Overblog Folge diesem Blog
Edit post Administration Create my blog

Der Trotzkismus widerholt sich nicht - und wenn, dann als Farce

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

Lenins These, es sei möglich, dass die sozialistische Revolution in zunächst nur einem Land oder einer Gruppe von Ländern siegen konne,war seinerzeit ein unerhörter Affront gegen die sozialdemokratische Orthodoxie. War nicht seit jeher von der sozialistischen Weltrevolution die Rede gewesen ?! Und da kommt dieser Lenin und behauptet, die Revolution könne sogar in einem Land siegen, ja das sei sogar eine Gesetzmässigkeit, begründet in der ungleichen Entwicklung des Kapitalismus selbst - und noch mehr: Die Wahrscheinlichkeit des Sieges der Revolution sei in zurückgebliebenen Ländern - wie damals dem zaristischen Russland - sogar wahrscheinlicher als in den hochindustrialisierten führenden imperialistischen Staaten - "schwächstes Kettenglied" ...

 

Eigenartig, wie sich die selben Fragestellungen wiederholen: Was vor hundert Jahren Trotzki und die "orthodoxe" Sozialdemokratie den unerhörten Behauptungen Lenins entgegenstellten, ist wieder oder immer noch en vogue. Heutzutage gibt es, nach einem Leo Mayer oder der DKP-Vorsitzenden Bettina Jürgensen, der griechischen SYRIZA oder der EL, auch nur das Entweder -Linkswende in Europa, Transformation auf europäischer Ebene - oder gar nichts. Vom vereinigten sozialistischen - jetzt "grundlegend erneuerten", "alternativen", "transformierten" - Europa war auch vor hundert Jahren schon die Rede. Das war die Parole von der "permanenten Revolution", dem unabdingbar notwendigen Ausgreifen der Revolution auf ganz Europa, ohne das alles nichts sei. 

 

Diese These Trotzkis ist durch die siebzigjährige Existenz der SU praktisch widerlegt worden. Oder doch nicht ? Hat sich  die Unmöglichkeit der Leninschen These nur erst nach langer Zeit erwiesen, durch den Untergang der sozialistischen Staatengemeinschaft ? Hatte Trotzki am Ende doch recht ?

 

Die Fragestellung wird allerdings heute erweitert und gewinnt damit eine neue Qualität. Auch für Trotzki war klar gewesen, dass die kapitalistische Macht in jedem einzelnen Land gestürzt werden muss, wenn das auch nur im Zusammenwirken der einzelnen nationalen Abteilungen der fortschrittlichen und sozialistischen Bewegungen und ihrem gemeinsamen Sieg möglich sein würde. Das zielte immerhin auf die realen Machtverhältnisse, die Herrschaft der Bourgeoisie in den einzelnen Ländern und ihrer Staatsapparate. Das braucht es nach revisionistischer Lesart heute nicht mehr. Unter grosszügiger Nichtbeachtung der real existierenden Macht in den einzelnen Mitgliedsstaten der EU wird die Machtfrage kühn gleich "auf europäischer Ebene" gestellt. Da sitzt die Macht zwar nicht, aber transformatorische Kühnheit gibt sich mit solchen lästigen Kleinigkeiten gar nicht erst ab. 

 

Im folgenden Text von Kurt Gossweiler werden die Fragestellungen von vor hundert Jahren noch einmal vor Augen geführt. Mit Ausnahme der Bauernfrage, die in den hochentwickelten imperialistischen Staaten keine eigenständige Rolle mehr spielt (aber in den sogenannten Entwicklungsländern nach wie vor und auch noch in "Peripheriestaaten" der EU wie Griechenland und Portugal schon) ist der Text erstaunlich aktuell.

 

 

Die Oktoberrevolution und der Sieg des Sozialismus in Rußland

 

Kurt Gossweiler

 

Der Sieg der Oktoberrevolution wäre nicht möglich gewesen ohne die Weiterentwicklung der marxistischen Theorie durch die Analyse des neuen Stadiums der Entwicklung des Kapitalismus, des Imperialismus, und der sich daraus ergebenden Folgerungen für die marxistische Revolutionstheorie, wie sie durch W.I. Lenin geleistet wurde.

 

Die wichtigsten Folgerungen für die Revolutionstheorie waren

 

erstens die Erkenntnis, dass unter den neuen Bedingungen nicht mehr die am meisten entwickelten kapitalistischen Länder am reifsten für die sozialistische Revolution waren, sondern jene Länder welche die schwächsten Kettenglieder des imperialistischen Weltsystems bildeten. Das ist in dieser Aufsatzreihe schon ausführlich behandelt worden;

 

zweitens die Erkenntnis, dass auf Grund der unvermeidlich ungleichmäßig verlaufenden Entwicklung der verschiedenen Länder und Staaten der Sieg der sozialistischen Revolution nicht unbedingt in mehreren Ländern zugleich erfolgen müsse, sondern daß er auch zunächst in einem einzeln genommenen Land möglich ist.

 

Beides war eine so unerhört neue, die seit Marx und Engels in der sozialistischen Bewegung gewissermaßen als "ewige Wahrheiten", als Axiome geltenden Auffassungen geradezu auf den Kopf stellende Sicht, daß sie sofort auf heftigen Widerspruch stieß - damals von Karl Kautsky und Leo Trotzki, zu deren Gefolgsleuten sich heute alle jene machen, die als Ursache für den Untergang der Sowjetunion und ihrer europäischen Verbündeten herausgefunden haben, daß die Oktoberrevolution "zu früh" gekommen und/oder, weil sie allein geblieben sei.

 

Leo Trotzki hatte 1906 in seiner Broschüre "Unsere Revolution" apodiktisch festgestellt, dass vor einem Sieg des europäischen Proletariats ein Sieg der Arbeiterklasse Rußlands nicht möglich sei: "Ohne direkte staatliche Unterstützung des europäischen Proletariats wird die Arbeiterklasse Rußlands nicht imstande sein, die Macht zu behaupten und ihre zeitweilige Herrschaft in eine dauernde sozialistische Diktatur zu verwandeln." (Zitiert in Stalin, Werke, Bd. 6, S. 33)

Diese Auffassung Trotzkis beruhte auf seiner Überzeugung, ein siegreiches russisches Proletariat werde seine Macht nicht nur gegen die Bourgeoisie verteidigen müssen, sondern auch gegen die Mehrheit der Bauernschaft. Dies war einer der entscheidenden Differenzpunkte zur Auffassung Lenins und der Bolschewiki. Zwar stimmte Trotzki mit den Bolschewiki überein, daß in der kommenden Revolution die Arbeiterklasse die führende Rolle spielen müsse. 1922 schrieb Trotzki im Vorwort zu dem Buch "Das Jahr 1905" über den Inhalt seiner Theorie der "Permanenten Revolution", sie bringe "den Gedanken zum Ausdruck, daß die russische Revolution wohl unmittelbar vor bürgerlichen Zielen steht, jedoch bei ihnen nicht wird stehen bleiben können. Die Revolution wird ihre nächsten bürgerlichen Aufgaben nicht anders lösen können, als dadurch, dass sie das Proletariat an die Macht bringt."

 

Das Proletariat werde zur Sicherung seiner Macht "tiefgehende Eingriffe ... auch in das bürgerliche Eigentum vornehmen müssen." Damit befand sich Trotzki in weitgehender Übereinstimmung mit den Bolschewiki. Aber eine - wie sich später zeigen sollte - unüberbrückbare und unvermeidlich zum Bruch führende Differenz zwischen Trotzki und den Bolschewiki bestand in der Einschätzung der Rolle der Mehrheit der Bauernschaft. Die war für Trotzki unwandelbar reaktionär und konterrevolutionär, wie seine weiteren Ausführungen erkennen lassen: "Hierbei wird sie in feindliche Zusammenstöße nicht nur mit allen Gruppierungen der Bourgeoisie geraten, ..... sondern auch mit der breiten Masse der Bauernschaft, mit deren Beihilfe sie zur Macht gekommen ist. Die Widersprüche in der Stellung der Arbeiterregierung in einem rückständigen Lande mit einer erdrückenden Mehrheit bäuerlicher Bevölkerung werden nur im internationalen Maßstab in der Arena der Weltrevolution des Proletariats ihre Lösung finden können." (Unterstr. K.G.)

 

Diese grundfalsche Ansicht Trotzkis ist der Kern seiner Theorie der "permanenten Revolution": das in Rußland siegreiche Proletariat muß die Revolution nach Europa tragen oder diese werde "auf dem Halm verfaulen."

Ganz anders Lenin und die Bolschewiki. Zwei Jahre vor dem Revolutionsjahr 1917, im Jahre 1915, mitten im ersten Weltkrieg, schrieb Lenin im damaligen Zentralorgan der Bolschewiki, dem in der Schweiz erscheinenden "Sozialdemokrat", in seinem in unseren Tagen wieder ganz aktuell gewordenen Artikel "Die Vereinigten Staaten von Europa":

 

"Die Vereinigten Staaten der Welt (nicht aber Europas) sind jene staatliche Form der Vereinigung und der Freiheit der Nationen, die wir mit dem Sozialismus verknüpfen ... Als selbständige Losung wäre ... die Losung der Vereinigten Staaten der Welt wohl kaum richtig, denn erstens fällt sie mit dem Sozialismus zusammen, und zweitens könnte sie die falsche Auffassung von der Unmöglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande ... entstehen lassen. (Unterstr. K.G.)Die Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung ist ein unbedingtes Gesetz des Kapitalismus. Hieraus folgt, daß der Sieg des Sozialismus zunächst in wenigen kapitalistischen Ländern oder sogar in einem einzeln genommenen Lande möglich ist." (Lenin, Werke, Bd.21,S. 345)

 

Das war gegen Trotzkis Version der "Permanenten Revolution" gerichtet, der sich zu recht getroffen fühlte und gegen Lenins These von der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande zu Felde zog. In einer noch vor der Oktoberrevolution herausgegebenen Broschüre Trotzkis mit dem Titel "Friedensprogramm" schrieb er:
"Das einzige einigermaßen konkrete historische Argument gegen die (von ihm verfochtene, K.G.) Losung der Vereinigten Staaten wurde im schweizerischen "Sozialdemokrat" in folgendem Satz formuliert: 'Die Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung ist ein unbedingtes Gesetz des Kapitalismus.' Daraus zog der "Sozialdemokrat" den Schluß, daß der Sieg des Sozialismus in einem Lande möglich sei. Und daß es deshalb nicht notwendig sei, die Diktatur des Proletariats in jedem einzelnen Staat von der Schaffung der Vereinigten Staaten von Europa abhängig zu machen. ...Daß kein einziges Land in seinem Kampf auf die anderen 'warten' soll, ist ein elementarer Gedanke ... Ohne auf die anderen zu warten, beginnen wir den Kampf auf nationalem Boden und setzen ihn hier fort, in der vollen Überzeugung, daß unsere Initiative dem Kampf in den anderen Ländern einen Anstoß geben wird; wenn das aber nicht geschehen sollte, dann wäre es aussichtslos, zu glauben, ... daß zum Beispiel ein revolutionäres Rußland einem konservativen Europa gegenüber sich behaupten ... könnte." (Unterstr. von mir, K.G., zit. in Stalin, Werke, Bd. 6, S. 333f.)

 

Es zeigte sich an dieser Auseinandersetzung - und es bestätigte sich beim Aufbau des Sozialismus in der Sowjetunion!, - daß die Bauernfrage in einem rückständigen Agrarland zu den Fragen gehört, die für den dauerhaften Sieg der sozialistischen Revolution von entscheidender Bedeutung sind.
Die Position Trotzkis musste in der Konsequenz entweder Abenteurertum oder aber Kapitulantentum gegenüber der imperialistischen Umwelt zur Folge haben.

 

Die von Lenin ausgearbeitete Linie der Bolschewiki beruhte auf den Erkenntnissen von Friedrich Engels über das notwendige und mögliche Bündnis der Arbeiterklasse mit der Hauptmasse der Bauernschaft. (S. dazu den Artikel von Friedrich Engels: Die Bauernfrage in Frankreich und Deutschland, in:MEW, Bd. 22, S.483 ff.).

 

Der Grundgedanke Lenins und der Bolschewiki in dieser Frage war, daß ohne das Bündnis mit der Bauernschaft die Arbeiterklasse in der Revolution nicht fähig sein würde, den Zaren zu stürzen und den imperialistischen Krieg zu beenden; daß ferner das Proletariat ohne Bündnis mit den werktätigen Bauern nicht imstande wäre, die Diktatur des Proletariats zu erringen und dauerhaft zu festigen; daß schließlich die werktätigen Bauern aus einer Klasse von Kleingewerbetreibenden zu einer sozialistischen Bauernklasse werden können durch ihren Zusammenschluß in Produktionsgenossenschaften. In seinem grundlegenden Artikel "Über das Genossenschaftswesen" schrieb Lenin im Januar 1923:

 

"In der Tat, die Verfügungsgewalt des Staates über alle großen Produktionsmittel, die Staatsmacht in den Händen des Proletariats, das Bündnis dieses Proletariats mit den vielen Millionen Klein- und Zwergbauern, die Sicherung der Führerstellung dieses Proletariats gegenüber der Bauernschaft usw. - ist das nicht alles, was notwendig ist, um aus den Genossenschaften, allein aus den Genossenschaften ..., ist das nicht alles, was notwendig ist, um die vollendete sozialistische Gesellschaft zu errichten?" (Lenin, Werke, Bd. 33, S.454)

 

Durch die Kollektivierung wurde das Arbeiter-Bauern-Bündnis in der Sowjetunion so stark, daß es selbst die Prüfung durch einen Krieg auf Leben und Tod im Vaterländischen Krieg bestand. Statt des von Trotzki prophezeiten Unterganges des "Sozialismus in einem Lande" wurde die Sowjetunion eine "Supermacht", die sich als stärkste Kraft in der An-ti-Hitler-Koalition erwies, fähig, sogar ohne die Eröffnung einer "Zweiten Front" aus eigener Kraft die faschistische Bestie in ihrer Höhle zur Strecke zu bringen.

 

Und mit dem Sieg über den Faschismus, mit dem Entstehen der Volksdemokratien und dem Sieg der Volksrevolution im bevölkerungsstärksten Land der Erde, China, später sogar in Kuba, vor der Haustüre des USA-Imperialismus, und schließlich mit dem Entstehen von Staaten mit sozialistischer Orientierung in Äthiopien, Angola, Mocambique und Süd-Jemen im Gefolge der antikolonialen Befreiungsbewegungen in Afrika, war die Zeit des ?Sozialismus in einem Lande? vorbei und es begann die Zeit eines sich entwickelnden sozialistischen Weltsystems, das bereits auf allen Kontinenten - außer Australien - Fuß gefasst hatte. Nicht zu vergessen, daß die imperialistische Supermacht der USA, die bisher nie einen Krieg verloren hatte, ihre ersten Niederlagen in Kriegen gegen die schwächsten und kleinsten der sozialistischen Staaten erlitt, in den Kriegen gegen Nordkorea und Vietnam!

 

Ist es nicht schlichtweg unbegreiflich, wie angesichts solcher Tatsachen es noch immer Leute gibt, die den Untergang der Sowjetunion und der sozialistischen Staaten Europas als Ergebnis des "Sozialismus in einem Lande" erklären? Und daß sich zu diesen Ignoranten der wirklichen Geschichte sogar ein Luciano Canfora gesellt, wenn er schreibt, daß "die Hypothese vom 'Sozialismus in einem Lande'" "durch die Erschütterungen des ausgehenden 20. Jahrhunderts" widerlegt worden sei? (Junge Welt v. 27. April 2007, S.11, Teil II des Artikels ?Gramsci und die kommunistische Bewegung?.)

Nein, Lenins These von der Möglichkeit des Sozialismus in einem Lande wurde durch die Geschichte nicht widerlegt, sondern bestätigt. Und sie findet immer wieder aufs neue ihre Bestätigung, wenn ohne Einwirkung schon bestehender sozialistischer Staaten irgendwo in der Welt ein Volk die alte kapitalistische Herrschaft abschüttelt und sich auf den Weg zum Soziaßlismus begibt, wie 1959 das Volk Kubas unter Führung Fidel Castros und zu Beginn unseres 21. Jahrhunderts das Volk Venezuelas unter Führung von Hugo Chavez.

 

Der Grund dafür ist die unter den Bedingungen des heutigen Stadiums des Kapitalismus sogar noch verstärkte Wirkung des Gesetzes der ungleichmäßigen ökonomischen und politischen Entwicklung. Die Wirkung dieses Gesetzes ist derart, daß jeder, der sich versucht fühlt, den weiteren Verlauf des weltrevolutionären Prozesses vorherzusagen, - etwa mit einer Aussage, daß künftig ein Sieg der sozialistischen Revolution nur noch als gemeinsame Revolution in mehreren Ländern zugleich möglich sei -, gut daran tut, dieser Versuchung zu widerstehen. Es kommt nicht darauf an, der Weltrevolution ihren weiteren Weg zu weisen, sondern alles in den eigenen Kräften stehende zu tun, ihr im eigenen Bereich nach Kräften den Weg zu bereiten - wozu auch die richtige Analyse ihres bisherigen Weges gehört.

 

Geschrieben am 8. Mai 2007, veröffentlicht in "Roter Brandenburger" - Zeitschrift der DKP Brandenburg, November 2007

 

http://www.kurt-gossweiler.de/index.php/zur-deutschen-und-zur-geschichte-der-sowjetunion/62-die-oktoberrevolution-und-der-sieg-des-sozialismus-in-russland-8-mai-2007

Veröffentlicht in Sozialismus

Kommentiere diesen Post

Gunther, nur ein Bürger. 01/05/2013 19:02


Vorweg: Ich vertrete durchaus nicht die Holodomor-These, das war nur mal schnell dahin geschrieben...


 


1. Die hätte ich nur zu gern, aber vllt. hat ja jemand das neue Stalin-Buch von Losurdo gelesen, hat eben 400 Seiten...

retmarut 01/05/2013 16:32


@ Gunter:


"Warum konnte Stalin kein Getreide kaufen? Er hat den Hungernden zugesehen wie sie krepieren..."


Vorweg: Ich kenne nur einen von uns näher, aber ich nehme einmal an, dass wir beide keine Wiederkäuer des bürgerlichen ukrainischen Nationalismus oder notorische Antikommunisten sind, die mit
ihren wirren "Holodomor"-Thesen durchs Land tingeln, sondern beide an einer sachlichen Klärung der damaligen Ereignisse in der SU interessiert sind.


 


1. Woher hast Du die gesicherte Information, dass seitens der SU mit Auftreten der Berichte von Hunger nicht versucht wurde, Auslandsgetreide auf dem Weltmarkt aufzukaufen? Liegen Dir
entsprechende Statistiken oder Aufzeichnungen vor?


2. Zudem ist doch erst einmal anzunehmen, dass - wie bereits im Frühjahr 1928 geschehen - versucht wurde, Getreide aus anderen Sowjetrepubliken in die betroffenen Hungerregionen zu transferieren.
Auch 1928 war es v.a. die Ukrainische SSR, die schwer vom Ernteausfall betroffen war. (Was übrigens zeigt, wie stark in der Ukraine der Sektor Landwirtschaft die Ökonomie prägte und wie abhängig
die Ukrainische SSR damals vom Wohl und Wehe der jeweiligen Ernteerträge war. Das hat sich, wie bereits gesagt, nach Abschluss und Festigung der Kollektivierung deutlich zu erheblich mehr
Ertrags- und Ernährungssicherheit geändert.) Hauptproblem war damals doch, dass bei einem Ernteeinbruch im Hauptgetreideanbaugebiet, das nicht nur die eigene Region versorgt, sondern auch viele
andere Regionen der SU, also eine recht umfangreiche Umverteilung des bereits eingeplanten Warengetreides stattfinden musste, und das alles in einem relativ kurzen Zeitfenster. (Wer hungert, kann
sich bekanntlich eine allzu lange Wartezeit nicht erlauben.)


3. Nun bin ich kein Experte auf dem Gebiet Getreideim- und export, aber ich vermute, dass auch Anfang der 1930 auf dem Weltmarkt in barer Münze gezahlt werden musste. Die Devisenzugänge der SU
waren aber bekanntlich überschaubar klein und schon längerfristig im Bereich der Industrialisierung (insb. in der Produktion von Produktionsmitteln) verplant. Daraus würde ich v.a. den Schluss
ziehen, dass die SU mit spitzem Bleistift rechnen musste und für außergewöhnliche Notfälle in dieser konkreten Phase des Aufbaus nicht allzu viel finanziellen Spielraum besaß. - Auch heute ist es
z.B. für die BRD oder Frankreich wesentlich leichter bei einem heimischen Ernteausfall auf dem Weltmarkt Getreide in ausreichender Menge aufzukaufen als beispielsweise für aufstrebende
Entwicklungsländer wie Ägypten, Indonesien oder Nigeria, weil letztere den Dollar eben auch mehrmals umdrehen (oder sich am Kapitalmarkt verschulden) müssen, wenn sie massiv Getreide aufkaufen
wollen. Und dass die SU Anfang der 1930er vom kapitalistischen Ausland kaum Kredite (und wenn dann meist zu Wucherkonditionen oder verbunden mit politischen Vorgaben) erhielt, sollte auch nicht
unerwähnt bleiben. Den potentiellen bourgeoisen Kreditgebern wäre ein rascher Untergang der SU erklärtermaßen auch wesentlich lieber gewesen, um diesen abspenstigen Teil der Welt erneut unter
bürgerlich-kapitalistische Knute zu bringen.


 


"Ich habe so meine Schwierigkeiten mit Stalin und kann ihn eben keinen ehrenvollen Platz zuweisen"


Zum Glück geht es nicht um persönliche Befindlichkeiten und moralische Bewertungen, sondern um die historische Einordnung einer Person, anhand ihres konkreten Handelns und ihres Denkens. Wer sich
ein paar der bekannteren Stalinschen Schriften oder einige seiner Reden (die StW sind auf deutsch alle online verfügbar) durchliest, wird rasch erkennen, dass das uns medial vermittelte
Stalinbild wenig gemein hat mit der realen Person Stalin. Und wer sich dann auch noch das konkrete Handeln im damaligen historischen Kontext vergegenwärtigt, wird auch hier feststellen, dass das
Gros der bürgerlichen Kritik an Stalin sachlich nicht haltbar ist und sein Wirken oftmals auch bewusst verzerrt dargestellt wird.


"würden dann Kommunisten wieder den Antikommunisten machen"


Nicht jeder Antistalinist ist auch automatisch Antikommunist. (Andersherum wird schon eher ein Schuh draus: Eigentlich jeder Antikommunist ist auch Antistalinist.) Entscheidend ist aus meiner
Sicht in erster Linie, ob jemand auf einem marxistischen Standpunkt steht oder aus kleinbürgerlicher bzw. bürgerlicher Weltanschauung heraus gegen die proletarische Linke argumentiert.

Gunther, nur ein Bürger. 01/05/2013 11:15


Vielen Dank für den historischen Abriss, es gibt nur ein großes Problem:


(...) "1932/33 kam es allerdings erneut zu einer Missernte in der Ukraine und damit zu einer Hungerkatastrophe, der eine Menge Menschen zum Opfer fiel. 


(...) 


(Ausnahme bilden die vier Jahre des Großen Vaterländischen Krieges, wo aufgrund des deutschen Raub- und Vernichtungskrieges Millionen Sowjetbürger wieder mit Hunger konfrontiert wurden.)"


 


1. Warum konnte Stalin kein Getreide kaufen? Er hat den Hungernden zugesehen wie sie krepieren... Ich verweise jetzt nicht auf die sozialistische Ethik und Moral, nicht auf Fidel Castro... - wie
Kommunisten dann immer argumentieren - ich kann selbst denken. Man kann alles trocken und sachlich abstrakt auf den wesentlichen Kern herunter brechen, man kann und muss es historisch bewerten,
es hilft aber nichts. Wenn ihr Kommunisten denn immer auf euer höheres Bewusstsein verweist, auf die Geschichte der Menschheit verwiesen wird, in der Stalin nur eine kleine Fußnote wäre, dann
wird mir schlecht. Kein Kommunist hat sich in diesem Blog jemals vom diesem Verbrechen distanziert, außer und ausgerechnet Herr Krenz und Fidel Castro. Ich schätze Fidel als Menschen und
Revolutionsführer, aber nicht als marx. Ökonom, da hat er wenig zu bieten gehabt.


2. Ich habe so meine Schwierigkeiten mit Stalin und kann ihn eben keinen ehrenvollen Platz zuweisen, daraus würden dann Kommunisten wieder den Antikommunisten machen, wie es mir ja in diesem Blog
permanent unterstellt wurde. Mir scheint dieser auf die bürgerl. Gesellschaft projezierte Diskurs des Antistalinismus=Antikommunismus als bewusste Propaganda, natürlich um die Hegemonie über die
Köpfe der Menschen zu erlangen, es führt aber auch auf der Linken Seite zu "Beissreflexen" und Solidaritätsbekundungen und einem von mir subjetiv empfundenen Zusammenrücken in den eigenen Reihen
und bewussten oder unbewussten Verklärung. Alle reden jetzt über Stalin, pro und contra, das langt nicht...


3. "Laut ECOSOC-Statistik sind vergangenes Jahr 52 Millionen Menschen Epidemien, verseuchtem Wasser, Hunger und Mangelkrankheiten zum Opfer gefallen. Der deutsche Faschismus brauchte sechs
Kriegsjahre, um 56 Millionen Menschen umzubringen – die neoliberale Wirtschaftsordnung schafft das locker in wenig mehr als einem Jahr."


http://www.jungewelt.de/2012/11-16/053.php?sstr=Ziegler

retmarut 01/04/2013 16:03


Und bzgl. der Frage Gunthers zur marxistischen Geschichtsdefinition kurzer Auszug aus dem Kleinen Wörterbuch der Marxistisch-Leninistischen Philosophie (Dietz-Verlag, Berlin 1974):


"Geschichte: allgemein der Entwicklungsprozeß in Natur und Gesellschaft; im engeren Sinne der als Resultat der Tätigkeit des Menschen sich vollziehende gesetzmäßige Entwicklungsprozeß der
Gesellschaft in seiner Einheit und Mannigfaltigkeit. [...] Die wissenschaftliche Theorie der Geschichte und damit die allgemeine theoretische und methodologische Grundlage der
Geschichtswissenschaft ist der historische Materialismus. [...] Die Geschichte der Gesellschaft wird zum Unterschied von der Natur-Geschichte von den Menschen gemacht; sie ist kein Produkt
höherer Mächte, eines göttlichen Weltenlenkers oder Verkörperung einer Idee. Die Geschichte darf nicht von den handelnden Menschen getrennt und verselbständigt werden: 'Die Geschichte tut nichts
[...] Es ist vielmehr der Mensch, der wirkliche, lebendige Mensch, der das alles tut, besitzt und kämpft; es ist nicht etwa die 'Geschichte', die den Menschen zum Mittel braucht, um ihre ...
Zwecke durchzuarbeiten, sondern sie ist nichts als die Tätigkeit des seine Zwecke verfolgenden Menschen`(Engels); die Menschen sind 'die Schausteller und Verfasser ihrer eigenen Geschichte'
(Marx). [...] Die materielle Tätigkeit der Menschen, ihre gesellschaftliche Praxis, ist somit determiniert durch die Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse und die hieraus notwendig
hervorgehenden und wirkenden gesetzmäßigen Zusammenhänge. Daher ist die menschliche Geschichte ein gesetzmäßiger Prozeß, obwohl er von den Menschen selbst hervorgebracht wird."


 


Soweit der Auszug aus dem entsprechenden Lemma. Mir scheint dabei das Wichtigste benannt zu sein.

retmarut 01/04/2013 15:44


@ Gunther:


Und noch kurz zum Hunger: Hungerkatastrophen gab es unter dem Zarismus regelmäßig, weil eben anarchisch produziert und die Bauern schamlos ausgeplündert wurden. Auch während des von den Weißen
und den imperialistischen Interventionstruppen geführten Bürgerkriegs war Hunger Alltag, musste auf Zwangsrequirierungen etc. zurückgegriffen werden, um die Städte und die Rote Armee zu ernähren.
Die landwirtschaftliche Produktion erreichte erst 1928 überhaupt wieder das Niveau von 1913, was zeigt, wie groß der Aderlass und die Verwüstung durch die Interventionskriege war. Im Januar 1928
fehlten 128 Mio. Pud Getreide, weil in der Ukraine (die Kornkommer der SU) und im Nordkaukasus aufgrund der bestehenden Zerstückelung der Bauernschaften (1928: 24 Mio., 1913 waren es nur 16 Mio.)
und schlechter Witterung fast die gesamte Wintersaat hinüber war. In dieser Phase einer drohenden Hungersnot wurde von den staatlichen Stellen vor Ort erneut auf Zwangsrequirierungen und
Hofdurchsuchungen zurückgegriffen, den Mittel- und Großbauern die privaten Getreidevorräte enteignet. Stalin hat dieses Vorgehen in seiner Rede auf dem Juliplenum des ZK der KPdSU(B) 1928 strikt
verurteilt (vgl. StW 11, S 181 ff.). Stattdessen hat er ein Maßnahmenpaket aufgestellt, wie in Zukunft solche Hungerkatastrophen zu verhindern sind:
1. Vorantreiben des freiwilligen Zusammenschlusses hin zu kollektivierten (genossenschaftlichen) Betrieben.
2. Unterstützung der Klein- und Mittelbauern hinsichtlich der Erhöhung der Ernteerträge (durch technische Neuerungen, durch Erhöhung des Getreidepreises als Anreiz), gleichzeitig aber auch immer
den Gedanken der Kollektivwirtschaft näherbringend (insb. durch Kontraktierungen mit dem gesamten Dorfe, durch Ausbau der Maschinenringe etc.)
3. Ausbau der staatlichen Landwirtschaftsbetriebe (als sichere Produktionsstütze und beispielgebend für die noch skeptischen Teile der Landbevölkerung behufs Nutzen einer industrialisierten
Landwirtschaft)

Stalin führt in seinem Referat aus:
"Während für die Beseitigung der Ursachen allgemeinen Charakters eine ganze Reihe von Jahren erforderlich ist, können die Ursachen spezifischen, zeitweiligen Charakters durchaus sofort beseitigt
werden, um dadurch einer möglichen Wiederholung der Getreidebeschaffungskrise vorzubeugen.
Was ist erforderlich, um diese spezifischen Ursachen zu beseitigen? Dazu ist erforderlich:
a) sofortige Ausmerzung der Praxis der Hofrevisionen, ungesetzlicher Haussuchungen und jedweder Verstöße gegen die revolutionäre Gesetzlichkeit;
b) sofortige Ausmerzung aller und jeglicher Rückfälle in die Methoden aus der Zeit der Ablieferungspflicht und aller wie immer gearteten Versuche zur Schließung von Märkten, bei Gewährleistung
elastischer Formen der Regulierung des Handels durch den Staat;
c) eine gewisse Erhöhung der Getreidepreise, variiert nach Gebieten und Getreidearten;
d) Organisierung einer richtig funktionierenden Warenzufuhr in die Getreidebeschaffungsgebiete;
e) richtige Organisierung der Getreideversorgung in der Weise, dass nicht zu viel verausgabt wird;
f) obligatorische Bildung einer staatlichen Getreidereserve."

1932/33 kam es allerdings erneut zu einer Missernte in der Ukraine und damit zu einer Hungerkatastrophe, der eine Menge Menschen zum Opfer fiel. Erst durch die flächendeckend umgesetzte
Kollektivierung der Landwirtschaft (also eine Landwirtschaft bestehend aus staatlichen und genossenschaftlichen Großbetrieben) konnte die Plage des Hungers besiegt werden. In der SU musste
seitdem niemand mehr in Friedenszeiten hungern. (Ausnahme bilden die vier Jahre des Großen Vaterländischen Krieges, wo aufgrund des deutschen Raub- und Vernichtungskrieges Millionen Sowjetbürger
wieder mit Hunger konfrontiert wurden.)

Die Kollektivierung der Landwirtschaft hat eben nicht zu Hungerkatastophen geführt, sie hat vielmehr im Gegenteil den Hunger in der sozialistischen Gesellschaft historisch
beseitigt. Etwas, was der Kapitalismus trotz (oder gerade wegen) Überproduktion nicht schaffen kann, da hier Waren lediglich zur privaten Profiterzielung dienen und nicht zur Beseitigung
gesellschaftlicher Missstände. 900-1.000 Mio. Menschen leiden derzeit Hungers und 8-9 Mio. Menschen aus Entwicklungsländern verhungern jährlich auf der Welt, eben nicht weil es zu wenig
Nahrungsmittel gibt, sondern weil sie sie sich schlicht nicht leisten können.