Generalstreik: Von den Griechen kann man was lernen

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

 

 

 

In gestrigen Medienmeldungen wurde die Zahl der Streikenden mit drei Millionen angegeben. Die KKE (KP Griechenlands) spricht von "Hundertausenden" Teilnehmern an den Kundgebungen und Demonstrationen, die in 68 Staedten durchgefuehrt wurden. Der Generalstreik habe "alle produktive Arbeit im Land" lahmgelegt, in den Fabriken, auf den Baustellen, im Handel, den Haefen und Flughaefen, Universitaeten und Schulen.

 

In den deutschen Massenmedien wird praktisch nicht thematisiert, wie es zu einer solchen politischen Bewegung kommen kann. Irgendwie sind halt ein Haufen Leute wuetend, und dann gehen sie eben auf die Strasse. Aber so einfach ist es nicht. In Deutschland sind auch ein Haufen Leute wuetend, aber nur wenige gehen auf die Strasse.

 

Wie kommts also in Griechenland dazu ?

 

Das hat mit diesem Unterschied zu tun:

 

1. In Griechenland gibt es einen Gewerkschaftsbund, der unabhaengig von der Sozialdemokratie und buergerlichen Parteien ist, dessen Fuehrung sich nicht mit allerlei Poestchen bestechen laesst und der ausschliesslich die Interessen der Arbeitenden formuliert und verfolgt - PAME (zu deutsch etwa: Auf gehts !)

 

2. In Griechenland gibt es eine relativ starke kommunistische Partei, die sich nicht in das uebliche Politikgetriebe integrieren laesst, sondern versucht, als organisatorisches Ruekgrat und analytischer Pool der Arbeiterbewegung zu funktionieren. Sie hatte bei den letzten Wahlen einen Stimmanteil von etwas weniger als zehn Prozent und stellt eine Anzahl Abgeordneter. Aber das ist nicht das Wichtigste. Das Wichtigste ist, dass sie in den Betrieben und Wohngebieten organisiert ist, die politisch bewusstesten Arbeiter, Angestellten, Intellektuellen, kleinen Gewerbetreibenden und Bauern sammelt. Die Lohnabhaengigen haben damit ein politisches Zentrum, auf das sie sich verlassen koennen, und das landesweit abgestimmtes und planvolles Handeln ermoeglicht.

 

Das ist vor allem in zugespitzten Situationen entscheidend. Wenn es ein solches Zentrum nicht gibt, bleibt es beim Maulen hinter dem Ofen, wie in Deutschland; oder die Wut entlaedt sich spontan, ohne Plan und Ziel und verpufft wirkungslos; oder die Masse der Wuetenden laeuft auf der Suche nach politischer Fuehrung Leuten nach, die sie hereinlegen und die Bewegungen ins Leere laufen lassen. Das ist die klassische Funktion sozialdemokratischer Parteien. Und die Bourgeoisie bedient sich in solchen Situationen, wenn irgend moeglich, faschistischer Organisationen, die die Wut von ihr ablenken und gegen missliebige Minderheiten richten.

 

In Griechenland funktioniert zur Zeit weder das eine noch das andere. Die sozialdemokratisch dominierten Gewerkschaftsbuende stehen vor der Wahl, stillzuhalten und damit zu riskieren, dass die Masse der Mitglieder sich von ihnen abwenden und zu PAME uebergehen, oder PAME nachzulaufen und sich so wenigstens die Chance zu erhalten, die Bewegung vielleicht spaeter "einzufangen". Der Sog von PAME ist so stark, dass sie es zur Zeit mit Letzterem versuchen. Es bleibt ihnen praktisch nichts anderes uebrig. In zugespitzten Situatonen veraendern sich die Einstellungen rasch. Veraenderungen in den Koepfen, die ihn "gewoehnlichen Zeiten" gar nicht passieren oder viele Jahre brauchen, passieren binnen Wochen und Tagen. (Ein "Stimmungsbericht" der FAZ von gestern registriert die Symptome: Vom Generalstreik, muss der Schreiberling zugeben, wurden Menschen erfasst, die bisher "mit Politik nie etwas am Hut" hatten oder vor kurzem noch die sozialdemokratische PASOK oder gar die rechtsradikale LAOS gewaehlt haben.)

 

In einer Lage wie jetzt in Griechenland zerfallen die ideologischen Orientierungen rasch, und die wirklichen sozialen Interessen treten in den Vordergrund. Die Menschen lernen schnell, dass es nicht um Meinungsunterschiede geht, sondern um die Frage, ob man zu den Oberen oder zu den Unteren gehoert, und dass es um "die - oder wir" geht, um die Durchsetzung des eigenen Interesses, letzten Endes um die Macht.

 

Obwohl ohne PAME und KKE die gegenwaertige politische Bewegung in Griechenland nicht verstanden werden kann, kommen diese beiden Organisationen in den deutschen Massemedien so gut wie nicht vor. Das hat einen guten Grund. Die Leute hier sollen nicht auf gefaehrliche Ideen kommen. Klardenkende und klassenbewusste gewerkschaftliche Kerne und Kommunisten gibt es auch in Deutschland. Sie fuehren zwar ein Kuemmerdasein, sind schlecht organisiert, zum Teil zerstritten, werden totgeschwiegen, verleumdet und isoliert. Aber sie sind da, und selbst in diesem klaeglichen Zustand ist in ihnen so viel Wissen und Organisationserfahrung konzentriert, dass sie eine potentielle Gefahr sind. Sie sind einfach ein - wenn auch nicht sonderlich attraktives - "Angebot" sich aus der Ohnmacht und scheinbaren Auswegslosigkeit zu befreien, indem man sich ihnen anschliesst.

 

Das ist es, was die Deutschen von den Griechen lernen koennen. Und das ist der Grund dafuer, dass die deutschen Massenmedien von PAME und KKE lieber schweigen.

 

 

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Hier steht die Einschaetzung der KKE vom gestrigen Streiltag:

 

http://inter.kke.gr/News/2010news/2010-05-05-strike

 

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Und hier gibts Bilder vom 1. Mai in Portugal:

 

http://www.pcp.pt/1%C2%BA-maio-2010-lisboa

 

 

 

Veröffentlicht in Weltwirtschaftskrise

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