Die Franzosen und der Klassenkampf

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

Übernommen von http://www.dkp-online.de/uz/

 

Franzosen sagen:
Klassenkampf ist eine Realität

Die Wahrnehmung einer klassengespaltenen
Gesellschaft hat zugenommen

"Sind Sie der Ansicht, dass der Klassenkampf in Frankreich zum gegenwärtigen Zeitpunkt eine Realität ist?"

64 Prozent der befragten Französinnen und Franzosen, also eine starke Mehrheit, haben diese Frage mit Ja beantwortet. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Meinungsumfrage, die das Meinungsforschungsinstitut IFOP am Jahresende 2012 im Auftrag der kommunistischen Tageszeitung "Humanité" durchgeführt hat.

Nur 25 Prozent antworteten mit Nein, 11 Prozent gaben keine Antwort. Auch die Frage, ob sie sich selbst zu einer sozialen Klasse zugehörig fühlen, wurde von einer Mehrheit der Befragten, nämlich 56 Prozent bejaht, während 35 Prozent verneinten (Original: www.ifop.com/media/poll/2105-1-study_file.pdf).

Das "Institut Français d´Opinion Publique" (IFOP - "Französisches Institut der öffentlichen Meinung") ist eines der ältesten renommierten französischen Institute für Meinungsforschung. Es legt Wert auf die Feststellung, dass es streng nach wissenschaftlichen Kriterien arbeitet. Viele Firmen nehmen es für Marketing- und Konsumentenanalysen in Anspruch. Es führt aber auch für Auftraggeber unterschiedlichster politischer Richtung Umfragen zu politischen und gesellschaftspolitischen Fragen durch. Auch die deutsche Botschaft in Paris hatte sich Anfang 2012 für eine Analyse zum "Bild Deutschlands in Frankreich" seiner bedient. Seine Ergebnisse sind also frei von jedem Verdacht einer versteckten Parteilichkeit für linke Ansichten.

Die Umfrage zum Klassenkampf ist in der Zeit vom 20.12.2012 bis 4.1.2013 bei einem repräsentativen Querschnitt von 2000 Französinnen und Franzosen ab 18 Jahren durchgeführt worden, quotiert nach Geschlecht, Alter, Beruf und regionaler Verteilung der Bevölkerung. Auch in Frankreich war in den vergangenen Jahren seit 1980 von den Ideologen des Kapitals mit einigem Erfolg das "Verschwinden der Arbeiterklasse" und die "Überwindung des Klassenkampfs" durch die Umwandlung der Klassengesellschaft in eine "demokratische Gesellschaft gleichberechtigter Bürger" und zunehmender "Individualisierung" der Gesellschaft behauptet worden. Die jetzigen Umfrageergebnisse ergaben für viele überraschend eine deutliche Widerlegung dieser Thesen. Besonders ins Gewicht fällt dabei, dass die "Realität des Klassenkampfs" heute von 20 Prozent mehr Menschen bejaht wurde als 1967, als nur 44 Prozent der Befragten zustimmten. Bei den 18-24-Jährigen lag die Bejahung bei 62 %, 14 % mehr als bei den entsprechenden Jahrgängen 1967, bei den 25-34-Jährigen bei 70 %, 27 % mehr als 1967.

Allerdings verweist der IFOP-Forschungsdirektor Jérôme Fouquet zu recht darauf, dass die Bejahung der "Realität des Klassenkampfes" nicht mit einer bewussten Bejahung des Klassenkampfes im marxistischen Sinn verwechselt werden darf. Das reale Vorhandensein von Klassenkampf zu bejahen, muss nicht bedeuten, dass man dies auch für positiv oder unterstützenswert hält. Hierin liegt vermutlich auch eine Erklärung dafür, dass die Prozentsätze des Ja bei den "Besserverdienenden" und Angehörigen der "Mittelschichten" sogar höher lagen als bei den Arbeitern (Arbeiter 63 %-16 % Zuwachs zu 1967).

Auch die Bejahung der Frage, ob man sich selbst einer Klasse zugehörig fühlt, bedeutet nicht, dass sich der oder die Betreffende bewusst der Arbeiterklasse zugehörig fühlt. Möglich ist die Bejahung dieser Frage auch, wenn man sich selbst als zu den Mittelschichten oder zu den "Gutverdienern" zählt. Immerhin haben aber auch 53 Prozent der befragten Arbeiter und 57 Prozent der Angestellten und Angehörigen von Zwischenschichten, also jeweils die Mehrheit, bejaht, dass sie sich selbst einer sozialen Klasse zugehörig fühlen. Für IFOP-Direktor Fouquet gab es in einem Interview zu den Befragungsergebnissen keinen Zweifel: "Die Wahrnehmung einer in Klassen gespalteten Gesellschaft" sei nach wie vor "operativ". Im Schlussteil der Studie wurde kommentiert, die Ergebnisse zeigten, "dass die sozialen Antagonismen als in der französischen Gesellschaft präsent erscheinen - besonders im Kontext der Krise und der Vergrößerung der Ungleichheiten bei der Entlohnung". In der Tat widerspiegeln die Zahlen offenbar ein mehrheitlich in der Bevölkerung vorherrschendes und gegenüber früheren Jahrzehnten gewachsenes Bewusstsein von der Vergrößerung der sozialen Ungleichheiten angesichts der Anhäufung immer größerer Milliardenvermögen in den Händen einer verschwindend kleinen Minderheit von Superreichen, während gleichzeitig Millionen Menschen in immer schlechter bezahlte und auf kurze Zeit befristete unsichere Jobs mit Minilöhnen abgedrängt werden. Gleichzeitig werden sie von rigorosen "Sparprogrammen" geschröpft, während die reichen Vermögensbesitzer sich mit Erfolg einer Bezahlung der von ihnen verursachten Krise entziehen können. Es dürfte kaum bestreitbar sein, dass hierin Ansätze für die Entwicklung eines spontanen Bewusstsein von Klassenunterschieden und gegensätzlichen Klasseninteressen liegen, die in der IFOP-Umfrage deutlich erkennbar wurden.

 

Pierre Poulain

Veröffentlicht in Frankreich

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