"Globalisierung" und De"globalisierung"

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

"Die Globalisierung ist keine Einbahnstrasse", übertitelt die NZZ einen Artikel in ihrer Online-Ausgabe vom 14.9.2012. Soll heissen: Die internationalen Verflechtungen kennen nicht nur eine Richtung, sind nicht unumkehrbar, sondern reversibel. Entflechtungen gibt es insbesondere in Krisenzeiten. In solchen Krisenzeiten verschärft sich die Konkurrenz zwischen den international agierenden Kapitalen und zwischen den Staaten, in denen sie ihre "Heimatbasis" haben. In dieser Konkurrenz gibt es Sieger und Besiegte, werden die Kräfteverhältnisse neu ausgekämpft, fallen die monopolistischen Kapitalgruppierungen und die Staaten in der imperialistischen Machtpyramide nach unten oder steigen höher.

 

Ein Beispiel in der gegenwärtigen Krise ist Deutschland. Die deutschen monopolistischen Kapitale (1) haben in und mit Hilfe der EU - des "gemeinsamen Marktes", in dem die staatlichen Beschränkungen und Schutzmechanismen aufgehoben sind - eine überragende Stellung gewonnen und die schwächere Konkurrenz, vor allem Süd- und Osteuropas, an die Wand gedrängt. Das ist begleitet von einer stärker gewordenen Stellung des deutschen Staates gegenüber den EU-"Partnern". "In Europa wird jetzt Deutsch gesprochen." Die schwächsten EU-Staaten sind dabei, in eine halbkoloniale Abhängigkeit von Deutschland zu geraten. Die Krise ist bisher äusserst vorteilhaft für Deutschland. Das ist kein Ergebnis, das unwiderruflich ist, aber das ist der gegenwärtige Stand.

 

Die Krise beshleunigt und verstärkt aber nicht nur solche "Internationalisierungsprozesse". Sie bewirkt auch Entflechtungen in weltweiten Kapital- und Warenströmen. Hier die Momentaufnahme der NZZ:

 

http://www.nzz.ch/meinung/kommentare/globalisierung-ist-keine-einbahnstrasse-1.17609099

 

Solche Erscheinungen sind geschichtlich nichts Neues. Das ganze 20. Jahhundert hindurch gab es extreme Schwankungen in der "internationalen Verflechtung".

 

Die Betrachtung langerer Zeitraeume zeigt, dass der Exportanteil am BIP der entwickeltsten Staaten insgesamt zunimmt, allerdings mit grossen zeitlichen und regionalen Schwankungen. Rasches Wachstum ueber einige Jahrzehnte bedeutete bisher nicht, dass "es immer so weitergeht". In der ersten Haelfte des 20. Jahrhunderts besehen wir von 1913 bis in die Jahrhundertmitte eine Entflechtung es Weltmarkts.

 

 (Die folgenden Zahlen erfassen den Zeitraum bis maximal 2004, sind also nicht auf dem aktuellsten Stand. Sie vermitteln aber einen Eindruck von den "Grössenordnungen".)

 

Exportquoten im historischen Vergleich in % des jeweiligen BIP

               1890  1913  1929  1938  1950  1979  1992

___________________________________________________________

USA          6,7       6,4      5,0     3,7      3,8     9,7      7,5

West-Eu 14,9     18,3    14,5     7,1    13,4   17,4   21,1

Japan        5,1     12,6    13,6   13,0      6,8     9,7     8,8

 

(Quelle: http://www.likedeeler-online.de)

 

Die prozentualen Anteile des Exports am BIP vor dem I. Weltkrieg wurden demnach von den USA und den westeuropäischen Staaten erst in den 1970er Jahren wieder erreicht bzw. ueberschritten, von Japan - neben Deutschland der sprichwoertlichen Exportnation - bis 1992 nicht.

 

Dabei ist das Gewicht der Aussenwirtschaftsbeziehungen im Verhaeltnis zum inlaendischen Markt von Staat zu Staat bzw. Region zu Region sehr unterschiedlich. Nach einer Aufstellung des Schweizer Bundesamtes fuer Statistik lag der

 

Mittelwert des Import- und Export-Anteils von Guetern und Dienstleistungen am jeweiligen BIP in % 2003

 

bei ca 10 %:        in den USA und Japan

zw. 20 und 30 %: in Frankreich, Italien, Grossbritannien, Spanien

zw. 30 und 40 %: in Deutschland (Heute bei 50 %)

 

 

 

 

 

Mittelwert des Import- und Export-Anteils von Guetern und Dienstleistungen am jeweiligen BIP in % 2003

bei ca 10 %: in den USA und Japan

zw. 20 und 30 %: in Frankreich, Italien, Grossbritannien, Spanien

zw. 30 und 40 %: in Deutschland

 

Die Aussenhandelsanteile am BIP der westeuropaeischen Staaten widerspiegeln den Grad der weltweiten Handelsverflechtung nicht, sondern sind im Vergleich zu den anderen entwickelten Regionen - vom "Rest" der Welt gar nicht zu reden - ein Sonderfall, aus dem wiederum Deutschland herausragt. Wenn man die Welt durch die deutsche Brille anschaut, mag es plausibel erscheinen, dass die Welt "globalisiert" ist - bei einem deutschen Exportanteil am BIP von ueber 40 %. Aus der Perspektive etwa der USA, Japans und der meisten armen Staaten sieht sie, gemessen am Export, durchaus nicht "globalisiert" aus. Warum sollen zum Beispiel fuer die USA runde 10 % Aussenmarkt der bestimmende Faktor sein, wenn diesem 90 % Binnenmarkt gegenueberstehen ?!

Im Lauf der zweiten Haelfte des 20. Jahrhunderts hat sich das Gewicht der verschiedenen Regionen bezueglich ihres Anteils am Welthandel bedeutend verschoben. Den Verlauf zeigen die folgenden Zahlen:

 

Anteile am weltweiten Export nach Regionen 1948 - 2004 in %

 

_______________________________________________________

 

1948   31,5  28,3  13,6  11,4  7,3   2,0  k.A.

 

1953   34,9  24,9  13,1     9,8  6,5  2,7   k.A.

 

1963   41,4  19,9  12,4     6,3  5,7  3,2   k.A.

 

1973   45,4  17,3  14,9     4,3  4,8  4,1   k.A.

 

1983   43,5  16,8  19,1     4,4  4,5  6,8   k.A.

 

1993   45,4  18,0  26,1     3,0  2,5  3,4   1,5

 

2003   46,1  15,8  26,1     2,9  2,4  4,1   2,7

 

2004   45,3  14,9  26,8     3,1  2,6  4,4   3,0

 

(1) Europa

(2) Nordamerika

(3) Asien

(4) Sued- und Mittelamerika

(5) Afrika

(6) Naher Osten

(7) GUS

 

(Quelle: WTO international trade statistics 2005; zitiert nach: www.bpb.de)

 

Also

- Vergroesserung des Anteils (West-)Europas um etwa 50 %,

- Verringerung des Anteils Nordamerikas um fast die Haelfte,

- Verdoppelung des Anteils Asiens,

- Drittelung des Anteils Sued- und Mittelamerikas und Afrikas,

- Verdoppelung des Anteils des Nahen Ostens.

 

Von woher nach wohin fliessen die Warenstroeme ?

 

Anteile regionaler Handelsstrome am gesamten Warenexport der jeweiligen Region

 

(1) (2) (3) (4) (5) (6) (7)

von Nordamerika nach Nordamerika 55    %

                                  nach Europa           16,1 %

                                  nach Asien              18,3 %

 

von Europa nach Europa 73,2 %

 

                       nach Asien 7,6 %

 

                       nach Nordamerika 9,1 %

von Asien nach Asien 51,2 %

 

 

 

(Differenz zu 100 % jeweils andere Regionen)

(etwa 2004)

(Quelle: Enno Langfeldt: Entwicklungstendenzen im internationalen Warenhandel und Transport. Fachhochschule Kiel)

 

Mehr als die Haelfte, im Fall Europa nahezu drei Viertel des "Welthandels" dieser Regionen ist also nicht Welthandel, sondern Handel innerhalb der Region. Mehr als die Haelfte des "Welthandels" der USA ist - Handel mit Kanada und Mexiko !

In Nordamerika und Europa findet der groesste Teil des "Welthandels" statt, und davon wiederum der groesste Teil jeweils innerhalb dieser beiden Regionen. Aus der Existenz dieser beiden Handelsbloecke auf "Globalisierung" zu schliessen, ist geradezu absurd.

 

                    nach Europa 17,9 %                    nach Nordamerika 21,9 %

 

Welthandel mit Kapital, Kapitalexport, Kapitalverflechtung

 

Dem Bundesverband deutscher Banken zufolge (Bundesverband deutscher Banken: Daten, Fakten, Argumente, Berlin, November 2003) stiegen zwischen 1989 und 1998 die weltweiten Devisenumsaetze von 590 Mrd. USD auf 1 490 Mrd. USD. - Tagesumsatz ! - Wenn das keine Globalisierung ist !? Im selben Jahr 1998, als sich taegliche 1 490 Mrd. USD Devisenumsaetze ereigneten, betrug der Umsatz des weltweiten Handels, der selben Quelle zufolge, 5 449 Mrd. USD. - im Jahr !

 

Also findet die Globalisierung eben nicht hauptsaechlich im Waren- und "Dienstleistungs"handel statt, sondern im "Sektor Finanzkapital" ?!

 

Die Herren im feinen Tuch raten zu vorsichtiger Interpretation. Ohnehin sei die "Beurteilung des Grades der globalen Integration" generell "kein einfaches Unterfangen". Speziell "der haeufig verwendete Indikator Devisenumsaetze" eigne sich schlecht dafuer.

 

Die Finanzgenies erlaeutern, warum: " ... sowohl im internationalen Warenhandel als auch im Wertpapierhandel beinhaltet ein Geschaeftsabschluss stets auch ein Waehrungsrisiko. Der Absicherung dieses Risikos und nicht der Finanzierung des eigentlichen Handels dient der ueberwiegende Teil der Devisenumsaetze." Zu einem anderen Teil seien die gigantischen Devisenumsaetze "technisch" bedingt. Jedes wirkliche Geschaeft ziehe "eine lange Kette von Devisentransaktionen" nach sich, die alle statistisch als Umsatz erfasst werden, so dass sich ein- und dasselbe Geschaeft in der Statistik vervielfacht. Blosse technische Veraenderungen in den Handelsgepflogenheiten, die mit dem realen Geschaeft nichts zu tun haben, koennten deshalb zu ganz anderen Statistiken fuehren. Beispiel: "... sind im Jahr 2001 die Devisenumsaetze erstmals seit 1989 gesunken. Verantwortlich dafuer war allerdings nicht der parallele Rueckgang des Welthandels. Vielmehr hat die Einfuehrung des Euro ebenso zum Sinken des Transaktionsvolumens beigetragen wie die Einfuehrung einer "zentralen Gegenpartei" im an Bedeutung gewinnenden elektronischen Handel. Die "zentrale Gegenpartei" tritt bei den abgeschlossenen Geschaeften als Vertragspartei zwischen Kaeufer und Verkaeufer. Sie wird dadurch direkter Vertragspartner und unterbricht die ... klassische Organisationsform des Devisenhandels. Ein weiterer Grund liegt in der sinkenden Zahl der Teilnehmer am Devisenhandel - eine Folge der Konsolidierung im Bankensektor." - Alles zusammengenommen ergebe veraenderte Umsatzzahlen, waehrend die zugrundeliegenden Geschaefte sich nicht entsprechend veraendern.

 

Soweit die Banker. Ein Linksradikaler fuegt dem hinzu: Was ueber die Aufblaehung der Zahlen im Warenhandel weiter oben festgestellt wurde, gilt auch fuer den Devisen- und sonstigen Papierhandel jeder Art. Hinzu kommen zwei weitere Faktoren:

 

- Der elektronische Handel ver-zigfacht die Raschheit des Haendewechsels und damit die Zahl der Haendewechsel, damit des Umsatzes. Der Daytrader kann das selbe Zeug dreimal am Tag kaufen und verkaufen, und der automatisierte Handel macht das tausendmal am Tag. Kleinste Margen koennen infolge des geschrumpften Zeitfaktors genutzt werden und werden genutzt - und dabei kommen gigantische Umsaetze zustande, die praktisch nichts repraesentieren, ausser eben Haendewechsel.

 

- Zweitens sind viele Papiere extrem "volatil"; zum Beispiel steigen Aktienkurse nicht selten um das Zehnfache und mehr pro Jahr im Vergleich zur "Realwirtschaft", von den - teilweise fuer Umsaetze genutzten - kurzfristigen, sogar taeglichen oder stuendlichen Auf- und Abs nicht zu reden. Auch diese "Sonderinflation im Finanzsektor" blaeht die Zahlen auf - und ebenso schnell "verschwinden" diese "Werte" wieder im Fall der Abwaertsbewegungen.

Das ( und noch einige weitere Umstaende ) fuehrt insgesamt zu gigantischen Zahlen, die so gut wie keine Schluesse auf die tatsaechliche "Integration der Weltwirtschaft" und die "weltweiten Kapitalverflechtungen" zulassen. Hier wird nicht integriert und verflochten, sondern gezockt.

Veröffentlicht in Weltwirtschaftskrise

Um über die neuesten Artikel informiert zu werden, abonnieren:

Kommentiere diesen Post