Madrid, 3. Welt

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

Die rechte Stadt- und Regionsregierung in Madrid hat die "Privatisierung" der oeffentlichen Dienste so radikal vorangetrieben, dass die Versorgungsmaengel an oeffentlichen Dienstleistungen ueberall sichtbar werden, von der Muellabfuhr bis zu den Krankenhaeusern, vom Naherverkehr bis zum Erziehungswesen. Private Gauner, die sich selber Geschaeftsleute nennen, fuellen sich mit der "Privatisierung" auf Kosten der Bevoelkerung ihre Taschen. Staats- und Parteifunktionaere werden in grossem Umfang geschmiert, von Banken und Konzernen bis hinunter zu kleinen Bauherren oder Barbesitzern, die fuer notwendige behoerdliche Konzessionen illegale Zahlungen leisten. Eine ganze Reihe hoher Funktionaere der Autonomen Region Madrid - Buergermeister, Abgeordnete und andere - steht wegen Bestechung unter Anklage, einige sitzen im Gefaengnis. Fast alle gehoeren zur rechten PP (deutsche Schwesterpartei: CDU/CSU). Gegen den Schatzmeister der PP laeuft ein Untersuchungsverfahren, ebenso gegen Staats- und Parteifunktionaere in anderen Regionen Spaniens, wie z. B. den (PP-)Ministerpraesidenten der Region Valencia, ein paar Dutzend Buergermeister und Stadtraete der PP auf den Balearen usw. .

In Madrid werfen zur Zeit zwei Todesfaelle ein Licht auf den Sumpf.

Eine marokkanische Frau wurde wegen Verdachts auf Schweinegrippe in ein Krankenhaus eingeliefert - und bald wieder hinausgeworfen, obwohl sie so krank war, dass sie kaum gehen konnte. Kurze Zeit spaeter nahm man sie wieder auf. Aber es war zu spaet. Sie verstarb nach einigen Tagen. Die Gesundheitsbehoerde verbreitete Luegen ueber ihren Tod. Es sei alles Moegliche fuer sie getan worden. Sie sei gesundheitlich angeschlagen und Asthmatikerin gewesen. Die Familie der Frau stellte klar, dass die Frau vor der Grippe-Erkrankung voellig gesund gewesen war, an keinerlei chronischer Krankheit gelitten hatte und in Marokko eine aktive Sportlerin gewesen war.

Die Frau war hochschwanger gewesen. Man konnte ihr Baby retten. Es kam in der Intensivstation in den Brutkasten, kam ueber den Berg, es bestand keine Todesgefahr mehr, nur noch das bei Fruehgeburten uebliche Erfordernis intensiver Betreuuung. Dann starb auch das Baby. Die Krankenhausleitung gab den Grund sofort und ohne Beschoenigungen zu: Eine Krankenschwestern hatte versehentlich in die Medikamentenkanuele, an die das Baby angeschlossen war, einen Tropf mit Fluessignahrung gehaengt.

Der schier unvorstellbare Irrtum der Krankjenschwester hat, wie die Gewerkschaften informieren, diesen Hintergrund: Das Gesundheitswesen arbeitet, soweit ueberhaupt noch oeffentlich, mit viel zu wenig Personal. Die Beschaeftigten sind staendig ueberlastet. Bestaendig muessen Luecken mit Aushilfen gefuellt werden, selbst auf den Intensivstationen, wo eingearbeitete und qualifizierte Teams fuer die Patienten lebensentscheidend sind. Viele Pflegekraefte werden in Bereichen eingesetzt, fuer die sie nicht oder mangelhaft qualifiziert sind. Die Schwester, die versehentlich das Baby getoetet hat, arbeitete z. B. an diesem Tag zum ersten Mal auf der Intensivstation fuer Babies und musste gleich, ohne Einarbeitung, "hart ran".

Der stramme Privatisierungskurs in Madrid hat zum vorlaeufigen Ergebnis, dass Stadt und Region, umgerechnet auf die Bevoelkerunsgzahl, mittlerweile bei der Zahl des Pflegepersonals um 18 %, bei der Zahl der Arzte um 12 % unter dem spanischen Durchschnitt liegen. Darauf laeuft, nicht nur in Spanien, hinaus, was Privatisierung, Reform, Flexibilitaet, Effizienz genannt wird - unzumutbare Arbeitsbedingungen und eine Verschlechterung der oeffentlichen Versorgung.

Aus Madrid gibt es aber auch gute Nachrichten, was die Versorgung betrifft. Der Tele-Pizza-Service funktioniert bestens. Da sieht man halt, was private Initiative zu leisten vermag. Und der Tele-Kokain-Service funktioniert auch. - Ein Anruf, und kurze Zeit spaeter steht der Kurier mit dem Tuetchen vor der Haustuer. Allerdings hat die Polizei, die das wahre Wesen der Privatisierung noch nicht richtig verinnerlicht zu haben scheint, vor zwei Tagen einen Versorgungsengpass verursacht. Sie verhaftete eine ganze Reihe Service-Kraefte einer innovativen Firma, die auf Madrids "Goldener Meile" - dort, wo man die teuersten Luxusgeschaefte und luxurioesesten Stadtwohnungen findet - 500 Stammkunden zuverlaessig beliefert hatte. Manchmal ist die Polizei ein wenig laestig. Aber den Fortschritt wird sie nicht aufhalten.

Veröffentlicht in Spanien

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