen auf sich orientiert, die von bisherigen linken Formationen vor allem im Westen, aber auch im Osten nicht angezogen wurden. Das hängt zum einen mit den Schandtaten von SPD und Grünen in ihrer Regierungszeit zusammen und zum anderen mit dem Sondereffekt, den der Übertritt des ehemaligen SPD-Vorsitzenden, Ministerpräsidenten usw. vorübergehend ausgelöst hat.

Das führte zu der Illusion, Stimmen für Die Linke seien per se linke Stimmen. Spätestens das Aufkreuzen der Piraten am Horizont hat klargemacht, daß ein erheblicher Teil der Wähler der Partei Die Linke sich selbst gar nicht für links hielt und hält, sondern vor allem denen da oben mal kräftig die Arschkarte zeigen wollte. Jetzt gibt’s eben eine Karte, mit der das noch effektiver und lustvoller geschehen kann, und so schrumpft die Partei im Westen auf das Format, das der Kern von bewußten Sozialisten und Linken dort jetzt wenigstens hat – die 1,5 Prozent, die wir dort auch unter ungünstigen Bedingungen erzielen und die immerhin mehr sind als das halbe Prozent aus der Zeit der Organisationen links der SPD in den 60er, 70er und 80er Jahren. Im Osten bleiben als Kern über dieses traditionslinke Potential hinaus die, deren Anerkennung sich die dortige Partei durch ihre bienenfleißige und bürgernahe Kommunalpolitik erworben hat. Aller Illusionsspeck aber wird uns gegenwärtig abgefackelt.

Mit klarem Programm

Ob dieses in Parteiform gegossene Linksbündnis die jetzige Krise, die Sahra Wagenknecht zu Recht als die bisher schwerste bezeichnet hat, überlebt, ist offen. Eine Spaltung ist unwahrscheinlich – der schlimmste Fall wäre wohl eher, wie die Süddeutsche Zeitung am 23. Mai schreibt, das Siechtum. Ob trotz dieser tiefen Krise eine Aufwärtsentwicklung eingeleitet werden kann, wird auf dem Göttinger Parteitag vorentschieden und bis zu den Wahlen in Niedersachsen am 20. Januar 2013 erkennbar sein. Das ist die Zeit­spanne, in der sich herausstellen wird, ob der Patient, der da zur Zeit auf der Intensivstation liegt, das alles überlebt oder ob er Chancen hat, bis zur Bundestagswahl im September 2013 wieder auf die Beine zu kommen. Schafft er es bis dahin nicht, ist der wahrscheinlichste Fall eine Zurückschrumpfung auf eine Ost-Linke, die sich mehr und mehr mit der dortigen SPD verwebt und eines Tages in ihr aufgeht, und eine West-Linke, die sich wieder ihren bewährten Traditionssandkästen widmet.

Programmatisch ist seit Erfurt scheinbar alles klar: Zweimal über 95 Prozent Zustimmung für ein Parteiprogramm mit klar sozialistischer Orientierung, Analyse unserer Gesellschaft als Klassengesellschaft, Hereinrücken der Eigentumsfrage in das Zentrum aller politischen Aufgaben und Betonung der Notwendigkeit von Brüchen mit revolutionärer Tiefe. Die Geschichte der SPD aber lehrt: Nachdem Programmschlachten von Marxisten gewonnen wurden, haben andere Kräfte die Personalentscheidungen gewonnen. Weil aber Menschen immer wichtiger sind als das Papier, das sie beschreiben, sind entscheidend die Personalentscheidungen. Insofern ist die Weichenstellung von Erfurt erst vollbracht, wenn Göttingen sie bestätigt. Die dort anstehende Entscheidung ist einfach: Wählt diese Partei eine Führung, die entschlossen ist, das Erfurter Programm Schritt für Schritt in die politische Wirklichkeit dieses Landes hineinzukämpfen oder eine, die irgendwann zuerst intern, dann auch eines Tages in einer Talkshow anfängt, sich dieses Programms in seiner Entschiedenheit zu schämen und Wege sucht, sich seiner zu entledigen? Diese personelle Entscheidung ist die einzige, die wichtig ist auf diesem Parteitag.

Nebenbei: Alle Leitanträge sind überflüssig wie ein Kropf. Was soll ein Leitantrag ein halbes Jahr nach Verabschiedung eines Programms? Entweder er besteht aus dem Satz: Alles wichtige steht in unserem frisch beschlossenen Parteiprogramm. Oder er ist eine Relativierung des gerade beschlossenen Programms. Dieser Leitantrag nützt nichts und niemandem und lenkt ab von der Hauptaufgabe: Eine Parteiführung wählen, die für das Erfurter Programm kämpft.

Weichenstellung in Göttingen

Das wird nach dem Rückzug von Oskar Lafontaine sehr, sehr schwer. Die Wahl von Dietmar Bartsch, der bereits erklärt hat, das Programm gehöre jetzt auf einen »Prüfstand«, wäre das Abrücken von Erfurt und wahrscheinlich Ausdruck der Entschlossenheit dieser Partei, sich dem Abdämmern in ein politisches Siechtum hinzugeben.

Es führt kein Weg dran vorbei: Die marxistischen Teile der Partei müssen für einen der beiden Vorsitzposten, die immer eine in Personenform gekleidete Fahne der Partei sind, einen Kandidaten oder eine Kandidatin – da gäbe es eine Idealbesetzung – präsentieren, die oder der deutlich macht: Die Partei ist und bleibt Hoffnung und Heimat der marxistischen Linken dieses Landes. Sie ist und bleibt Hoffnung derer, die kompromißlos die drohende Kriegsgefahr bekämpfen und fest an der Seite der vom deutschen Kapital ausgeplünderten Völker Europas stehen – weil nur in europäischer Solidarität der Raubzug gestoppt werden kann, der früher oder später auch die Lohnabhängigen, Rentner und von Lohnersatzleistungen abhängigen Menschen dieses Landes heimsuchen wird. Darum geht es in Göttingen. Handeln müßt Ihr, Marxistinnen und Marxisten in dieser Partei!
von Sepp Aigner - veröffentlicht in: Deutschland - Community: Kritische Massen
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Wednesday, 23. may 2012 3 23 /05 /Mai /2012 09:53

Ein Erfahrungsbericht einer 17jährigen Demonstration. Interview in der heutigen Ausgabe von junge welt:

 

»Ich hatte Angst um mein Leben«

Mißhandelt vom Sondereinsatzkommando: 17jährige erhebt schwere Vorwürfe gegen Polizei. Ein Gespräch mit Lisa Förster

Interview: Gitta Düperthal
Die 17jährige Schülerin Lisa Förster (Name von der Redaktion geändert) von der ver.di-Jugend NRW-Süd war zu den Blockupy-Aktionstagen nach Frankfurt am Main gekommen, um gegen die Macht der Banken, Finanzindustrie und Konzerne zu demonstrieren und wurde von der Polizei brutal zusammengeschlagen.

Der hessische Innenminister Boris Rhein behauptet, die Polizei habe beim Einsatz während der kapitalismuskritischen Blockupy-Aktionstage in der vergangenen Woche »großartige Arbeit« geleistet und gewalttätige Ausschreitungen verhindert. Sie haben ganz andere Erfahrungen machen müssen.

Ja, die Gewalt ging nach unseren Erfahrungen von der Polizei aus, nicht von den Demonstranten. Ich selber wurde während einer Blockade an der Europäischen Zentralbank am Freitag von fünf bis zehn Polizisten eines Sondereinsatzkommandos verprügelt. Sie kamen ganz in schwarz und komplett gepanzert mit Helmen aus einem Hauseingang auf mich zugestürmt. Später hat ein Sanitäter von versuchtem Totschlag gesprochen. Die Situation war so: Plötzlich befand ich mich ganz allein auf einer Wiese. Polizisten hatten mich umringt, damit andere Demonstranten nicht sehen konnten, was sie taten. Aus Angst bin ich einige Schritte zurückgegangen und habe meine Arme über den Kopf gehoben, um zu signalisieren, daß ich mich nicht widersetzen würde. Umsonst! Als die Polizisten in Reichweite waren, spürte ich den ersten Schlag in meinem Genick. Es blieb leider nicht der einzige. Ich bin vor Schmerz zusammengesackt und habe mein Gesicht mit den Händen geschützt. Vier Polizisten haben auf jeden Teil meines Körpers eingeschlagen und getreten. Jeder hatte zwei Schlagstöcke. Auch als ich auf dem Boden lag, haben sie nicht aufgehört. In dem Moment hatte ich Angst um mein Leben. Glücklicherweise haben es einige Demonstranten geschafft, die Polizisten wegzudrücken und mich zu befreien.

 

Wie kam es zu diesem Gewaltexzeß?

Wir waren mit dem Ziel der Blockade der EZB auf eine Kreuzung gekommen, auf der etwa 150 Menschen waren, und wollten gewaltfrei eine Polizeikette durchfließen, wie von Blockupy angekündigt – also uns durch Lücken zwischen den Polizisten hindurchzwängen. Das hat zunächst funktioniert. Dann kamen jedoch weitere aus einer Seitenstraße angestürmt und bildeten eine zweite Kette. Ich habe erkannt, daß ich es dort nicht mehr hindurchschaffe. Meine Freunde waren schon auf der anderen Seite. Um hinter die Polizeiabsperrung zu gelangen, bin ich auf die Wiese gerannt.

 

Welche Verletzungen haben Sie?

Zunächst hatte ich wegen des Adrenalins nur Schmerz in der Schulter gespürt. Dann hat mir plötzlich alles wehgetan: Nacken, Hüfte und Schienbein. Der Sanitäter sagte: Hätten sie die Schläge zwei Zentimeter höher oder niedriger plaziert, wäre ich querschnittsgelähmt. Er hat mich in ein Krankenhaus eingewiesen, wo Ärzte eine ausgekugelte Schulter, verschobene Halswirbel und zahlreiche Prellungen diagnostiziert haben. Auf dem Röntgenbild meines Schienbeinknochens ist der Stiefelabdruck eines Polizeistiefels zu erkennen, weil sie auf mich gesprungen sind.

 

Wie ist zu erklären, daß die Polizisten auf ein 17jähriges Mädchen losgehen?

Das waren Profis, die wie Maschinen nur nach Befehl handeln, weder Gefühl noch Empathie haben. Sie haben gesehen, daß ich engagiert bin und wollten mich gezielt fertigmachen, um mich einzuschüchtern, weiter auf Demonstrationen zu gehen. Sie haben das Gegenteil erreicht und uns die Augen geöffnet. Das Verhalten der Polizisten zeigt, daß der Staat bereit ist, das Aufheben der Grundrechte mit brutaler Gewalt durchzusetzen und fortzuführen.

 

Wolfgang Link vom geschäftsführenden Bezirksvorstand der Gewerkschaft der Polizei in Hessen hat gegenüber junge Welt behauptet, ihm seien keine Klagen bekannt. Wissen Sie von weiteren Gewaltorgien?

Ich selber war Augenzeugin bei einem weiteren Einsatz am Freitag, wo Polizisten beim Abräumen einer Blockade einem anderen 17jährigen Mädchen unter die Klamotten gegriffen haben – und sie an den Brüsten aus der Blockade herausgezogen haben.

 

Werden Sie Strafanzeige gegen die Polizisten stellen?

 

Ich glaube, daß Polizeibeamte vor Gericht höheres Ansehen genießen als eine Demonstrantin, die sich an einer verbotenen Blockupy--Blockade beteiligt. Ich erinnere an den Fall eines Gegendemonstranten am 3. März gegen einen Naziaufmarsch in Münster, den sechs Polizisten ins Koma prügelten – obendrein hat die Polizei ihn angezeigt, mit einer Glasflasche auf sie geworfen zu haben, obgleich das Humbug ist. Ich werde mich erst mal anwaltlich beraten lassen.
von Sepp Aigner - veröffentlicht in: Deutschland - Community: Kritische Massen
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Friday, 18. may 2012 5 18 /05 /Mai /2012 18:23

 

Ein Erfahrungsbericht von Bettina Jürgensen, Vorsitzende der DKP

 

Blockupy Frankfurt - wir lassen uns das Recht auf Protest nicht nehmen

frankfurt_blockupy_180512_gst_0736_30018.05.2012: Bettina Jürgensen, Vorsitzende der DKP, ist seit gestern in Frankfurt, um die Blockupy-Bewegung aktiv zu unterstützen. Die Stadt Frankfurt hat einen großen Teil der für diese Woche geplanten Aktionen gegen die Politik der EU verboten. Das Verwaltungsgericht Kassel hat dieses Verbot bestätigt. Es hat fast alle Veranstaltungen von Blockupy Frankfurt (bis auf die Demonstration am Samstag) untersagt - einschließlich Kulturprogramm, Rave-Parade und einer vom Komitee für Grundrechte und Demokratie angemeldeten Demonstration für das Grundrecht auf Versammlungsfreiheit. Stadt und Polizei versuchen, Versammlungen und Kundgebungen des Blockupy-Bündnisses in Frankfurt mit aller Macht zu verhindern. Heute Mittag übermittelte uns Bettina telefonisch folgenden Bericht:

frankfurt_blockupy_180512_gst_0778_300Viele Leute, die sich gestern an den Blockupy-Aktionen beteiligt hatten, waren entsetzt über das Vorgehen der Polizei. Auch deshalb, weil es ein internationaler Protest ist. Diese internationale Beteiligung zeigte sich auch wieder, als wir heute Morgen losgegangen sind, um zum ersten Treffpunkt im Westend zu gelangen. Auf dem Weg vom Hauptbahnhof dorthin haben wir wieder viele getroffen, die aus Dänemark, Italien, Frankreich, Spanien, aus ganz Europa gekommen sind, um uns zu unterstützen, um diese Europäischen Aktionstage mitzugestalten. Das ist für uns alle hier auch sehr ermutigend.

Das Westend konnten wir nicht erreichen, da hatte die Polizei schon alles dicht gemacht. Eine Gruppe von bis zu 200 Leuten war dort schon eingekesselt. Dieser Kessel ist inzwischen von der Polizei aufgelöst worden, die Personalien aller Teilnehmer sind aufgenommen worden, viele wurden vorübergehend in „Gewahrsam“ genommen. So definiert die Polizei die Freiheitsberaubung.

Wir sind dann zum Platz vor der EZB gegangen. Es waren zwar viele Strassen abgesperrt, aber es gab noch Möglichkeiten, weil die Polizei doch nicht alles sperren konnte. Die Strassen am Mainufer waren noch frei, wohl aus Verkehrsgründen. Sonst hätte es wohl einen Verkehrskollaps in Frankfurt gegeben. Vor der EZB-Bank sammelten sich über 200 Leute. Nach einer halben Stunde wurden wir dann von der Polizei eingekesselt. Was besonders gut war, das war die ruhige Art, wie die Vertreter der verschieden politischen Gruppierungen sich gemeinsam verständigt haben über das weitere Vorgehen. Es war ja unser gemeinsames Ziel, unser Recht wahrzunehmen, vor der EZB zu demonstrieren und zu blockieren. Deshalb wird auch keiner mit Macht aus diesem Kessel ausbrechen wollen, nur weil rings um uns herum die Polizei aufmarschiert ist. Vereinbart wurde untereinander, dass wir selber bestimmen, wann und wie wir den Kessel auflösen. Die Polizei hatte schon zwei Aufforderungen ausgesprochen, den Platz zu verlassen. Aber es konnte ausgehandelt werden, dass wir unter den Beteiligten ein Meinungsbild erstellen wollen, wie wir mit den Forderungen und Auflagen der Polizei umgehen wollen.

Daraufhin haben wir über zwei Stunden öffentlich diskutiert in Form einer politischen Kundgebung, haben noch einmal auch gegenüber der anwesenden Presse öffentlich erklären können, warum wir hier vor der EZB sind, warum wir hier sitzen, warum wir blockieren, welche Forderungen wir haben. Wir haben nicht nur gegen den Abbau der sozialen Rechte protestiert, sondern auch die Frage des Demokratieabbaus deutlich gemacht, so wie er gerade in Frankfurt als eklatante Verletzung unserer demokratischen Rechte für alle sichtbar praktiziert wird. Zum Schluss haben wir dann den Platz gemeinsam verlassen, wobei auch dies die Polizei erst verhindern wollte, weil sie uns erst nur in Einzelgruppen rauslassen wollten.

Jetzt sind wir gerade vor bzw. in dem DGB-Haus. Gerade versucht die Polizei auf das Gelände und in das Gebäude zu kommen mit der Begründung, dass hier auf dem Gelände Teilnehmer einer verbotenen Demonstration sind. Es gab eine größere Gruppe, die durch die Stadt gezogen ist, was von der Polizei als verbotene Demonstration bezeichnet wurde, Die Polizei hat selber dafür gesorgt, dass diese Gruppe den Weg zum DGB-Haus nehmen musste, und jetzt wird dies als Vorwand genommen, um auf das DGB-Gelände einzudringen. Das konnte aber abgewehrt werden.

Jetzt werden hier gleich die Veranstaltungen stattfinden, die auf Grund des Verbotes nun im DGB-Haus stattfinden müssen.

Insgesamt ist hier eine sehr positive Stimmung unter allen Beteiligten der verschiedensten politischen Gruppen. Wir glauben alle, dass der heutige Tag auch noch eine Motivation für viele wird, morgen nach Frankfurt zu kommen , damit es morgen auch wirklich eine machtvolle Demonstration wird, ein Zeichen des Widerstandes gegen die Politik der EU, gegen die Politik der EZB, gegen den Fiskalpakt.

Fotos: gst

 

Bettina Jürgensen  ruft von Frankfurt aus auf:

 

 Lassen wir unser demokratisches Recht auf Widerstand nicht einschränken! Nehmen wir teil an der Demonstration am Samstag ab 12.05 Uhr in Frankfurt!

Quelle: http://kommunisten.de/index.php?option=com_content&view=article&id=3418:blockupy-frankfurt-wir-lassen-uns-das-recht-auf-protest-nicht-nehmen&catid=76:ausserparlamentarisches&Itemid=153

 

 

von Sepp Aigner - veröffentlicht in: Deutschland - Community: Kritische Massen
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Friday, 18. may 2012 5 18 /05 /Mai /2012 08:10

Sogar der FAZ ist etwas beklommen zumute:

 

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/blockupy-proteste-ein-gefuehl-des-unbehagens-11754511.html

 

Genau das selbe Vorgehen der Stadtverwaltung, der Polizei und der Gerichte etwa in Russland hätte in den Medien einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Es wäre von Willkürjustiz, fehlender wirklicher Gewaltenteilung und undemokratischer Repression gegen die Opposition die Rede gewesen.

 

Mir scheint, die Beklommenheit der FAZ hat gute Gründe. Es ist zu spüren, dass die gesellschaftlichen Gegensätze auf einen Punkt zutreiben, an dem der Staat die freiheitlich-demokratischen Hosen herunterlassen muss, wenn er die Lage "im Griff behalten" will. Die Roboter-Polizisten sind Symbole für die Entfremdung der Staatsmacht und der Bürgerinnen und Bürger. Wer solche Truppen aufmarschieren lässt, kann nicht im Ernst das Image von Volksverbundenheit und Bürgerregierung aufrecht erhalten. Er zeigt damit seinen wirklichen Charakter.

 

Wenn die freiwillige Zustimmug der Bürger bröckelt, geht man zu Einschüchterung, Verhetzung und staatlicher Gewalt über. Die demokratische Maske ist für Schönwetterzeiten. Wenn andere Zeiten kommen, bleibt der Polizeiknüppel, der unmittelbare physische Zwang.

 

Das hat seinen Preis. Die Illusionen über die bürgerliche Demokratie werden schwächer. Deshalb wohl ist der FAZ beklommen zumute. - Sind wir schon so weit ? Ja, so weit sind wir schon.

 

von Sepp Aigner - veröffentlicht in: Deutschland - Community: Kritische Massen
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TeleSur

Debatte in der DKP

Aktuelle Texte zur Debatte in der DKP

 

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