China erschliesst seinen Westen

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

In China wird gerade der Westteil des Landes wirtschaftlich erschlossen und innerhalb kurzer Zeit auf einen modernen Stand gebracht werden. Dabei geht es nicht um einen Rest des Landes. Das Projekt hat gewaltige Dimensionen und wird das Gewicht Chinas in der Weltwirtschaft noch einmal bedeutend erhöhen. Mit der Erschliessung des Westens wird China die USA wirtschaftlich überholen. In dem Gebiet, um das es dabei geht,  leben übrigens auch mehr Menschen als in den USA. 

 

In einem Artikel in der FAZ wird dieses Thema behandelt. Die FAZ sieht das zwar mehr aus der Sicht deutscher Autokonzerne und muss natürlich der political correctness wegen auch ein Quantum Mäkelei dazumischen, aber der Text hat einigen Informationswert, vor allem, weil er dieses bedeutende Thema überhaupt aufgreift:

 

http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/nordwestprovinz-xinjiang-chinas-stille-reserve-11819374.html

Veröffentlicht in China

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retmarut 07/20/2012 14:05


@ gunther:


An der VR China scheiden sich leider oftmals auch in der kommunistischen Bewegung die Geister. Die einen führen offenbar noch Grabenkriege aus Zeiten der Polemik über die Generallinie, andere
verorten die VR China seit 1980 im Revisionismus-Sumpf, wieder andere kommen offenbar ideologisch nicht so richtig mit dem Konzept einer sozialistischen Marktwirtschaft klar.


Ist ja alles anhand der Brüche innerhalb der kommunistischen Weltbewegung durchaus subjektiv nachvollziehbar, ließe sich ja mit allem durchaus leben, wenn das nicht gleichzeitig in irrationale,
wirklichkeitsferne Betrachtungen der VR China umschlüge, Stichworte: "Turbokapitalismus", "chinesischer Imperialismus", "China rüstet zum Krieg gegen die USA" etc. pp.


Objektiv betrachtet sollten wir Kommunisten doch, egal wie mensch die VR China nun konkret klassifiert und im Detail bewertet, sehr froh sein, dass es ein unterentwickeltes Land dieser Größe
gibt, dessen staatliche Stellen derart stark marxistische Studien und Publikationen fördern wie die VR China (dort entsteht derzeit z.B. eine neue Ausgabe der MEGA in Chinesisch), wo es ein
derart modernes Arbeitsrecht gibt und wo Millionen von Menschen innerhalb weniger Jahrzehnte aus bitterster Armut geholt wurden. Würde so etwas beispielsweise in einem lateinamerikanischen Land
wie Brasilien oder Argentinien stattfinden, gäbe es hier zu recht breite Soli-Bewegungen (vgl. Venezuela). Wenn es jedoch um die VR China geht, springen auch viele deutsche Marxisten schnell mit
ins Boot der bürgerlichen Apologeten und ihrem China-Bashing und ihrem Menschenrechtsimperialismus.


 


Wenn DHL in der VR China Paketdienste einrichten wollen, sollen sie's halt machen. Langfristig wird diese Sparte wieder von chinesischen Unternehmen (entweder staatlichen oder eben auch privaten)
übernommen. Das zeichnet sich ja derzeit auch mit der Automobilbranche ab, wo u.a. deutsche Automobilbauer in China Riesengewinne auf Jahrzehnte wittern und gleichzeitig miterleben müssen, dass
dort Schritt für Schritt eine eigenständige (qualitativ noch erheblich ausbaufähige) Automobilindustrie entsteht. Auf der anderen Seite nehmen auch die Direktinvestitionen chinesischer
Unternehmen in den imperialistischen Zentren zu, hier in der BRD u.a. bei strategisch interessanten Mittelständlern aus dem Maschinenbau. Ist eben auch keine Einbahnstraße.


 


In der jungen Welt sind ja auch ganz verschiedene Blickwinkel auf China zu finden, je nachdem wer gerade schreibt: Die aus meiner Sicht authentischste Berichterstattung hat der Carlens, während
Rupp sich an US-Quellen orientiert und dabei etliche US-amerikanische Zerrbilder über China wiederkäut, der Mellenthin hingegen scheint mir stark an oppositionell-gewerkschaftlichen Quellen aus
Hong Kong zu kleben, weshalb er die Rolle der Wanderarbeiter meiner Meinung nach falsch interpretiert. Sehr lesenswert finde ich im deutschsprachigen Raum Theodor Bergmann, Rolf Bertold und
Arbeitsrechtler wie Rolf Geffken und Wolfgang Däubler, weil die nah am Puls der Zeit sind und durch ihre häufigen China-Aufenthalte die fortschreitenden sozialen Verbesserungen (! - in der BRD
wäre es ja schon super, wenn überhaupt der soziale Status quo gehalten würde) gut einfangen können.

gunther 07/19/2012 20:49


Ok, ich meinte es auch eher allgemein. Bisher verband man mit Konsumdenken bzw. -gesellschaft wohl eher den Kapitalismus. Ich will mich überhaupt nicht dazu äußern in welcher Phase sich China nun
befindet, das ist nicht nur abhängig vom Wissen über das Land, sondern auch vom Standpunkt abhängig. Für die einen ist es gelaufen, weil dort zu viele Konzerne kap. agieren, andere sehen
keine Alternative dazu, andere reden von auslaufenden Joint Ventures und dann muss man lesen, dass eben DHL investiert. Das können die Chinesen doch selbst, ein paar Packete transportieren. Es
wäre eben ein Kapitalist weniger, die müssen sie aus dem Land kriegen...


Ich kenne einige Artikel aus der jW und sehe es ungefähr auch so, aber ich wage da lieber keine waghalsige Prognose. Es sei den Chinesen gegönnt einen wirklichen Sozialismus zu erreichen, einen
indem sie aktiv mitgestalten können. Das ist das wichtigste.

retmarut 07/19/2012 12:41


@ gunter:


Ich glaube, hier liegt ein Missverständnis vor, wenn Du sagst:


"Aber was hat Konsumdenken mit Sozialismus zu tun? Und was soll später noch kommen, wenn in einem so enormen Tempo gebaut wird? Es ist klar, dass China großen Nachholebedarf hat, aber irgendwann
müssen die Ruder umgeworfen werden? Zu denken, man könne alles planen wird nicht funktionieren, denn man kann nicht in die Köpfe sehen. Der Sprung vom Kapitalismus, ganz gleich welcher
Entwicklungsstufe, zum Sozialismus ist enorm!"


 


1. Die VR China hat ja seit den 1950ern die Eigentumsverhältnisse und die Herrschaft über den Staat im sozialistischen Sinne geändert. So gesehen befindet sich die VR China bereits beim Aufbau
der ersten Etappe des Sozialismus und nicht mehr in der kapitalistischen Vorgeschichte. - Das mag mensch jetzt als Korinthenkackerei abtun, ich halte es jedenfalls für wesentlich, um den
Charakter der derzeitigen Gesellschaftsformation in China richtig zu bestimmen.


2. Die strategische Anhebung des Binnenkonsums wird ja nicht allein forciert, damit die Bevölkerung sich jetzt mehr Konsumwünsche erfüllen kann (was allein für sich auch durchaus verständlich
wäre), sondern um die gesamte Ökonomie von der bisherigen Abhängigkeit vom Export zu entlasten. Damit werden die durch die Exportflauten erzeugte Beeinträchtigung des BIP abgefedert. (D.h. den
verstärkt von außen kommenden kapitalistischen Krisenerscheinungen wird damit gezielt entgegengetreten.)


3. Es geht beim Aufbau im Westen auch darum, die (historisch-geographisch bedingten) Ungleichheiten der Entwicklung des Landes schrittweise aufzuheben, also den Lebensstandard in der VR China zu
vereinheitlichen. Die gezielt geförderten Industrieansiedlungen wie auch die finanzielle Entlastung der bestehenden Landwirtschaft (z.B. die bestehenden Steuerbefreiungen für Bauern) sollen
dieses Ziel fördern. Wir dürfen nicht vergessen, dass es in der VR China insb. im peripheren, ländlichen Bereich noch echte Armut und Unterentwicklung gibt: Knapp 9% der Bevölkerung haben keinen
direkten Zugang zu sauberem Trinkwasser, 36% sind nicht an die Kanalisation angeschlossen. Die Regierung hat daher in den letzten Fünfjahrplänen auch gezielt Mittel eingesetzt, in diesen
Bereichen weitere Verbesserungen zu erzielen, mit Erfolg übrigens, wie selbst die UNO hervorhebt.


4. Grundsätzlich sollte, bei all den wirtschaftlichen und technologischen Erfolgen der VR China, nicht vergessen werden, dass es sich weiterhin um ein Entwicklungsland handelt. Der Unterschied
z.B. zu Indien (das heute bevölkerungstechnisch mit der VR China etwa gleichgezogen hat und auch von der Ausgangslage 1948/49 ähnliche ökonomische Startbedingungen hatte) ist, dass die
Entwicklung in der VR China im Rahmen einer sozialistisch geplanten Marktwirtschaft stattfindet, sprich: eine sozialistische Lenkung des Marktes unter Beibehaltung der Schlüsselindustrien in
vergesellschafteter Hand. (Diese marktwirtschaftliche Komponente ist übrigens auch eine Lehre aus der ökonomischen Entwicklung der SU, die zunehmend durch die überzentralisierte Direktsteuerung
von Betrieben zusehends in eine ökonomische Stagnation geriet.)


Ich halte die strategischen Planungsziele der VR China im Großen und Ganzen für durchdacht und den historischen Gegebenheiten angemessen, insb. auch ihr Befund, dass erst gegen Mitte des 21.
Jahrhunderts ein allgemeiner Lebensstandard wie in den südlichen EU-Staaten zu erreichen sein wird.


 

gunther 07/19/2012 09:12


Durch die "forcierte" Industrialisierung im Westen Chinas, dem Anheben der sicher niedrigen Löhne, dem nötigen Ausbau der sozialen Sicherungssysteme entsteht natürlich auch Wohlstand. Aber was
hat Konsumdenken mit Sozialismus zu tun? Und was soll später noch kommen, wenn in einem so enormen Tempo gebaut wird? Es ist klar, dass China großen Nachholebedarf hat, aber irgendwann müssen die
Ruder umgeworfen werden? Zu denken, man könne alles planen wird nicht funktionieren, denn man kann nicht in die Köpfe sehen. Der Sprung vom Kapitalismus, ganz gleich welcher Entwicklungsstufe,
zum Sozialismus ist enorm!

Sepp Aigner 07/19/2012 11:07



Natürlich ist das ein widersprüchlicher Prozess, der auch scheitern kann. "Konsumdenken" ist eine Sache. Aber dass es im Sozialismus meher Wohlstand gibt als im Kapitalismus, muss doch das Ziel
eein. Ichbin jedenfalls nicht für einen Sozialismus, von dem man sagen kann "Sie sind zwar arm, aber dafür haben sie eine hohe Moral", sondern für einen, in dem "jeder nach seinen Bedürfnissen"
leben kann.


"irgendwann muss das Ruder herumgeworfen werden": Das Etappenziel ist klar formuliert: Bis zur Mitte des Jahrhunderts ein Lebensstandard wie in den kapitalistischen Staaten der zweiten Reihe -
Spanien etwa (aber vor der Krise).



retmarut 07/18/2012 23:40


@Kiat Gorina: "China bereitet sich darauf vor, dass die USA zusammenbrechen!"


Ich bezweifle, dass diese Überlegungen bei der KP China im Mittelpunkt stehen. Dann würden die ganz anders handeln.


Es ist schon seit längerem in Planung (u.a. im vorigen und im derzeitigen Fünfjahrplan auch so festgelegt), den strukturschwachen, ländlichen Westteil des Landes zu fördern (durch gezielte
Industrialisierungsprogramme sowie weiterem Anheben des Lebensniveaus der dortigen Bauern) und allgemein die Binnennachfrage zu stärken (durch höhere Löhne, übrigens begleitet vom Ausbau der
sozialen Sicherungssysteme).


Die Weltwirtschaftskrise und das teilweise Wegbrechen der Exportwirtschaft hat sicherlich mit dafür gesorgt, dass jetzt beim makroökonomischen Nachjustieren gleich größere Kapitalmittel in den
"Westaufbau" geflossen sind. In der VR China wird bei solchen Vorhaben ja meist nicht gekleckert, sondern geklotzt.


 


Lustig finde ich übrigens immer die warnenden deutschen Hinweise, dass das Wirtschaftswachstum in der VR China wieder von 9 auf z.B. 7,6% absinkt. Offenbar werden in den deutschen Redaktionen die
ökonomischen Plankennziffern der Staatsführung nicht gelesen. Dort wurde im letzten Fünfjahresplan festgelegt, dass als jährliches Wirtschaftswachstum 7% anzustreben sei, um eine Überhitzung der
Wirtschaft zu vermeiden und eine Nachhaltigkeit des Wirtschaftens zu erreichen. - Eigentlich sollte mensch den chinesischen Wirtschaftsplanern ob dieser Zahlen Respekt zollen: Trotz turbulenter
Weltwirtschaft gelingt es ihnen das angestrebte Wachstumsziel fast punktgenau zu erreichen.


Eine geplante Wirtschaft (hier in Form einer Steuerung auf der Makroebene) ist eben weitaus effektiver als die anarchische des Kapitalismus.

Sepp Aigner 07/19/2012 08:34



Die Erschliessung des Westens ist im vollen Gang. In zehn Jahren wird das auf einem Stand sein wie die Küstengebiete heute - d.h. ungefähre Verdoppelung der Produktionsbasis un des jetzigen
Lebensstandards in den westlichen Gebieten.