Zum Tag: Krisenopfer

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

Gestern sagte mir Asun: "Ich bin fertig. Ich weiss nicht mehr weiter." - Immer das Selbe, dachte ich. Da haben Leute alles an Wohlstand und Sicherheit, fuehren ein bequemes und vergleichsweise luxurioeses Leben, und dann werden die Seelenschmerzen umso wichtiger, Luxusseelenschmerzen sozusagen. "Liebeskummer ?" fragte ich. Asun wischte meine Idee mit einer ziemlich unwirschen Handbewegung weg. "Quatsch. Ich hab kein Geld mehr."

Das erstaunte mich doch. Ich kenne Asun jetzt schon lange und dachte zu wissen, wie ihr "wirtschaftlicher Hintergrund" ist. Sie hat ein Haus und ein Suemmchen Bares geerbt, besitzt mehrere Wohnungen, die sie vermietet hat, makelt Immobilien, kauft selbst manchmal eine Halbruine, die sie aufmotzen laesst, um sie anschliessend mit gutem Gewinn an irgendwelche spinnerte Deutsche oder Englaender mit sattem Gewinn zu verkaufen. Dabei reisst sie sich kein Bein aus, fliegt zwischendurch mal dahin und dorthin, London, Bruessel, Paris, Madrid, fruehstueckt morgens in der Bar und geht mittags zum Essen ins Restaurant, faehrt einen dicken Offroad, laeuft in schicken Klamotten herum.

"Ich bin bei den Kreditkarten am Limit", sagt Asun, "und jetzt will mir die Hausbank die Kreditlinie kuerzen, wie soll denn das weitergehen ? Gestern musste ich mir hundert Euro leihen, von meiner Schwester, stell dir das mal vor, so eine Schande." - "Dass mit Makeln jetzt nicht viel geht, kann ich mir schon denken. Aber du hast doch die Mieteinnahmen. Allein das muesste doch locker zum Leben reichen, ich meine, auf deinem Niveau ?" - "Quatsch. Die Wohnungen gehoeren doch praktisch der Bank. Die Miete geht rein, die Rate fuer die Hypothek geht raus, das gleicht sich praktisch aus. Und jetzt sind diese Deutschen ausgezogen, du kennst sie ja, und fuer die Wohnung laeuft die Hypothek natuerlich trotzdem weiter, 600 Euro Belastung im Monat zusaetzlich."

Ich wusste auch keinen Rat. Auch manchen Wohlhabenden gehts jetzt an den Kragen, Paris, Bruessel, London, Madrid, Offroad, Markenmode, taeglicher Restaurantbesuch gestrichen. Wenn es schlimm kommt, reicht es nicht einmal mehr fuer die Putzfrau. Und wenn es ganz schlimm kommt, kassieren die Banken das beliehene Eigentum. So ist das im Kapitalismus. Immer kommt die naechste Krise bestimmt, und manchmal ist eine katastrophal, wie die jetzige. Dann erwischt es auch das besser situierte Kleinbuergertum und einen Teil der kleinen und mittleren Kapitalisten. Zwischen den verschiedenen Klassen und Schichten gibt es eine gewisse Durchlaessigkeit, aber nicht nur nach oben, sondern auch nach unten.

"Ich hab noch zwei Bier im Kuhlschrank", fiel mir ein. "Die trinken wir jetzt. Auf das antimonopolistische Buendnis." Asun schaute ein wenig verdutzt. Ich glaube, sie verstand nicht so recht, was ich meinte. Von Politik haelt sie nichts und will nichts davon wissen.

Aber getrunken hat sie das Bier, Salud auf das antimonopolistische Buendnis.



Veröffentlicht in Weltwirtschaftskrise

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