Menschenopfer, Stieropfer

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

In diesen Tagen ist Pamplona das Zentrum eines Brauchs, den man Encierro nennt. Anlass ist der fiktive Geburtstag eines Heiligen namens Fermin.  Kampfstiere,die man in einen Pferch gesperrt hat, muessen ihren letzten Weg, den in die Arena, zu Fuss zuruecklegen, durch die mittelalterlichen Gassen, begleitet und getrieben von Menschenmassen, die vor ihnen, neben ihnen, hinter ihnen rennen. Von den Daechern und Balkonen herab, hinter hoelzernen Abersperrungen hervor,johlen und klatschen Massen von Gaffern.

Die, die in den Gassen, durch die die Stiere stuermen, ihre Gesundheit und ihr Leben riskieren sind ausschliesslich Maenner. Einer sagt in die Kameras: "Ich bin schon das fuenfzehnte Mal dabei !" Das ist offenbar ein Grund, stolz  zu sein ? Worauf ? Na, auf den Mut, sein Leben zu riskieren. Schaut, was fuer ein Prachtexemplar von MANN ich bin ! Fuer etwas voellig Sinnloses, unnoetig Grausames sein Leben zu riskieren, wird als "maennlich" angesehen.

Die Frauen johlen und klatschen, sind stolz auf ihre Helden, ihre Maenner und Soehne und Enkel, die so mutig sind, zusammen mit entnervten Kampfstieren durch die Gassen zu rennen. Ab und zu gibt es allerdings kleine Hinweise, dass nicht alle begeistert sind. Da hat man die Kinder grosszuziehen, die Hypothek am Hals, das Auto ist auch noch nicht bezahlt - und der Kerl riskiert sein Leben fuer einen reinen Bloedsinn. Am naechsten Tag erzaehlt er den Kindern wieder was von Verantwortungsbewusstsein.

Einige von den tapferen Maennern kommen zu Schaden. Manche bloss dadurch, dass sie ueber ihre eigenen Beine stolpern und sich auf dem Kopftseinpflaster die Kniee aufschlagen. Aber bei fast jedem dieser incierros - das Fest dauert zehn Tage lang und an jedem Tag gibt es dieses Spektakel - verletzten auch die Stiere den einen oder andern. Gestern gab es wieder einmal einen Toten: Ein Stierhorn bohrte sich durch den Hals eins jungen Mannes, der vierzig Minuten spaeter tot war.

Das ganze San Fermin-Fest hindurch gibt es Uebertragungen Im Fernsehen, live. Die interessantesten Szenen werden dutzendfach und in Zeitlupe wiederholt. Dutzendfach und in Zeitlupe duerfen sich die Konsumenten anschauen, wie massige Stierleiber stuerzen und ueber das Pflaster schlittern, manchmal ebenfalls gestuerzte Maenner zwischen ihnen, wie Stierhoerner sich in Menschenleiber bohren, wie ein Stierhorn den Hals eines Mannes durchfurcht, dutzendfach, in Zeitlupe. Experten, im Ernst:Experten, kommentieren die Bilder.

Meine Sympathie gehoert fraglos den Stieren. Fuer sie ist es der letzte Weg. Getrieben von einer feigen, wie verrueckt tobenden Menge, jagen sie ihrem Tod entgegen. Wenn vor ihnen welche von diesen Kerlen stolpern, versuchen sie, nicht auf sie zu treten - natuerliche Toetungshemmung, die bei Stieren noch funktioniert. Manchmal baeumt sich einer auf, weigert sich, weiterzurennen, dreht sich im Kreis, stiert die Teufel an, die ihn umtanzen, will weg aus dieser Hoelle und faengt an, einzelne dieser Figuren zu jagen, sie mit dem massigen Schaedel an einer Absperrung plattzudruecken. Gestern hat ein Stier einem der Maenner buchstaeblich die Hosen ausgezogen. Er zerfetzte die Hose, und der Mann lag da, ohne Hose, mit halb vom Hintern gerutschter Unterhose, und bibberte um sein Leben, der Depp. Der Stier stiess ihm das Horn in den Oberschenkel und in den Ruecken. Im Krankenhaus hat man den Mann wieder zusammengeflickt, er wird wohl durchkommen.

Fuer die Stiere endet der letzte Weg in der Arena. Dort werden sie unter die Matadore verlost und dann einzeln weggesperrt. Vielleicht gibts nochmal ein wenig Gras, ein paar Handvoll Mais, einen Eimer Wasser, eine Henkersmahlzeit. Am Nachmittag schwingt das Tor zur Arena auf. Ein Kreis aus Sand, Massen von diesem johlenden Pack rundherum auf den Raengen. Die Picadores stossen dem Tier kurze Lanzen in den Ruecken. Es soll so wuetend gemacht werden, dass es um sein Leben kaempft, und es soll Blut verlieren und so geschwaecht werden.

Dann kommt der Matador. In seiner roten Mantilla ist der Degen versteckt. Er umtaenzelt das verblutende Tier, reizt es mit der Mantilla zum Angriff, je knapper er die Hoerner an sich vorbeistossen laesst, desto groesser das anerkennende Gejohle der Menge.  Wenn ein Stier von den Lanzen arg verletzt worden ist, bricht er schon waehrend dieses Rituals in die Kniee, die Zunge hanegt heraus, der Schaum steht vorm Maul, die Augen verdrehen sich, so das man das Weisse sieht.  Sowas enttaeuscht die Menge. So ein Stier ist kein Bravo. Hoch mit ihm ! Der Matador schwingt seine Mantilla vor dem Kopf des Tieres, das kurz vorm Verrecken ist. Oft gelingt es dem Stier, noch ein letztes Mal auf die Beine zu kommen. Es steht mit zitternden Beinen, jagendem Atem, roechelnd, in den Schaum vorm Maul mischt sich schon Blut. Ein allerletzter Ansturm gegen diesen kleinen tanzenden Teufel. Dann kommt der Degen hinter der Mantilla hervor und faehrt in den Stiernacken, bis zum Heft. Das geschundene Tier faellt um, wie vom Blitz getroffen. Die Laeufe zucken noch, zittern nach. Die Halsmusklen versuchen, den Kopf noch einmal zu heben. Die Augen brechen. Pferde ziehen den Kadaver aus der Arena.

Es heisst, so etwas, das seien eben alte Braeuche, ein Teil der Kultur. Das sei sogar nuetzlich. In solchen Ritualen reagierten Menschen ihre Aggressionen auf ungefaehrliche Weise ab, ohne sie gegeneinander auszutragen, ritualisiert durch Stellvertreter wie beim Fussballspiel oder, im Fall des Stier"kampfs", eben gegen ein Symbol gerichtet, dessen Verkorperung zu sein der Stier das Pech hat.

Ich finde, es ist bloss ekelhaft, grausam, traurig. Es geht um nichts weiter als einen primitiven Maennlichkeitskult, um den Kitzel, die Toetung eines Menschen durch einen Stier vielleicht live zu erleben, um Feigheit, Gemeinheit, gedankenlose Dummheit.

Gluecklicherweise gibt es auch ein anderes Spanien, das diese wuerdelose Schweinerei verabscheut.

Veröffentlicht in Merkwuerdiges

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