Die Vereinigung von KPD und SPD zur SED: Lehren für heute

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

 

Auf der Internet-Site der "Geraer" KI (Kommunistische Initiative) steht ein Artikel von Georg Dorn über seine persönliche Erfahrung bei der Vereinigung von KPD und SPD. Er zieht daraus Schlussfolgerungen für das heutige Verhältnis der verschiedenen kommunistischen Parteien und Organisationen: Die Differenzen müssen überwunden und eine einheitliche kommunistische Partei muss angestrebt werden.

 

Für Leserinnen und Leser, die den Organisations-Wirrwarr nicht so genau verfolgen: Die KI wurde 2008 gegründet und schrieb sich den "Kampf gegen den Revisionismus" und die Parole "Klarheit vor Einheit" auf die Fahnen. Das war m. E. ein sektiererisches Unterfangen. Mittlerweile hat sich die KI gespalten. Im Moment existieren zwei Organisationen, die unter diesem Namen firmieren. Die "Geraer" KI (Ich nenne sie so, weil der Teil der KI, dem auch Georg Dorn angehört, sich zum ersten Mal in Gera eigenständig getroffen hat) ist offenbar bemüht, die sektiererische Linie zu überwinden.

 

Ich meine, dass der beste Weg zur Vereinigung der Kommunisten in Deutschland die Stärkung der DKP ist. Dazu gehört allerdings, dass die DKP sich darum bemüht, andere Organisationen mit kommunistischem Anspruch davon zu überzeugen, dass das der beste Weg ist, und dass sie - solange die Zersplitterung fortbesteht - eine konsequente Politik der kommunistischen Aktionseinheit verfolgt.

 

Hier der Text von Georg Dorn:

 

65. Jahrestag der Vereinigung von KPD und SPD zur SED und seine Lehren für die Gegenwart

 

Von Georg Dorn

 

28. Dezember 1945, späte Abendstunde. Da stand ich – wenige Tage zuvor aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft entlassen – in meiner Heimatstadt Dresden vor den Trümmern des Hauses, in dem ich als Kind groß geworden war, jetzt gerade mal 19 Jahre alt. Mit einiger Mühe fand ich das Domizil, in dem meine Eltern Unterkunft gefunden hatten. Schon am nächsten oder übernächsten Tag drängte es mich zu der Frage: „Wie geht es denn nun weiter?“ Mein Vater, ein armseliger Schneidergeselle, der nicht aus politischen Gründen, sondern aus tiefer christlicher Gläubigkeit antifaschistisch eingestellt und niemals zuvor politisch organisiert war, uns Kinder auch in diesem Geist erzogen hatte, der schien geradezu auf diese Frage gewartet zu haben. Seine Antwort kann ich wörtlich wiedergeben: „Nein, zu den Christen gehen wir nicht, da sind mir zu viele Nazis untergekrochen. Und zu den Kommunisten gehen wir auch nicht, die sind mir zu radikal. Da gehen wir mal zu den Sozialdemokraten, die sind so schön Mitte.“ Diese Antwort verblüffte mich aus vielerlei Gründen: Da gab es also schon politische Parteien in der sowjetischen Besatzungszone und der Christ, wollte gar nichts mit einer christlichen Partei zu tun haben, sich aber jetzt im fortgeschrittenen Alter politisch organisieren. Sehr erstaunlich. Bloß mag da die „schöne Mitte“ die richtige Lösung sein? Wäre „radikal“ nicht viel nötiger? Wie auch immer, wir gingen „zu den Sozialdemokraten“.

Damals gab es eine Parteiversammlung nicht nur monatlich, sondern mindestens zweimal, wenn nicht gar wöchentlich. Jedem brannte auch meine Frage auf der Seele. Wie geht es weiter? Das war eine Überlebensfrage! Und da trafen sie sich in ihren Kiezlokalen, die Sozialdemokraten, die Kommunisten, oft getrennt, aber immer häufiger zu gemeinsamen Diskussionen. Und da ging es hoch her. Die kannten sich ja alle noch aus der Zeit der Weimarer Republik, die Reichbannerleute und die aus dem Rot-Front-Kämpfer-Bund, die oft Haus an Haus, sogar Wohnungstür an Wohnungstür gelebt hatten. Sie waren die Überlebenden, denn sehr viele waren überhaupt nicht mehr aus den Zuchthäusern und Konzentrationslagern zurückgekehrt, und die Anwesenden nicht selten gesundheitlich gebrochen. Es fiel ihnen sehr schwer, das Zusammenraufen. Die Sozialdemokraten erinnerten die alten Kommunisten daran, von ihnen als „Sozialfaschisten“ beschimpft worden zu sein und die Kommunisten erinnerten die alten Sozialdemokraten an deren opportunistische Versöhnlerpolitik, die den Faschisten in die Hände gearbeitet hätte. Aber sie erinnerten sich auch der Schwüre, die sie sich in Buchenwald und an anderen Orten geschworen hatten. Ich saß als junger Dachs immer dazwischen und erfuhr in wenigen Wochen fast die gesamte Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Da hörte ich Otto Buchwitz, den schwer erkrankten Landesvorsitzenden der SPD, und den Landesvorsitzenden der KPD, Hermann Matern, und wie sie uns Junge beschworen, nie wieder zuzulassen, dass die deutschen Arbeiterparteien gegeneinander statt vereint miteinander  kämpfen.

 Eines Abends – Vater und ich – saßen nach einer solchen Versammlung noch in der Küche bei „Karo einfach belegt mit Daumen und Zeigefinger“, wie man damals eine trockene Brotstulle nannte, als es wie eine Urerkenntnis aus ihm herausplatzte: „Es gibt keinen anderen Weg. Wir müssen zusammengehen, wenn wir aus diesem Chaos wieder herausfinden wollen.“ So wurden wir beide Mitglieder der SED. Übrigens, mich hat nie wieder jemand danach gefragt, aus welcher Partei ich in die SED gekommen bin, aber man hat mich oft genug gefragt, welche Parteiaufgaben ich übernehmen könnte. Und da fand sich immer ein Parteiauftrag.

An dieser Stelle ist ein Wort zur Behauptung einer „Zwangsvereinigung“ notwendig. Ich habe weder an den 60er-Konferenzen der beiden Parteiführungen, noch am Vereinigungsparteitag selbst teilgenommen. Aber etwas Demokratischeres, als diese äußerst offenherzige Auseinandersetzung über deren gemeinsame Fehler aus der Vergangenheit und deren zukünftigen Platz in der Gesellschaft habe ich auch danach nur noch selten in dieser Qualität erlebt. Hier wuchs eine Vereinigung von unten, die an Offenheit keinerlei Vorbehalte kannte. Und von meinen Verwandten aus Hessen wusste ich, dass dort gleichermaßen um die gleiche Frage gerungen wurde, mehr noch, dass dort schon manche gemeinsame Parteiorganisationen gegründet wurden. Zwang ging vom Verbot durch westliche Besatzungsbehörden und von der bösartigen Verleumdung einer westlichen SPD-Führung unter Kurt Schumacher aus, der Kommunisten als „rotlackierte Faschisten“ beleidigte, obwohl er sein Überleben deren Solidarität während der KZ-Haft verdankte. Das ist  die historische Wahrheit!

65 Jahre danach: Über 40 Jahre hatten wir die Macht. Mehr noch. Wir wagten es, ein Gesellschaftsmodell zu gestalten, dass es in jahrtausendealter Menschheitsgeschichte so noch nie gab. Jeder Schritt in diese Gesellschaft war ein Schritt in historisches Neuland, nie zuvor beschritten. Wir hatten Erfolge und wir machten Fehler, aber wir bauten Stein auf Stein einen Sozialismus auf, noch in den Anfängen, unfertig, noch nicht stark genug, um unserem schlimmsten Klassenfeind endgültig widerstehen zu können. Vor 20 Jahren erlitten wir eine epochale Niederlage, die uns Generationen zurückwarf. Wie aufrecht und kampfbereit stehen wir, die Kommunisten, dennoch heute?

Es gibt sie wieder, die KPD, aber nur in den neuen Bundesländern, in den alten immer noch verboten, die DKP, der ich als Mitglied angehöre und in der es so manche Auseinandersetzung um den Weg zum Ziel gibt, da gibt es eine KPD(B), die zunehmend in ultralinke Vorstellungen abdriftet, die KPF, eine Plattform in der Partei DIE LINKE, die darum ringt, den Marxismus-Leninismus in ihrer Partei nicht völlig untergehen zu lassen, und kaum noch zählbare Gruppen, Grüppchen, Sekten. Alle berufen sich auf Marx und Engels und Lenin, manche auch auf Stalin und Mao Tse-tung. Alle agieren nebeneinander, manchmal sogar gegeneinander, selten miteinander. Einige von ihnen schwingen wie der Klassenfeind die Stalinismuskeule und bekommen noch nicht mal mit, wie sehr sie damit dem ideologischen Antikommunismus das Wort reden. Keine hat das Potenzial und die Kraft, allein die Arbeiterklasse im Klassenkampf zu führen. Aber wieder marschieren in unseren Städten Faschisten, juristisch geschützt durch ‚unabhängige’ Richter und deren Marschrouten ‚notfalls’ mit Polizeiknüppel, Reizgas und Wasserwerfer ‚frei’ geprügelt. Wird es nicht höchste Zeit, dass wir die Buchenwaldschwüre von vor 65 Jahren unter unseren heutigen Bedingungen aufgreifen und unseren Klassenauftrag zur Führung der Arbeiterklasse und der Volksmassen erfüllen? Wie lange wollen wir uns weiter zersplittern, statt unsere Kräfte und unsere Klassenkampferfahrungen zu bündeln? Ich bin mir sehr sicher, dass viele Genossen in ihren Basisgruppen genau das anstreben. Ich wende mich an die Vorstände und Leitungen all der vorgenannten kommunistischen Parteien und Gruppierungen diesen Prozess zu führen und damit das Erbe der Vereinigung vor 65 Jahren anzutreten. Nur dann werden wir den Platz einnehmen, den Marx und Engels wissenschaftlich im Kommunistischen Manifest begründeten, der „immer weitertreibende Teil der Arbeiterparteien (zu sein, der) theoretisch vor der übrigen Masse des Proletariats die Einsicht in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der proletarischen Bewegung voraus“ hat.  Bewältigen wir heute diese Aufgabe nicht, tragen wir Kommunisten die Verantwortung, die Arbeiterklasse vor den verheerenden Folgen menschenfeindlicher Politik des internationalen Monopolkapitals nicht bewahrt zu haben. In diesem Sinne rufe ich uns allen in sehr freier Anlehnung an den Schlussaufruf aus Marx’ und Engels’ Manifest auf: Kommunisten aller Parteien und Gruppierungen, einigt euch!

 

Quelle: http://kommunistische-initiative.org/65-jahrestag-der-vereinigung-von-kpd-und-spd-zur-sed-und-seine-lehren-fur-die-gegenwart/

 

 

 

  

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R
<br /> <br /> Hallo Sepp,<br /> <br /> <br /> danke für die Veröffentlichung des Beitrages, aber ich möchte darauf aufmerksam machen, dass der Beitrag für die Aprilausgabe der Zeitung „Anstoss“ geschrieben wurde. Ansonsten sind Deine<br /> Vorbemerkungen durchaus Diskussionswürdig.<br /> <br /> <br /> Solidarische Grüße<br /> <br /> <br /> <br />
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S
<br /> <br /> Grüsse zurück<br /> <br /> <br /> Die Originalquelle habe ich angegeben.<br /> <br /> <br /> <br />