Arbeiterklasse - gibts die noch ?

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

Werner Seppmann hat ein neues Buchg geschrieben. Willi Gerns hates rezensiert:

 

Die verleugnete Klasse

Zum neuen Buch von Werner Seppmann zur Arbeiterklasse heute

In: unsere zeit vom 11.03.11

 

Unter dem Titel "Die verleugnete Klasse - Zur Arbeiterklasse heute" hat Werner Seppmann im Kulturmaschinen-Verlag Berlin ein neues Buch zur heutigen Arbeiterklasse vorgelegt. Es führt die Untersuchungen weiter, die Gegenstand der im vergangenen Jahr im gleichen Verlag veröffentlichten Schrift "Krise ohne Widerstand" sind. Darin geht der Autor der Frage nach, warum gibt es trotz der Krise und ihrer negativen Folgen für die Arbeiter und Angestellten so wenig Widerstand, wie steht es um das Klassenbewusstsein der Arbeiterklasse, was sind die wichtigsten Faktoren, die dessen Entwicklung entgegenstehen. Dazu gehören insbesondere jene Veränderungen, die sich in den letzten Jahrzehnten in der Arbeitswelt und damit auch in der Struktur der Arbeiterklasse vollzogen haben. Die Analyse wird in der neuen Publikation weitergeführt. Der Autor geht dabei erneut von der Frage aus, warum die Arbeiterklasse angesichts "der eskalierenden Widerspruchsentwicklung und eines zunehmenden Drucks auf die Beschäftigten" auf der politischen Bühne "als nennenswerter Widerspruchsfaktor kaum mehr als in Umrissen wahrzunehmen ist". Und er fragt weiter: "Kann die Arbeiterklasse noch als Negationsprinzip der bürgerlichen Gesellschaft begriffen werden, von dem bei Marx und Engels, Lenin und Luxemburg die Rede ist? (S. 35) Um eine befriedigende Antwort darauf zu finden, sei es notwendig, folgende Fragen zu klären:

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    • "Was ist heute unter Arbeiterklasse konkret zu verstehen?
    • Existiert noch so etwas wie ein prinzipiell handlungsfähiger ´Kern´ der Arbeiterklasse, der sich von anderen sozialen Gruppierungen unterscheidet?
    • Wie haben die Zunahme von geistiger Arbeit und Dienstleistungen, sowie die Auswirkungen einer ´mikroelektronischen Revolution´ die Arbeiterklasse verändert?
    • Welche konkreten Auswirkungen auf die Zusammensetzung der Lohnabhängigenklasse hat die Zunahme von Angestelltentätigkeiten und ´Dienstleistungen´?
    • Welche Konsequenzen haben die zunehmenden Differenzierungen innerhalb der Lohnabhängigenklasse, die Vergrößerung sozialer Unsicherheit und insgesamt die systematische Rückstufung und Dequalifizierung, denen viele Arbeitskraftverkäuferinnnen und -verkäufer unterworfen sind?
    • Können die krisenbedingten Einschüchterungen überwunden werden, die zur politischen Friedhofsruhe geführt haben?" (S. 35/36)
  • Damit ist zugleich der Gegenstand seiner Analysen in "Die verleugnete Klasse" umrissen. Wobei der Autor sich nicht auf eine Zusammenstellung empirischer Daten beschränkt, wie dies häufig der Fall ist, sondern diese in die marxistische Theorie der Arbeiterklasse einordnet und diese bereichert. Und dies geschieht keineswegs in einem ideologisch luftleeren Raum, sondern in argumentativer Auseinandersetzung mit den gängigen Stereotypen vom "Ende der Arbeitsgesellschaft", der "Dienstleistungsgesellschaft", vom "Verschwinden der Arbeiterklasse", dem "Ende des Klassenkampfes" u. a.

    Im Rahmen dieser Rezension kann natürlich nur auf wenige der genannten Fragestellungen eingegangen werden. Zu den wichtigsten gehört die Definition dessen, was heute unter Arbeiterklasse zu verstehen ist.

    Die Arbeiterklasse heute

    Der Autor unterscheidet zwischen einem engeren und einem weiteren Arbeiterklassenbegriff. Als Arbeiterklasse im engeren Sinne oder Kern der Arbeiterklasse bezeichnet er "zunächst die industriell, bzw. produzierend Beschäftigten". In den erweiterten Arbeiterklassebegriff, für die er auch den Terminus "Lohnabhängigenklasse" verwendet, werden neben dem Kern der Klasse auch die "durch die gesellschaftliche Arbeitsteilung entstandenen neuen Beschäftigungsformen abhängiger Arbeit" einbezogen. "Eine Definition zugrunde gelegt, die ihre existentielle Abhängigkeit vom Kapital hervorhebt, gehören die letzteren Segmente zu einer erweiterten Arbeiterklasse." (S. 28) Er betont: "Es gibt keinen plausiblen Grund, von der Vorstellung Abschied zu nehmen, dass die Klasse der Arbeiterinnen und Arbeiter sich im Kern aus den produktiv Beschäftigten zusammensetzt. Es muss jedoch in Rechnung gestellt werden, dass das Spektrum der produktiven Tätigkeiten durch das System der industriellen Arbeitsteilung geprägt ist und nicht mehr automatisch unmittelbar mit der materiellen Produktion zusammenfallen muss" (S. 45) In diesem Zusammenhang wird Marx zitiert, der bereits im "Kapital" feststellte: "Um produktiv zu arbeiten, ist nun nicht mehr nötig, selbst Hand anzulegen; es genügt, Organ des Gesamtarbeiters zu sein, irgendeine Unterfunktion zu vollziehen." (MEW, Bd. 23,S.531) "Ein solches Verständnis vorausgesetzt", fährt Seppmann fort, "zeigt sich, dass viele der aktuell als reproduktiv (verkürzt als ´Dienstleistungen´) klassifizierten Tätigkeiten nach wie vor integraler Bestandteil eines materiellen Produktionsprozesses sind und im analytischen Sinne produktiven Charakter besitzen." (S. 45/46) Und weiter: "Nach wie vor ist die materielle Produktion (und die sie gewährleistende Klasse) der Dreh- und Angelpunkt gegenwärtiger kapitalistischer Ökonomien. Es ist Ausdruck realitätsferner Phantasien, wenn vom Ende einer ´Gesellschaft von Produzenten´ gesprochen wird." (S. 47) Der Autor beschreibt ausführlich die tiefgreifenden Veränderungen, die sich in den letzten Jahrzehnten in der Arbeitswelt vollzogen haben. Dazu gehört die beträchtliche Abnahme der Zahl der in der industriellen Produktion Beschäftigten. Während im Nachkriegsboom der Anteil der industriell (produktiv) Beschäftigten auf fast 61 Prozent wuchs, beträgt die Beschäftigungsquote im sogenannten sekundären Sektor, der das produzierende Gewerbe einschließlich Bergbau und Bauwesen umfasst, gegenwärtig ca. 30 Prozent." (S. 41) Das ändert jedoch nichts am qualitativen Gewicht der Arbeiterklasse in der Produktionssphäre. Das gilt für die Klassenauseinandersetzungen auf ökonomischem Gebiet, aber auch in politischen Kämpfen. "Aus der aktuellen Entwicklungstendenz ihrer quantitativen Abnahme ist nicht zu schließen", so Werner Seppmann, "dass die industriellen ´Kernbereiche´ für die Konstituierung von Widerstandsbewegungen nebensächlich würden. Im Gegenteil: Als zentrale Orte der Mehrwerterzeugung bleiben sie bedeutsam, aber sie sind, wie wir gesehen haben, Bestandteil eines differenzierten Systems gesellschaftlicher Arbeitsteilung, das jeden betrieblichen Rahmen sprengt.

    Ihre tatsächliche Bedeutung können die ´Zentren´ nur dann zurückgewinnen, wenn sie Teil einer sozialen Bewegung werden, die inhaltlich über die traditionellen Organisationsstrukturen hinausweist. Eine einseitig betriebliche Orientierung würde nur eine tradierte reformistische Strategie der ´Interessenvertretung´ verlängern, die den aktuellen Problemen immer weniger angemessen scheint. Bleiben die ´Kernbereiche´ isolierte Territorien in diesem schwer überschaubaren Gelände differenzierter Arbeitsformen und Organisationsprinzipien, werden sie weitere Bedeutungsverluste erleiden. Denn ohne neue Formen der Vernetzung (möglichst auch in internationaler Dimension) können die Beschäftigten in den verschiedenen Segmenten der Arbeitswelt - um mit Marx zu reden - ´beliebig aufeinandergehetzt werden´." (S. 87/88)

    Widerspruchserfahrungen und Klassenbewusstsein

    Wie in der Schrift "Krise ohne Widerstand" wird auch in der neuen Publikation der Wechselwirkung von Widerspruchserfahrungen und Klassenbewusstsein große Aufmerksamkeit geschenkt. Der Kern der dazu in mehreren Abschnitten getroffenen Aussagen lässt sich folgendermaßen zusammenfassen: Trotz der Wirkung massiver sozialer Einschüchterung und deren "selbstunterdrückender Verarbeitungsformen" "hat die Forcierung des Klassenkampfes von Oben ein deutliches Konfliktbewusstsein erzeugt. ... Das Wissen um ihre existentielle Unsicherheit zählt zu den Konstanten des Gesellschaftsbewusstseins der Lohnabhängigen. Jedoch handelt es sich dabei noch nicht um Klassenbewusstsein. Sinnvoll wäre es von einer Klassenmentalität zu sprechen, die sich ´spontan´ durch die arbeitsalltäglichen Konflikterfahrungen entwickelt, aber von einer ganzen Reihe anderer Einflussfaktoren überlagert bleibt ..." (S. 174/175) Eine Entwicklungsperspektive des Klassenbewusstseins besteht dabei nach Ansicht des Autors darin, "dass auch die defizitären Formen, in denen aktuell die Lohnabhängigen ihre gesellschaftlichen Existenzbedingungen reflektieren, noch ein Echo der grundlegenden Tatsache darstellen, dass ihre Arbeit es ist, die den gesellschaftlichen Reichtum schafft und dieser höchst ungleich verteilt wird." (S. 175)

    Seppmann unterstreicht, dass politische Handlungsrelevanz der Arbeiterklasse sich nur durch "die konkrete Analyse ihrer gesellschaftlichen Situation" erschließt. "Der politische Formierungsprozess setzt organisierte Aufklärung, jedoch auch aufgeklärte Organisationen voraus, deren Protagonisten bewusst sein muss, dass (was Marx und Engels im ´Kommunistischen Manifest´ hervorgehoben haben) die Befreiung der Arbeiterklasse nur das Werk der Arbeiterinnen und Arbeiter selbst sein kann! ´Avantgarden´ werden dadurch nicht überflüssig. Die Aufgabe kritischer Wissensvermittlung bleibt ebenso wichtig, wie die Aufnahme und Verarbeitung von Erfahrungen aus den gesellschaftlichen Basisbereichen. Ihre Vermittlungs- und Organisationsaufgaben können sie jedoch nur erfüllen, wenn ihnen bewusst ist, dass sie als ´Erzieher selbst erzogen werden´ (Marx) müssen: Nicht die ´Betreuung´ der Klasse ist die politische Aufgabe, sondern die organisatorische Unterstützung des Prozesses ihrer Selbstbewusstwerdung." (S. 207) Zu Recht wird aber bei alledem gleichzeitig betont, dass das Wissen um die eigene gesellschaftliche Situation nur das eine unverzichtbare Standbein für die politische Handlungsrelevanz der Arbeiterklasse ist. Das andere ebenso unentbehrliche ist das "Wissen um Alternativen". "Jedoch gerade daran mangelt es - wie Seppmann zu Recht hervorhebt - gegenwärtig besonders. Deshalb fehlt radikaler Kapitalismuskritik oft die letzte Überzeugungskraft. Weder existieren in ausreichendem Maße lebenspraktisch nachvollziehbare Vorstellungen über eine ´andere Gesellschaft´, noch hat die Diskussion über deren Organisationsprinzipien auch nur ernsthaft begonnen. Das sind vordringliche Aufgaben für Parteien und Organisationen, die sich der Gesellschaftsveränderung verpflichtet fühlen" (S. 208)

    Hinzuzufügen ist, dass dies natürlich für die DKP als kommunistische Partei in besonderem Masse gilt. In unserem Parteiprogramm haben wir die Erfahrungen der Geschichte der kommunistischen Bewegung, die großen historischen Leistungen, aber auch die Fehlentwicklungen und Defizite des realen Sozialismus in Europa, die wesentlich zu seiner Niederlage beigetragen haben, dem derzeitigen Stand unserer Erkenntnisse entsprechend aufgearbeitet und daraus Schlussfolgerungen für unser Bild von einem zukünftigen Sozialismus gezogen. Dabei waren und sind wir uns der Defizite und der Aufgabe bewusst, ständig daran weiterzuarbeiten. Wobei das größte Defizit wohl darin besteht, dass es uns leider viel zu wenig gelingt, dass, was wir bereits erarbeitet haben in die Kämpfe und Bewegungen, in die Diskussionen um Alternativen einzubringen und damit politisch wirksam zu machen.

    Ein Resümee

    Als Resümee seines Buches kommt Werner Seppmann zu dem Schluss: "Um sich als fundamentale Veränderungskraft zu formieren, besitzt die Arbeiterklasse trotz aller Aufsplitterungstendenzen immer noch die besten Voraussetzungen. ... Der Betrieb ist der zentrale Ort gesellschaftlicher Auseinandersetzungen, denn in seiner Struktur liegt der archimedische Punkt der Macht des Kapitals. Die bürgerliche Hegemonie auf den anderen sozialen, ideologischen und kulturellen Feldern ist zu dieser Machtkonzentration vermittelt. Ohne Verbindung zu den zentralen gesellschaftlichen Produktions- und Reproduktionsbereichen laufen Widerstandsbewegungen leicht Gefahr, nur begrenzte Wirkungen zu erzielen. Trotz aller relativierenden Tendenzen, trotz der Bedeutungszunahme anderer Sektoren der Arbeitswelt, bleibt die Arbeiterklasse in den industriellen Kernbereichen von besonderer Bedeutung, denn sie sind der Dreh- und Angelpunkt des kapitalistischen Reproduktionssystems. ...

    Jedoch ist durch die geschilderten strukturellen Veränderungen die Notwendigkeit von Allianzen, Bündnissen und Zusammenschlüssen, vorrangig mit anderen Teilen der Lohnarbeiterklasse gewachsen, die ebenfalls an der Mehrwertproduktion, bzw. an der Realisierung des Mehrwerts Anteil haben. Aber intendiert werden muss nicht minder, die Einbeziehung aller, die unter dem Kapitalismus leiden, deren Existenzbedingungen durch eine ungebremste Verwertungs- und Destruktionslogik bedroht werden." (S. 208/209)

    Abschließend heißt es: "Auch wenn in der gewerkschaftlichen Praxis ´sozialpartnerschaftliche´ Illusionen noch weit verbreitet sind, so ist die Arbeitswelt dennoch der Ort der unmittelbaren Konfrontation zwischen Kapital und Arbeit und das Zentrum der gesellschaftlichen Widerspruchserfahrungen. Deshalb kann weiterhin davon ausgegangen werden, dass die Arbeiterklasse im Sinne von Marx das Negationsprinzip der bürgerlichen Gesellschaftsformation darstellt, sie aufgrund ihrer Möglichkeiten die entscheidende Kraft im Kampf gegen das Kapital und für den Sozialismus ist." (S. 210)

     

    Die von Werner Seppmann publizierten Schriften "Krise ohne Widerstand?" und "Die verleugnete Klasse" bilden zusammengenommen ein marxistisches Kompendium zur heutigen Arbeiterklasse unseres Landes das seinesgleichen sucht und wohl das Fundierteste darstellt, was gegenwärtig zu dieser Thematik vorliegt. Diese Feststellung wird auch nicht dadurch geschmälert, dass der Autor selbst von "Defiziten des vorliegenden Textes" spricht, die "in einer ´Soziologie der Arbeiterklasse´ minimiert werden, die 2012 erscheinen wird. Vieles, was hier nur angedeutet werden konnte, soll dann detailliert erörtert werden." (S. 22) Um so mehr kann man auf das angekündigte neue Buch gespannt sein.

    Für die aktuellen Diskussionen im linken Spektrum der Bundesrepublik kommen die beiden Publikationen zum richtigen Zeitpunkt. Das gilt im Besonderen auch für die Debatten in der DKP. Zu den umstrittenen Fragen gehören bekanntlich auch einige Aussagen zu den Veränderungen in der Arbeiterklasse und zu den Aufgaben der Kommunisten bei der Entwicklung des Klassenbewusstseins der Arbeiterklasse in dem Anfang letzten Jahres vorgelegten Dokument "Politische Thesen des Sekretariats des Parteivorstands der DKP". Aus meiner Sicht berechtigte Kritik daran übt auch Werner Seppman (Fußnote 19 auf Seite 13/14).

    Er übt sie durch seine entsprechenden Analysen als Sozialwissenschaftler. Das kann meiner Meinung nach dazu beitragen die Diskussion zu versachlichen. Auch unter diesem Gesichtspunkt gehören die beiden Bücher in die Hände möglichst vieler Mitglieder und Freunde der DKP.

    Kritisch anzumerken bleibt eigentlich nur der Eindruck, dass vielleicht etwas zu häufig andere Sozialwissenschaftler zitiert werden. Das hat sicher für Fachwissenschaftler und besonders wissenschaftlich Interessierte den Vorteil, dass so ein Überblick über den Stand der Diskussion zur Thematik des Buches vermittelt wird. Gerade für Arbeiterinnen und Arbeiter kann es sich dagegen als störend für den Lesefluss erweisen und die Lektüre erschweren.

     

    Willi Gerns

     

    Werner Seppmann "Die verleugnete Klasse - Zur Arbeiterklasse heute", Kulturmaschinen-Verlag 2011, 198 Seiten, 16,80 Euro

 

Veröffentlicht in Kultur und Gesellschaft

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