Gewisse Kosten der Flexibilität des Arbeitsmarkts

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

Flexibiltät - das hört sich doch gut an. Es ist aber nur ein Neusprech-Wort , das einer üblen Sache einen schönen Klag geben soll. Die Rede ist in Wirklichkeit vom unverschämteren Zugriff der Kapitalisten auf die Ware Arbeitskraft. Rund um die Woche und rund um die Uhr soll die zur Verfügung stehen - wenn sie gebraucht wird. Und wenn sie nicht gebraucht wird, sollen die Leute sehen, wo sie bleiben. Schliesslich gibt es auch stundenweise Drecksjobs, von denen niemand leben kann, und Sklaventreiberfirmen, die die Ware Arbeitskraft just in time gestellen wie das von ihr zu verarbeitende Autoblech. Freilich hat die eigene Unverschämtheit der Kapitalisten für diese auch eine bedenkliche Seite. Lästiger- aber unvermeidlicherweise hat die Arbeitskraft die Eigentümlichkeit, dass ihre Träger Menschen sind, die auf allzu grossen Raubbau irgendwie übertrieben empfindlich reagieren. Diese Mimosen werden doch glatt häufiger krank, bloss weil man sie ein wenig unverschämt ausbeutet. Und wer hat die Kosten zu tragen ? Natürlich wieder einmal der geschundene Sozialpartner Unternehmer. Das fällt der FAZ, die stets um eine gedeihliche Entwicklung der freien und demokratischen Gesellschaftsordnung besorgt ist und die deswegen gelegentlich zu einer gewissen Mässigung beim Gebrauch der Freiheit des Arbeitsmarkts rät, so auf:

 

http://www.faz.net/aktuell/beruf-chance/fehlzeiten-report-arbeitnehmer-ueberlastung-nimmt-zu-11857814.html

 

Es braucht sich aber niemand Sorgen zu machen, die lieben Mitarbeiter schon gleich gar nicht. Die sollen arbeiten und nicht denken. Die Regierung hat doch längst gemerkt, dass da was hakt und wird umgehend Abhilfe schaffen: "Die Koalition will im Herbst eine Strategie für mehr Gesundheitsvorbeugung vorlegen. Die Union im Bundestag hatte angekündigt, sich verstärkt um die Beschäftigten mit Burn-out kümmern zu wollen." Na dann auf gute Gesundheit, liebe Mitarbeiter !

 

update:

S. dazu auch diesen Artikel der besorgten Tante FAZ:

http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/arbeitszeiten-deutsche-arbeiten-haeufiger-nachts-und-am-wochenende-11861812.html

Veröffentlicht in Westliche Werte Boerse

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Kiat Gorina 08/20/2012 15:56


Wie beispielsweise Sennheiser, die zogen ja auch mit dem Outsourcing-Treck Richtung fernen Osten. Und sie mussten reumütig zurückkehren. Grund: Die Billigarbeiter lieferten nur billige Qualität,
und Sennheiser verlor viele Kunden.

Kiat Gorina 08/20/2012 07:21


Dieser Irrsinn hat auch einen "wissenschaftlichen" Namen: KAPOVAZ. Soll heißen: Kapazitätsorientierte Vollarbeitszeit! Das bedeutet, gearbeitet wird nur dann, wenn Aufträge vorliegen, falls
nicht, wird der Arbeitnehmer nach Hause geschickt. So wird es derzeit bei den meisten Zeitarbeitern gehandhabt - das sind die Arbeitssklaven von heute! Früher bekamen Zeitarbeiter - wenn es keine
Arbeit für sie gab - ein Wartegeld. Heute längst nicht mehr - da soll der Zeitarbeiter halt einen Tag Urlaub nehmen. 


Dabei schädigen sich die Kapitalisten mit solch ausbeuterischen Maßnahmen selbst: Die Motivation der Zeitarbeiter geht in den Keller. Da gibt es beispielsweise Firmen, die besetzen die
Nachtschicht nur mit Zeitarbeitern um zu sparen. Folge: Wegen mangelnder Motivation wird in der Nachtschicht mehr Ausschuss produziert als in den anderen Schichten. Das bringt dann diese
Kapitalisten auf die Idee, alles zu automatisieren, so dass sie weniger Arbeiter brauchen. Aber nicht alle Arbeiten lassen sich automatisieren.


Also wird die Arbeit ins billigere Ausland vergeben. Das wiederum wird immer schieriger, weil die Hungerlöhne sich angeglichen haben. Beispiel: Der Milchverarbeiter Zott baute extra in Polen eine
Fabrik auf, um Löhne zu sparen. Heute spart er in Polen keine Löhne mehr, weil die Polen sich durchgesetzt haben und höhee Löhne verlangten. Jetzt lohnt sich der Milchtransport nach Polen längst
nicht mehr und der Rücktransport der Produkte aus Polen nach Deutschland auch nicht. 

Sepp Aigner 08/20/2012 13:36



Danke für das Stichwort KAPOVAZ.


Das Beispiel Zott ist nicht untypisch. Markt ist halt immer auch Chaos. Oft nehmen sie halt auch zeitweise Vorteile mit - und verkalkulieren sich dabei manchmal.