Die Mali-Intervention als Teil der Rekolonialisierung Afrikas

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

Der "Kampf gegen den Terror" der "islamischen Fundamentalisten" ist der Grund für die französische Intervenetion, wenn es nach den westlichen Medien geht. Nichts ist daran wahr. Die "islamischen Fundamentalisten" sind selbst ein Instrument der Imperialisten, das dazu benutzt wird, Staaten zu destabiliseren und zu zerstören, die erneut in de facto-Kolonien verwandelt werden sollen.

 

In Mali geht es auch um Algerien. Das Land wird wahrscheinlich eines der nächsten Ziele einer westlichen Intervention sein.

 

Dazu Thierry Meyssan mit einigen interessanten Einzelheiten:  

 

Ein Krieg kann einen anderen verschweigen

 

 

"Vor unseren Augen"

 

von Thierry Meyssan

 

"Der Appetit kommt mit dem Essen" heißt das Sprichwort. Nach der Wiederkolonisierung der Elfenbeinküste und von Libyen, nach dem Versuch, sich Syriens zu bemächtigen, liebäugelt Frankreich wieder mit Mali, um Algerien im Rücken zu fassen.


Imperialistischer Krieg in Mali
Informationen zu Syrien


Während des Libyen Angriffs machten die Franzosen und Briten umfangreiche Verwendung von Islamisten gegen die Macht von Tripolis, da die Separatisten von Kyrenaika, Bengasi einmal unabhängig, nicht mehr daran interessiert waren, Muammar el-Gaddafi zu stürzen. Beim Sturz der Dschamahirija, hatte ich persönlich den Empfang der AQIM Führer durch die Mitglieder des Nationalrates des Übergangs im Corinthia Hotel erlebt, welches durch eine britische, ausdrücklich vom Irak herangeholte Spezial-Gruppe gesichert wurde. Es war klar, dass das nächste Ziel des westlichen Kolonialismus Algerien wäre und dass AQIM eine Rolle spielen würde, aber ich konnte nicht sehen, welcher Konflikt verwendet werden konnte, um eine internationale Einmischung zu rechtfertigen.

 

Paris hat ein Szenario ausgearbeitet, in dem der Krieg über Mali in Algerien eindringt.

 

Kurz vor der Eroberung von Tripolis durch die NATO gelang es den Franzosen, Tuareg-Gruppen zu bestechen und sie umzukrempeln. Sie hatten Zeit sie ausgiebig zu finanzieren und zu bewaffnen, aber es war schon zu spät für sie vor Ort eine Rolle zu spielen. Nach Beendigung des Krieges kehrten sie in die Wüste zurück.

 

Die Tuareg sind ein Nomadenvolk, das in der zentralen Sahara und an den Grenzen der Sahelzone lebt, ein großer Raum, der sich über Libyen und Algerien, Mali und Niger verteilt. Wenn sie auch Schutz der ersten beiden Staaten erhielten, wurden sie stattdessen von den letzten beiden vernachlässigt. Infolgedessen haben sie seit den 1960er Jahren die Souveränität von Mali und Niger auf ihr Land bestritten. Gut logisch beschlossen die von Frankreich bewaffneten Gruppen, ihre Waffen zu benützen, um ihre Ansprüche in Mali geltend zu machen. Die nationale Bewegung für die Befreiung der Azawad (MNLA) übernimmt die Macht in fast allen Teilen des nördlichen Mali, wo sie lebt. Eine kleine Gruppe von Tuareg-Islamisten, Ansar Dine, allerdings mit AQIM verbunden, benützt die Möglichkeit, die Scharia in einigen Orten zu verhängen.

 

Am 21. März 2012 wird ein seltsamer Staatsstreich in Mali verübt. Ein geheimnisvolles "Komitee für die Wiederherstellung der Demokratie und die Wiederherstellung des Staates" (CNRDRE) stürzt den Präsidenten Amadou Toumani Touré und sagt, die Wiederherstellung der malischen Autorität im Norden des Landes zu wollen. Das Ergebnis ist viel Verwirrung, da die Putschisten nicht erklären können, wie ihre Tat die Situation verbessern wird. Der Sturz des Präsidenten ist umso eigenartiger, weil eine Präsidentschaftswahl fünf Wochen später geplant war, und dass der scheidende Präsident nicht Kandidat war. Das CNRDRE besteht aus Offizieren, die in den Vereinigten Staaten ausgebildet wurden. Das Komitee CNRDRE verhindert den Betrieb der Wahl und überträgt die Macht einem der Kandidaten, in diesem Fall dem frankophilen Dioncounda Traore. Dieser Taschenspielertrick wird von der ECOWAS legalisiert, dessen Präsident niemand anderer als Alassane Ouattara ist, der vor einem Jahr in der Elfenbeinküste von der französischen Armee auf den Thron gehisst wurde.

 

Der Staatsstreich betont die ethnische Teilung des Landes. Die malischen Eliteeinheiten der Armee (in den USA gegründet) mit einem tuareg‘schen Befehlskommando schloss sich der Rebellion mit Waffen und Gepäck an.

Am 10. Januar griff Ansar Dine - unterstützt durch andere Islamisten Gruppen – die Stadt Konna an. Daher verließ sie das Gebiet der Tuareg, um das islamische Recht auf den Süden von Mali zu erweitern. Der Übergangs-Präsident Dioncounda Traore verhängt den Ausnahmezustand und ruft Frankreich zu Hilfe. Paris engagiert sich in den darauf folgenden Stunden, um die Einnahme der Hauptstadt Bamako zu verhindern. Mit Vorausplanung hatte der Elysee in Mali Männer des 1. Fallschirmjäger Regiment der Marine Infanterie ("die koloniale") und des 13. Fallschirm Dragonerregiments, Hubschrauber vom COS, drei Mirage 2000D, zwei Mirage F - 1, drei C135, eine Hercules C130 und einen Transall C160 vorpositioniert.

In der Tat, es ist sehr unwahrscheinlich, dass Ansar Dine eine reale Bedrohung dargestellt hätte, da die eigentliche Kampftruppe, nicht die Islamisten sind, sondern die Tuareg-Nationalisten, die keine Ambitionen im Süden von Mali haben.

 

Um seine militärische Intervention voranzutreiben, fordert Frankreich Hilfe von vielen Staaten, darunter Algerien. Algier ist in der Falle: mit der ehemaligen Kolonialmacht zusammenarbeiten oder die Gefahr eines Rückflusses der Islamisten auf seinen Boden laufen. Nach Zögern stimmte es zu, seinen Luftraum dem französischen Durchflug zu öffnen. Aber letztendlich greift eine nicht identifizierte islamische Gruppe einen British Petroleum Gas-Standort im südlichen Algerien an, und wirft Algier Komplizenschaft mit Paris in dem malischen Fall vor. Hundert Menschen wurden Geiseln, aber nicht nur Algerier und Franzosen. Das Ziel ist klar, den Konflikt durch Erweiterung auf Algerien zu internationalisieren.

 

Die Technik der französischen Einmischung ist eine Kopie von der Bush-Administration: islamistische Gruppen verwenden, um Konflikte zu kreieren und dann an Ort und Stelle eingreifen, unter dem Vorwand die Konflikte zu lösen. Deshalb wiederholt die Rhetorik von François Hollande den "Krieg gegen den Terrorismus", obwohl er von Washington fallen gelassen wurde. Man findet in diesem Spiel die üblichen Protagonisten: das Katar nahm Aktien in großen französischen Unternehmen in Mali und der Emir von Ansar Dine steht Saudi-Arabien nahe.

 

Der Brandstifter-Feuerwehrmann ist auch ein Zauberlehrling. Frankreich hat beschlossen, seine Anti-Terror-Maßnahmen, den Vigipirate-Plan zu stärken. Paris fürchtet keine Aktion der malischen Islamisten auf französischem Boden, aber den Rückfluss von Dschihadisten aus Syrien. In der Tat hat die DCRI während zwei Jahren die Rekrutierung von jungen französischen Muslimen gefördert, um mit der FSA gegen den syrischen Staat zu kämpfen. Aufgrund der Auflösung der FSA kommen derzeit die Dschihadisten in die Heimat zurück, wo sie aus Solidarität mit Ansar Dine Lust haben könnten, diese in Syrien gelernten terroristischen Techniken anzuwenden.

Übersetzung: Horst Frohlich

 

Quelle: Al-Watan (Syrien)

 

voltairenet.org, 21.01.2013

 

via http://www.kominform.at/article.php/20130128181451579 

 

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update

 

S. auch : http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/kampf-gegen-al-qaida-pentagon-plant-drohnenbasis-im-nordwesten-afrikas-12043165.html   

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gkb 01/29/2013 11:59


"Rekolonialisierung" ist nicht "nicht übertrieben", es ist von der Richtung her falsch. Bouteflika könnte zum Beispiel in seinem Laden souverän vieles anders machen, wenn er wollte. Und wenn er
den Auswärtigen nicht passt, wird er vielleicht mit irgendeiner in-out-Koalition gestürzt, wer weiß. Dann kommt der nächste Souverän, der sich auf das algerische Staatsvolk stützt, und nicht
irgendein von Paris entsandter Präfekt. Aber das wäre Dir, dem es beim Imperialismus nur um Formen geht, wohl nur eine "formale" Schein-Souveränität.


 


Dabei ist die Unvereinbarkeit der eigenen Souveränität mit der der anderen Staaten ein Problem, dass die Imperialisten vor allem an Gegnern ihrer Kragenweite stört.


 


Dass die Gaddafis materiell nichts entgegenzusetzen haben, wenn sie nicht mehr ins Bild passen - also ähnlich wie bislang Chaveztan zum Ölförderland-Dasein verurteilt sind - , ist ja wohl der
beste Beweis dafür, dass staatliche Unabhängigkeit nicht der qualitative Fortschritt für die Wüstensöhne ist.

Sepp Aigner 01/29/2013 12:30



Der Formalismus liegt auf Deiner Seite. Nicht der Präfekt aus Paris, sondern der "eingesetzte Souverän". Letzterer ist der als Souverän verkleidete Präfekt. Auch nichts Neues. In der
indischen "Kronkolonie" gab es haufenweise "Könige" von Gnaden des Empires, scheinbar einheimische Herrschaften - im Dienst der Kolonialmacht.



almabu 01/29/2013 10:58


Sehr guter Beitrag, Sepp! Dazu passend, die Meldung der FAZ von heute, dass die USA durch AFRICOM rund 3.000 Soldaten und auch Drohnen in Niger stationieren wollen. AFRICOM selbst spricht von
3.500 Mann verteilt auf zahlreiche Länder nördlich des Äquators. Der Oberbefehlsfuzzy Carter Ham war am 11.01.2013 in Niger und hat einen entsprechenden Vertrag unterschrieben. Wann haben die
Franzosen eingegriffen? Da hat sich aber jemand beeilt! Wir erleben einen Wettlauf der Rekolonialisierung Afrikas. In Ostafrika müssten sich jetzt eigentlich die Briten melden...

Sepp Aigner 01/29/2013 12:23



In der FAZ gibt es eine Meldung, nach der die USA einen Drohnenstützpunkt für Nordwest-Afrika einrichten wollen, in Burkina Faso oder Niger. Das passt ins Bild. "Wettlauf": Das sehe ich auch
so.



gkb 01/29/2013 10:21


In Algerien herrscht eine Regierung unter Führung des Fidel-Freundes Abdelaziz Bouteflika (http://www.cuba.cu/gobierno/reflexiones/2009/ale/d130209a.html), der man gar nicht erst beibringen muss,
ihre Politik an westlichen Bedürfnissen auszurichten. Algeriens Militär ist nach außen und vor allem innen sehr wehrhaft. Anfängliches westliches Naserümpfen über die Geiselbefreiung vor zwei
Wochen ist binnen Stunden anerkennenden Worten für das exemplarische Blutbad gewichen. 


 


Kurzum: Man ist aus imperialistischer Sicht mit Algier vorderhand zu recht sehr zufrieden. Kein Mensch will dahin was "internationalisieren". Ein Hirngespinst aus der Mottenkiste ähnlich wie
andernorts das Bramarbasieren von möglichen Putschen z.B. in Griechenland. Es gibt auswärtige Interessen, die werden im eigenen Interesse der dortigen Ex-Revolutionäre bedient.


 


Kurzum: Ganz kaalt. Sucht die Gründe für Hollandes Sich-Umtun erst mal in Europa, nicht einmal unbedingt in Frankreich selbst. Die Grande Nation, deren Pöbel sich anderen
kritische-massen-Einlassungen zufolge ja viel kämpferischer gebärdet als der deutsche, steht wie ein Mann hinter der maßgeblich (wie in Berlin) von Alt-68ern vorangetriebenen Kriegspolitik.

Sepp Aigner 01/29/2013 10:57



Durchaus nicht kaaalt. Ganz heiss. Die Geiselbefreiung: Wo kamen die her, die sie genommen haben ? Warum passierte das zeitgleich mit den Intervention in Mali ? Warum hat die algerische Regierung
alles darangesetzt, das in eigener Regie so schnell wie möglich zu "bereinigen" ? Wäre das nicht eine schöne Gelegenheit für "internationale Hilfe" gewesen, wenn sie das nicht getan
hätte und hat sie es vielleicht darum getan ?


Was "Europa" betrifft: Da gibt es, glaube ich, schon einen Zusammenhang. Die französischen "Aktivitäten" in Afrika, die Versuche, die "Frankophonie" wieder zu stärken, konterkarieren auch die
deutschen Ansprüche darauf, in "Europa" die Führungsmacht zu sein. In dem Zusammenhang ist es interessant, sich die Details der deutschen "Hilfe" für die französische Intervention in Mali
anzusehen. Z. B. von französischer Seite die Versuche, Deutschland die Rolle eines HiWis zuzuweisen; andererseits die deutschen Versuche, sich direkt und unter Umgehung Frankreichs in den
Konflikt einzuschalten - Quattara in Berlin; die deutsche Reserviertheit in Sachen logistischer Unterstützung Frankreichs; etc.


Ich bin mir übrigens ziemlich sicher, dass Du vor der Zerstörung Lybiens auch geschrieben hättest, man könne doch aus imperialistischer Sicht mit Gadaffi ganz zufrieden sein - wie jetzt mit
Algerien. Der Punkt ist aber, dass die Zufriedenheit mit dem Betragen anderer Souveräne nicht reicht. Die können katzbuckeln, wie sie wollen, wie z.B. Assad vor dem "Ausbruch des
Konflikts" (oder zuzeiten Milosevic, der in die EU wollte). Das nutzt ihnen nichts, so lange sie den Anspruch erheben, in eigener Souveränität zu handeln. Darum geht es. Der Ausdruck
Rekolonialisierung ist nicht übertrieben.