Wednesday, 4. january 2012 3 04 /01 /Jan. /2012 11:00

 

Noch sträubt sich Wullf zu gehen. Es ist auch gar nicht sicher, ob die Medienkampagne gegen ihn das Ziel hat, ihn aus dem Amt zu treiben. Auffällig ist jedenfalls, dass die Springer-Treibjäger und ihre Zutreiber von FAZ, SPIEGEL, SZ etc. keinen Nachfolgekandidaten ins Spiel bringen.

 

Die Kampagne gegen Wulff ist willkürlich inszeniert worden. Die Vorteilsnahme, die ihm vorgeworfen wird, ist so verbreitet, dass - an diesem Massstab gemessen - der grösste Teil des "politischen Establishments", bis hinunter zu Landtagsabgeordneten, Bürgermeistern und Stadträten zurücktreten müsste. Wulff ist ein gewöhnliches Exemplar des Sumpfes, in dem die Repräsentanten der bürgerlichen Demokratie ihre Ämtlein mit allerlei kleineren und grösseren Vorteilsnahmen verquicken. In dem Fall stinkt der Fisch nicht nur vom Kopf her, sondern der ganze Fisch stinkt vom Kopf bis zum Schwanz.

 

Die vorgeblichen Kämpfer für Moral in der Politik, allen voran das Haus Springer, sind selbst ein Teil dieses Sumpfes. Über viele Jahre haben die Springer-Blätter Wulff hochgeschrieben mit hundert exklusiven Herzblatt-Geschichtchen. Sie hätten ebensogut das Gegenteil tun können. Die Journaille weiss alles über ihn. Sie können das eine verschweigen und das andere loben oder "enthüllen", ganz wie es ihnen in den Kram passt. So ist es mit tausenden Berufspolitikern. Die Journaille hat sie in der Hand. Man kann die Sumpfbrüder und -schwestern in Ruhe lassen oder fördern oder fallenlassen und vernichten. Das gehört essentiell zu den Mitteln, mit denen das grosse Geld im Hintergrund "die Politik" an seiner Leine führt und erzwingt, dass "die Politik" seinen Interessen nachkommt und diese gegen die Bevökerung durchsetzt.

 

Insofern sind die Enthüllungen in Sachen Wulff und die gekünstelte moralische Erregung darüber von vorneherein Manipulation. Sie sind nicht die Sache selbst, sondern Vorwand und Mittel für ein politisches Manöver, dessen Ziele bis heute im Dunkeln bleiben. Dem sich erregenden Publikum fällt die Rolle des Resonanzkörpers zu. Wenn BLÖD die Trommel schlägt, fällt der Spiesser in Marschtritt und wird moralisch-patriotisch empört, obwohl der doch weiss und ständig darüber lamentiert, dass ganz allgemein im hundsgemeinen Alltag die Normalität ist, dass eine Hand die andere wäscht.

 

Wer einen klaren Kopf behalten will, sollte bei den Enthüllungen über Wulff vor allem an die Nicht-Enthüllungen denken. Die liegen massenhaft in den Giftschränken der Manipulationsmedien. Ihre Nicht-Verwendung ist das Drohpotential gegenüber dem politischen Personal. Es wird aktiviert, wenn irgendeiner aus irgendeinem Grund, der den Medienkonsumenten gegenüber gewöhnlich nicht offengelgt wird, abgeschossen werden soll. Diese Giftschränke weisen vor allem auf eins hin: Die Medien kommen ihrer Informationspflicht nicht nach. Jede Schweinerei müsste im Fall eines verantwortlichen Journalismus sofort ans Licht. Sie im Giftschrank zu horten und diesen nur von Fall zu Fall aufzumachen, nämlich, wenn es für die politischen Absichten der Medienkonzerne opportun ist, macht den Journalismus zur Journaille, die Medien zu Manipulationsinstrumenten und deren Konsumenten zu Claqueuren  bei den Intrigenspielchen in "der Politik".

 

Wulff ist bestechlich ? Natürlich. Was denn sonst ? Wird irgendjemand in der bürgerlichen Politik, in der Hackordnung der bürgerlichen Parteien, mit sauberen Händen auch nur Stadtrat ? Hat nicht ausnahmslos jeder bürgerliche Politiker (die weibliche Endung durchaus nicht zu vergessen) mit jeder Stufe, die er höherklimmt, mehr Leichen, zum Teil justiziable, zum Teil "nur" moralische, im Keller ?

 

So funktioniert bürgerliche Politik. Und so funktionieren die bürgerlichen Medien, die das decken und aus dem angesammelten, aber nicht veröffentlichten Wissen ihre Erpressungsmacht saugen. Wird etwas skandalisiert, handelt es sich stets und ausnahmslos nicht nur um den einen konkreten Skandal. Stets und ausnahmslos wird an jedem solchen Beispiel der eigentlich und allgemeine Skandal sichtbar: Die "Vierte Gewalt", die durch nichts demokratisch legitimiert ist, die vollständig in der Hand einiger weniger Geldsäcke - und im Fall der öffentlichen Medien in der Hand des Machtproporzes der bürgerlichen Parteien - ist, veröffentlicht systematisch nicht die Informationen, die sie hat, sondern selektiert und verdreht diese für die politischen Zwecke ihrer Eigentümer und Dirigenten. Die anderen "Drei Gewalten" sind wenigstens formal noch irgendwie demokratisch legitimiert. Das ist die "Vierte Gewalt" nicht.

 

Wulff soll endlich zurücktreten ? Meinetwegen. Aber viel dringlicher wäre, den Springer-Konzern zu enteignen.

von Sepp Aigner - veröffentlicht in: Medien - Community: Kritische Massen
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Kommentare

Sauber! Hab gestern fast das Gleiche, wenn auch nicht so gut ausformuliert, irgendwo per Kommentar verfasst. Auch im Fall Wulff gilt: Man sollte aufpassen was man sich wünscht, immerhin weiß man, dass er massiv in Misskredit gebracht werden soll. Warum? Kein Plan, aber immerhin hat er ja behauptet, dass der Islam inzwischen schon irgendwie zu Deutschland gehöre, unverschämter Beitrag zur Völkerverständigung wie Einige fanden. Sarrazin bekommt da mit seinem Genetik-Komplex wesentlich mehr Promo.
Kommentarnr1 gepostet von illus am 4.01.2012 um 13h56

Rechte Freunde wir er sich mit seiner Islam-Bemerkung nicht gemacht haben.

Antwort von Sepp Aigner am 4.01.2012 um 19h10

Das erste vernünftige Wort, daß ich in dieser Sache lese!

Gruß!

Kommentarnr2 gepostet von kranich05 am 4.01.2012 um 16h39

Danke, Dein Lob freut mich.

Antwort von Sepp Aigner am 4.01.2012 um 18h14

Guter Beitrag, habe ich verlink in einem eigenen Beitrag, wobei es sei auch daran gedacht, dass die Kräfte des Kapitals alles andere, aber nicht homogen sind.

Kommentarnr3 gepostet von kucaf am 4.01.2012 um 18h11

Hallo Thomas.

Danke fürs Verlinken.

"Homogenität": So ist es. Aber für das Austragen der Intrigen das Amt des Bundespräsidenten zu benutzen, ist schon "ein Ding". Vielleicht geht es ja auch um dieses Amt selbst. Zum Beispiel gibt es Leute, die gern einen Führer(-Präsidenten) hätten. Dafür müssten ein paar Details neu geregelt werden. Zum Beispiel das Grundgesetz. Vielleicht schlägt man den Sack Wulff und meint den Esel Amt ?

Antwort von Sepp Aigner am 4.01.2012 um 18h31

Nun ja, es lässt sich trefflich spekulieren, was nicht bedeutet, dass getroffen wird, was getroffen werden soll!

Ob es ums Amt selbst geht? Würde ich nicht annehmen, dafür ist dieses Amt zu bedeutungslos und es bedeutend werden zu lassen, ist mit nicht unerheblichem Aufwand verbunden. Anders ist es um das Amt der Bundeskanzlerin bestellt, wobei sich die Bundeskanzlerin in diesem Fall entscheiden muss! Für oder dagegen, für Wulf oder gegen Wulf, Schwäche oder Stärke zeigen, wessen Interessen werden sich durchsetzen? Mit den Bundespräsidentin auf die Bundeskanzlerin zielen, das hat was und wenn sie getroffen wird, wird sie nicht betroffen sein, wenn sie betroffen ist, wurde sie nicht getroffen! Oder so ähnlich!  

Kommentarnr4 gepostet von kucaf am 4.01.2012 um 18h50

Es gab mal eine Autowerbung, die ich mir gemerkt habe, weil ich für deren Erfinder gearbeitet habe: "Nichts ist unmööööglich!"

Antwort von Sepp Aigner am 4.01.2012 um 19h10

 wer ist Wulff, was für ein Mensch, jener Mann, der sagt "Ich möchte nicht Präsident in einem Land sein, wo man sich von Freunden kein Geld leihen kann." und der sich damit besser stellen will als es Hartz IV Empfängern erlaubt ist, die selbstKleinst- Geschenke an Festtagen aus der Familie nicht annehmen dürfen?...

Kommentarnr5 gepostet von d.-a. langner-urso am 4.01.2012 um 20h01

"Wulff soll endlich zurücktreten ? Meinetwegen. Aber viel dringlicher wäre, den Springer-Konzern zu enteignen."

Selbstverständlich! Wie sich jetzt tausende von Entrüstungs-Onanierern darauf versteifen die Pressefreiheit der unsäglichen Springer-Presse zu verteidigen, ist schwer zu ertragen.

http://uhupardo.wordpress.com/2011/12/21/wulff-rotlicht-und-die-sabbernden-blicke-vor-dem-bildschirm/

Kommentarnr6 gepostet von Uhupardo am 6.01.2012 um 00h42

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