Deutschland besoffen. Jutta Ditfurths Erinnerung an die letzten Tage der DDR

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

Nationalistischer Taumel

 

Eine Deutschlandreise – Notizen aus einem fremden Land

 

Jutta Ditfurth

 

In: junge Welt vom 13.01.2012

 

...

 

März 1990, es ist meine erste Reise in ein mir fremdes Land. Bis zum Fall der Mauer hatte ich Einreiseverbot in die DDR. Bei meinen Versuchen, die Grenze zu überschreiten, wies mich die VoPo (Volkspolizei - d. Red.) immer mit den gleichen Worten zurück: »Ihre Einreise in die DDR ist zur Zeit nicht erwünscht!« (...) Es sind noch 13 Tage bis zur Volkskammerwahl am 18. März 1990, der kleine Staat ist schon zur Annexion freigegeben. Die Eigner von Bild, die Ende der 60er Jahre ein gesellschaftliches Hetzklima schufen, in dem Linke zum Abschuß freigegeben waren und die damit zumindest moralisch für den Tod von Rudi Dutschke, der aus der DDR kam und später an den Folgen eines Attentats starb, verantwortlich sind, wissen, auf welch gut vorbereiteten Nährboden sie in diesem Land treffen. Sie riechen gute Geschäfte, ideologische wie materielle. (...)

 

Wir nähern uns an diesem 5. März 1990 in Leipzig dem Karl-Marx-Platz, dem Ort der allmontäglichen Kundgebung. Es ist kurz nach sechs Uhr abends. Um den Brunnen vor dem Gewandhaus stehen wenige Dutzend junge Demonstranten etwas verloren herum. Bei den Montagsdemos, zu denen viele ältere Linke aus Furcht, von Rechtsradikalen verdroschen zu werden, nicht mehr gehen, tragen kleine Gruppen von Jugendlichen mutig Transparente und DDR-Fahnen. Das Symbol des DDR-Staates, unter dessen Repressionen sie früher zu leiden hatten, wurde zum Symbol letzter Autonomie und DDR-Identität gegen die drohende Überwältigung aus dem Westen. Einer trägt die DDR-Fahne trotzig wie eine Weste, er hat sich Armlöcher in den Stoff geschnitten. Ein junges Paar sitzt in der Kälte auf einer Bank, mit zornigem Blick auf die Kundgebung, die Knie mit dem Stoffsymbol bedeckt. Auf dem großen Platz stehen weniger als tausend Demonstranten. Sie baden im Scheinwerferlicht und wedeln mit schwarz-rot-goldenen nationalistischen Stofflappen und Fähnchen, dazwischen immer wieder neofaschistische Transparente. Auf dem Weg zum Platz und bevor wir die Szene identifizieren können, hören wir wütendes, verächtliches Geheul der Zuhörer. Über der johlenden Menge, auf dem schmalen Balkon der Oper, stehen die Redner. Eine Vertreterin des Unabhängigen Frauenverbandes verlangt »Widerstand gegen Gewalt gegen Frauen«. Das Gejohle kippt um in Wutgebrüll der Kundgebungsteilnehmer, zu 90 Prozent Männer, als sie verlangt »Gleicher Lohn für gleiche Arbeit«. Das trifft offensichtlich den Nerv noch präziser.

 

»Deutschland erwache!«

 

Unter dem Balkon, breitbeinig den ganzen Aufgang zum alten Gebäude besetzend, stehen, brüllen, schreien, agitieren Neonazis unter bundesdeutscher Leitung, feuern die Kundgebungsteilnehmer an, die sich zum größten Teil durch Anstecker und Parolen als DSU-Anhänger ausweisen. Im wandernden Licht mobiler greller Scheinwerfer sehen wir die Gesichter der Neonazis scharf gezeichnet. Viele junge tragen Transparente und Fahnen. Den Ton, den Rhythmus der Schreie, die Parolen stimmen ältere an. Den Aktivsten unter ihnen erkenne ich wieder, er kommt aus der Bundesrepublik, ist kurzgeschoren, breitschultrig, trägt Kampfkluft, Knobelbecher, brüllt herum. Die Scheinwerfer von Sat.1 und anderen Kamerateams stören ihn überhaupt nicht. Rechtsradikale Transparente staffeln sich hintereinander die breite Treppe empor und bilden das »Kopfbild« der Demo. Sie verstopfen den Blick auf den Haupteingang vollständig: »Deutschland erwache! Für eine ökologische Wende!« Daneben ein Herz schwarz-rot-gold umrandet mit »Ein Herz für Deutschland«. Ein Transparent der NPD (West). Die »Jungen Nationaldemokraten« tragen rot-weiße Transparente: »Deutschland erwache!«. Andere: »Nicht SED, nicht SPD, Freiheit statt Sozialismus«. Das erscheint im Kontrast zur offenen Hetze fast harmlos. Aufgeputschte Jugendliche, ununterscheidbar von den Jungfaschisten, wedeln mit der sächsischen Landesfahne. Beliebt ist auch: »Stettin, Stettin - deutsche Stadt wie Berlin!« Ich lese: »Zerstörte Natur ...« Meine Aufmerksamkeit wird vom Stakkato-Geschrei »Rote raus, Rote raus!« abgelenkt, in den ein großer Teil der Menge einfällt. Ich sehe zurück: »Zerstörte Natur - zerstörte Heimat? Wir wollen eine andere Zukunft. NPD«. Harmlos blöde dagegen: »Ein Präsident für alle Deutschen - Richard von Weizsäcker.«

 

Die Redner auf dem Balkon über der Kundgebung tun, als seien sie im Fernsehen und nicht wirklich hier. Keine, keiner sagt etwas gegen Neofaschimus. Alle außer dem Unabhängigen Frauenverband sind zu feige, die Auseinandersetzung mit der aufgeheizten Menge aufzunehmen oder wenigstens die Kundgebung unter lautem Protest zu verlassen: die Grüne Partei, die Sozialdemokraten, der Demokratische Aufbruch. Die Neonazis haben ein bequemes Forum. Niemand anders als sie bestimmt den Charakter der vorletzten Montagsdemonstration. Eine Woche später, auf der letzten Montagsdemo am 12. März 1990, werden die Initiatoren der Leipziger Demonstrationen ihre Montagstradition sentimental feiern. Eine Aufarbeitung und eine Auseinandersetzung mit dem längst veränderten Charakter der Kundgebung, mit der Dominanz von Demokratiefeinden und Faschisten findet nicht statt. An diesem Abend des 5. März 1990 geht, sichtbar wie selten, ein Stück demokratischer Raum verloren.

 

Opportunismus und Gewalt

 

Opportunistisch, bis auf die unabhängigen Frauen, halten alle auf dem Platz ihre Wahlreden, versuchen das Geschrei unter ihnen zu übertönen. Der Moderator kündigt jede Rednerin, jeden Redner an. Seine Stimme wird gereizter. Einmal sagt er, die PDS hat auf ihren Beitrag verzichtet. Höhnisches Gejohle. Eine Rednerin biedert sich der Menge an: »Ich spreche zu Ihnen als Spitzenkandidatin des Demokratischen Aufbruchs und daß ich eine Frau bin, sehen Sie ja ...« »Hähähä«, johlt es zu ihren Füßen. »Nee, sehe ich gar nicht«, blökt einer. Sie fängt sich ein bißchen Beifall ein, als sie dem Staat die Familie und vor allem die Kinder entreißen will und ruft: »Mit der Erziehung zur sozialistischen Persönlichkeit muß endlich Schluß sein! Die Frau darf nicht mehr für ihre Wahl für die Familie bestraft werden!« Ein neues Transparent schiebt sich auf die Treppe: »Europäischer Nationalismus ist Fortschritt.« Eine kleine Frau, die Republikaner-Flugblätter verteilt, wird von einem langen NPD-Mann angeschnauzt: »Was soll das? Du weißt doch, daß ihr hier schlecht angesehen seid. Das machen wir hier!« Schönhuber ist als Antityp via Westfernsehen in die DDR gestrahlt worden, die NPD nicht. Das macht eine Rollenteilung zwischen den neofaschistischen Gruppen möglich. Die Republikaner-Frau verzieht sich.

 

Der Vertreter der CDU (Ost) ruft: »Das ist der Platz, wo nächste Woche unser Bundeskanzler Kohl erwartet wird!« Beifall. Die LDP fordert »Gesunde Nationalparks in Sachsen«, und beliebt macht sich ein anderer Redner mit dem Slogan: »Alle Rechte den Kommunen und nicht den Kommunisten!« Er fordert daß »der Platz, auf dem wir hier stehen, bald wieder Augustus-Platz heißen muß«, weil August der Starke mehr für Sachsen geleistet habe als Marx und Engels. Ein paar Tage später werben Riesenplakate der CDU, im Westen gedruckt, für die Kundgebung mit Helmut Kohl und laden auf den »Platz vor der Oper« ein, der Marx-Engels-Platz heißt.

 

Ein Redner höhnt, man habe eine Strafanzeige gegen Gysi in Gang gebracht und, man stelle sich das einmal vor, das Gericht habe mitgeteilt, »man wisse nicht, wo Herr Gysi wohnt«. Die Reaktion der Menge ist eine körperliche Bedrohung für den PDS-Vorsitzenden. Im Landtagswahlkampf im Oktober 1990 werden PDS-Veranstaltungen in der ehemaligen DDR regelmäßig von Neofaschisten aus Ost und West aufgemischt werden. Sie zetteln Schlägereien an, treten Linke mit ihren Stiefeln blutig und krankenhausreif. Ich werde vergeblich in bundesdeutschen Zeitungen nach Berichten über diese Übergriffe suchen. Jungnazis, die in dieser Nacht vom 5. auf den 6. März lernen, »Rote zu jagen«, skandieren vorzugsweise: »Wir haben nur ein Vaterland, nicht wie Willy Brandt.« Seit vor einigen Montagen eine antifaschistische Demonstrantin zusammengeschlagen wurde und schwerverletzt und blutend auf dem Platz liegen blieb, ist die Zahl der Gegendemonstranten sehr klein geworden. Wir erleben, wie gegen Ende der Kundgebung Jagd gemacht wird auf die kleine Gruppe von Jugendlichen am Brunnen. Die fliehen in die naheliegende Mensa. Weil sie heute voller Menschen ist, trauen sich die Rechtsradikalen nicht hinein. (...)

 

Kein fixer Punkt mehr

 

Neuenhagen, eine großflächige kleine Stadt im Osten Berlins im Bezirk Frankfurt an der Oder. Diesmal sitze ich an einem kleinem Tisch im Saal der Kirchengemeinde vor rund 170 Menschen auf Stuhlreihen. Nach meinem Vortrag, in dem ich Argumente gegen die Wiedervereinigung vortrage und über künftige ökologische und soziale Probleme spreche, meldet sich als erste eine junge Frau zu Wort, die sich fast trotzig als PDS-Mitglied zu erkennen gibt und gelassener wird, als niemand sie ausgrenzt, sondern die anderen freundliches Interesse an ihrer Meinung zeigen. Das Publikum ist gemischt. Mitglieder des Kirchenchors, Schüler, eine Ökobäuerin, Lehrerinnen und Lehrer liefern eine lebhafte Diskussion. Das heißeste Thema an diesem Abend ist die Gentechnik und die Frage, ob Wissenschaft und Technik wertfrei sein können. Auf der rumpeligen Rückfahrt im geliehenden Auto nehmen wir einen Korbflechter mit nach Ostberlin. Er sagt: »Vorher hatten wir Druck von oben, alle waren dagegen. Aber alle wußten auch: Ihr Leben lang sind die Preise für wichtige Lebensmittel gleich, die Miete bezahlbar, lauter feste Koordinaten. Nun ist alles weg. Es gibt keinen fixen Punkt mehr.«

 

In einem Dorf irgendwo in der DDR lebte eine alte Frau, Herta Ritter. Sie war Kommunistin, in der Gemeinde für ihr soziales Engagement respektiert. Jetzt wird sie von früheren SED-Mitläufern angepöbelt. Steine fliegen in ihr Fenster. Sie sagt: »Es war alles umsonst« und nimmt sich mit Alkohol und Schlaftabletten am 10. Februar das Leben.

 

Vertane Chancen

 

Wahlnacht, 18. März, ich sitze vor der Glotze. Das ZDF schaltet um 18.46 Uhr ins Haus der Demokratie, dort seien die Leute, die »unter Einsatz ihres Lebens« die »Revolution« gemacht haben. Sieben Monate später wird das den Sender nicht daran hindern, eine Konzeption für die Beteiligung der politischen Parteien in Wahlkampfsendungen zu beschließen, in der die »Revolutionäre« glatte zwei Male einige Minuten vorkommen, während das ZDF wie die ARD, ganz Staatsfernsehen, Kohl und Lafontaine Stunden der Selbstdarstellung einräumen. Um 20.50 Uhr in dieser Wahlnacht im März sitzt die Schauspielerin an der Volksbühne (Berlin-Ost), Steffie Spira, auf Einladung des ZDF vor einer Bar und soll interviewt werden. Als sie ihren Respekt für Hans Modrow (PDS) ausdrückt und von diesem »reizenden, wirklich reizenden Herrn Gysi« spricht und daß doch beide aus der PDS »so eine lebendige Partei gemacht« hätten, wird sie vom Interviewer Dieter Kronzucker ruppig unterbrochen. Der murmelt etwas Abfälliges ins Mikro und läßt die alte Frau einfach stehen. Machte er das mit Kohl, bräche wahrscheinlich die Revolution im Bundeskanzleramt aus. (...)

 

In den Buchhandlungen Ostberlins kaufen Westlinke in diesen Wochen im Frühjahr 1990 Bücher, für die sich in der DDR niemand mehr zu interessieren scheint. Manche Käufer führen sich auf wie der reiche Onkel aus Amerika. Eine ältere Buchhändlerin packt für einen solchen Kunden ärgerlich ein Buchpaket zusammen und schweigt. Wir kommen anschließend mit ihr ins Gespräch. Sie will die Wiedervereinigung nicht, und sie sagt: »Wir hätten das auch allein geschafft! Wir hätten die Regierung gestürzt, eine neue Regierung eingesetzt. Wir hätten die Grenzen für alle geöffnet und wären ein eigenes Land geblieben.« Die Chance ihres Lebens ist vertan. Wie sie denken viele, die an einer Veränderung beteiligt waren, über deren Rahmenbedingungen (die Politik der Sowjetunion unter Gorbatschow und die verborgenen und öffentlichen Ereignisse von der Öffnung der ungarischen Grenze bis zum plötzlichen Öffnen der Berliner Mauer) andere entschieden und entscheiden werden. In diesen Tagen lerne ich, daß bei aller Kritik am sozialdemokratischen Programm und den hierarchischen Strukturen der PDS deren Wahlergebnis mehr ausdrückt als die Zahl politischer Sympathisantinnen und Sympathisanten. Es symbolisiert für viele Menschen einen Rest an authentischer DDR-Identität.

 

Ein paar Tage später bin ich zu einer Diskussionsveranstaltung in Rostock eingeladen.Versammelt sind Menschen aus allen linken und oppositionellen Gruppen einschließlich der Vertreterinnen der Frauenbewegung. Es gibt eine lange Debatte über die Geschichte der Linken, Stalinismus und die Zukunft. Wir sitzen im Keller eines Jugendzentrums. An diesem Abend wie in vielen anderen Diskussionen mit Jugendlichen lerne ich, daß es viele kluge, politische Jugendliche gibt, die mit einer wahnsinnigen Wut den Ausverkauf des Landes, in dem sie aufgewachsen sind, beobachten. Ihre Geschichte wird ihnen geklaut, vertraute Straßenschilder abmontiert, ein Teil der Elterngeneration flippt auf westlichen Konsum ab, und viele soziale Beziehungen halten die Veränderungen nicht aus und zerbrechen. Sie wollen von den älteren Linken beharrlich wissen, was die denn dagegen tun wollen. Deren Antworten befriedigen die jüngeren Diskussionsteilnehmer nicht. In mir wächst die vage Hoffnung, daß in der DDR selbst eine rebellische, widerstandsbereite Generation entstehen könnte, die den Westen von Osten her aufmischt. Oder ist das zu idealistisch? (...)

 

Ausverkauf des Landes

 

In einem Vorort von Berlin berichtet ein Mann von LKW-Fahrern, die gezwungen worden seien - wieso lassen sich erwachsene Menschen immer so leicht zu irgend etwas zwingen? -, frisch gebackenes, noch warmes Brot von der Bäckerei oder Brotfabrik zur Schweineverfütterung zu fahren. Blumenkohl sei untergegraben worden und Fleisch, was eine Riesensauerei gewesen sei. Die Verkaufsstellen würden von westlichen Zwischenhändlern bestochen oder mit der Behauptung bedroht, wenn sie sich weigerten, nur noch Westprodukte zu nehmen, würden sie in Zukunft nicht beliefert. Dazu käme, daß viele Konsumenten sich blind und unkritisch auf Westprodukte stürzten, auch wenn sie viel zu teuer oder schlechter als DDR-Produkte seien. Die Leute hätten kein Selbstbewußtsein, und die Bauern wehrten sich viel zu spät. Auf einem Markt stehen zwei Körbe Eier nebeneinander. Ein Korb »Westeier« für je eine Mark, »Osteier« für 20 Pfennig. Als die Westeier alle verkauft sind, geht der Standinhaber mit den beiden Körben hinter seinen Wagen und legt die Osteier in den Westeierkorb.

 

Der »deutsche Sieg« bei der Fußballweltmeisterschaft in Rom im Juli 1990 ist genau das, was dieses besoffene Deutschland noch braucht. Neben Fußballfans zetteln Hooligans, Skinheads und Rechtsradikale in Bielefeld, Dortmund, Köln, Hamburg und Berlin Straßenschlachten an. In Köln wird ein Türke fast gelyncht. In anderen Städten werden sie »nur« gejagt und zusammengeschlagen. Überall Fahnenmeere, alkoholisierte Chöre, Böllerschüsse. »Deutsch-Land, Deutsch-Land«-Gekreisch und »Sieg-tak-tak-tak, Sieg-tak-tak-tak«. Warum nicht gleich »Sieg heil«? In der taz, die so viel Wert darauf legt, wenigstens in der originellen sprachlichen Verpackung dumpfen intellektuellen Mittelmaßes Vorreiter zu sein, leitartikelt Axel Kintziger am 10. Juli: »Auf deutschen Straßen und Plätzen ist wieder was los. (...) Und die Linke, die sich, weil außerhalb der Parlamente verharrend, seit über zwei Jahrzehnten die Straße angeeignet hatte, ist konsterniert. (...) Diese Fragen (...) verstellen eine wesentliche Erkenntnis: Überwiegend junge Leute nehmen sich in Deutschland etwas heraus, was den freudetrunkenen Massen von Rom oder Buenos Aires niemals übel genommen worden ist. (Es folgen einige »mitreißende« Beispiele aus weiteren Ländern; J.D.) Die Massen haben sich von dem vereinsamten Besäufnis vor dem heimischen Fernseher verabschiedet, sie ziehen in den öffentlichen Raum und freuen sich kollektiv. (...) Vielleicht vergessen sie dabei Auschwitz. Aber sie bereiten keine Neuauflage von Auschwitz vor.« Haben die Massen im Faschismus auf der Straße gestanden und KZs verlangt, haben sie Auschwitz in diesem Sinne vorbereitet, oder war es nicht vielmehr so, daß sie duldeten, applaudierten, wegsahen, denunzierten, profitierten und mitmordeten? (...)

 

»Irgendwie emanzipatorisch«

 

Antje Vollmer predigt am 21. Juni 1990 im Deutschen Bundestag: »Wer den deutschen Fußballern in diesen Tagen zuschaut, der verliert - wie auch ich - irgendwie die Angst vor den Deutschen. Sie spielen nämlich nicht nur gut und erfolgreich, sie spielen auch irgendwie schön und irgendwie richtig emanzipatorisch.« Franz Beckenbauer (kein Mitglied des Bundestages) antwortet ihr: »Wir sind die Nummer eins in der Welt. Aber die Auswahl wird noch größer, noch kompakter durch die ostdeutschen Spieler. Wir sind über Jahre nicht mehr zu besiegen. Es tut mir leid für den Rest der Welt, aber es ist so.« Es gibt offenbar gegenwärtig keinen »Erfolg« - und das ist der Kernbegriff von Vollmers Rede -, und sei er auch noch so deutschnational und reaktionär, an dem Antje Vollmer nicht auch ein bißchen teilhaben will. (...) Fast jede ihrer Bundestagsreden ist einzig Anbiederei an die herrschenden Eliten. (...) Antje Vollmer war auch die erste, die im Bundestag »von der neuen Rolle Deutschlands als Weltmacht« sprach und davon, daß die Grünen dieser Weltmacht »das neue geistige Band« zu liefern hätten. Einer ihrer Berater, Udo Knapp (heute SPD-Funktionär auf Rügen; J.D.) schreibt am 11.8.1990 in der taz, daß eine neue internationale Weltpolizei, unter Beteiligung Deutschlands, notfalls auch mit militärischen Mitteln am Golf einschreiten müsse, und ein anderer Vollmer-Berater, Bernd Ulrich (heute Zeit-Redakteur; J.D.), empfiehlt in diesem Zusammenhang, endlich aus dem Schatten Hitlers hervorzutreten: »Irgendwann aber im Verlauf der letzten 40 Jahre wurde, was human war - nämlich ein ganzes Volk in Haftung zu nehmen - reaktionär.« (...)

 

Gemeinsamer Antrag der CDU, der SPD und der Grünen im Frankfurter Rathaus (...): »Tag der deutschen Einheit. Die Stadtverordnetenversammlung wolle beschließen: Anläßlich des Tages der deutschen Einheit wird am 3. Oktober 1990 die Stadt in der Paulskirche einen Festakt durchführen, bei dem geeignete Persönlichkeiten aus dem inländischen und ausländischen öffentlichen Leben Gelegenheit gegeben wird, das historische Ereignis zu würdigen.« Einem kleinen Zeitungsbericht entnehme ich die Deformation der Köpfe einiger grüner realpolitischer Repräsentanten im Jahr der nationalen Besoffenheit. Ein Foto zeigt zwei grüne Realos in breit grinsender Begeisterung. Die Zeitung schreibt: »Wir haben doch ein Herz für Deutschland«, erklärte Stadtrat Tom Koenigs und präsentierte mit Grünen-Chef Lutz Sikorski den rSekt für die Einheitl im Römer.« Wie unerträglich bewußtlos können Menschen, die aus der Linken kommen, eigentlich noch sein?

 

Verbrecher fordern Entschädigung

 

17. Oktober 1990: (...) Eine der mächtigsten Kriegsverbrecherorganisationen aller Zeiten, die I.G. Farben beziehungsweise die als deren Verwalterin des Restvermögens fungierende »IG Farben in Abwicklung (i.A.)«, will für ihren Besitz im Osten mit 884 Millionen D-Mark entschädigt werden. Die Firma betrieb ein eigenes KZ bei Auschwitz, in dem 30000 Menschen starben, in allen Lagern und Betrieben der I.G. schätzungsweise 45000. Die Strafen für die Verantwortlichen in den Nürnberger Prozessen waren lächerlich gering. Die USA brauchten das ökonomische und politische Bündnis mit der BRD. Nach wenigen Jahren waren die meisten I.G.-Farben-Bosse, von den viele hohe SS-, SA- oder NSDAP-Funktionen innegehabt hatten, wieder in verantwortlichen Positionen: bei Bayer, Hoechst und BASF. Die Auflösungsfirma I.G. Farben i.A. löste sich nicht auf, sondern existierte weiter und legte nun wieder gewaltig zu. Die Ankündigung der Ansprüche im Osten ließ den Kurs der unheimlichen Firma in wenigen Tagen um rund 13 Prozent hochschnellen.

 

Ende Oktober 1990, fast ein Jahr nach dem Fall der Mauer, haben Polizisten in Leipzig auf Rechtsradikale geschossen und zwei in die Beine getroffen. Die hatten mit Steinen auf sie geworfen. Mit der BRD und der DDR stoßen offensichtlich zwei unterschiedliche staatliche Repressionszustände aufeinander. Der eine grobschlächtig brutal, plump in der Überwachung und Verletzung von demokratischen Rechten, der andere vielleicht noch brutaler, aber auf High-Tech-Niveau, modern, subtiler in seinen Methoden und zumindest so raffiniert, daß er seine Repressionsmethoden so handhabt, daß das nackte Gesicht der Repression sich immer nur einem Teil der Gesellschaft zeigt. Ist es nicht wirklich eine Leistung der herrschenden Meinung, die Diskussion über Monate vollständig auf die »DDR-Stasi« gelenkt zu haben? Forderungen wie die nach Abschaffung demokratiefeindlicher Einrichtungen wie dem Bundesnachrichtendienst (BND), Militärischen Abschirmdienst (MAD), Verfassungsschutz (VS), der CIA und etwa der US-Überwachungsorganisation NSA kommen in der öffentlichen Diskussion zur Zeit nicht vor. Ungestört kann die NSA z.B. sämtliche Telefongespräche in der BRD abhören und mit Hilfe von leistungsstarken Computern politisch auswerten.

 

Es gab allerdings eine richtig gute Nachricht in dieser Zeit. Gleich nach der Öffnung der Mauer im November 1989 versammelten sich Brandt, Kohl, Momper und Genscher zu einer öffentlichen Danksagung auf dem Platz vor dem Schöneberger Rathaus in Berlin. Als sie nach langen Reden gemeinsam die Nationalhymne anstimmten, gellte ein Pfeifkonzert um ihre Ohren. (...)



via http://www.triller-online.de/index2.htm

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A
<br /> Ergänzend möchte ich Jutta Ditfurth's Buch über die Grünen empfehlen.<br /> <br /> <br /> Ich glaube man kann dieses Buch als Standardwerk einordnen,aber Vorsicht,<br /> <br /> <br /> nach der Lektüre war mir speiübel.In den Anschlußwirren 90/91 verließen<br /> <br /> <br /> Zehntausende "Fundis" die Partei,das war mir damals völlig entgangen.<br /> <br /> <br /> Matthias<br />
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G
<br /> Nationalismus = Schminke ? (laughing out bitter); im Fall der Energiewende fehlen die "Käufer", die Konzerne und Gliederungen wurden und werden hier durch den Staat erst geschaffen (siehe z.B.<br /> Siemens Green City)<br />
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G
<br /> "haben sich entweder kaufen lassen oder resigniert": Wo gehören da die Grünen hin, die ich kenne, die vor zehn Jahren Jugoslawien ganz flexibel bombardieren ließen und heute der unwilligen<br /> deutschen Industrie unter dem Begriff "Energiewende" neue Wachstumskonzepte aufzwingen wollen, die eine totale Neuaufmischung weiter Teile der Welt bedeuten? Unterstrichen sie hier der Begriff<br /> "total", weil u.a. - hier sind Köhler, zu Guttenberg und die Grünen völlig einig - die jetzige Bundeswehr dafür nicht so recht geeignet ist.<br /> <br /> <br />  <br /> <br /> <br /> PS: War nur ein Kurzbesuch.<br />
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S
<br /> <br /> Die würde ich unter "kaufen lassen" führen. Um gekauft zu werden, ist eine ordentliche Portion Nationalismus ein Werbeargument, quasi die dicke Schminke alter Huren wie Trittin.<br /> <br /> <br /> <br />
A
<br /> Danke für den Link Sepp!Ich wertschätze Frau Ditfurth sehr,leider nicht Ihre<br /> <br /> <br /> Präsenz im teutonischen Talk-Show Geraune.Ich verstehe Ihre Intention nicht,<br /> <br /> <br /> wem soll damit gediehen sein,Ihrem Portemonnaie?Matthias<br />
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S
<br /> <br /> Da ich kein deutsches Fernsehen gucke, weiss ich nicht, wie sie sich da aufführt. Finanzielle Gründe wird das nicht haben, das hat Frau Ditfurth nicht nötig. Deine Wertschätzung teile ich. Jutta<br /> Ditfurth ist die einzige (ehemalige) Führungspersönlichkeit der Grünen, die ich für integer halte. Alle anderen ohne Ausnahme haben sich entweder kaufen lassen oder haben resigniert.<br /> <br /> <br /> <br />