Breivik: Pathologischer Massenmörder ? Unerklärliche Tat ?

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

 

 

Moderner Kreuzritter

 

Vorabdruck. »Pathologischer Massenmörder« und »unerklärliche« Tat? Der Fall Anders Behring Breivik

 

Hans-Peter Brenner

 

»Man nennt es Rechtspopulismus«, lautet das Schwerpunktthema der in diesen Tagen erscheinenden neuen Ausgabe der Marxistischen Blätter. Das Heft enthält u.a. Beiträge von Phillip Becher (»Dänemark– ein Erfolgsmodell für die europäische Rechte«), Stefan Godau (»Zur Entwicklung des Rechtspopulismus in Skandinavien«), Georg Polikeit (»Rechtsextremismus in Frankreich«), Anne Rieger (»Rechtspopulismus in Österreich«) und Anne Polikeit (»Die rechte Schweiz«). jW veröffentlicht eine um Fußnoten und einige Passagen gekürzte Analyse des Marxisten und Psychotherapeuten Hans-Peter Brenner über den antikommunistischen und antiislamischen Mörder von Oslo und Utøya, Anders Behring Breivik, vorab. Zu bestellen sind die Marxistischen Blätter unter: info@neue-impulse-verlag.de (Einzelheft 8,50Euro).

Die Meldung per Handy war eindeutig, knapp, militärisch: »Breivik. Kommandant. Organisiert in der antikommunistischen Widerstandsbewegung gegen die Islamisierung. Operation durchgeführt und will sich Delta ergeben.«

Anders Behring Breivik meldete so das Ende seiner »Operation« auf der norwegischen Insel Utøya, nachdem er 69 Teilnehmer eines Jugendlagers der regierenden sozialdemokratischen Partei ermordet hatte.

»Delta« ist der Name der Elite-Polizeieinheit, die ihn nur wenige Minuten später ohne jede Gegenwehr festnahm. Nur Stunden zuvor war in der Osloer Innenstadt eine von ihm gezündete Bombe unmittelbar gegenüber dem Regierungssitz hochgegangen. Dabei starben acht Menschen.

Breiviks Massaker schockte nicht nur das ganze Land. Rund um den Globus fragten sich ungezählte Millionen, wie und warum so etwas Außergewöhnliches in solch einem »friedlichen Land« passieren konnte. Die Zahl der zu dem Massaker erschienenen Beiträge in den Massenmedien ist kaum zählbar, geschweige denn systematisch auswertbar. Die Suchmaschine Google wirft auf das Stichwort Breivik allein 54900000 Hinweise aus (Stand vom 3.9.11).

In einem ersten spontanen Kommentar hatte ich auf dem Weg zu meiner Praxis für die DKP-Wochenzeitung Unsere Zeit (vom 27.7.2011) noch im Zug geschrieben: »Kein ›Psychopath‹, sondern ›Spitze des Eisberges‹.« Es könne nicht darum gehen, einen weiteren ferndiagnostischen Schnellschuß zu landen und dem Verhalten von echten und selbsternannten »Experten« nachzueifern, die schon feste Erklärungen bei der Hand haben, mit denen sie den antikommunistischen und antiislamischen Massenmörder von Norwegen im Hauruckverfahren zum »schwerstgestörten Psychopathen« erklärten. Dabei werde ich auch zwei Monate später bleiben.

Es sind genügend norwegische und wahrscheinlich auch ausländische Wissenschaftler (innen) mit der Beurteilung der Persönlichkeit dieses Menschen beschäftigt. Deren Arbeiten und Ergebnisse bleiben abzuwarten. (…)
Aggressives Verhalten
Mord, sozialpathologisches Verhalten in dieser exzessiven Größenordnung läßt sich sicherlich leichter mit einigen sozialpsychologischen Schemata beurteilen, wenn man vom Einzelfall abstrahiert. Eine Typologisierung kann sinnvoll sein, sie kann einen Orientierungsrahmen bieten.

Schauen wir uns einige solcher Modelle aggressiv-pathologischen Verhaltens an. Die gängigsten Erklärungsansätze für aggressives Verhalten sind: 1.) Aggressionen als Form triebhaften und instinkthaften Verhaltens; 2.) Aggressionen als Ergebnis von Lernprozessen; 3.) Aggressionen als Verbindung von instinktgeleiteten Handlungen und erlerntem Verhalten.

Das aus der Psychoanalyse abgeleitete erste Modell geht aus von einem inneren Konflikt zwischen dem Lebensinstinkt »Eros« und dem auf Destruktion ausgerichteten Todestrieb »Thanatos«, der das Subjekt in eine solche Spannung versetzt, daß es dadurch zerstört werden kann. Nach außen gerichtete Aggressivität kann dann eine reinigende »kathartische« Wirkung erhalten, indem sie diese gefährliche Spannung auflöst.

Wegen ihrer empirischen Nichtüberprüfbarkeit besitzt diese orthodoxe psychoanalytische Aggressionskonzeption gegenwärtig keine bedeutende Rolle in der modernen Aggressionsforschung.

Eine davon abgeleitete Variante ist das »hydraulische Energiemodell« nach Konrad Lorenz, dem berühmten Verhaltensforscher des vergangenen Jahrhunderts. Danach ist aggressives Verhalten eine durch natürliche Selektion entstandene Verhaltensdisposition, die der Arterhaltung dient. Aggressives Verhalten ist nützlich für die Erweiterung des eigenen Territoriums und nützt der Ernährung einer größeren Nachkommenschaft. Aggressive Führungskämpfe dienen in der Fauna einer natürlichen Auslese der stärksten und gesündesten Leittiere. Angeborene Schlüsselreize sorgen wie bei einem Dampfkessel dann für eine Art Erregungsabfuhr. Damit diese nicht eruptionsartig und zu zerstörerisch wirkt, müsse in bestimmten Abständen eine »kontrollierte Dampfabfuhr« in sozial angemessener Form erfolgen.

Die schematische Gleichsetzung physikalischer Prozesse (Dampfdruck) mit innerpsychischen Erregungszuständen und die nahtlose Übertragung von tierischem auf menschliches Verhalten führte dazu, daß auch dieses Modell mehrheitlich von Psychologen und Psychiatern als nicht wissenschaftlich haltbar angesehen wird. Auch wenn das sprichwörtlich gewordene »Dampfablassen« in weiten Kreisen als verständliches und populäres Bild akzeptiert wird.

Das Gegenstück zu dieser eher die Instinktgesteuertheit der Aggressivität betonenden Auffassung besteht in dem Modell, das ursprünglich bereits 1939 von der sogenannten Yale-Gruppe, einer fünfköpfigen Autorengruppe, deren bekannteste Mitglieder J. Dollard, D. H. Mowrer und R.-T. Sears waren, entwickelt wurde. Ihre »Frustrations-Aggressions-Hypothese« besagt, daß Aggression eine Folge von Frustration ist. Sie muß sich nicht gegen den Auslöser der Frustra­tion richten, kann auch Ersatzobjekte wählen.

Da in diesem Schema die Frage des unterschiedlichen Verhaltens verschiedener Individuen auf dieselben Frustrationsquellen nicht erklärt werden kann, kam es zu einer Modifizierung dieses Modells. Aggressionen sind nicht »automatisch« die Folge von Frustrationen, sondern nur eine »dominante Reaktionstendenz«.

Da aber auch hier wiederum nicht erklärbar wird, warum die eine Person aggressiv reagiert, eine andere aber nicht, wurde auch dieses Modell noch einmal »verfeinert«. L. Berkowitz entwickelte in den 60er/70er Jahren die Vorstellung, daß zwischen Frustration und Aggression eine vermittelnde Instanz eingeschaltet ist, ein Zustand innerer »Erregung«, in Form von »Ärger«, die jedoch eines aggressiven »Hinweisreizes« als weiteren Auslösers bedarf. Dieser Hinweisreiz besteht aus individuell »erlernten«, d.h. konditionierten, Reizen, die nicht für jedermann gleich sind. So ist z.B. eine Waffe nicht für jeden Menschen in jeder Situation ein bedrohlicher »Hinweisreiz«. Es gehört auch eine als aggressiv oder aversiv und feindselig eingestufte Person dazu. Ob es dann auch zu einer aggressiven Handlung kommt, hängt zusätzlich von der Einschätzung der »Folgekosten« einer solchen Handlung ab.

Auch bei diesem Modell von Aggressivität bleiben viele offene Fragen bestehen. So wird nicht schlüssig erklärbar, unter welchen Voraussetzungen eine solche Bereitschaft zur Aggressivität nicht nur ausgelöst, sondern auch zu einem sich wiederholenden Verhaltensmuster der betroffenen Person wird. Wie verläuft die sogenannte »Habituation«, die Gewöhnung an das Abrufen aggressiver Verhaltensweisen und deren Automatisierung. Schon gar nicht ist damit die Frage nach aggressionsfördernden bzw. -hemmenden Faktoren beantwortet.

Deutlich wird aber dadurch immerhin, daß Aggressivität eine Form erlernten und nicht »angeborenen« Verhaltens ist: Dieses wird dann abgerufen, wenn es dafür eine »positive Verstärkung«, einen Gewinn, gibt oder wenn das zu erwartende Strafverhalten als so gering eingestuft wird, daß der Vorteil des aggressiven Tuns überwiegt.

Dabei spielen das soziale Umfeld und das soziale Muster im Sinne des »social modelling« eine bedeutende Rolle. Das Lernen von Verhaltensmustern setzt voraus, daß es ein solches beobachtbares Modell bereits gibt, an dem »gelernt« werden kann. Das aggressive Verhalten findet Nachahmer, wenn deutlich wird, daß der Aggressive dafür einen Gewinn einstreicht, daß er »belohnt« wird. Kinder ahmen dabei nicht nur das Verhalten von realen oder imitierten Verhaltensformen bei Menschen nach, sondern auch Comicfiguren fungieren als Modelle.

Im Fall Breivik ist für mich nicht erkennbar, ob es ein solches frühes »Modelling« gab. Rein äußerlich lebte er in einer unauffälligen Familie der schwedischen Mittelklasse. Er war aber ein Scheidungskind, ob und was er in diesem Zusammenhang an eventuellen Gewalterfahrungen erlebt hatte, ist der Öffentlichkeit nicht bekannt. Er wuchs bei Mutter und Stiefvater auf. Eine Bekannte der Familie erklärte gegenüber dem Spiegel: »Er war zu ruhig. Und er war sehr, sehr allein. Immer.« Es ist müßig, ohne weitere Informationen über diese Aussage zu spekulieren.
»Macht-durch-Zwang-Maßnahme«
Schon das im Internet anzusehende Video spricht für eine klare, gut strukturierte und professionell auf- und vorbereitete Aktion – ein Dummkopf, Medienlaie und Wirrkopf spricht hier nicht. Alles ist präzise und klar.

Der so rational vorgehende Massenmörder – an dessen Einzelgängertum man bei der umfangreichen und vieljährigen Vorbereitung und der hohen Professionalität nicht glauben kann –, hatte sich mit erschreckender Logik vorgenommen, die Nachwuchselite der norwegischen »Marxisten und Kommunisten« zu liquidieren.

»Aggressivität« bedeutet aus Sicht der Psychologie nicht eine »ungezügelte« überbordende Emotionalität mit einer nur spontan und heftig folgenden Handlung. Aggressivität kann auch völlig kalt, gezielt und hochorganisiert ausgelebt werden.

In diesem Zusammenhang wird von Aggressivität als einer »sozial interaktionalen Theorie der Ausübung von Zwang« (social interactionist theory of coercive actions) gesprochen. Im Rahmen der »Rational choice theory« (»Theorie der rationalen Entscheidung«) wird Aggressivität als Mittel der Ausführung einer »Macht-durch-Zwang-Maßnahme« angesehen.1

Aggressivität wird bewußt nach Abwägung von Für und Wider eingesetzt; dabei geht es um drei allgemeine Hauptziele: 1.) Kontrolle über andere erzwingen; 2.) Wiederherstellung von »Gerechtigkeit« (im Sinne des Aggressors); 3.)Behauptung oder Schutz der eigenen Identität.

Die Intensität der Zwangsausübung bleibt einem rationalen Kalkül vorbehalten und wird entschieden nach: der erwarteten Wahrscheinlichkeit, mit der ein anvisiertes Ziel durch diese Stärke von Zwang erreichbar wird; dem Wert, der dem anvisierten Ziel beigemessen wird; der geschätzten Kosten-Nutzen-Relation, die bei Abwägung verschiedener Handlungsoptionen erkennbar wird.

Stroebe/Hewstone/Stephenson schreiben dazu in ihrem Lehrbuch Sozialpsychologie: »Generell folgt also die Ausübung einer Macht-durch-Zwang-Maßnahme auf einen rationalen Prozeß oder wird von diesem begleitet. Dabei kann der rationale Anteil unterschiedlich ausgeprägt sein im Hinblick auf den Umfang und die Komplexität der Gedanken, er kann stark oder auch schwach sein, besonders wenn die Situation sehr emotional ist oder schnelle Entscheidungen gefällt werden müssen. Aber eine rationale Entscheidung ist das grundlegende Prinzip: Je nachdem welches der drei oben genannten Ziele durch Macht-durch-Zwang angestrebt wird, gewinnen die entsprechenden Maßnahmen unterschiedliches Gewicht: Wenn das Ziel im Erreichen eines positiven Ausganges liegt, mag das Nachgeben (›compliance‹) der Zielperson das angestrebte Ergebnis sein; wenn aber das Ziel darin besteht Gerechtigkeit wiederherzustellen oder Identität zu behaupten, mag das Ziel eine Schädigung oder Verletzung der Zielperson sein.«2 Breivik erfüllt nahezu lehrbuchartig diese Modellbedingungen.
Biopsychosoziale Einheit
Die für mich als Marxisten weitaus bedeutsamere Frage ist nicht diese einzelne Person und deren (womöglich) »deformierte Persönlichkeitsstruktur«. Hier fangen ja bereits die Probleme an. Was versteht »man« unter »Persönlichkeit«? Was heißt denn in diesem konkreten Fall überhaupt »pathologisch«? Welche Rolle spielt das ja künstlich aus Daten zusammengezimmerte Merkmal »Struktur« im Verhältnis zu eher situativen, auf (»kritische«) Lebensereignisse hin orientierende Modelle menschlichen Verhaltens? Welche Rolle spielt das sich temporär ändernde biographische Erleben? Welche Relevanz haben soziale Faktoren in Gegenwart und Vergangenheit des Täters? Und schließlich: Welche Rolle spielt das entscheidende »Momentum«, die ganz spezifische, vielleicht nur einmal im Leben eintretende individuelle »Auslösesituation«? Wer glaubt, in einem (!) Gespräch einen Menschen so klar erfassen zu können, der irrt.

Das sage ich vor dem Hintergrund eines recht frischen eigenen beruflichen Dramas, bei dem ein von mir behandelter Patient nur vier Wochen nach Therapieschluß seine Frau erstach. Die Therapie war nach allen formalen Merkmalen und Standards »erfolgreich« verlaufen. Bis auf ein für mich nicht konkret formulierbares Unbehagen, das ich mit dem Satz dokumentierte. »Ich kann dem Patienten die positive Therapiebilanz nicht glauben.« Aber was nützte dieses unspezifische Gefühl? Menschen reagieren oft aus einem Motivbündel heraus, aus teils sogar recht konträren Erkenntnissen, Kognitionen und Emotionen.

Das eindimensionale Erklärungsmodell mit der schnellen Diagnose »Pathologie« funktioniert nicht. Für mich stellt sich deshalb die Frage, welche Rolle bei der Untersuchung Breiviks das Wissen um die dialektische Einheit von biologischen, psychischen und sozialen Faktoren spielen wird, die menschliches Verhalten in einem sehr komplizierten Geflecht von Interdependenzen beeinflussen.

Der Mensch, sowohl als Gattung wie auch als Individuum, muß als eine solche »biopsychosoziale Einheit« angesehen werden. Zumindest müßten die Untersuchungen Breiviks von diesem in den letzten Jahren der DDR dort wie auch in den USA und der BRD diskutierten und entwickelten paradigmatischen Ansatz ausgehen, wenn man nicht ein einseitiges Bild von diesem dramatischen Ereignis in Oslo und auf der Insel Utøya bekommen will. Aus den bisher bekanntgewordenen ersten Verlautbarungen über Gespräche mit dem Täter läßt sich dies noch nicht eindeutig erkennen. Es gibt nur Hinweise.
Die Rolle des Politischen
»Er (Gott) muß (!!) sicherstellen, daß ich Erfolg habe mit meiner Mission, und dazu beitrage, Tausende andere revolutionäre Konservative / Nationalisten, Antikommunisten und Antiislamisten in der europäischen Welt zu inspirieren.« So gab die Süddeutsche Zeitung Breiviks Ziel wieder.

Breivik ist also ein politisch (!) motivierter Massenmörder mit einem außerordentlichen Sendungsbewußtsein. In seiner 1500 (!) Seiten langen Erklärung »2083 – Eine Europäische Erklärung der Unabhängigkeit« erläuterte das langjährige Mitglied (offiziell von 1999–2006) der rechten norwegischen »Fortschrittspartei« – mit zweijähriger verantwortlicher Funktion in deren Jugendverband –, sein in sich logisches und stimmiges politisches Motiv. Er erklärt darin vor allem Kommunisten und Marxisten zu Wegbereitern des »Multikulturalismus«. Er ruft deshalb zu einem neuen Kreuzzug auf: gegen Kommunisten, gegen Islamisten, gegen alle, die nicht so »norwegisch« denken wie er.

Es ist nicht zutreffend, daß – wie der Spiegel in seiner langen Titelgeschichte »Die Spur des Bösen« (Nr. 31/2011) zu Breivik schreibt– er nur »kompiliert, fabuliert« und »seltsames Zeug« von sich gibt.

Daß er im April 2002 in London an einer »Neugründung des Templerordens« teilgenommen haben will, liegt absolut in der Logik seiner Geschichts- und Politikkonzeption. Er übernimmt auf stimmige Weise organisatorisch, personell und programmatisch das historische Vorbild der Kreuzfahrer. Daran ist nichts »wirr«. (...)

Das umfangreiche Breivik-Dokument enthält mehr als nur »wirre Erklärungen«, die er für sein Verbrechen »zusammengeklaubt hat«, wie es der Kommentator des Spiegel meint. Der Bezug auf Programm und Outfit der Tempelritter, als deren geistiger Nachfahre sich Breivik sieht, ist kein Ausfluß »irren« Denkens, wenn man die Geschichte und die Botschaft der Kreuzritter ihrer Legenden und Märchen entkleidet.

Breiviks Gewißheit, auserwählt zu sein und einen Vernichtungsfeldzug gegen einen weltanschaulichen Feind führen zu müssen, ist keinesfalls so singulär, wie es viele Kommentatoren suggerierten. Das Kreuzrittertum war historisch auf Massenliquidation des »Feindes« ausgelegt.

Papst Urban II. rief auf der Synode von Clermont im Jahre 1095 mit folgenden Worten zum ersten Kreuzzug und zum Vernichtungskrieg gegen den Islam auf: »Denn die Türken, ein persisches Volk, haben sie (gemeint sind die Christen im damaligen Palästina und Vorderasien – d.A.) angegriffen, wie viele von Euch bereits wissen, und sind bis zu jenem Teil des Mittelmeers, den man den Arm des heiligen Georg nennt, auf römisches Territorium vorgedrungen. (...) Und deshalb ermahne ich, nein, nicht ich, ermahnt Gott Euch als inständige Herolde Christi mit aufrechter Bitte, Männer jeglichen Standes, ganz gleich welchen, Ritter wie Fußkämpfer, reiche und arme, wiederholt aufzufordern, diese wertlose Rasse in unseren Ländern auszurotten und den christlichen Bewohnern rechtzeitig zu helfen.«

Der für diesen Aufruf zur Ausrottung des (weltanschaulichen) Feindes zitierte Kronzeuge war die höchste aller Autoritäten: der Gott der Christen selbst. Mit dem Kampfruf »Deus lo vult« – Gott will es – wurden in den folgenden Jahrhunderten alle nur vorstellbaren Grausamkeiten und Massaker im Kampf zur Rückgewinnung des »Heiligen Landes« legitimiert. Wer wollte als Christ sich dieser doch »gottgewollten« Logik entziehen? Waren die Kreuzzügler deshalb alle »Irre«? Sicherlich nicht.

Genau so »rational«, in sich stimmig und zugleich mörderisch war der Kommissar-Befehl Hitlers vor dem Angriff auf die Sowjetunion. Die »politische Elite innerhalb des feindlichen Heeres«, der Roten Armee, mußte und sollte sofort und gnadenlos liquidiert werden. Ohne Urteil, ohne Prozeß, sofort bei Gefangennahme, ohne zu zögern und ohne Ausnahme. Nicht anders die Vorgehensweise von Breivik. Es ist eine in sich stimmige brutale Konsequenz, die er mit aller Raffinesse und Kaltschnäuzigkeit realisierte. Ein Psychopath? Dann wäre auch Hitler ein solcher gewesen. Oder einer der engsten Komplizen des »Führers«, Heinrich Himmler, der vor ausgewählten SS-Führern seine Mördertruppe dafür lobte, daß sie alle bei ihren Massenmorden charakterlich »sauber« geblieben seien.

Doch es gibt noch andere Modellfiguren, die Breivik innerlich vielleicht noch näher standen als Hitler und Himmler. Breivik mag eigenbrötlerisch und über viele Strecken seines Lebens ein »Einzelgänger« gewesen sein. Er lebte aber nicht als Einsiedler. Er hatte organisatorische Verbindungen zu und Bindungen an rechtsradikale bis neofaschistische Organisationen und Strukturen. Zwar mag seine mehrere Jahre anhaltende Mitgliedschaft in der als »rechtspopulistisch« verharmlosten ausländerfeindlichen »Fortschrittspartei« tatsächlich irgendwann formal gekappt worden sein, damit blieb er aber dennoch offenbar Teil eines international gut vernetzten Systems von Rechtsradikalen und Neonazis, die nicht mit den traditionellen neofaschistischen »Alt-Parteien« gleichgesetzt werden können. Und die das auch gar nicht wollen.

Der von Breivik als sein »Mentor« genannte Brite Paul Ray, der jetzt jegliche Beziehung zu dem geständigen Attentäter bestreitet, gehört zu den Gründern der islamfeindlichen »English Defence League« (Englische Verteidigungsliga). In seinem »Manifest« erwähnte Breivik unter dem Pseudonym »Richard« einen Briten, »der mein Mentor wurde«. Dieser Mentor ist Ray. Er unterhält einen Webblog unter dem Namen (Richard) »Löwenherz« und fungiert als Chef der Bewegung der »Tempelritter«. Breivik will der Gründung der Bewegung im Jahr 2002 in London beigewohnt haben. Warum sollte er, der offenbar nicht nur oberflächliche Kenntnisse über diese Struktur besaß, sich dies ausgedacht haben? (…)
Spitze des Eisbergs
Die Reaktionen der französischen Ultrarechten aus der Bewegung des Jean-Marie Le Pen und seiner Tochter und Nachfolgerin Marine verdeutlichen, wie sehr Breivik eine in das Gesamtsystem dieser europäischen Neonazis integrierte Person ist. Das klammheimliche Einvernehmen mit dem Massaker auf Utøya – zumindest mit den diesen Massenmord legitimierenden Denkmustern – ist nicht übersehbar.

Jean-Marie Le Pen bezeichnete die Morde von Oslo und Utøya lediglich als »Unfälle«. Er meinte, »viel schwerer« wöge die »Naivität« der norwegischen Regierung und der »multikulturellen Eliten« gegenüber der »Kolonialisierung Europas« durch Einwanderer aus der dritten Welt und vor allem durch Muslime. Darauf habe auch »dieses Individuum in seinem mörderischen Wahn« nur aufmerksam machen wollen.

Ein »Psychopath«? Nein, ein bis zum bitteren Ende »konsequenter« Antikommunist und Antiislamist. Ein »verirrter« Einzelgänger? Nein, er ist nur die Spitze eines Eisberges. (…)

Anmerkungen

1 J.T. Tedeschi/R.B. Felson (1994): Violence, Aggression and Coercive Actions. Washington, DC. American Psychological Association

2 W. Stroebe/M. Hewstone/G. M.Stephenson (1997): Sozialpsychologie. Eine Einführung. Berlin/Heidelberg/New York, S. 446

Dr. Hans-Peter Brenner ist Diplompsychologe, Psychotherapeut und Mitherausgeber der Marxistischen Blätter

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2011/10-11/016.php

 

(c) Junge Welt 2011

 

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