Sozialer Abstieg oder Arbeitermacht

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

Der franzoesische Auto-Zulieferer New Fabris ging im Juni in Konkurs. Mangels Absatz waren die Bestellungen von Renault und Peugeot-Citroen ausgeblieben.

Die Beschaftigten standen auf der Strasse - aber nicht lange. Denn sie besetzten den Betrieb, stellten Gasflaschen zwischen die Produktionslanlagen und drohen, diese zu sprengen, wenn nicht jeder 30 000 Euro Abfindung erhaelt. Die gut 360 Leute haben nicht viel zu verlieren. Sie sind im Durchschnitt 49 Jahre alt. Fuer die meisten wird das Arbeitsleben in der Stuetze, Gelegenheitsarbeiten und dem Warten auf die Rente enden.

Der verwertbare Teil der stillgelegten Anlagen wird auf vier Millionen Euro geschaetzt, Peanuts. Bei normalem Verlauf werden sich die Konzerne selbst oder irgendein ueberlebender Konkurrent die Maschinen unter den Nagel reissen. Aber die Arbeiter sagen: Wenn wir nichts kriegen, kriegt ihr auch nichts, dann sprengen wir das Zeug eben in die Luft. Bedrohlicher als der moegliche materielle Schaden ist fuer die freedom&democracy-Betreiber der moegliche politische Schaden.

Man sollte franzoesische Arbeiter nicht in eine Lage bringen, in der sie keinen Ausweg mehr erhoffen koennen. Ich habe in den 1970er Jahren erlebt, dass sie in dem Fall ziemlich unleidlich werden koennen. Damals ging es darum, dass das Kohle- und Stahlgebiet Elsass-Lothringen plattgemacht wurde. Es war klar: Die ganze Region wird veroeden, die Lebensgrundlage von Hundertausenden zerstoert werden. Ich schaute damals zu, wie die Kollegen eine Praefektur stuermten. Sie rueckten mit schweren Bolzenschneidern und Stalrohren an, brachen das hohe schmiedeeiserne Tor mit den huebschen Goldornamenten, und stuermten, an den untaetig zusehenden Flics vorbei, in den herrschaftlichen Renaissence-Palast, um die Bueros der Staatsbeamten kurz und klein zu schlagen. Die Polizisten haetten schon in die Menge schiessen muessen, um sie aufzuhalten, und auch in diesem Fall waere wohl nicht ausgemacht gewesen, wer wen ueberwaeltigt.

Eine aehnlich Radikalisierung gibt es heute wieder. "Bossnapping" und Betriebsbesetzungen sind inzwischen zu einer haeufigen Kampfform geworden, und jetzt wird zum ersten Mal mit der Zerstoerung eines Betriebs gedroht.

Wie die Herrschaften in den Fuehrungsetagen der Konzerne und im Staatsapparat die potentielle Macht der Arbeiter fuerchten, laesst sich daran ablesen, welches Mass an "Zurueckhaltung" sie ueben. Immerhin sind Freiheitsberaubung und die Androhung von Bomenattentaten doch Delikte, die gewoehnlich mit hohen Gefaengnisstrafen geahndet werden, und ist nichts heiliger, als das Eigentum der Unternehmer. Aber die Staatsgewalt traut sich in vielen Faellen nicht an die zornigen Arbeiter heran. Sarkozy befuerchtet, der Einsatz der Staatsgewalt koenne eine "soziale Explosion" nach sich ziehen. Das Grossmaul hat ein feines Gespuer dafuer, wann es besser ist, das Maul zu halten und bei der Herstellung von SicherheitundRechtundOrdnung eine gewisse Vorsicht walten zu lassen.

Dem Inhalt nach ist die Forderung der New-Fabris-Kollegen so bescheiden, wie alle Forderungen gegenwaertig noch sind. - Eine Abfindung waere besser als nichts, aber sie ist kein Ersatz fuer ein zerstoertes Berufsleben und sozialen Abstieg.

Das war in den 1970er Jahren auch so. Aber damals hatte die kommunistische Partei Frankreichs noch ueber 700 000 Mitglieder, um die 20 % Waehlerstimmen und einen vergleichsweise klaren politischen Kurs, gab es mit der CGT einen maechtigen Gewerkschaftsbund und in der Arbeiterklasse waren klarere Vorstellungen von einer Umwaelzung der gesellschaftlichen Verhaeltnisse weiter verbreitet. Das hat auch damals nicht gereicht.

Heute ist die KPF ein Schatten ihrer selbst, mindestens vier Gewerkschaftsbuende zersplittern die Kampfkraft der Klasse. In der Linken gaert es zwar, allerlei Radikales wird formuliert, aber die Vorstellungen von gesellschaftlicher Veraenderung sind eher diffus, zwischen den "kleinen Tagesforderungen" und den "grossen Zielen", die selbst unklar sind, klafft ein Abgrund.

Die Kohle- und Stahlarbeiter in den 1970er Jahren erreichte auch manche Linderung der Krisenfolgen fuer die Belegschaften. Aber schliesslich verlief sich die Bewegung. Um die ganze Richtung zu aendern, um die Wirtschaft in den Dienst der Arbeitenden zu stellen, haetten die Machtverhaeltnisse veraendert werden muessen. Das selbe Problem steht heute wieder, bei einer eher unguenstigeren politischen Konstellation innerhalb der Arbeiterklasse. Allerdings ist die "Strukturkrise" bei Kohle und Stahl in den 1970er Jahren, die Krise in einem einzelnen Industriesektor, nicht vergleichbar mit der tiefen, allgemeinen, die gesamte Wirtschaft weltweit erfassenden Krise von heute.

Die Sarkozys wissen, was auf dem Spiel steht. Sie sind vorsichtig; oder, Berlussini-Variante, sie lassen eine neue SA aufmarschieren; oder, deutsche Variante, sie erhalten die Deutscher-Michel-Hoffnung auf den "Sozialstaat" so lange aufrecht, wie moeglich; oder, sozialdemokratisch-spanische Variante, sie schwoeren, die betrieblichen Rechte der Arbeitenden nicht anzutasten - "nicht mit uns !" -, waehrend die Leute gleichzeitig auf die Strasse fliegen, wo es keine betrieblichen Rechte gibt.

In einer Krise wie der gegenwartigen, einer die lange dauern und die Lage der Arbeitenden um Jahrzehnte zurueckwerfen wird, gibt es nur zwei Moeglichkeiten: Entweder wird die Masse der Arbeitenden hinterher viel schlechter dastehen - oder die Arbeitenden lernen in ihrem Verlauf, die Machtfrage zu stellen.

Einen dritten Weg gibt es nicht. Die Sarkozys, Steinmeiers, Merkels, Berlusconis, Zapateros wissen das. Deswegen schwaetzen sie die Leute mit allerlei dritten Wegen dumm, so lange es geht - sozialpartnerschaftlichen, nationalistischen, rassistischen, und der Papst darf auch noch seinen Sozial-Enzyklika-Senf dazugeben.

Die Arbeitenden aber muessen entschieden, ob sie sich weiter dummschaetzen lassen und die Hosen ausziehen lassen wollen, oder ob sie sich auf ihre potentielle eigene Macht besinnen und ihren Interessen gemaess handeln. Es geht um Macht - um die der einen oder die der anderen.


 

Veröffentlicht in Weltwirtschaftskrise

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L
Hallo,auch hier möchte ich kommentieren, was ich bereits bei Randzone über die Studie zum Niedriglohnsektor bemerkte:Vielen Dank für den Hinweis auf diese Studie, die doch manches über die Geisteshaltung der Verantwortlichen aussagt. Ich habe den Link über meine Facebook Seite verteilt.Aus dem unkoordinierten Schweigen der Bevölkerung muß ein koordiniertes lautes, und wenn es sein muß auch drohendes “SO NICHT” werden.Die Blogs, Ihre Vernetzung und Empfehlung sind ein wesentliches Mittel auf diesem Ziel und man kann nur hoffen, dass sie das bleiben. So ermutige ich uns alle dran zu bleiben und uns nicht durch die plötzliche, ja man muss es vielleicht sogar Angriffe nennen, (unerwartetes Offline von radio-utopie, sowie wormblog) irritieren zu lassen.
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