"Die wahren Fehler der DDR" ? - Eine Replik von E. Rasmus

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

In diesem Artikel http://kritische-massen.over-blog.de/article-die-wahren-fehler-der-ddr-107026759.html hat Dr. friedrich Wolff über die "wahren Fehler der DDR" geschrieben. Von E. Rasmus kommen dazu einige Einwände, die ich auch lesenswert finde. Den Text habe ich wieder von http://ddr-kabinett-bochum.blogspot.de/ übernommen.

 

Eine Antwort auf Friedrich Wolff

 

 

Nichts gegen sachlich angebrachte und historisch gerechtfertigte Kritik,aber der Autor vereinseitigt und verabsolutiert in bestimmten Fällen trotz des Bemühens, den durch und durch verleumderischen Zerrspiegel von der DDR in Medien und Politik als solchen zu entlarven. Sicherlich stimmt manches an den von Friedrich Wolff benannten Disproportionen, aber in der hier vorgebrachten Weise entsteht wieder nur – wenn auch keinesfalls so gewollt – ein Zerrspiegel. Warum?
Weil die konkret historischen Gegebenheiten der Klassenauseinandersetzung gelinde gesagt vernachlässigt werden, Faktoren der Ausgangsbedingungen, die unmittelbare Konfrontation - auch durch die gleiche Muttersprache stark belastet – fehlen. Wolff bleibt an Erscheinungen kleben, ohne die Ursachen und Zwänge aufzuzeigen. Wenn er die Wahlen in der DDR als Zettelfalten bezeichnet, vergißt er die Vorbereitungsphasen, die langen und konkreten Auseinandersetzungen in den Wahlkreisen, wo die Wohnbezirksausschüsse der Nationalen Front gemeinsam mit den dort befindlichen Betrieben und Einrichtungen, deren Abgeordneten und den verantwortlich ehrenamtlich und hauptamtlich Tätigen aus den staatlichen Organen regelmäßig zusammen-kamen. Das alles schlug sich nieder in den Beschlüssen der SED-Leitungen und der Staatsorgane. Natürlich gab es dabei subjektiv beschönigende Elemente, vor allem aber auch immer ökonomische Zwänge. Die Muttermale der alten Gesellschaftsordnung waren längst nicht vom Tisch und ließen mitunter - jedes eine Mal war einmal zu viel - statt den Weg des Widerstandes und der Stabilität zu wählen – die falsche Anpassung an alte Gewohnheiten mitentscheiden. Hier saß das Alte noch zählebig fest, verkroch sich, ließ sich vom Gegner nähren, um wiederum anzugreifen.
Die sozialistische Revolution war allgegenwärtig, doch im Bewußtsein von Egoismus und Karrieristentum behaftet. Und die Revolution ohne die Konterrevolution zu sehen, ist der fatalste Fehler. Letztere kam, so ihr militärischer wie ökonomischer Einfluß schwand, auf ideologischen Taubenfüßen schleichend daher (nach Karl Schirdewan 1956 – siehe K.Gossweiler, »Die Taubenfußchronik...«; Verl. zur Förderung der wissenschaftl. Weltanschauung, München, 1.Aufl. 2002).
Friedrich Wolff schreibt, daß unsere Demokratie nicht der Marx’ und Lenins entsprach. Dem widerspreche ich insofern, daß die Diktatur des Proletariats ein klassischer Begriff, die Diktatur einer Volksmehrheit über eine Minderheit darstellt. Doch das geschieht nicht unter Schönwetterbedingungen und auch das Volk muß lernen, diese Diktatur auszuüben. Die ideologische Befähigung kann dazu nur die Partei Neuen Typus ermöglichen – sich selbst natürlich in jeder Beziehung befähigend. Stalin hatte also vollkommen recht, wenn er von einer Zunahme des ideologischen Klassenkampfes sprach, was wir zwar erkannten, aber inhaltlich besonders im künstlerischen wie ebenso im medialen Bereich fatal vernachlässigten. Wir haben also ideologisch versagt, weil alles, was der Mensch tut, erst durch seinen Kopf muß - wie uns Friedrich Engels lehrt.
Wir hatten die Macht und befanden uns auf der Langen Straße ( übrigens einer der herausragenden und überzeugendsten Fernsehfilme - »Die Lange Straße«). Allerdings schafften wir es bei den Mühen der Ebene nicht, das Neuland als einmalige Chance - bei Strafe des Untergangs der Menschheit! - so in die Köpfe zu pflanzen, daß die Verderber der Menschheit eben chancenlos blieben. Verirrungen, wie sie Chrustschow propagierte, konnten Fuß fassen in Köpfen wie beispielsweise dem eines Rudolf Bahro, der die Idee von der Basisdemokratie übernahm. Aber wir hatten noch keinen Kommunismus. Wo landete Tito mit seinen Phantasien, da er zugleich Bedingungen des US-Imperialismus annahm? Lenin sagt, es könne nicht sein, daß die Bank den Bankangestellten, wie die Textilfabrik nicht den Textilarbeitern gehören könne. Das endet aufgrund der sozialen Ungleichheit in weiterer Ungleichheit und Anarchie, jedoch nie in der Beseitigung jener. Und Janka, den der Autor auch nennt, riet bei einer Fernsehgesprächsrunde am 66. Todestag Lenins, dem 21. Januar 1990 – das hat mich zutiefst geschockt aber auch aufgeklärt –, daß wir den Lenin mal beiseite lassen sollten; mit dem mögen sich die Russen herumschlagen. Waren es nicht gerade die Feinde des Marxismus, die nach dessen theoretischen Sieg, wie uns Lenin lehrte, sich als Marxisten verkleideten und uns von der Langen Straße abbrachten? Statt selbstkritisch und unverzüglich zu den leninschen Normen des Parteilebens zurückzukehren und die zu Phrasen gewordenen Lehrsätze inhaltlich mit Leben zu erfüllen, wie es der Marxismus-Leninismus verlangt, wandten wir uns weiter von ihm ab. Gewiß hätte es auch zu Zeiten der Konterrevolution wieder eines jakobinischen Durchgreifens bedurft.
Dazu stehe ich ganz besonders im Umfeld jener Wiederkehr eines 17. Juni 1953, da die Konterrevolution nach dem Tode Stalins unter verleumderischer Ausnutzung gutmeinender, jedoch schädlicher Entscheidungen der damaligen Partei- und Staatsführung, die zwar zurück genommen worden waren, Witterung aufgenommen hatte. In der Tat schreibt Friedrich Wolff zu recht; wir hatten in Personalfragen keine glückliche Hand. Die Alten standen überwiegend zu ihrer und unsrer Sache. Kaderfragen sind und bleiben Machtfragen! Stalins Nachfolger brachten allesamt die Unreinheiten des Revisionismus mit sich. Und leider hatte auch ein Erich Honecker nicht die besten und geeigneten Klassenkämpfer um sich herum als Berater für das Kollektiv der Parteiführung. Und so geschah es, daß wir u. a. gar auch zu Opfern einer mit leninscher Rechnungsführung nicht zu vereinbarenden Statistik bei ökonomischen Erfolgen wurden. Das Ergebnis harter Arbeit mit unterschiedlichen Motivationen machte sich teilweise selbständig, wurde nebulös; Wahres wurde falsch gedeutet, wie Falsches wahr erschien. Der Wahltag selbst stellte eigentlich „nur“ das Ergebnis als Bekenntnis zur sozialistischen Demokratie dar.
Ich kann dem hochgeschätzten Anwalt Friedrich Wolff nicht ganz darin zustimmen, daß er die Volkskammer mit dem Bundestag vergleicht. In der Geschichte der DDR-Volkskammer hat es so einen Skandal, daß sie nicht beschlußfähig gewesen wäre, wie jüngst der Bundestag, nicht gegeben (obgleich er den I-Punkt vom Freitag, dem 15.06.012, beim Schreiben seines Beitrages noch nicht kannte). Und was wurde da in der DDR beschlossen in meist aller Einmütigkeit für das Wohl des Volkes?
Ja, Friedrich Wolff trifft es haargenau, wenn er am Schluß bemerkt: »Das Motiv vieler Fehler war, dem Volk zu nützen, nicht ihm zu schaden des eigenen Vorteils wegen.« Aber: Der Sozialismus braucht keine Opposition nach dem Sieg sozialistischer Produktionsverhältnisse. Da ist diese immer eine antisozialistische! Der „Runde Tisch“ hat bewiesen, wie die am 18. März 1990 politökonomisch von außen gesteuerte Wahl zur Wiedervereinigungskammer wurde – eine VOLKSKAMMER war das nicht mehr! Ich weiß auch nicht, woher Friedrich Wolff die Kühnheit nimmt, zu behaupten, daß die DDR-Bürger die Minister unseres Staates weniger kannten als die Bonner Regierungskriminellen. Sicherlich gab es solch hoffnungslos fanatische Individuen, die der Westpropaganda auf den Leim gingen. Wer aber seiner Arbeit oder dem Studium ehrlich nachging, seine Freizeit im Jugendklub bzw. in anderen Einrichtungen, volkskünstlerisch im Wohngebiet oder Betrieb, in der Betriebssportgemeinschaft gestaltete, hörte wenig von dem für die Öffentlichkeit bestimmten Politgewäsch à la Bonn und Westberlin. Zugegeben, es hätte viel mehr entlarvt werden müssen und der Schwarze Kanal wäre in (fast) jeder Sendung eine Sendung wert gewesen (Der Gegner zahlt es uns heute ja in anderer Weise per Verleumdung auf Schritt und Tritt heim).

Eine prinzipielle Bemerkung zu den Wahlen muß ich noch machen. Ich halte es für völlig unhaltbar, diese eben an der Wahlurne festzuschreiben. Die Wahlbeteiligung heute zeigt doch den Charakter jener Demokratie als eindeutigen Etikettenschwindel. Äußerte sich nicht gar der ehemalige SPD-Vorsitzende und Arbeitslosenminister Müntefering empört darüber, daß Wähler die Politiker nach der Wahl an ihre Versprechen erinnern? Von einem SED-Politiker hörte ich so etwas jedenfalls in der DDR nicht, er wäre die längste Zeit politisch aktiv gewesen. Ein Blick nach Griechenland läßt uns erfahren, wie die Griechen politökonomisch erpreßt werden, sie sollen nicht links wählen. Und überhaupt, wo anders wird so lange gewählt, bis es den Herrschaften der eigenen Demokratieerfindung mal paßt, ansonsten gibt es humanitäre Einsätze.

Friedrich Wolff legt viel Wert auf psychologische Fragen; auf den ersten Blick könnte man ihm beipflichten. Die beste und einzige Psychologie besteht in der Reife des Marxismus-Leninismus, ihn überzeugend von der materiellen Idee zur materiellen Gewalt zu bringen. Ich meine, psychologische Fragen sind nicht unwichtig, jedoch entscheidend waren die ideologischen - Die Klarheit im Kopf: wer wen? Und die nur konnte auch jene psychologische Kriegsführung des Gegners entlarven. Der Dreh- und Angelpunkt bestand ja im gesellschaftlichen Bewußtsein, die Bewußtheit zu haben, nicht auf die Zuckerbrotangebote opportunistisch einzugehen. Im Revisionismus, der von Chrustschow entscheidend mitgeprägt wurde und in Gorbatschow seine erste Vollendung bis zur PDS und der Partei Die Linke sowie die meisten ehemals kommunistischen Parteien sozialdemokratisierend gefunden hat, liegt die Peitsche. Eine kommunistische Partei in der Verfassung als die führende durch vorangegangene Volksabstimmung festzuschreiben, war nicht der Fehler, der lag in der Taubenfußchronik, im opportunistischen Hereinfallen auf die Neue Ostpolitik, im Überlassen der Offensive bei den Beschlüssen von Helsinki 1975, bis hin zum falschen Ideologiepapier in vermeintlicher Übereinkunft mit der SPD-Spitze der BRD u. a. m.
Hierbei will ich es bewenden lassen, meinen Arbeiterstandpunkt mit persönlichen Erfahrungen als ehemaliger DDR-Bürger, der ich im Herzen immer bleiben werde, weiter darzulegen.

E.Rasmus. Berlin
16.06.012

Veröffentlicht in DDR

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Kommentiere diesen Post

gunther 06/19/2012 18:39


1. "Die Diktatur des Proletariats ein klassischer Begriff, die Diktatur einer Volksmehrheit über eine Minderheit", so der Verfasser, ist außerden und entscheidend die Diktatur der vorher im Kap.
Ausgebeuteten und Unterdrückten oder eben marginalisierten Klassen über eine Minderheit. Marx schliesst sich hier als einziger Philosph und Formationstheoretiker Platon an, siehe sein Werk
Philosophenstaat. Friedrich Wolff's Variante kommt direkt aus einem bürgerlichen Lexikon. Das ist definitiv falsch.


 


Oder in:


Cockshott/Cotrell


Alternativen aus dem Rechner


Für sozialistische Planung und direkte Demokratie


 


2. "Wir haben also ideologisch versagt, weil alles, was der Mensch tut, erst durch seinen Kopf muß - wie uns Friedrich Engels lehrt." Genau so ist es, es hat uns nicht erreicht. Ideologietheorie
war unterbelichtet! Man könnte meinen, das Bürgertum kannte Engels besser...


 


3. Ja, die Dialektik des Schubkastendenkens kennt überall Nachahmer, da wird also die Basisdemokratie dem Kommunismus zuerkannt, wie die Werktätigen aber ihre politische und ideologische Reife
erreichen sollen bleibt außen vor. Dann wird sich über den bürgerlichen Politikbetrieb beschwert, dass im Westen Parteilisten existieren usw. und die Wahl "Etikettensachwindel" ist. Sicher, die
Interessen der Werktätigen bleiben so auf der Strecke, in der alten BRD ähnlich wie in der DDR. "Die beste und einzige Psychologie besteht in der Reife des Marxismus-Leninismus, ihn überzeugend
von der materiellen Idee zur materiellen Gewalt zu bringen", so der Verfasser. Aber was er nun damit meint ist mir nicht ganz klar und wann die Zeit reif ist schon gar nicht. Fakt ist nur, dass
die Partei nicht immer Recht hat, der Werktätige seine Rechte erst im Kommunismus genießen kann. Doch wie man da hinkommt, bleibt ein Rätsel. Da halte ich es doch lieber mit einem ganz anderen
Spruch: Mein Kopf ist groß genug, ich brauche die anderen nicht zum denken.