Die Idioten verlassen das sinkende Schiff

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

 

Die europäischen Börsen schlossen gestern mit Verlusten von über vier bis knapp unter sechs Prozent, alle nahe der Tagestiefs. Die USamerikanischen Indizes verloren zwischen 3,7 und 5 %. Die Abwärtsbewegung erfasste heute Nacht auch Asien. Heute Vormittag verliert der deutsche DAX erneut zwischen drei und vier Prozent. Alle anderen europäischen Börsen verlieren auch, wenn auch etwas weniger. Das Wort Panik weht durch die Wirtschaftskommentare. Nicht, dass es jemanden wundern würde. Selbst die professionellen Gesundbeter werden ihren Argumenten ja kaum selber glauben. Aber jetzt ist vielleicht da, wovor schon seit Monaten gezittert wird: der Crash; der double dip; der Rückfall in die Rezession; das Reissen der Kreditketten; der Zusammenbruch der Währungen ... Oh Gott, hast du uns verlassen ?

 

Was machen die, die gerade Cash machen, eigentlich mit dem Geld ? Auf dem Konto stehen lassen ? Da frisst es die Inflation, und der Zins gleicht das nicht mal aus. - Anderen leihen für deren Geschäfte ? Welche Geschäfte ? Die werden nicht weniger windig sein als die eigenen, nichts da. - Staatsschulden kaufen ? Mit denen könnte es morgen so gehen wie heute mit den Aktien; oder schlimmer. - Paar Wohnblöcke kaufen ? Dann steckt das Geld fest und man einen Haufen Ärger, Bewirtschaftungskosten und eine uninteressante Verzinsung am Hals. - Rohstoffe kaufen ? Und wenn die Produktion runtergeht ? Dann wird es auch mit der Rohstoff-Hausse vorbei sein. Öl ist schon um 20 % gefallen. Mais und Weizen und solche Sachen, ja klar, das wird immer gebraucht. Aber wenn die Hungerleider nicht zahlen können ? Die verhungern glatt und lassen einen auf dem schönen Weizen sitzen. - Gold !? Ja, vielleicht. Aber ist das nicht schon zu teuer ? ...

 

Sie werden von allem etwas tun, die Börsenflüchtlinge. Vielleicht auch morgen schon wieder Aktien kaufen, oder in zwei Wochen. Ihre buchstäblich irren "Operationen" können den Leuten, die von Lohn und Gehalt leben müssen, bis zu einem gewissen Punkt auch egal sein.

 

Dieser Punkt ist allerdings überschritten, seit die Staaten für die Zocker jede gewünschte Summe garantieren und die Zockerei künstlich in Gang halten, indem sie immer neues Geld in die Kreditkreisläufe pumpen. Der Staat hat selbst nichts ausser Steuern, und die Masse der Steuern zahlen die Arbeiter und Angestellten. Das heisst, sie zahlen für die Zocker. Der Staat verschuldet sich auf Rechnung der Arbeiter und Agestellten und der kleinen Selbständigen, ohne sie auch nur zu fragen, für die nächsten Generationen.

 

Das ist bisher hingenommen worden. Es handelt sich um Tausende Milliarden, aber es ist noch nicht recht spürbar, jedenfalls nicht in Deutschland; in anderen Ländern schon - in Griechenland, Portugal, Spanien haben Massen von Menschen begonnen in blanke Armut zu stürzen. Um Deutschland wird das keinen Bogen machen. Die zehn Millionen Menschen, die von staatlicher Stütze abhängen, weil sie arbeitslos sind oder keinen zum Leben ausreichenden Lohn erhalten, sind nur die Vorboten.

 

Dabei bleibt es nicht. Die Papierberge werden abgeschlagen werden, auf welche Art auch immer. Dann passiert, was in Deutschland im 20. Jahrhundert zwei Mal passiert ist, 1923 und 1948: Die Geldersparnisse, sei es in Geld oder irgendwelchen "Wertpapieren", sind weg. Die Eigentümer von Sachwerten kommen relativ ungeschoren davon. Die, die solche nicht haben, können von vorn anfangen. Ihre Mühe von Jahren und Jahrzehnten ist umsonst gewesen.

 

Wenn die Kreditketten reissen, passiert noch etwas anderes: Produktion und Handel brechen vorübergehend zusammen. Löhne können nicht mehr bezahlt werden oder sind nichts mehr wert. Die Arbeitslosigkeit wird ungeahnte Höhen erreichen.

 

Für die kapitalistische Ordnung sind solche Krisen aber Jungbrunnen, so lange sie nicht politisch aus dem Ruder laufen und die Eigentumsrechte nicht gefährdet werden. Sie fegen die Märkte leer wir sonst nur Kriege. Sie werfen die Papierberge, unter deren Zinslast die ganze Gesellschaft stöhnt, ab. Natürlich kann es ein Jahrzehntlein dauern, bis wieder Fuss gefasst ist. Für die Schlangen vor den Suppenküchen braucht man vielleicht bestiefelte Männer, die für Ruhe und Ordnung sorgen. Aber allmählich kommen die Geschäfte wieder in Gang - und wie frei schreitet es sich aus im Land der unbegrenzten Möglichkeiten leergefegter Märkte !

 

Der Quatsch der Kapitalakkumulation beginnt  eine neue Runde. Zwei, drei, vier Jahrzehnte lang, bis zur nächsten "Systemkrise". Vielleicht geht das ja noch ein paarmal, ehe der tendenzielle Fall der Profitrate in Dauerfäulnis übergeht. Aber müssen wir uns und unseren Kindern und Enkeln das wirklich antun ? Zuschauen, fachmännisch kommentieren, maulen und warten, bis gar nichts mehr geht ?  

 

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update:

 

Bei querschüsse ist anhand der langjaährigen Verläufe der Aktienindizes und der Kurse "systemrelevanter" Banken veranschaulicht, an welcher Stelle wir uns im Rahmen der Krisenzyklen gerade befinden. Solche Kurse vermitteln zwar kein genaues Bild, aber einen ungefähren Eindruck. Interessant wäre, diese Kurven mit den Verläufen der BIPs zu vergleichen. Vielleicht mag sich ja jemand die Mühe machen. Was dabei herauskäme wäre eine ungefähre Vorstellung vom Umfang fiktiven Kapitals (anhand der Differenz zwischen realer Wirtschaftsentwicklung und "Finanzindustrie")

 

Hier der Link zu dem querschüsse-Eintrag: http://www.querschuesse.de/charts-vom-18-08-2011/

 

 

Veröffentlicht in Weltwirtschaftskrise

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