Frankreich: Islamophobie als Herrschaftsinstrument

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

Die Übersetzung des folgenden Interviews mit Said Bouamama ins Deutsche steht als Erst-Veröffentlichung in diesem Blog.

 

Übersetzt hat es Alexandra ("Briefe aus Frankreich" in diesem Blog - http://kritische-massen.over-blog.de/categorie-12094690.html ). Im franzosischen Original ist es ursprünglich bei michelcollon.info ( http://www.michelcollon.info/_Michel-Collon,5549_.html ) erschienen.

 

 

Saïd Bouamama ist Soziologe. Er forscht am IFAR (Eingreifen, Bilden, Aktion, Forschung – Schule für spezialisierte Ausbilder) in Lille. In mehreren Büchern hat er u. a. Ergebnisse aus 20 Jahren Beobachtung und Forschung veröffentlicht, in denen die Beziehungen zwischen der Verarmung in den Wohngebieten des Volkes, ihre Ethnisierung und die bürgerlich-liberalen Ideologien, denen das nutzt, untersucht werden.Said Bouamama gehört der Coordination communiste  ( RCC ) an.



Das Interview wurde von Fatma Kassoul und Mouad Salhi geführt.

 

 

Saïd Bouamama

 

" Indem man die Muselmanen verteufelt, kreiert man Islamophobie"

 

 

Der von der FN errungene Stimmenanteil in der ersten Runde der französischen Wahlen hat nicht nur einzelne konsterniert. Ist er das Zeichen einer größer werdenden Islamophobie? Oder reflektiert er ganz einfach eine Gesellschaft, die abgetaucht ist in politische und Medienmanipulationen?

Wie erklären Sie den erhöhten Stimmenanteil der FN im ersten Wahlgang zur Präsidentschaftswahl?

 

Er ergibt sich m.E. aus zwei wesentlichen Gründen. Der erste ist historisch und an die Erbschaft des Kolonialisation gebunden. Zu dieser Zeit musste man, damit der Kolonialismus funktionieren konnte, den Geist bearbeiten, eine mentale koloniale Stimmung erzeugen. Die Araber, die Schwarzen und die Muselmanen wurden also als gegenüber der Moderne, der Laïzität und der Republik allergische Subjekte präsentiert, als insgesamt der Demokratie gefährliche Menschen. Es scheint normal, nachdem die Dinge so ausgerichtet wurden, dass der Kolonialismus sie vollkommen übernimmt und sich selbst autorisiert, die Menschen im Fall einer Revolte zu züchtigen.

 

Heute instrumentalisiert die extreme Rechte diese Erbschaft zum zeitgemäßen Nutzen. Und das politische Feld wird zur Geisel genommen, weil die anderen Parteien diese von der extremen Rechten eingebrachten Themen aufnehmen, anstatt sich vollkommen davon zu distanzieren.

 

Der zweite Faktor ist die ökonomische Krise. Sie hat zur Verarmung eines Teils der Bevölkerung geführt und zahlreiche soziale Errungenschaften zerstört. Die Front National (FN) schwimmt auf der Unzufriedenheit der Menschen. Es ist also nicht überraschend, dass eine solche Partei in diesem aktuellen Kontext ein gutes Wahlergebnis erzielt. Das Gegenteil hätte mich überrascht.

 

Aber es gibt eine andere, eine wichtige Lektion aus dieser Wahl zu ziehen: Das durch Jean-Luc Mélenchon erzielte Ergebnis. Letzterer hat sich den Thesen der FN gestellt, ihnen keinerlei Konzessionen gemacht. Sein Ergebnis bringt den Aufstieg einer Minderheit von Bürgern ans Licht, die ihre Sorge auf die sozial-ökonomischen Fragen richten.

 

Ist das Ansteigen der Islamophobie an den Misserfolg der Immigrations-Politik in Frankreich gebunden?

 

Aber es gibt keinen Misserfolg der Immigrations-Politik, vorausgesetzt, dass man ihre wirkliche Zielstellung ernsthaft betrachtet. Das Ziel der Immigrations-Politik ist sehr einfach: Die Absicherung von billigerer Arbeitskraft als es die nationale Arbeitskraft ist. Diese In-Konkurrenz-Stellung der Arbeiter erlaubt ein Absenken der Arbeitskosten. Mal abgesehen von schönen ideologischen Reden über die Integration, hat es in der Konsequenz immer eine sehr simple Politik gegeben, die darauf abzielte, den Immigranten und ihren französischen Kindern weniger gut bezahlte Plätze auf den Arbeitsmärkten zuzuweisen.

 

Es gibt also keinen Misserfolg der Integrationspolitik, die schon immer reaktionär gewesen ist. Der wirkliche Misserfolg ist, geglaubt zu haben, dass diese Politik auf lange Sicht lebensfähig sein könne. Personen systematisch auf subalterne Plätze zu verweisen, kann nur Frustrationen, Forderungen, Revolten und Rückbesinnungen auf die Identität hervorrufen.

 

Aber man hatte die Gewohnheit, die Immigranten mit Schweigen zu umgeben. Dieser Typ von Ansprüchen bringt also die gewohnte Ordnung durcheinander. Sie werden zu Wasser auf die Mühlen besonders der extremen Rechten und im ganz Allgemeinen von den Politikern genutzt, um zu sagen: „Sehen sie, sie sind nicht assimilierbar."

 

Man kann also nicht von einem Misserfolg der Immigrationspolitik in Frankreich sprechen. Was man als Misserfolg bezeichnet, ist nur das unweigerliche Ergebnis der von dieser Immigrationspolitik aufgestellten ökonomischen Modalitäten.

 

Seit zehn Jahren macht Nicolas Sarkozy im Wahlspiel die Sicherheit zu seinem Terrain, mit Parolen, die laut einer Analyse von Gilles Kepel, auf den famosen vier „i" ruhen: Immigration, Islam, Unsicherheit [Insécurité], nationale Identität. Ist diese Art Reden ausschlaggebend für das Überleben der Rechten?

 

Absolut. Aber dergleichen trifft auch auf die Parti socialiste (PS) zu. Die Unsicherheit ist eine Schein-Debatte, die darauf abzielt, viel wichtigere Probleme der Gesellschaft zu maskieren. Sei es die Unsicherheit, die sogenannten terroristischen Akte oder die Angriffe gegen die Laïzität – die kleinen Taten werden umgeformt in generalisierte Fakten. In Frankreich gibt es weder ein massives Ansteigen der Unsicherheit, ein gemeinschaftliches Zurückziehen noch eine fundamentalistische Gefahr. Es gibt nichts, was einen solchen Anstieg objektiv beweist. Die drei letzten Jahrzehnte sind dagegen aber geprägt worden durch die vier folgenden Prozesse:

 

Massive Verarmung einer sozialen Klasse

 

Prekarität eines großen Teils der Arbeiter, die, trotz Anstellung die Zukunft fürchten

 

Sich vergrößernde rassistische Diskriminierung. Ich erinnere, dass vier „Arbeitgeber" von fünf bei der Einstellung diskriminieren. Es ist das Internationale Büro der Arbeit, die es feststellt, und man kann nicht wirklich sagen, dass das eine radikale kämpferische Organisation wäre.

 

Den Prozess der Demütigung in den Wohngebieten des Volkes mit ständigen Kontrollen der Polizei.

 

Sollten diese Fragen im Zentrum der Wahlkampagne stehen?

 

Das sind echte Fragen, die man der französischen Gesellschaft stellen kann. Wie gegen die Verarmung kämpfen? Wie den Arbeitern Rechte zurückgeben? Wie die rassistische Diskriminierung schlagen? Wie die Überwachung der Volksviertel durch Kräfte der Polizei anhalten? Diese Fragen gefallen nicht, also muss man Scheindebatten führen wie die, welche Sie zitiert haben: Nationale Identität, Unsicherheit etc.

 

Was sind die Auswirkungen dieser seit dreißig Jahren aktiven Prozesse?

 

Sie ändern unser Bild. Wir wechseln vom Sündenbock, dem historischen und immer in Europa vorhandenen Bild zu dem des inneren Feindes. Heute berühren die fremdenfeindlichen Reaktionen nicht nur die neu in Frankreich ankommenden Immigranten. Fürderhin kann jemand, der als Franzose geboren wurde, der immer in Frankreich lebte und vollkommen Franzose ist, auch als Ausländer erkannt werden. Dieses Phänomen ist neu, es visiert vom Immigranten zum Muslim: Das ist die Passage vom Sündenbock zum inneren Feind.

 

Die Politik und die Medien stopfen uns die Ohren voll mit dem islamistischen Terrorismus. Aber seit 1991 sind 94% der in Europa begangenen Attentate von extremen Rechten und Separatisten-Gruppen begangen worden. Nur 0,4% sind Islamisten zuzuordnen. Wie erklären Sie das?

 

Seit die FN ihre Themen vorbringt, ist es wahl- und medienrentabel, die Angst ins Spiel zu bringen. Aus Sorge um die Wahl oder die Einschaltquote hat man eine Maschinerie zur Produktion von Angst in Gang gesetzt, und der Muslim ist das Mittel dieser Fabrikation.

 

Das wirkliche Problem der Gesellschaft sind nicht die vom Muslimen begangenen terroristischen oder antirepublikanischen Akte. Es sind im Gegenteil die ideologischen islamophoben Reden, die islamophobe Akte hervorrufen. Indem man die Muslime verteufelt, schafft man Islamophobe. Die Akteure dieses Phänomens sind übrigens nicht mehr nur die politischen Parteien, sondern auch die Staatsmacht, die Debatte erstreckt sich bis in die Gerichtsbarkeit.

 

Als man ein Gesetz für die jungen verschleierten Mädchen gemacht hat – selbst wenn man es anders nennt -, handelt es sich um ein Gesetz für nur einen Teil der Bevölkerung. In der Konsequenz assistiert man hier einer Zielstellung der Front National, aber eben auch des Staatsapparates.

 

Sie sprechen von der Politik und der Justiz. Und die Medien?

 

Sie funktionieren mehr als Katalysator der Islamophobie denn als deren Erfinder. Bei den Erfindern handelt es sich um eine viel größere Gruppe, in der man die großen politischen Parteien der Rechten und extremen Rechten genau so findet wie die Sozialistische Partei (PS), die zahlreiche Konzessionen auf diesem Gebiet gemacht hat.

 

Die Medien verhalten sich hinsichtlich bestimmter Fragen der Gesellschaft auf peinliche Weise. Der von ihnen angewandte Rahmen verstärkt, katalysiert und verbreitet im Allgemeinen auf breite Weise den islamophoben Diskurs.

 

Ein Kommentar über die Affäre Merah? (1) Hat es politische Vereinnahmungen gegeben?

 

Na klar. Man müsste blind sein, um diese Vereinnahmungen nicht zu sehen. Aber im Gegensatz zu dem, was Sarkozy vorgibt, ist Merah nicht das Produkt eines fremden Landes. Er ist im Gegenteil das Ergebnis von Mängeln, Ungleichheiten, Demütigungen und Widersprüchen der französischen Gesellschaft. Das zu sagen heißt nicht, das Töten von Polizisten oder Kindern zu rechtfertigen.

 

Das zeigt eben, an welchem Punkt die französische Gesellschaft nicht gut funktioniert.

 

Wie erklären Sie den Unterschied in der medialen Behandlung der Affären Breivik und Merah? Der erste wird für verrückt erklärt, der zweite als terroristischer Muselmane etikettiert ….

 

Wir sind in der tiefsten Islamophobie. In der Tat besteht die Islamophobie vor allem darin, eine Erscheinung nicht anhand der Gesamtheit seiner Ursachen zu erklären, sondern sie auf eine kulturbedingte Erklärung zu beschränken. Man hat im vorliegenden Fall die Religion Merahs hervorgehoben.

 

Aber alle exklusiven Erklärungen einer Zugehörigkeit sind unausweichlich rassistisch. In der Affäre Merah haben die Medien direkt Erklärungen pathologischen Charakters ausgebreitet: Man hat ihn als stabilen Mann präsentiert, rationell in seiner politischen Wahl, die mit seinen Sitten vereinbar wäre …

 

Wenn der Tötende nicht Muselmane ist, sagt man im Gegenteil, dass es sich nur um einen geistig Kranken handeln könne.

 

Ein kürzlich erschienener Bericht von Amnesty International belastet Frankreich und Belgien hinsichtlich des Problems Islamophobie. Könnte das dazu beitragen, die Lebensbedingungen der Muselmanen in Europa zu verbessern?

 

„Verbessern", wir wollen nichts übertreiben. Aber das bleibt ein positiver Schritt. Wir sind in der Tat zahlreich, das Ansteigen der Islamophobie seit Jahrzehnten anzuklagen. Aber unsere Gegner beurteilen unsere Beiträge systematisch als ideologisch und erklären die Islamophobie als Erfindung. Nun, dass eine Organisation wie Amnesty International heute die Fakten objektivieren und auf die Existenz islamophober Rechtsprechung schließen konnte, ist eine positive Etappe. Das enthebt uns dem ideologischen Feld.

 

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Quelle: Investig’Action – michelcollon.info

 

(1) Die Ermordung mehrerer Menschen in Bordeaux durch einen Menschen namens Merah

Veröffentlicht in Frankreich

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