Arbeiterklasse - gibt´s die noch ?

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

 

Arbeiterklasse: Es gibt nur wenige Begriffe, die ähnlich stark stigmatisiert sind. Das gilt insbesondere für den deutschen Sprachraum. Während es im spanischen ganz selbstverständlich ist, von clase obrera zu sprechen, im französischen von classe ourvriere oder im englischen von working class, steht in Deutschland jeder, der den Begriff Arbeiterklasse benutzt, sofort im Verdacht, einer von den verbliebenen verbohrten Kommunisten zu sein, ein Linksradikaler jedenfalls, der immer noch nicht geschnallt hat, was in unseren modernen, respektive postmodernen, Zeiten politisch korrekt ist. Politisch korrekt ist, von Arbeitnehmerschaft zu sprechen, besser noch von Mittelstandsschichten. Und die "Arbeitnehmerschaft" wird noch einmal unterteilt in "Arbeiter" und "Angestellte".

 

Es scheint sich nur um Worte zu handeln. Aber welche benutzt werden, hat damit zu tun, wer in welchem Mass in der Debatte das Sagen hat. Die fast vollständige Durchsetzung der Bezeichnung "Arbeitnehmer" - von einem Begriff kann man nicht reden, weil es sich um das Gegenteil handelt - ist ein Hinweis auf die fast vollständige Dominanz der bürgerlichen Ideologie und die fast vollständige Unterworfenheit der Lohnabhängigen unter diese ideologie.Wes Sprache ich spreche, dessen Vorstellungswelt teile ich. Und wenn sich heute ein Arbeiter schämt, sich selbst einen solchen zu nennen, und wenn ein "Angestellter" Wert darauf legt, ein solcher und ja kein Arbeiter zu sein, wenn der Industriemeister oder Facharbeiter sich selbst zum "Mittelstand" zählt und der Malocher am Band, der Brummi-Fahrer, die Postbotin wenigstens zum "unteren Mittelstand", so zeigt sich darin, in welchem Mass die Bourgeoisie und ihr totalitärer Propagandaapparat der Arbeiterklasse den Schneid abgekauft hat - bis zur Leugnung der eigenen Daseinsweise und dem spinnerten Selbstbetrug, alles Mögliche zu sein, aber auf keinen Fall ein Prolet.

 

In Wirklichkeit sind mit der kapitalistischen Gesellschaftsordnung zwei Grundklassen konstituiert, die nicht aufhören können zu existieren, so lange es diese Ordnung gibt: Arbeiterklasse und Kapitalistenklasse (oder, ihr dienstbarer Anhang mitgerechnet: Bourgeoisie). Mit der Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft ändert sich beständig die Daseinsweise und Physiognomie dieser Klassen, aber ihre wesentlichen Merkmale und Existenzbedingungen ändern sich nicht. Die Veränderungen im einzelnen sind gleichwohl bedeutend. Diese Veränderungen sind nicht zufällig, sondern leiten sich zuletzt aus der Entwicklung der Produktivkräfte ab.

 

In diesem Zusammenhang steht der folgende Text von Stephan Mülller, der in Heft 24 der Zeitschrift Theorie+Praxis erschienen ist ( http://www.tundp.info/ ). Müller bezieht sich dabei auf eine Diskussion in der DKP, bei der es um die Bestimmung der Rolle der Arbeiterklasse heute geht.

 

 

 

 Stephan Müller

DIE ENTWICKLUNG DER PRODUKTIVKRÄFTE UND DER ARBEITERKLASSE

 

Thomas Lühr stellt in seinen Bemerkungen zur „sozialen Frage und Arbeiterklasse" [1] den in der Soziologie im Dunstkreis der Sozialdemokratie modisch gewordenen Prekariatsbegriff dem Begriff der Arbeiterklasse aus dem Marxismus gegenüber.  Er zeigt, dass die den modischen Prekariatsbegriff definierenden Erscheinungsformen sich bereits in der Marxschen Analyse finden und dort auf den Punkt gebracht werden. Marx weist nach, dass die Existenzbedingungen der Arbeiterklasse mit dem notwendig zyklisch, krisenhaften Fortschreiten des Kapitalismus schwanken bis hin zum absoluten Existenzminimum, je nach Spaltung oder Einheit der Klasse; und dass diese wieder abhängig ist vom Prozess der Akkumulation des Kapitals selbst.

 

Thomas zeigt, dass die Betrachtung der Arbeiterklasse in den Politischen Thesen des vorigen PV-Sekretariats der DKP auf einer „unhistorischen Verabsolutierung" früherer Erscheinungsformen der Klasse beruht — es wurde ein Popanz aufgebaut, der dann umso leichter zerfleddert werden kann.

 

Im Klassenbegriff von Marx und Engels steckt dagegen bereits die Dynamik, so Lühr: Ebenso wie die Kapitalistenklasse in ihrem Aufstieg notwendig die Arbeiterklasse erzeugt, muss sie die Arbeiterklasse verändern, wenn sie unter dem Druck der Konkurrenz die Produktivkräfte fortentwickelt. Diese Entwicklung findet in Klassenkämpfen und vermittelt durch zyklische Krisen statt. Tendenziell richtet sich im Kapitalismus die Entwicklung der Arbeitsproduktivität gegen die Arbeiterklasse, sie erhöht die Konkurrenz unter den Arbeitern. Die Gegentendenz kommt aus dem Zwang der Arbeiterklasse, sich zu wehren; ihr Erfolg hängt vom mehr oder weniger entwickelten Bewusstsein der Arbeiterklasse ab.

Arbeiterklasse im Imperialismus

 

Zu Zeiten von Marx und Engels hatten sich die bestimmenden Klassen der Geschichtsepoche des Kapitalismus zu Industriekapitalisten und Industrieproletariat entwickelt. Über die ersten Weltwirtschaftkrisen entstehen dann um 1900 die Riesenfabriken der Monopolkapitalisten und die starken Arbeiterbewegungen der Industrieländer. Nach der großen Niederlage der internationalen Arbeiterbewegung 1914 musste Lenin die daraus resultierende Klassendifferenzierung analysieren: Die Arbeiterbewegung war unter den Einfluss der Opportunisten gekommen und hatte den 1. Weltkrieg nicht verhindern können.

 

Lenin leitete auf Grundlage der von Marx und Engels aufgezeigten Gesetzmäßigkeit der Entwicklung der Produktivkräfte die Gesetzmäßigkeiten der gesellschaftlichen Bewegung der gigantischen Finanzkapitale ab, die sich die Welt aufgeteilt hatten: Verschwindend wenige Finanzkapitalisten müssen ihre Herrschaft nach innen aufrechterhalten gegen eine zahlenmäßig fast die ganze Bevölkerung umfassende Lohnarbeiterschaft, kleiner werdende Zwischenschichten und von ihnen mehr oder weniger abhängige, nichtmonopolistische Kapitalisten.

 

Gleichzeitig brauchen sie auch zur Eroberung neuer Märkte nach außen einen immer weiter aufgerüsteten Gewaltapparat. Lenin findet die politökonomische Basis für die Bewegung der Klassen, die zum Weltkrieg geführt haben: Das Finanzkapital kann Extraprofite erzielen aus der marktbeherrschenden Konkurrenzsituation im Inneren und gegenüber unterdrückten Ländern. Zur Absicherung ihrer ständig von innen und außen bedrohten Macht investieren die herrschenden Großkapitalisten einen Teil dieser Extraprofite nicht nur in die direkte Aufrüstung des Gewaltapparats ihres Staates, sondern auch in Zuwendungen für Stützen ihrer Herrschaft: sie versuchen Teile der nichtmonopolistischen Klassen, vor allem einen Teil der Arbeiterklasse, durch materielle Vorteile an sich zu binden. Lenin nennt letztere deshalb Arbeiteraristokratie.

 

Auf der Ebene der Ideen spiegelt sich das wider im Zusammengehen der Sozialdemokratie mit den amtierenden Regierungen bzw. dem Finanzkapital, bis hin zu den Kriegskrediten.

 

Fordismus



Die von Lenin analysierte Arbeiteraristokratie der Zeit vor dem 1. Weltkrieg hatte ihre Basis bei den besser bezahlten Fachspezialisten unter den Arbeitern. Aber schon in der Zeit, als die neuen leninschen Arbeiterparteien sich organisierten, die kommunistischen Parteien der III. Internationale, begann sich die innere Zusammensetzung der Arbeiterklasse weiter zu verändern. In der Wiederaufbauphase nach dem 1. Weltkrieg schlug sich eine weitere schubweise Entwicklung der Produktivkräfte in der Entwicklung neuartiger Produktionsanlagen nieder. Die weitgehend automatisierte Produktion, bei der die Arbeiter nur noch Rädchen im Produktionsgetriebe sind, kennen wir entsprechen karikiert von Chaplins Film „Modern Times". Typisch für diese nach der Arbeitsorganisation des Taylorismus konstruierten Werke waren Fords Fließbandfabriken, die auf messbare einfache Einzelbewegungen des Arbeiters und individuelle Akkordlohnsysteme aufbauten.

 

InDeutschland setzte sich die amerikanische Produktion in Wellen durch, beginnend mit der Rationalisierungsoffensive ab Mitte der 20erJahre.Für den 2.Weltkrieg wurden dann in Deutschland etwa ebenso viele neue Produktionsanlagen gebaut wie zerstört. In der Nachkriegszeit der 50er und 60er Jahre schließlich brachte der Wiederaufbau in Westdeutschland eine weitere Modernisierungswelle. Die Erscheinungsformen dieses Abschnitts der Entwicklung der Produktivkräfte werden in der entsprechenden Literatur, auf die Thomas hinweist, in anscheinender Anlehnung an Gramsci, tatsächlich aber im Rückgriff auf Ideen von Gramscis Gegenspieler Bordiga, als Fordismus gekennzeichnet.

 

Interessant ist nun, dass die den Fordismus analysierende Literatur die Unterschiede der Arbeitsorganisation von heute gegen die von damals in den Vordergrund stellt, mit der Beobachtung, heute sei die Arbeit entsolidarisierend und dequalifizierend, und erzeuge demnach arbeitende Individuen, die keine Arbeiterbewegung mehr zustande brächten.

 

Seinerzeit wurde von Sozialdemokraten wie Kapitalisten analysiert, dass die damals neue fordistische Arbeitsorganisation zu Entsolidarisierung und Dequalifizierung führen würde, kurz, sie würde dem Sozialismus die Basis nehmen. Beide haben sich getäuscht. So wie der Kampf gegen die Webstühle letztlich zum Kampf gegen seine Eigentümer, die Industriekapitalisten wurde, wurde der Kampf gegen die Zeitnehmer in der Fabrik zum Kampf gegen das Finanzkapital. In der Kommunistischen Internationale wurde das Thema der Ausdifferenzierung der Klassen und die Folgen für die revolutionären Bündnisse der Arbeiterklasse zum bestimmenden Thema. Auch gegen Ende der fordistischen Epoche wurde diese Debatte weitergeführt auf Basis ökonomischer Forschungen, z. B. von Eugen Varga und bei uns z. B. von Jürgen Kuczynski. Die Veteranen der kommunistischen Programmdebatte der 60er und 70er Jahre erinnern sich an die grundlegenden Werke „Imperialismus heute" und „Imperialismus in der BRD". Den Thesenschreibern ist es nicht gelungen, kritisch daran anzuknüpfen.

 

IT-basierte Produktion — Wege zum Kommunismus



Was wir heute zu untersuchen haben, ist also, welche Änderungen der Arbeitsorganisation die Entwicklung der Produktivkräfte der letzten Generation mit sich gebracht hat und was das für die Arbeiterklasse und ihre Organisationen bedeutet.

 

Der wesentliche Fortschritt der Produktivkräfte ist sicher die Integration der Elektronik in die Wirtschaft. Durchgesetzt hat sich die ITbasierte Produktion und Verteilung etwa gleichzeitig mit dem Auslauf der Rekonstruktionsperiode nach dem 2. Weltkrieg. Nach den Zerstörungen bisher nicht dagewesenen Ausmaßes konnte die Produktion so ausgeweitet werden, dass Krisen der Vergangenheit anzugehören schienen — diese Zeit endete Mitte der 70er Jahre.

Gleichzeitig änderte sich ebenso grundlegend die Aufteilung der Welt: die USA hatten den alten Kolonialmächten den Einfluss in ihren Ex-Kolonien im Wesentlichen abgenommen. Durch ihre Machtstellung konnten die USA in der kapitalistischen Welt die Fortschrittsindustrien Luft- und Raumfahrt und die eng damit verbundene Elektronik weitgehend monopolisieren.

 

Zunächst war in den 70er Jahren Japan als stärkster imperialistischer Konkurrent in den Fokus der US-Imperialisten gekommen, den es galt niederzukonkurrieren. Dabei wurden auch die Methoden der japanischen Arbeitsproduktivität untersucht. Outsourcing und Just in Time, japanische Systeme der Ausgliederung von Subunternehmern, wurden in die eigene Produktionskette übernommen. Das westdeutsche Kapital lernte von der US-Industrie bzw. musste gegen sie bestehen. Das Ausquetschen von Zulieferern ergänzte sich mit den damals neuen flexiblen Arbeitsmodellen des Propheten der Sozialpartnerschaft, Peter Hartz.

Die IT-Anwendungen wurden nicht nur in der Konstruktion, der Planung, im Finanzwesen und in der Arbeitsorganisation in die Werke integriert, sondern auch unmittelbar in die Produktion und Verteilung. In den USA wurden bei GM Roboter zuerst in den frühen 60er Jahren an den Fließbändern eingesetzt, in Westdeutschland ab den 70er Jahren.

 

Die geographische Organisation der Arbeit wurde durch die Verbreitung des Internets von Grund auf verändert. Die erleichterte Kommunikation in großen Einheiten erlaubte einen nationalen und internationalen Monopolisierungsschub unter dem Stichwort nationale Champions, der nicht nur Zentralisierung und Konzentration von Kapital, sondern immer auch eine weitere Vergesellschaftung mit sich brachte. Wenn man Wege zum Kommunismus sucht: Was die Produktivkräfte angeht, hat Deutschland große Schritte auf dem Weg zur gesellschaftlich planbaren Wirtschaft gemacht.

 

Durchgesetzt hat sich der Prozess in den Zyklen, die nach der Rekonstruktionsperiode wieder schärfer geworden sind. Jede zyklische Krise brachte ein höheres Maß an imperialistischer Konkurrenz und Arbeitslosigkeit mit sich. Wie seit Beginn der kapitalistischen Krisen zeigt sich jedes Mal wieder, dass die Entwicklung des gesellschaftlichen Reichtums sich im Kapitalismus gegen seine Produzenten, die Arbeiter richtet.

 

Die Folge des Prozesses ist zunächst das weitere und schnellere Zerrieben

werden der anderen Klassen zwischen Kapital und Arbeiterklasse. Die genaue Bestimmung der Ausdifferenzierung der Hauptklassen des Kapitalismus ist heute ebenso wichtig, wie die Bestimmung der Lage der Bauern und der Kleinbürger. Das wird in den Politischen Thesen nicht geleistet. Noch weniger wird dort eine Grundlage gelegt, auf der sich behaupten ließe, „die soziale Basis der Arbeiterbewegung" sei „zersetzt und aufgelöst".

 

Quellen und Anmerkungen:

[1] Thomas Lühr, MBl. 4/10

Veröffentlicht in Kultur und Gesellschaft

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