Am Sonntagmorgen im Spielsalon

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

 

Manchmal hole ich mir Zigaretten im Spielsalon. Dort haben sie einen Automaten, der ohne Chip funktioniert, und es ist nicht weit zu gehen. Jedesmal betrete ich den Raum mit einer kleinen Beklemmung. Es ist düster und riecht muffig, alles ist schäbig. Irgendwie ist zu spüren, dass es nur ums Abzocken geht.

 

Heute Morgen gehe ich hinein, an den Blutspritzern vorbei, die vor einer Woche schon da waren, niemand ist an der Theke, der Geld wechseln könnte. Zwei Männer sitzen an den Spielautomaten. Einer ist teuer gekleidet. Die Schuhe sehen wie handgemacht aus, sehr feines Leder. Der andere schlenzt im Jogginganzug auf seinem Barhocker, unrasiert, fettiges ungepflegtes Haar, diese überdimensionalen Turnschuhe, die aussehen, als hätte der Mensch, der sie trägt, Elefantenfüsse. Der stiere Blick der beiden Männer auf die bunten blinkenden Lichter, das Klappern der Münzen, die der Automat frisst. Klack, klack, gib mir mehr, jedesmal, wenn ich dich ärmer mach, könntest du doch reicher werden, klack, klack, gib mir mehr.

 

Man sagt, dass der Salon einem reichen Mann gehört, der ihn braucht, um irgendeine legale Geschäftstätigkeit vorzutäuschen, während er in Wirklichkeit mit Frauen aus Osteuropa handelt. Manchmal steht sein dicker Mercedes auf dem Parkplatz. Er kommt nur ab und zu, wohnt weit weg. Sein Geschäftsführer ist vor einem Monat verschwunden, aber irgendwie geht es weiter mit den Frauen, die hinter der Theke sitzen, aufpassen und Geld wechseln müssen. Die Frauen müssen chick angezogen sein. Der Auschnitt muss Busen zeigen. Es sind immer wieder andere Frauen, die da sitzen.

 

Endlich kommt die Frau, die mir Geld wechseln wird. Sie ist die einzige, die immer da ist. Sie wohnt über dem Salon, mit ihren zwei kleinen Kindern. Der Geschäftsführer, der verschwunden ist, ist ihr Mann. Seit er weg ist, sieht sie noch trauriger aus, irgendwie stumpf ergeben. Sie schlägt sich schwer durch, denke ich, mit den Kindern allein, Nacht- oder Tagschicht wie es eben kommt, für einen Hungerlohn. Sechs Euro die Stunde, hat sie mir einmal erzählt. Sie spricht so wenig deutsch, dass ein Gespräch fast unmöglich ist, und ich kann kein Polnisch.

 

Die Frau scheucht ihr Töchterchen, das vielleicht drei Jahre alt ist, das Treppenhaus hinauf. Das Kind weint, fleht, will nicht zurück in die Wohnung. Die Frau verschwindet noch einmal im Treppenhaus, wirft die Tür hinter sich zu, ich höre die Schläge, das Weinen des Kindes.

 

Die Frau wechselt den Geldschein. Ich gehe an meinen Suchtautomaten, klack, klack, das Giftpäckchen plumpst aus seinem Schacht. Die beiden Männer sitzen an den ihren, klack, klack, jeder an seinem Automaten, jeder in seiner Welt, keine Zeit für einen Blick auf den Nebenmann, wenn man ernsthaft spielt, wenn du ernsthaft spielst, musst du in der richtigen Zehntelskunde auf den richtigen Blinkknopf drücken, es ist nicht wahr, dass du das gar nicht beeinflussen kannst, du KANNST GEWINNEN. Die Frau steht hinter der Theke und schaut vor sich hin. Das Kind hat mit Weinen aufgehört. Der Minister hat gesagt: Mit den Jobs geht es aufwärts.

 

Ich geh auf die Strasse hinaus, an den Blutspritzern vorbei. Flüchtig dnke ich: Warum wischt keiner das Blut weg ?

Veröffentlicht in Kultur und Gesellschaft

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