Auf einem Betriebsarbeiter-Treffen

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

 

 

Gestern habe ich an einer Beratung von Arbeitern teilgenommen, die von der DKP organisiert worden war. Vier Stunden lang berichteten Kollegen aus verschiedenen Betrieben über ihre Arbeitsbedingungen, Tarifauseinandersetzungen, die Schwierigkeiten der Gewerkschaftsarbeit, die Stimmung in den Belegschaften.

 

Immer wieder kam auch die Lage der Leiharbeiter zur Sprache. Sie müssen unter oft unsäglichen Bedingungen arbeiten, werden viel schlechter bezahlt als die fest angestellten Kolleginnen und Kollegen, die die selbe Arbeit machen, sie kommen und gehen, je nachdem, wie viel Arbeit gerade anfällt. "Flexibilisierung" nennen das die Unternehmer. "Flexibilisierung" ist ein schönes, sauberes, irgendwie wissenschaftlich klingendes Wort für ein Arbeitsverhältnis, das für die Betroffenen ein Hundeleben ist, immer am Rand der Sozialhilfe, immer in Angst, gar keinen Job mehr zu haben, ein Leben von der Hand in den Mund, ohne die Möglichkeit, die eigene Zukunft irgendwie vorauszuplanen, "moderne" Tagelöhnerei.

 

Der Einsatz von Leiharbeitern wirkt sich auch auf die Stammbelegschaften aus. Einerseits beginnen sich die Festangestellten mit den Leiharbeitern zu vergleichen und können da nur finden: Vergleichsweise gehts uns ja gut. Dies vor Augen, stärkt das die Bereitschaft, mit Lohnforderungen "vorsichtig" zu sein, alles zu tun, um sich die Festanstellung zu erhalten.Die leiharbeitenden Kollegen sind das lebende Beispiel dafür, wohin man gerät, wenn man seine feste Arbeit verliert.

 

Die grossen Konzerne wenden Leiharbeit systematisch an, nicht nur um Kosten zu sparen, sondern auch um die Belegschaften zu spalten und wehrloser zu machen, die verschiedenen Gruppen untereinander in Konkurrenz zu setzen und eine Solidarisierung untereinander zu verhindern. Eines der Mittel ist dabei, eine Vielzahl von rechtlich scheinbar selbständigen Firmen zu gründen, die jeweils bestimmte Detailarbeiten "im Auftrag" eines Konzerns erledigen. Auf diese Weise arbeiten dann in einem Werk Angehörige verschiedenster (Schein-)Firmen, die unterschiedlich bezahlt werden und nicht den Schutz des Tarifvertrags haben, den der Konzern mit den Gewerkschaften abgeschlossen hat. Die Konzerne gründen ihre eigenen Leiharbeiterfirmen und leihen sich dann Arbeiter von dieser eigenen Firma. Zum anderen leihen sie sich Arbeitskräfte von anderen, "fremden" Leiharbeitsfirmen.

 

Mit "Sozialpartnerschaft" hat das nichts mehr zu tun. Die freundliche Maske ist abgelegt. Die Kapitalisten meinen, die Kaschierung der Ausbeutung nicht mehr nötig zu haben. Bisher gibt die Reaktion der Arbeitenden ihnen recht. Es gibt wenig Gegenwehr. Die Kolleginnen und Kollegen, denen über das wirkliche "Arbeitgeber"- "Arbeitnehmer"-Verhältnis allmählich die Augen aufgehen, nehmen in der Mehrzahl noch hin. Die Angst überwiegt die aufkommende Wut. Es passiert scheinbar nichts.

 

Aber in Wirklichkeit passiert etwas in den Köpfen. Nicht, dass sie quasi von selbst klarer werden würden. So leicht ist das, was in den entwickeltsten kapitalistischen Ländern gerade vor sich geht, nicht zu durchschauen - nämlich ein umfassender Angriff der Kapitalisten auf die Lohnarbeitenden, eine strategisch angelegte Verarmungspolitik. So lange BLÖD gelesen wird und die tägliche Berieselung aus der Glotze die Gehirne aufweicht, kommt es nicht zu einem klaren Blick und schon gar nicht zu einem angemessenen Verhalten gegenüber dieser Unternehmerpolitik. Was passiert ist, dass der Zukunftsoptimismus, der vor zwanzig Jahren noch ziemlich fraglos war, immer mehr verschwindet und sich stattdessen Angst und Resignation ausbreiten, aber auch Unzufriedenheit, Wut und Hass.

 

Hier ein Beispiel für ein Leiharbeiterleben: http://www.europnews.de/2011-07-16-moderne-sklaverei.html .

 

Das ist "die Zukunft der Arbeit". Das ist keine lebenswerte Zukunft. Aber das ist genau die Zukunft, die die Kapitalisten vorhaben. Wer noch hofft, dass "die Zeiten wieder anders werden", täuscht sich. Die Wirkung dieser Täuschungen nimmt ab, weil die Wirklichkeit immer klarer zeigt, dass es im Gegenteil für die Lohnarbeitenden immer weiter abwärts geht. Dagegen aufzustehen, wird von Jahr zu Jahr mehr zur puren Notwendigkeit.   

 

Allmählich reift die Zeit heran, in der sich die klarsten Köpfe sammeln müssen, um organisiert, systematisch, mit klar definierten Zielen der Masse der Kolleginnen und Kollegen zu helfen, auch ihre Köpfe klarer zu kriegen und einen Kampf aufzunehmen, der nicht vermieden werden kann, der absolut notwendig ist, wenn der Weg in die Verarmung versperrt werden soll.

 

Die in dieser Hinsicht klarsten Köpfe müssen sich wieder in der kommunistischen Partei sammeln. Dafür gibt es viele mögliche Umwege, aber keinen Ersatz. Die Kapitalisten sind hoch organisiert in ihren eigenen Verbänden, halten sich einen riesigen Staatsapparat, verfügen über schier unbegrenzte Mittel, verfolgen mit strategischer Konsequenz und taktischer Verschlagenheit ihre Interessen und Absichten. Eine Arbeiterklasse, die wieder lernen muss, sich zu wehren, braucht ebenfalls ein Führunsgzentrum, in dem sich die aktivsten und zielbewusstesten Gewerkschaftler, Betriebsräte, Vertrauensleute, die Mitglieder und Sympathisanten der verschiedensten "linken Zusammenhänge" sammeln. Die deutschen Arbeiter und Angestellten müssen Griechisch lernen.

 

Auf unserer gestrigen Beratung hat eine junge Genossin vom Streik der Versicherungsangestellten berichtet, dem ersten seit Bestehen der BRD. Sie hatte am Tag zuvor vor tausend Kolleginnen und Kollegen gesprochen. Vor ein paar Wochen noch, sagte sie, habe sie sich gar nicht vorstellen können, vor einer so grossen Versammlung zu sprechen. Aber dann hat sie den Streik mit vorbereitet und organisiert, und dann muss man halt machen, was notwendig ist. Und es geht. Wir sind viel stärker, als sie uns beigebracht haben zu denken. Es ist übrigens angenehm, die eigene Resignation und Angst zu überwinden und die eigenen Fähigkeiten und die eigene Kraft zu spüren.

 

Im Herbst treffen wir uns wieder. Ich vermute, wir werden dann ein paar mehr sein. Die Zeit ist reif.

 

 

Veröffentlicht in Kommunisten

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