Die internationale Sozialdemokratie am Vorabend des I. Weltkriegs

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

Die NZZ erinnert heute an den internationalen Baseler Kongress der Sozialdemokratie vor hundert Jahren ( link ), auf dem sich die Sozialisten noch einmal zur internationalen Solidarität verpflichteten. Der herannahende Krieg wurde zutreffend prognostiziert. Aber zwanzig Monate später wurden alle internationalistischen Eide gebrochen. Wie es dazu kommen konnte, beschreibt der folgende Text:

 

Vor 100 Jahren:

 

Einige Daten zur deutschen Arbeiterbewegung am Vorabend des Ersten Weltkriegs

 

Das Wachstum der SPD

 

Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) wuchs zu Beginn des 20. Jahrhunderts unaufhörlich. 1907 zählte sie 530’000 Mitglieder. Am letzten Parteitag vor dem Krieg waren es schon 1’085’000. In den Reichstagswahlen von 1907 hatte die SPD zwar einen Rückschlag erlitten. Es waren die sogenannten Hottentotten-Wahlen. Die Bourgeoisie führte eine unerhörte Kampagne gegen die Sozialdemokraten, die sich der Kolonialpolitik widersetzten und gegen die blutige Unterdrückung der Herrero-Aufstände in Deutsch-Südwesafrika protestierten. Aber bei den Wahlen 1912 errang die SPD einen glänzenden Sieg. Sie erhielt 4,2 Millionen Wählerstimmen (38.5%), und wurde mit 110 Sitzen die stärkste Fraktion im Reichstag. Die Gewerkschaften steigerten ihre Mitgliederzahl von 400’000 im Jahr 1898 bis 1914 auf das Sechsfache (2,5 Mio.). Vor dem Weltkrieg hatte die Partei 91 Zeitungen mit anderthalb Millionen Abonnenten.

… und die Erstarkung des Opportunismus

 

Aber in der gleichen Zeit veränderte sich der Charakter der SPD zunehmend. Besonders nach der Niederlage der russischen Revolution von 1905 glitt die SPD-Führung auf zentristische Positionen ab und überliess die Hebel mehr und mehr den opportunistischen Elementen. Gerade das Zentrum, darunter Parteiführer von internationalem Prestige beim Proletariat, das mit dem rechten Flügel paktierte und diesem eine Konzession um die andere machte, verhinderte durch seine Haltung den Erfolg der revolutionären Kräfte um Mehring, Zetkin, Luxemburg und den jungen Liebknecht in ihrem Kampf gegen den Opportunismus. Diese Politik der Zentristen in den Führungen der SPD und anderer Parteien ist für den Zusammenbruch der II. Internationale bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs verantwortlich.

 

In den Vorkriegsjahren gehörte die Frage des politischen Massenstreiks zu den akutesten Fragen, die in der SPD diskutiert wurden, und in in diesen Auseinandersetzungen machten sich die Unterschiede zwischen den verschiedenen Strömungen deutlich bemerkbar. Rosa Luxemburg propagierte in ihrem Buch "Massenstreik, Partei und Gewerkschaften" die Anwendung dieses in Russland erprobten Kampfmittels. In der SPD wurde der Massenstreik vor allem im Zusammenhang mit dem Kampf gegen das Dreiklassen-Wahlrecht zum preussischen Landtag erörtert. Im Jahre 1910 erreichten die Massendemonstrationen gegen das reaktionäre Wahlrecht einen Höhepunkt. Am 10. April fanden in allen Städten Preussens grosse Kundgebungen statt. Allein in Berlin nahmen 250’000 daran teil. Auch die Streikbewegungen nahmen nach einer Flaute wieder zu. Nach Streikkämpfen in Berlin (Moabit) 1910 kam es 1912 zu einem grossartigen Streik im Ruhrgebiet. Rosa Luxemburg, Klara Zetkin und Karl Liebknecht forderten angesichts der wachsenden Massenkämpfe die Hinwendung der Partei zum politischen Massenstreik und weiteren ausserparlamentarischen Kampfmethoden. Aber die SPD-Führung war dagegen, da sie – besonders seit der Wahlniederlage von 1907 – alles vermeiden wollte, was den kleinbürgerlichen Wähleranhang brüskieren könnte.

 

Auch auf dem Parteitag von Nürnberg 1908 setzte die Parteiführung den Kampf gegen den Revisionismus fort und verurteilte das Verhalten der SPD-Abgeordneten in den Landtagen von Baden, Württemberg und Bayern, die den bürgerlichen Staatshaushalten zugestimmt hatten. Der Parteitag bestätigte den Beschluss des Dresdener Parteitages von 1903 und verbot den süddeutschen Genossen die Zustimmung zu den Haushalten. Bebel erklärte: «Wir sind prinzipielle Gegner der heutigen Staats- und Gesellschaftsordnung… Unsere ganze Tätigkeit ist darauf gerichtet, die bestehende Staats- und Gesellschaftsordnung zu untergraben.»

1 Allerdings ignorierten die Badener weiterhin die Beschlüsse, so dass denn das gleiche Thema auch am Magdeburger Parteitag 1910 erneut zur Sprache kommen sollte.

Kaustkys Rechtswende und Bebels Tod

 

Kaustky, der bis ungefähr 1909 ("Der Weg zur Macht") gegen den Revisionismus aufgetreten war, tendierte mehr und mehr nach rechts. Er erklärte jede Diskussion über die Frage des politischen Massenstreiks in Deutschland für nutzlos und empfahl der SPD eine "Ermattungsstrategie" anstelle der "Niederwerfungsstrategie", lies: rein parlamentarische Aktionsmethoden und Verzicht auf ausserparlamentarische Kampfformen. Kurz vor dem Magdeburger Parteitag publizierte Kautsky einen Artikel, welchem er den Titel "Zwischen Baden und Luxemburg" gab. Die Geburtsstadt von Karl Marx liege in der Mitte zwischen Luxemburg und Baden. Die Lage Triers auf der Landkarte sei ein Symbol für die SPD. Damit wollte Kautsky nicht nur sich selbst als Zentrum (mit gleichem Lärmabstand nach links und rechts) positionieren, sondern auch Marx in einen "Zentristen" und Kautskyaner verwandeln.

 

Nach dem Tod von Paul Singer (1911) und August Bebel (1913) bildete sich in der SPD-Führung ein Block von Zentristen und Rechten. Der Rechtsanwalt Haase und der Lederarbeiter Ebert kamen an die Parteiführung, Scheidemann leitete die Reichstagsfraktion, die sich seit den Wahlen 1912 mehrheitlich aus offenen Opportunisten zusammensetzte. Von da an kämpfte die Parteispitze nicht mehr gegen den Opportunismus, sondern gegen die revolutionäre Parteilinke.

 

Einen weiteren Schritt des Verrats an den Beschlüssen der 2. Internationale (Stuttgart 1907, Basel 1912) beging die Reichstagsfraktion, als sie 1913 einer Regierungsvorlage zustimmte, welche zum Zweck der Rüstung die direkten Steuern erhöhte. Die SPD-Führer begründeten ihre Zustimmung mit dem fadenscheinigen "Argument", die Partei sei schon immer gegen indirekte, also für direkte Steuern gewesen. Das war schlicht gelogen. Mit Bebels Ableben wurde auch seine berühmte Losung begraben: "Diesem System keinen Mann und keinen Groschen". Nach dem Jenaer Parteitag gingen die Opportunisten zur Offensive über und hinderten gegen die Parteilinke an der Verbreitung ihrer Anschauungen. Sie verstärkten ihre Kontrolle über die Parteipresse, und bemächtigten sich unter anderem auch der Leipziger Volkszeitung, die lange Zeit ein Sprachrohr der Linken gewesen war.

 

Für die weitere Entwicklung spielte auch eine Rolle, dass Bebel zeitlebens an der Auffassung festgehalten hatte, dass das zaristische Russland nach wie vor (wie zu Marxens Zeiten) die Hauptgefahr für den Fortschritt darstelle. Diese überholte Einschätzung und die damit einhergehende Unterschätzung der Gefahren, die vom deutschen Imperialismus und von den westlichen imperialistischen Mächten ausging, erleichterten die Versuche der Sozialchauvinisten, den imperialistischen Weltkrieg deutscherseits als Krieg gegen das reaktionäre Zarentum hinzustellen und zu popularisieren.

Der Kampf der Parteilinken

 

Julian Marchlewski kennzeichnete seinen Eindruck, den er mit Rosa Luxemburg und Franz Mehring teilte, im Dezember 1913 mit den Worten: «…wir drei … sind der Auffassung, dass die Partei eine innere Krise durchmacht. Viel, viel schwerer, als zu jener Zeit, da der Revisionismus aufkam.»

2 Die Führer der Linken gaben sich allerdings auch einigen Illusionen hin, darunter der Illusion, dass die spontane Aktion der Massen die Mängel der Führung ausgleichen würde. Sie fetischierten die Einheit der Partei und vernachlässigten die Arbeiten zur organisatorischen Zusammenfassung aller revolutionären Kräfte und zur Durchführung des vollständigen (organisatorischen usw.) Bruchs mit den rechten Opportunisten und dem Zentrum.

 

Die proletarische Frauenbewegung und die Arbeiterjugend-Bewegung im Kampf gegen Militarismus und Krieg

 

Einen positiven Einfluss auf die Entwicklung der revolutionären Kräfte in Deutschland und in vielen anderen Ländern hatten die aufkommenden Bewegungen der Frauen und der Arbeiterjugend. Unter massgebendem Einfluss Klara Zetkins bzw. Karl Liebknechts wurden am Internationalen Sozialistenkongress zu Stuttgart 1907 sowohl die Frauen-Internationale wie die Jugend-Internationale gegründet. Die Frauenbewegung wuchs rasch an und entfaltete in vielen Ländern eine grosse Aktivität im Kampf gegen den Krieg.

Der Stuttgarter Kongress bestätigte die Selbständigkeit der Sozialistischen Jugend-Internationale und wies darauf hin, dass die Jugend praktisch im und zum Klassenkampf erzogen werden muss, darunter im Kampf gegen den Militarismus. Die Stuttgarter Beschlüsse bedeuteten eine Niederlage der Opportunisten, die bestrebt waren, die Aktivitäten der Jugendbewegung auf Fragen der Allgemeinbildung und ähnliches zu beschränken. Nach Erscheinen seines Buch "Militarismus und Antimilitarismus unter besonderer Berücksichtigung der internationalen Jugendbewegung" (1907) wurde der junge Liebknecht zu einem Hauptangriffsziel der reaktionären Justiz. Er wurde zu anderthalb Jahren Festungshaft verurteilt. Nach seiner Wahl in den Reichstag 1912 trat er dort den Kriegstreibern mutig entgegen und zog ihren erbitterten Hass auf sich. Die Jugendbewegung widmete sich besonders dem Kampf gegen den Militarismus. Im Deutschen Reich und anderen Staaten wurde den Parteien die Aufnahme von Jugendlichen vor dem Wehrdienstalter verboten. Damit sollte der Einfluss der Arbeiterparteien auf die Jugend beschnitten werden. Aber die proletarische Jugend durchkreuzte das Kalkül der Regierenden ging aber nicht auf. Sie bildete selbständige Arbeiterjugendverbände, die dann erst recht zu Bastionen des Antimilitarismus wurden. Schon 1908 erliess der Reichstag ein Gesetz, das praktisch zur Auflösung der Jugendverbände führte. Den rechten SPD-Führern kam diese Auflösung entgegen. Anstelle der selbständigen Jugendverbände traten nun SPD-"Jugendkommissionen" zur Bevormundung der Arbeiterjugend nach dem Motto des Gewerkschaftsführers Legien, der zum Thema sagte, man müsse der Jugend ihre Jugendjahre erhalten, sie nicht mit schwierigen Fragen ermüden, sondern ihre körperliche Tüchtigkeit fördern. Ähnliche Entwicklungen machte die Frage auch in vielen anderen Staaten. Diese Vorgänge und die gesamte Rechtstendenz der meisten Parteien der Internationale führten in mehreren Ländern zum Erstarken des Anarchismus in der Arbeiterjugend, so auch in der Schweiz, wo die Jugendorganisation ihre Existenz und Selbständigkeit bewahren konnte. Anarcho-syndikalistische Tendenzen erschwerten hier wie auch in Frankreich und Italien den späteren Übergang der Arbeiterjugend zum Marxismus-Leninismus.



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Akademie der Wissenschaften der UdSSR (Hg.), Die Geschichte der Zweiten Internationale, Moskau (Progress) 1966, Band II, S. 176

 

 

2

Fussnoten:

 

1

Quelle:

 

Kommunisten.ch



via http://www.triller-online.de/index2.htm



 

 

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