Der 11. September 2001 - "Die Welt wird wieder einfach ?"

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

Den folgenden Beitrag habe ich von der Site der KI Gera gespiegelt ( http://kommunistische-initiative.org/2011/09/10/ ):

 

 

Um es gleich vorweg zu nehmen: Ich glaube nicht an Verschwörungstheorien. Ich weiß nicht, ob westliche Geheimdienste oder Geheimorganisationen an der Zerstörung des World Trade Centers beteiligt waren, ob es von der CIA unterschlagene Warnungen im Vorfeld gab – ich zweifle aber auch nicht daran, dass an diesem Tag Tausende von Menschen umgekommen sind. Und wir alle wissen, dass die Anschläge die Begründung lieferten für Kriege, die seit nunmehr zehn Jahren mit beispielloser Brutalität geführt werden und deren Ende nicht absehbar ist. Das zumindest kann wahrscheinlich Konsens sein, auch wenn wahrscheinlich die Bewertungen der Ereignisse um 9/11 und deren Folgen sehr subjektiv ausfallen werden. So bitte ich auch meine folgenden Überlegungen zu lesen.

 

Die Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon am 11. September 2001 haben, wenn man den vielen Kommentatoren, „Terrorismusexperten“ und Analysten glauben will, die Welt, wie „wir“ sie kannten, entscheidend verändert. Wenn ich im Titel dieses Artikels sage, dass die Welt sich nicht nur verändert hat, sondern „wieder einfach wurde“, dann ist das auf den ersten Blick eine krude Aussage. Was ist an der Welt seit dem 11.9.2001 einfacher als zuvor?

 

Meine These lautet: Die Welt erschien plötzlich vielen Menschen wieder leichter durch-schaubar, weil sie wieder einteilbar wurde in zwei Lager. Es gab für die Bevölkerungen (man ist fast versucht zu sagen: „endlich“) wieder die klare Separierung zwischen „gut“ und „böse“ – vor allem gab es wieder einen Feind, auch wenn der sich offenbar zu tarnen verstand und bis zu jenem Zeitpunkt die wenigstens Medienkonsumenten eine Idee davon gehabt haben dürften, wer denn ein Osama bin Laden oder eine Organisation namens Al Qaida sein könnte. Der schon Jahre zuvor angekündigte, befürchtete „Kampf der Kulturen“ (das ist ein Buchtitel des amerikanischen Kulturwissenschaftlers Huntington) war nur wenigen Lesern ein Begriff – mit dem 11. September war der „clash of cultures“ plötzlich in aller Munde.

 

Die klare Unterscheidung zwischen „gut“ und „böse“, zwischen „uns“ und „den anderen“ war dem Westen mit der Niederlage des sozialistischen Blocks zehn Jahre zuvor fast vollständig abhanden gekommen, Geschichtswissenschaftler und Philosophen hatten mit dem Ende der 8oer Jahre auch das Ende der Geschichte erklärt. Plötzlich aber war alles wieder anders – fast so wie früher, in den Zeiten des Kalten Kriegs, jenem „radikalen Zeitalter“ der Jahre 1947 - 1991. Jetzt, mit dem Kollaps der Gebäude im Herzen der westlichen Finanzindustrie, herrschte im wahrsten Sinne des Wortes scheinbar aus heiterem Himmel Krieg – ein Krieg, den man (zumindest offiziell) so nicht erwartet hatte. Man wusste endlich wieder, wo man stand – natürlich auf der richtigen Seite, auf der guten Seite.

 

An erster Stelle war es die amerikanische Regierung, die mit dem erklärten Angriff islamis-tischer Fundamentalisten auf die USA und dem Angriff auf die Symbole des kapitalistischen Weltmodells die Chance bekam, sogar noch einen Schritt weiter zu gehen und sinngemäß zu erklären: Es gibt uns und diejenigen, die uns unterstützen, die auf unserer Seite stehen. Und es gibt diejenigen, die gegen uns sind. Um gegen uns zu sein, muss man uns nicht angreifen. Es reicht aus, unser Feind zu sein, wenn man uns nicht unterstützt im Kampf gegen unsere Gegner. Und selbst Staaten, denen man vorher argwöhnisch gegenüber stand, bot man die Zusammenarbeit an, wenn sie sich nur von künftigen Terroraktionen fernhielten. Das war die Einstiegsklausel für Staaten wie Pakistan, Libyen oder Syrien, die man nun gerne als Waffen-brüder gegen den Islamismus mit im Boot gehabt hat.

 

Entsprechend eilfertig erklärten die Verbündeten – darunter auch Deutschland – und sogar das Russland des Präsidenten Putin ihre Sympathie, ihre Solidarität und ihre Wehrbereitschaft im nun ausgerufenen „Krieg gegen den Terrorismus“. Für Zwischentöne war keine Zeit, auch nicht für die Abwägung von Ambivalenzen – vor allem war dafür nicht die emotionale Gelas-senheit gegeben. Und auch der politische Wille war nicht vorhanden, im Gegenteil. Im Kabinett von George W. Bush junior, das man zu jenem Zeitpunkt mit jedem Recht als „Kriegskabinett“ bezeichnen kann, bekamen die Falken endgültig Oberwasser. Allen voran Paul Wolfowitz, Condoleeza Rice, Dick Cheney und Donald Rumsfeld.

 

Amerika war im eigenen Land getroffen worden – und dies mit einer Symbolkraft, die kaum einen Menschen unberührt ließ. Die Fällung der Türme im Herz der kapitalistischen Weltordnung, eine vor den Medien der Welt vollzogene allegorische Kastration, war von einer metaphorischen Potenz, der sich kaum ein Mensch entziehen konnte – die Endlosschleifen der Bildermaschine von Fernsehen und Massenmedien taten dazu ihr Übriges. Der christliche Fundamentalist George W. Bush rief dann zu guter Letzt auch noch zu einem „Kreuzzug“ gegen den Terror auf – und als solcher wurde und wird der „Krieg gegen den Terrorismus“ dann auch geführt. Es handelt sich, so sollen wir glauben, um einen Krieg der Wertesysteme.

 

Die Anschläge hatten nicht nur den Angriff auf Afghanistan zur Folge. Auch der Angriff auf den Irak wurde mit der terroristischen Bedrohung Amerikas begründet. Wir alle wissen, dass die angeblich von Saddam Hussein gehorteten Massenvernichtungsmittel nicht existierten – als dieser Krieg begonnen wurde, reichte das harmlose „I am not convinced“ des damaligen deutschen Außenministers Joschka Fischer nicht mehr aus, um die politische Unschuld auch Deutschlands zu beschwören, das sich im Falle des Irak der Waffenbrüderschaft mit den USA scheinbar verweigert hatte. Die Welt hatte sich zu diesem Zeitpunkt schon verändert: Es wurde klar unterschieden zwischen den oben schon genannten Parteien, zwischen „uns“ und „denen“. Kriege waren gerechtfertigt, in denen inzwischen Zehntausende von Zivilisten umgekommen sind. Die Bombardierung eines von Taliban gekaperten Tanklastzuges auf Befehl eines deutschen Soldaten, bei der über hundert Menschen zu Tode kamen, wird mit zähen Entschä-digungszahlen „kompensiert“. Aber im Großen und Ganzen bleibt auch das militärische Engagement Deutschlands nicht zuletzt vor dem Hintergrund des 11. Septembers unhinterfragt – zumindest von der deutschen Regierung. Weite Teile der Öffentlichkeit denken anders, aber das spielt – wie so oft in der Geschichte der Kriege – für die Entscheidungen der Mächtigen keine Rolle.

 

Die Welt hat sich am 11. September 2001 verändert. Nach der sogenannten Bush-Doktrin sind die amerikanischen Geheimdienste, die Sicherheitsbehörden und die Armee von zahlreichen Rechtfertigungsnotwendigkeiten, ja von rechtsstaatlichen Prinzipien entbunden. Folterung von gefangenen „Terrorverdächtigungen“, gezielte Tötungen, Geheimgefängnisse – Maßnahmen und Einrichtungen, deren Existenz der Westen bisher nur den sogenannten „Schurkenstaaten“ zuschrieb – sind die jetzt offen benutzten Waffen des Westens gegen die empfundene Bedrohung. Ein Friedensnobelpreisträger darf qua seines Amtes als amerikanischer Präsident die gezielte Tötung eines Menschen anordnen und bekanntgeben. Und er bekommt dafür Respekt und Anerkennung, er ruft bei der deutschen Kanzlerin Freude über die Tötung eines Menschen hervor. Das Konzept des „gerechten Mordes“, wenn es denn so etwas geben kann, wird zum akzeptierten und mit Beifall bedachten Modell für den Umgang mit dem erklärten Feind. Das ist Veränderung. Der Imperialismus hat sich nie großartig Gedanken über seine Opfer gemacht, im Gegenteil. Aber jetzt ist die letzte Schamgrenze gefallen: Er darf offen agieren und sich der offenen Akzeptanz vor den Augen der Welt gewiss sein.

 

„Die Geschichte“ war im Jahr 1989/90 nicht an ihr Ende gekommen, sie ging nur anders weiter. Der Imperialismus hat sich auch nicht zurückgenommen. Der damalige Bundes-präsident Horst Köhler sprach – bewusst oder unbewusst – eine Wahrheit aus, die den meisten Bundesbürgern so neu nicht war: Deutschland muss bereit sein, auch Kriege in Kauf zu nehmen, wenn es um Einflusssphären, den Zugriff zu Rohstoffen und Märkten geht. Das war trotz der „veränderten Welt“ nach 9/11 zu viel des Guten. Köhler ging aus dem Amt, aber die Erkenntnis blieb: Der Imperialismus betreibt sein Geschäft weiter, aber zu offen darf man dies nach den mittlerweile erkannten Pannen und Mängeln, nach dem Versagen und den Lügen der Bush-Administration und der Regierungsapparate nicht mehr tun. Dazu lag inzwischen der 11.9.2001 zu lange zurück, man realisierte, auf welches Himmelfahrtskommando man sich in Afghanistan eingelassen hatte. Doch die Grundstimmung ist geblieben: Die Schwarz-Weiß-Welt existiert für weite Teile der Bevölkerung weiter. Entsprechend darf zum Beispiel ein Berliner Innensenator noch 10 Jahre nach den Anschlägen vor Terrorgefahren in Berlin mit dem Hinweis warnen, man möge fremd aussehende Nachbarn gut im Auge behalten.

 

Was bedeutete der 11. September 2001 für die Linke? Sicher nichts Gutes. Die Globalisie-rungskritik etwa, die mit den Massenprotesten von Genua im selben Jahr eine breite Öffent-lichkeit erreicht hatte, rückte wieder in den Hintergrund. Für kritische Stimmen war kein Platz und kein Raum, für Zwischentöne und die Achtsamkeit hinsichtlich Ambivalenzen kein Gehör. Der öffentliche Diskurs wird heute bestimmt von anderen Themen: Islamophobie, Integra-tionsdebatte, Sarrazin – Hätten diese Themen heute den Stellenwert, wenn es den 11. September 2001 nicht gegeben hätte? Wie würde der „Arabische Frühling“ ohne die Erinnerung an die Anschläge aussehen? Ist die Wirtschaftskrise, die den Kapitalismus seit 2008 fest im Griff hat, auch ein Resultat der nicht beherrschbaren Kriege, die den Herrschenden als „Antwort auf 9/11“ eingefallen sind?

 

Das sind Fragen über Fragen, die sich stellen. Man muss sie stellen. Faktum ist: Die Ereignisse an jenem Dienstagmorgen sind Teil unseres kollektiven Bewusstseins geworden. Fast jeder hat eine Meinung dazu, auch ich. Ich glaube, dass ein System sie benutzt hat, um seine ohnehin vorhandenen Interessen weiter zu betreiben und durchzusetzen. Dass die Macht der Bilder genutzt wurde, um Empörung zu instrumentalisieren, das liegt in der Natur der Sache. Das Gespür für die Komplexität von Zusammenhängen, das Wechselspiel von Ursachen und Wirkung, von Interessen und Wirkungen konnte dabei vergessen werden, denn der Schrecken der Bilder war so oder so groß genug, um es so lange zu überdecken, bis mit militärischen Aktionen Fakten geschaffen wurden, die unumkehrbar scheinen. Und es stellt sich doch die alte Frage: 9/11 – cui bono?

 

Frank Beckmann

Veröffentlicht in Westliche Werte Boerse

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