50 Jahre Rolling Stones

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

 

Wir Gymnasiasten im niederbayerischen Hinterland fraktionierten uns seinerzeit in Beatles- und Rolling Stones-Anhänger. Dabei ging es nicht nur um Musikgeschmack. Das war auch eine politische Verortung. Die Pilzkopf-Bubis waren die adretten Schwiegersöhne in Anzug und Krawatte, die bloss mit einer exaaltierten Haartracht irritierten, die aber immerhin stets ordentlich frisiert war. Die Rolling Stones waren in unserer Einbildung die von der Strasse, die aus dem Hinterhof im Arbeiterviertel. Immer waren die Texte ihrer Songs irgendwie zu brav, zu verhalten, zu vage. Aber wie sie sich benahmen und die Wildheit ihrer Musik - das war okay für uns radikalisierte Hinterwäldler.

 

Ein halbes Jahrhundert später sind die Rolling Stones Fleisch vom Fleisch des damals verhassten "Establisments". Und das Gros der damaligen auf Protest gestimmten nachwachsenden Kleinbürger ist Fleisch vom Fleisch des heutigen saturierten Kleinbürgertums. Frank Schäfer würdigt in junge welt eine "Protestband", die vor fünfzig Jahren gegründet wurde und deren Durchbruch und Erfolg eng mit der "68er Bewegung" verknüpft ist:

Als wir noch Monster waren

Ein Gruß zum 50. Geburtstag der Protestband Rolling Stones

 

Von Frank Schäfer

 

Ende 1968 klopfte Konkret die beiden großen Antagonisten der Pop-Sechziger, Beatles und Rolling Stones, nach ihrer Revoltentauglichkeit ab. »Wenn es einmal losgegangen ist – in Paris, Mexico City, Prag, Chicago, der Columbia-Universität und in Berlin, Frankfurt, Hamburg – dann hält die Musik der Stones weitaus besser als die der Beatles den Realitäten stand: Spotte, verachte, greife an!«

Das dachten damals alle. Andrew Loog Oldham, ihr alerter erster Manager, der sich als PR-Mann bei den Beatles seine ersten Sporen verdient hatte, profilierte die Band von Anfang an als dreckigen, plebejischen Gegenentwurf zu den Fab Four. Und die bürgerliche Presse, die man Mitte der sechziger Jahre tatsächlich noch aus der Reserve locken konnte, wenn ein Musiker Krawatte, akkuraten Haarschnitt und zutrauliches Lächeln vermissen ließ, half getreulich mit bei der Konstitution ihrer üblen Reputation. Oldham schwor die Rolling Stones ein auf den selbst in dieser Zeit schon nicht mehr ganz unerprobten Rock’n’Roll-Komment: Bring die Eltern gegen dich auf, und die Kids liegen dir zu Füßen.

 

Anarchy in the UK

 

Das war auch insofern ein ziemlich schlüssiges Konzept, als der musikalische Gegenwert dem voll und ganz entsprach. Ihr rudimentärer, rabiater, konsequent riffbasierter Rhythm & Blues, der die Musik der schwarzen Ahnherren Howlin’ Wolf, Muddy Waters und nicht zuletzt Robert Johnson mit der juvenilen Ausgelassenheit einer aufgedrehten Beat-Band verschmolz, klang genau so, wie sie aussahen und sich benahmen: Herausfordernd, verdorben, gefährlich. Vor allem der dreiköpfigen Frontline, Mick Jagger, Keith Richards und Brian Jones, schien diese Rolle wie auf den Leib geschrieben. Und so waren es neben den halb versteckten, mit der Zunge in der Backe vorgetragenen Anzüglichkeiten in den Songs immer auch die Skandalmeldungen, die ihre rebellische Imago aufrechterhielten. Etwa die legendäre Geschichte von dem Tankwart, der dieser Horde »zotteliger, behaarter Monster« den Gang aufs Klo verwehren wollte, sich ihnen in den Weg stellte, woraufhin er von Mick Jagger mit den Worten zur Seite geschoben wurde: »Wir pissen, wo wir wollen, Mann!« Anarchy in the U.K.

 

Diese mehr oder weniger kalkulierte Bad-Boy-Attitüde hat dann geradezu zwangsläufig dazu geführt, daß überall auf der Welt linke Aktivisten die Rolling Stones zu ihren revolutionären Kampfgefährten zählten. Und weil nun nach 1967 der Umsturz quasi stündlich erwartet wurde, etwas gepflegtes Revoluzzertum zum guten Ton jedes Rockstars gehörte, der weiterhin oben mitspielen wollte, ließ sich auch Jagger nicht lange bitten. »Wir haben die ersten Schritte getan«, ließ er im Interview mit dem New Musical Express vernehmen, »jetzt müssen wir zu Ende bringen, was wir begonnen haben. Die Zeit ist reif. Die Revolution ist legitim. Die Kids warten nur darauf, die Mietskasernen und die stinkenden Fabriken niederzubrennen, in denen sie ihr Leben fristen müssen. Ich werde alles tun, was getan werden muß, um das, was da draußen passiert, zu unterstützen.«

 

Protestsongs sind anders

 

Tatsächlich blieb das eigentliche Werk der Band völlig frei von solchen eindimensionalen Agitprop-Botschaften. Zum einen, weil es Jagger bis zum Experimentalalbum »Their Satanic Majesties Request« (1967) doch meistens nur um das eine ging. In »I’m Free« und »Who’s Driving Your Plane« drängt die Forderung nach unbedingter Selbstbestimmung den ewigen, mehr oder weniger expliziten Minnesang etwas in den Hintergrund, »Get Off Of My Cloud« und »Satisfaction« artikulieren ziemlich schlechte Laune und ein diffuses, generationenspezifisches Dagegen. Aber Protestsongs sehen anders aus.

 

Die findet man auch später nicht. »Their Satanic Majesties Request« ist viel zu psychedelisch versponnen, um eine echte Botschaft zu formulieren. Die folgende Single »Jumpin’ Jack Flash« paraphrasiert, passend zur aufgeräumten melodischen Struktur des Songs, einen gegenwärtigen Optimismus, bei dem mancher zeitgenössische Hörer Morgenluft gewittert haben könnte. »I was schooled with a strap right across my back / But it’s all right now, in fact, it’s a gas!« Aber deutlich wird erst das 1968er Album »Beggars Banquet«. Im Opener »Sympathy For The Devil«, einer Adaption von Bulgakows »Der Meister und Margarita«, schlüpft Jagger noch einmal in die Rolle des bösen Buben, des Teufels, dem nun wirklich fast alles zuzutrauen ist, sogar die Oktoberrevolution. Aber noch lange keine neuerliche Revolte, wie dann »Street Fighting Man« beweist.

 

Jagger hatte zuvor eine eher friedliche Demonstration in London mit seiner eher kurzen Anwesenheit beehrt und sich ziemlich im Hintergrund gehalten. Vielleicht war er nur deshalb dabei gewesen, um hinterher einen Song darüber schreiben zu können. Der fiel dann jedenfalls entsprechend desillusioniert aus. Es sei zwar genau die richtige Zeit für eine Palastrevolution, aber da, wo er lebe, in dieser verschlafenen Stadt London, würden dummerweise nur Kompromisse gemacht, da sei einfach kein Platz für Straßenkämpfer. Insofern habe er gar keine Wahl: »Well, what can a poor boy do / Except to sing for a rock’n’roll band.«

 

Das Cover der Single sprach eine andere Sprache. Drei Cops in Kampfmontur stehen vor einem niedergestreckten Demonstranten, einer hebt den Fuß, offenbar um noch einmal nachzutreten. Und so kann man hier einmal mehr beobachten, wie sehr der Kontext die Rezeption steuert. Wie schon bei Jimi Hendrix’ »Star Spangled Banner«-Dekonstruktion, die erst im Rahmen einer Großdemonstration wie »Woodstock« als gesellschaftskritisches Statement gehört werden konnte, in den vielen Konzerten davor war das so recht keinem aufgefallen, wurde »Street Fighting Man« nun als forcierte Kampfansage aufgefaßt – und eben nicht als faule Ausrede, warum man mit Jagger et alii nicht unbedingt rechnen müsse. Zumal das plakative Cover einmal mehr von der Wirklichkeit eingeholt wurde. Kurz vor dem Erscheinen der Single hatte ein massives Aufgebot von Polizei und Nationalgarde die Demonstrationen am Rande des Parteikonvents der Demokraten in Chicago rücksichtslos zusammengeknüppelt. Anderswo ging es also durchaus weniger ruhig zu als in London. Sofort boykottierten US-Radiosender den Song, weil sie weitere Krawalle befürchteten. Wenn es vorher noch irgendwelche Zweifel gegeben hatte, jetzt waren die Rolling Stones eine revolutionäre Band. Jean-Luc Godard drehte einen Film mit ihnen, in Erwartung eines durchschlagenden klassenkämpferischen Statements, damit die gute Sache endlich von der Stelle komme, aber in den Kasten bekam er nur ihr geradezu bürgerliches Arbeitsethos. »One plus One« (1968) dokumentiert den quälend langsamen Entstehungsprozeß von »Sympathy For The Devil« im Studio, das war Godard aber offensichtlich nicht genug, folglich montierte er Szenen mit Black-Panther-Aktivisten dazwischen, die sich dann umso expliziter äußern. Wieder ist es der Kontext, der die Lesart beeinflussen soll.

 

Defensive Merkverse

 

Aber der Umsturz der »beautiful ­people« ließ dann doch auf sich warten. Die Revolution versandete langsam. Und die Rolling Stones spielten einfach weiter. Auf dem nächsten Album »Let It Bleed« (1969) geht man noch ein letztes Mal zu einer Demonstration, um seine Empörung rauszuschreien, aber der abgeklärte, versöhnliche Refrain von »You Can’t Always Get What You Want« rät nun doch zur Mäßigung: »You can’t always get what you want / But if you try sometimes / You just might find / You get what you need.« Vielleicht ist das, was man will, gar nicht unbedingt das, was man braucht. Solche defensiven Merkverse hatten der Poplinken gerade noch gefehlt. Zu allem Überfluß wehrte sich Jagger jetzt in diversen Interviews, sogar in Konkret, gegen die politische Vereinnahmung ihrer Musik. Und als sie dann auch noch bei der anschließenden Deutschlandtour reichlich unsolidarische Eintrittspreise verlangten, entlud sich die enttäuschte Liebe bei den phantasmagorischen Genossen in diversen Verrissen und sogar Krawallen vor Ort. »Die Stones, das ist nicht Protest und Revolution, das ist nicht der Schrei nach Frieden in einer neuen Welt«, erkannte nun Sounds. »Sie sind vielmehr auf ganz banale und fatale Weise genau das Gegenteil: nämlich reaktionär.«

Sie waren weder das eine noch das andere. Was kann ein armer Junge schon tun? »Man muß ziemlich dumm sein, um zu glauben, daß man mit einer Platte eine gewaltsame Revolution anstoßen kann«, erklärte Keith Richards. »Schön wär’s. Auf der Bühne sind wir viel subversiver.« Das hat eine Weile jedenfalls durchaus gestimmt.

 

junge Welt

 

via http://www.kominform.at/article.php/20120712113807525

 

 

Veröffentlicht in Kultur und Gesellschaft

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antagonistica84 07/13/2012 01:51


Hats off Rolling Stones!You can't always get what you want!Even in those days these young


lads had an infallible sense for the imminent,precarious working conditions.What can a poor


boy do?Shut up and play your boring rhythms furthermore.Ugh,yuck!!!!!!!!!!!!!!

gunther 07/12/2012 18:50


Unglaublich, aber wahr.


Wieso denn die? Pink Floyd hat sich nie "verkauft", selbst als es kommerziell wurde haben die immerhin noch Konzeptalben veröffentlicht.