Lasset uns beten !

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

Die grossen Weltregionen haben jahrtausendelang Sklavenhalter- und feudale Gesellschaften kulturell ueberwoelbt, die Verhaeltnisse als goettlichen Willen gerechtfertigt und den Beherrschten ein Jenseits herrlich und in Freuden versprochen, auf dass sie das elende Diesseits geduldiger aushielten. Die buergerlichen Revolutionen haben diese Funktion der Religion fuer beendet erklaert. Fortan sollten Kirche und Staat getrennt und Religion sollte Privatsache sein.

Man entdeckte bald, dass ein gewisser Pragmatismus nuetzlich war: Die ueber die Jahrtausende entwickelten Show-Formate, die praechtigen Kostueme, das gesammelte Wissen ueber die Kunst der Beherrschung der Koepfe war politisch-kulturelles Kapital, das man nicht einfach brach liegen lassen konnte. Das waere ja geradezu eine Suende gegen umsichtiges Wirtschaften gewesen. Bald durften kirchliche Wuerdentraeger den staatlichen wieder ihren Segen geben, den tapferen Kriegern - nun nicht mehr im Namen Gottes, sondern im Namen der buergerlichen Nation - den Sieg ueber den graesslichen Feind verheissen, die Kanonen mit Weihwasser bespritzen, die Kindlein weiterhin umfassend betreuen - kurz: eine anerkannte gesellschaftliche Rolle spielen. Freilich war nichts mehr wie frueher. Man war eher zur Staffage herabgesunken. Die neuen Goetter, die nun herrschten und die alten zu Hilfspersonal degradierten, waren Ware und Geld, Markt und Konkurrenz. Das neue erste Gebot: Du sollst niemanden neben dir haben./Jeder ist sich selbst der Naechste.

Die neuen Goetter brauchten einen neuen Kult und einen neuen Glauben. Der Abgrund zwischen den grossen Versprechungen in Sachen Recht auf Glueck, auf Freiheit und Gleichheit und der schnoeden Wirklichkeit konnte damit zwar nicht gefuellt, aber wenigstens mit ideologischen Nebelwaenden kaschiert werden. Die Apologeten der neuen Ordnung traten auf den Plan: die Philosophen und Gesellschftswissenschaftler, die Oekonomieprofessoren und Rechtsgelehrten, die poetischen Schoengeister und Apokalypse-Warner und Ablassprediger. Ihre Glaeubigen versammelten sich in den buergerlichen Parteien.

Die Erde ist eine Scheibe ? Nein, aber der Profit ist das beste Steuerungsgeraet menschlichen Wirtschaftens.
Gott ist ewig ? - Vielleicht,  aber sicher ist: Ewig ist das Privateigentum.
Gott ist allmaechtig ? - Vielleicht, aber sicher ist: Allmaechtig sind die Sachzwaenge der Kapitalverwertung.
Du sollst Gott loben ? - Warum nicht, wenns guttut, aber loben musst du in jedem Fall die westlichen Werte.
Amen.

Veröffentlicht in Westliche Werte Boerse

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S
Genau genommen spreche ich nicht von Gott, wenn das Wort in dem Text auch mehrmals vorkommt, sondern von Religion und ihrer Funktion in Hinsicht auf gesellschaftliche Ordnung/Macht. Das Anliegen war, darauf hinzuweisen, dass die heutige buergerliche Ideologie jeder Spielart ebenfalls eine Quasi-Religion ist, die die Jenseits-Lehren auf einen nachrangigen Platz verwiesen hat.Ich will damit keinem Glaeubigen zu nahe treten. Von mir aus kann jeder in dem Dorf bleiben, in dem er bleiben will. Ich bleib in meinem a-theistischen, was eigentlich auch schon zu viel gesagt ist, weil mir Goettlichkeiten weder im positiven noch im negativen ein Bezugspunkt sind.Da Du doch offenbar glaeubig bist, frag ich Dich meinerseits: Kann oder sollte oder muss nicht auch ein Glaeubiger die Funktion von Religion in der Gesellschaft reflektieren ?Freundliche Gruesse
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N
Unterliegst du hier deinem eigenen Aberglauben oder verstehst du nur Gott nicht? Einen Gott an den Menschen zu messen, ist immer lediglich ein Menschengott also mehrandteilig vom Menschen geleitet, seinem Geist unterworfen. Der Geist Gottes hat damit m. E. nichts zu tun. Du schreibst von deiner Kirche im Dorf, in dem du ungern auf Dauer sein willst. Was du schreibt, war schon mit Anbeginn des Menschen so, nicht aber mit Gott, sondern ohne ihn.
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