Arbeitslos in Kuba ?

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

Übernommen von SDAJ München - http://www.sdaj-muenchen.net/?p=3866 :

 

Privatisierung statt Planwirtschaft?! Die Produktivkraft „Mensch“ auf Kuba

(Foto: Martin Abegglen, CC)

(Foto: Martin Abegglen, CC)

[27.03.13]

 

Im sozialistischen Kuba gibt es keine Arbeitslosigkeit. Alle kubanischen Jugendlichen haben nach ihrer Ausbildung bzw. Studium einen Arbeitsplatz in dem von ihnen erlernten Beruf in einem staatlichen Betrieb garantiert. Das könnte sich jetzt ändern – meinen viele bürgerliche und sogar linke Medien in Hinblick auf den letzten Parteitag der Kommunistischen Partei Kubas. Der beschloss im April 2011 „wirtschaftspolitische Leitlinien“, die unter anderem die „Entlassung“ von insgesamt 1,5 Millionen staatlichen Beschäftigten vorsehen. Damit soll auf die angespannte wirtschaftliche Lage reagiert werden.

 

Es macht also den Anschein, als würde sich die Wirtschaftskrise weltweit ähnlich auswirken. Alle müssen sparen und überall müssen die arbeitenden Menschen die Krise bezahlen. Unter kapitalistischen Wirtschaftsbedingungen ist das tatsächlich so, denn die Arbeitskraft wird hier zu einer Ware. Wenn prinzipiell mehr arbeitsfähige Menschen vorhanden sind, als profitabel eingesetzt werden können, werden eben Beschäftigte entlassen. Daher gibt es in allen kapitalistischen Staaten einen gewissen Prozentsatz von Arbeitslosen – Tendenz meist steigend – was wiederum auf die Löhne der Noch-Beschäftigten drückt!

Das ist jedoch unter sozialistischen Produktionsbedingungen nicht möglich. Eine an den Bedürfnissen der Menschen orientierte Wirtschaft kann es sich nicht leisten, Arbeitslosigkeit zu tolerieren und die Lebenszeit der Menschen mit unsinnigen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen zu verschwenden. Vielmehr ist ein schnelles Wachstum der Produktivkräfte im Sozialismus von Nöten, um erstens die Grundbedürfnisse der Menschen zu erfüllen und zweitens langfristig die gesamtgesellschaftliche Arbeitszeit zu verringern.

 

Kuba hat heute noch mit den Überbleibseln der industriellen Unterentwicklung aus der Zeit vor der Revolution – Ineffizienz und Importabhängigkeit – zu kämpfen. Dabei verspricht sich die kubanische Regierung eine schnellere Entwicklung der Produktivkräfte von einer partiellen Rückkehr zur Privatwirtschaft. Fakt ist: Bei den bisherigen „Massenentlassungen“ handelt es sich nicht um „Rauswürfe“ im klassischen – soll heißen: kapitalistischen – Sinne. Die ArbeiterInnen stehen danach nicht auf der Straße und werden nicht mit mickrigen „Sozial“-Programmen à la Hartz IV abgespeist. Vielmehr wird ihnen die Möglichkeit gegeben, ein eigenes Gewerbe aufzubauen. Arbeitslos wird auf Kuba – auch nach den Reformen – niemand. Das liegt aber nicht daran, dass die kubanische Regierung einfach nur sozialer oder effizienter bei der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit agiert, als z.B. die Regierungen bei uns. Die Politik folgt auch im sozialistischen Kuba lediglich den Erfordernissen der ökonomischen Basis. Aber das ist genau der Unterschied: ein Wirtschaftssystem, das sich nach den Bedürfnissen der Mehrheit der Menschen richtet und nicht durch die Profitinteressen einer Minderheit dominiert ist. Im Sozialismus hat einfach niemand ein Interesse an „ungenutzter Arbeitskraft“.

 

Simon, Berlin (Dieser Artikel erschien in POSITION #2/2013)

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Gunther, nur ein Bürger. 03/27/2013 22:55


Das sich Kuba in den globalisierten Markt einbringen wird, kann am Beispiel der Biotechnologie und des Verkaufes von HEBERPROT-P
wunderbar beobachtet werden. Ja, da bleibt dem Schröder der Mund offen, wahrscheinlich jedem "Linken aller Couleur", die es einfach nicht verstanden haben, dass sich ein Entwicklungsland anpassen
muss. Und wer aus den Überschüssen eines einzigartigen Medikamentes auch noch die Wertschöpfungskette derart vergößert, um die benötigten Ressourcen in Technologie in die Landwirtschaft
investiert, der wird später staunen, welche Bedürfnisse in welchen Ländern durch den Nahrungsmittelexport profitieren. Die ALBA-Staaten.


Kuba exportiert schon heute Medikamente in die 3. Welt und verkauft diese entgegen der westlichen Kapitallogik zu Spottpreisen. Und Kuba ist ständig in der ganzen Welt unterwegs und baut bei
jeder Erdbebenkatastrophe seine Zelte auf...


 


Und bei dem Verweis einer Kritik zur Steigerung der Effizienz der kub. Wirtschaft bleibt mir denn der Mund offen...

Sepp Aigner 03/28/2013 00:34



Danke. Das erspart mir eine eigene Replik auf gkb.



Sabbelcafe 03/27/2013 21:44


Danke für diesen "Einblick" in die kubanische Wirtschaftspolitik. Ich hoffe das sich mittlefristig  das System Kuba und Venezuela in Latainamerika durchsetzt. Langfristig können wir
vielleicht von ihnen lernen...


 


Sabbelcafe

Sepp Aigner 03/28/2013 00:37



Das ist aber nur ein ganz kleiner Einblick. Die Reformpolitik insgesamt umfasst einige hundert Massnahmen, die monatelang öffentlich diskutiert und dann vom Parlament verabschiedet worden sind.
Den Text gibt es auf Deutsch, irgendwo auch in diesem Blog unter der Rubrik Kuba.



gkb 03/27/2013 13:44


Die kubanische Parteiführung hat sich vor der Ausformulierung von Raouls lineamientos allerhand sachkundigen Rat geholt. U.a. wurde mit Volkswirten führender internationaler Banken an diesen
Neuerungen gearbeitet.


Wichtiger Tenor der Reformen, und dies wird von Raoul mehr als einmal betont, ist, die Konsumgüter- und Lebensmittelproduktion an der Zielsetzung eines Überschusses in der Devisenerwirtschaftung
auszurichten. Da werden die Lebensverhältnisse der Menschen unter einem in dieser Wichtigkeit neuen Aspekt dauerhaft kritisch beäugt werden. Zum realen Grundbedürfnis der Menschen in Kuba ist
demnach eine Anerkennung des dortigen Wirtschaftens durch die ökonomischen Sachwalter des Weltgeldes ('die Märkte') definiert.


Der SDAJ-Autor schreibt:
"Eine an den Bedürfnissen der Menschen orientierte Wirtschaft kann es sich nicht leisten, Arbeitslosigkeit zu tolerieren und die Lebenszeit der Menschen mit
unsinnigen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen zu verschwenden."


Das ist eine solche Apologie der Kapitallogik, so hart und so hart an der Denkwelt eines Gerhard Schröder oder anderer Reformer, dass einem der Mund offen stehen
bleibt.


Dass Kuba "noch" mit "Überbleibslen" der vorrevolutionären Unterentwicklung zu kämpfen hätte, soll wohl eine Absage daran sein, ordentlich zu erklären, warum und
wie Länder wie die sozialistische Republik oder auch Venezuela besonders hart von der Krise getroffen werden. Dass (wie im
Fall Venezuelas) "unser Öl" von dort kommt oder "unser Urlaub" dort stattfindet, macht sie abhängig, nicht die reichen Länder. Sie sind eben in ihrer Reproduktion ein Anhängsel des
Weltkapitalismus, was man ihren Führungen kaum vorwerfen kann, so lange in den Zentren des Imperialismus nichts passiert, was deren Macht bricht.


Dass sie, wie Raoul Castro, an der weltweiten Kapitallogik jedoch die gegenüber dem bisherigen kubanischen Wirtschaften höhere Effizienz so aktiv bewundern, lässt
negative Folgen befürchten. Ich meine da insbesondere die Art, wie Kubaner künftig ihren Einsatz für ihre Gesellschaft selbst bewerten und bemessen, und wie sie sich gegenseitig begegnen werden.
Es wird eine für kubanische Verhältnisse völlig neue Art von Bürgern geben.