Gramsci und die Zivilgesellschaft

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

 

 

Helmuth Fellner: Gramsci, Wimmer und die Zivilgesellschaft


Dieser Redebeitrag wurde im Rahmen des von der KI veranstalteten Symposiums zum 20. Todestag von Ernst Wimmer gehalten.
Ernst Wimmer hat – nicht immer, aber sehr oft – schon früh erkannt, wie der Revisionismus, wie das rechte Abweichlertum auf der Suche nach irgendwelchen „dritten Wegen“ der gesellschaftlichen Entwicklung Begriffe falsch rezipiert, verbiegt, ja verhunzt. So ein Begriff ist bis heute in bürgerlichen, sozialdemokratischen, grünen wie scheinlinken Debatten der Begriff Zivilgesellschaft.

Gen. Wimmers Verdienst ist es aber erst recht, rechtzeitig vor dem Missbrauch von Marxisten-Leninisten gegen deren eigene Intention gewarnt zu haben. Vor allem aber ging es ihm darum, dem Missbrauch solcher wichtigen Persönlichkeiten der kommunistischen Bewegung immer wieder scharf entgegenzutreten.


Siehe auch: Univ.-Doz. Dr. Peter Goller: Ernst Wimmer gegen die parteirechten "Erneuerer" (1965-1972)


Eine solche kommunistische Persönlichkeit, die bis heute missbräuchlich zitiert und in Stellung gebracht wird, war Antonio Gramsci.

Das Aufzeigen dieses doppelten Missbrauchs - der Kategorie Zivilgesellschaft und der Person des Revolutionärs Gramscis - lässt sich trefflich verbinden. Und das ist keine historisierende Auseinandersetzung, sondern eine brennend aktualpolitische.

[Doch lassen wir Ernst Wimmer zunächst selbst zu Wort kommen]:

"Je tiefer die Krise des Kapitalismus, je erbitterter und komplizierter der ideologische Kampf, je stärker Versuchungen zu 'dritten Wegen', Umwegen und Ausflüchten, desto häufiger werden - ganz verlässlich - auch Versuche, hervorragende Revolutionäre noch als 'Zeugen' gegen ihre revolutionäre Sache zu zitieren." /1/

Der Begriff "Zivilgesellschaft" geistert durch alle Medien und politische Debatten: Ob es sich um Vertreter einer bürgerlichen political correctness, um sozialdemokratische Parlamentshinterbänkler oder um friedensbewegte Christen handelt, alle zitieren und strapazieren den Begriff so exzessiv, dass er sich schon fast in die Riege modischer, politischer Unwörter wie Projekt, Diskurs, Diskussionsansatz usw. einreiht. Marxisten, denen das Gerede, ja Gewäsch von der und um die "Zivilgesellschaft" schon allmählich zum Halse raushängt, möchten den Begriff schon fast aus ihrem Vokabular streichen. Denn umstritten ist der Begriff in der Linken schon länger: Zauberwort für die einen, ist er den anderen Synonym für Renegatentum, Revisionismus oder gar grüne Realpolitik.

Im österreichischen online-„Politlexikon für junge Leute“ gesponsert vom österreichischen Unterrichtsministerium, etwa heißt es:

„Unter Zivilgesellschaft versteht man in erster Linie jenen Bereich der Gesellschaft, der nicht staatlich-(partei)politisch ist, sondern sich freiwillig und öffentlich in gesellschaftlichen und politischen Fragen engagiert. Zur Zivilgesellschaft gehören zahlreiche NGOs und Initiativen. Ziel dieser Einrichtungen ist es, auf demokratischem Wege die Achtung der Menschenrechte und Solidarität zu fördern, die Kluft zwischen Arm und Reich abzubauen und so zu einer gerechteren Gesellschaftsordnung beizutragen.“ /2/

Solche und ähnliche Definitionen sind weit verbreitet, auch in linken Zusammenhängen. Wird der Begriff allerdings in dieser Weise – von wem auch immer - auf Antonio Gramsci zurückgeführt, so liegt man falsch. Zivilgesellschaft ist bei Gramsci – wie Ernst Wimmer auch immer wieder betonte - eine ambivalente Kategorie. An keiner Stelle behauptet er, dass die Zivilgesellschaft per se von moralischen Werten wie Toleranz, Achtung der Menschenrechte, Gewaltlosigkeit, Demokratie oder Legalität geprägt wäre. Weder hat Gramsci den Begriff Zivilgesellschaft a priori als positiven Begriff gesehen, noch hat er ihn mit Wunschvorstellungen gefüllt, sondern er leitete ihn aus der revolutionären Praxis her. Sein Ausgangspunkt war dabei immer wieder die Oktoberrevolution. Er stellte sich die Frage, warum die Revolution im relativ rückständigen Russland siegte, im wirtschaftlich und kulturell höher entwickelten Westeuropa aber scheiterte.

Gramscis Antwort auf diese Frage lautet:

"Im Osten war der Staat alles, die Zivilgesellschaft war in ihren Anfängen und gallerthaft; im Westen bestand zwischen Staat und Zivilgesellschaft ein ausgewogenes Verhältnis, und beim Wanken des Staates entdeckte man sogleich eine robuste Struktur der Zivilgesellschaft. Der Staat war nur ein vorgeschobener Schützengraben, hinter welchem sich eine robuste Kette von Festungen und Kasematten befand..." /3/

Die im Westen existierende Zivilgesellschaft am Ende des Ersten Weltkriegs war ein Hindernis für grundlegende soziale Fortschritte bzw. für die Revolution. Der in Russland geführte revolutionäre "Bewegungskrieg", also bewaffneter Aufstand und anschließender Bürgerkrieg, musste im Westen durch den "Stellungskrieg" ersetzt werden, um auch die hinter den "Schützengräben" liegende "robuste Kette von Festungen und Kasematten" einnehmen zu können. Diese Sichtweise teilte Gramsci wie so vieles mit Lenin, der 1918 schrieb, in den westeuropäischen Ländern sei es "schwieriger, die Revolution zu beginnen, weil sich dort der hohe Stand der Kultur gegen das revolutionäre Proletariat auswirkt und die Arbeiterklasse sich in Kultursklaverei befindet." /4/

Gramsci forderte die italienischen Kommunisten zwei Jahre nach Mussolinis Marsch auf Rom, die Mehrheit in der Bevölkerung, deren Herzen und Hirne zu erobern, weil die Zeit für die Entscheidungsschlacht um die Macht nicht reif sei. Die Eroberung der Mehrheit aber ist nur möglich durch eine "Hinwendung zu den Massen" und durch die Auseinandersetzung mit all jenen Einrichtungen, die für die ideologische Beeinflussung dieser Massen zuständig sind. Die Gesamtheit der nicht-staatlichen Organisationen, welche die öffentliche Meinung und damit den "Alltagsverstand" prägen, nennt Gramsci Zivilgesellschaft. Zu ihr zählen die Kirche, die Gewerkschaften, die Presse als "der dynamischste Teil dieser ideologischen Basis", aber auch "die Bibliotheken, die Schulen, die Zirkel und Clubs verschiedener Art bis hin zur Architektur, zur Anlage der Straßen und der Straßennamen."

Nach Gramsci gibt es zwei Ebenen des Überbaus, die in der kapitalistischen Gesellschaft der Absicherung der Hegemonie des Bürgertums dienen: die Zivilgesellschaft und die "politische Gesellschaft" (der Staat und seine Organe). Die erste hat die Aufgabe den "spontanen Konsens" der Beherrschten zu organisieren, die zweite dient der Disziplinierung jener, die diesen Konsens nicht eingehen. Anders gesagt: "Zwischen der ökonomischen Basis und dem Staat mit seiner Gesetzgebung und seinem Zwangsapparat steht die Zivilgesellschaft."

Diese letzte Formulierung klingt etwas schematisch und könnte, isoliert betrachtet, denjenigen Intellektuellen Recht geben, die aus Eigeninteresse die Zivilgesellschaft zum entscheidenden Kampfplatz zwischen Fortschritt und Reaktion überhöhen. Sowohl Ernst Wimmer als auch die profilierte Gramsci-Kennerin Sabine Kebir /5/ widersprechen solchen mehr oder weniger gewollten Missverständnissen. Sie haben beide klargemacht, dass Gramsci die ökonomische Bedingtheit der Zivilgesellschaft sehr wohl gesehen hat und in seiner Analyse von Staat und Revolution an Lenin anknüpfte. Die scheinbar "freiwillige" Unterwerfung der Mehrheit der Werktätigen in den entwickelten kapitalistischen Staaten, in denen die Zivilgesellschaft am weitesten entwickelt ist, beruht allerdings erst in zweiter Linie auf dem Wirken zivilgesellschaftlicher Akteure. In den "modernen bürgerlichen Demokratien ist das Konsenspotenzial in hohem Maße ökonomisch bedingt", schreibt Kebir in völliger Übereinstimmung mit Gramsci. Dieser „Konsens“ wird durch ökonomische Zugeständnisse, die allerdings mit Gewalt, etwa Arbeitsdisziplin, Unterdrückung von Arbeitskämpfen etc. kombiniert werden, geschaffen. Gramsci zeigte dies am Wirtschaftssystem der USA, dem modernsten: "Die Hegemonie kommt aus der Fabrik und braucht nur eine minimale Menge von professionellen Vermittlern der Politik und der Ideologie."

[Gerade die jüngste Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaften zeigt allerdings auch, wie brüchig diese noch vor kurzem zementiert erscheinende Hegemonie des Bürgertums ist. Sie bricht in Wahrheit an allen Ecken und Enden weg. In diesem Lichte betrachtet erscheint für das internationale Kapital die Notwendigkeit, das sozialistische Lager zu Fall zu bringen, die kommunistische Bewegung zu zerschlagen und kommunistische Parteien zum Verschwinden zu bringen (darunter Gramscis PCI) oder ideologisch und politisch zu zersetzen, als logisch. Den gusseisernen Apologeten und Ideologen des Kapitalismus war das schon immer klar, viele Linke haben allerdings über zwanzig Jahre gebraucht, um dies zu erkennen. Wer diesen Zusammenhang heute noch immer nicht begreift, der soll seinen Platz im Rahmen bürgerlicher Hegemonie suchen.]

Das von Gramsci entwickelte Konzept der Zivilgesellschaft geht zwar über Lenin hinaus, knüpft aber direkt an dessen Staatstheorie an. Mit gewissem Recht könnte man Gramscis einschlägige Texte unter dem Titel "Zivilgesellschaft und Revolution" zusammen fassen. Dass Gramsci aus der leninistischen Tradition kam und bis zu seinem Tode im Jahre 1937 Revolutionär blieb, muss immer wieder gegenüber diversen Erbschleichern, die ihn für sich reklamieren wollten oder wollen, betont werden. Als Kommunisten müssen wir uns die Frage stellen, ob und wie seine revolutionären Gedanken für unser ideologisches Verständnis aber auch für linke Tagespolitik nutzbar gemacht werden können. Für den historischen Kampf der Resistenza haben sie de facto keine Rolle gespielt. Italienische Diskussionen sind hier eher mit Vorsicht zu genießen: Denn dort wird von Revisionisten unterschiedlicher Schattierungen von Palmiro Togliatti, Gramscis "engstem Kampfgenossen" gern eine Brücke über den "italienische Weg zum Sozialismus" bis hin zu Enrico Berlinguers "Eurokommunismus" geschlagen.

Berlinguers Weg führte aber schließlich zur Liquidierung der PCI und zur Wiederbelebung der italienischen Sozialdemokratie in Form der PD. Es ist wohl keine Spekulation zu sagen, dass die Genossen Gramsci und Togliatti dem den erbittertsten Widerstand (und zwar mit allen Mitteln) entgegengesetzt hätten. „Die Trennung, die in Livorno zwischen Kommunisten und Reformisten erfolgen wird, wird besonders folgende Bedeutung haben. Die revolutionäre Arbeiterbewegung trennt sich von jenen degenerierten Strömungen des Sozialismus, die im staatlichen Parasitentum verfault sind (…).“ /6/ schrieb er 1920. Gramsci stellte sich bewusst in die Tradition Leninschen Denkens. Er definierte den Leninismus als „Lehre von der Hegemonie des Proletariats". Noch aufschlussreicher ist Gramsci Charakterisierung der Rolle Lenins in seinen „Gefängnisschriften":

„Der größte moderne Theoretiker der ,Philosophie der Praxis' hat auf dem Gebiet der politischen Organisation und des Kampfes gegen die verschiedenen ,ökonomischen' Tendenzen die Front des aktuellen Kampfes, politisch verstanden, aufgewertet und die Lehre von der Hegemonie als Ergänzung zur Theorie des Gewaltstaates... entwickelt."

/7/

Nach Ernst Wimmer /8/ ist für Gramsci die Hegemonie kein „Zaubermittel“, das den Gewaltstaat in Dunst auflöse, sondern Voraussetzung, um mit ihm fertig zu werden. An den Bolschewiki imponierte ihm vor allem, dass sie nicht nur die Theorie von der Hegemonie der Arbeiterklasse im Bündnis mit anderen Schichten entwickelten, sondern auch das unerlässliche Mittel dazu: eine revolutionäre Partei, die nicht in den Massenbewegungen aufgeht, sondern richtungweisend, vorantreibend in ihnen wirke.

Und Gramsci:

„Die einzige Partei (in der II. Internationale), die so sich vor der Degenerierung rettete, ist die Partei der Bolschewiki, der es gelang, sich an der Spitze der Arbeiterbewegung des eigenen Landes zu behaupten, weil sie aus ihren Reihen die antimarxistischen Strömungen ausschloss und mit Hilfe der Erfahrungen aus drei Revolutionen den Leninismus ausarbeitete, der der Marxismus der Epoche des Monopolkapitals, der imperialistischen Kriege und der proletarischen Revolution ist..." /9/ Als Revolutionär zu wissen, was man will, wo man mit wem hin will, war für Gramsci die Voraussetzung für erfolgreiche Bündnispolitik. Ein Aufgehen in Bündnissen, ein völliges Außer-acht-Lassen eigener Ansprüche an ein Bündnis war seine Sache nicht.

[Lassen wir auch in dieser Frage neuerlich Ernst Wimmer zu Wort kommen:] „Worin liegen – [schreibt er] - die erschwerenden, die verzögernden Momente im ‚Westen’, die manchmal überhaupt an der Möglichkeit einer gesellschaftlichen Umwälzung zweifeln lassen? Was sind die Quellen der Stabilisierungs- und Entwicklungsfähigkeit des Kapitalismus, die Träger seiner Macht? Wo die Hebelpunkte, um sie schließlich zu stürzen?

Das beginnt mit der Untersuchung und Verwerfung der in unzähligen Varianten existierenden Theorien der Einseitigkeit – der ‚linksradikal’-sektiererischen, die den ‚Sitz der Macht’ allein in der Gewalt des Staats vermuten und den reformistischen, die die ‚eigentliche Machtbasis’ des Kapitals in der Vorherrschaft bürgerlicher Ideen erblicken möchten. Das äußert sich in immer neuen Versuchen, näher zu bestimmen, wie sich im Staat, im politischen System, in der ‚zivilen Gesellschaft’ Gewalt und Hegemonie, also Vorherrschaft, der Ideen, wie sich Zwänge und Konsens mischen, ergänzen, wie sie formiert, aufrecht erhalten, ausgebaut und zersetzt, ‚umgedreht’, überwunden werden können. In seiner Konzeption eines Systems von Bündnissen, der Durchsetzung zumindest von Elementen einer neuen Hegemonie als Voraussetzung für eine neue Gesellschaft sind immer wieder zwei Orientierungspunkte zu finden: gegen wen muss man unbedingt kämpfen, wenn man qualitativ Neues erreichen möchte? Und um wen muss man kämpfen, auch wenn da nicht unbedingt qualitativ Neues gefordert wird?“ /10/

 

Auch zum Thema Bündnispolitik hat uns Gramsci also viel zu sagen und noch mehr zu zeigen. Seine praktische politische Tätigkeit vor seiner Inhaftierung im November 1926 zeigt uns dies deutlich. Als es um Italiens Eintritt in den Ersten Weltkrieg ging, traf er sich mit pazifistischen Katholiken, was die italienischen Sozialisten, die nach Gramsci lieber einem "dummen Antiklerikalismus" frönten, strikt ablehnten.

Nach dem Krieg suchte er sogar Kontakt zum zeitweise faschistoiden Schriftsteller Gabriele D'Annunzio und zum Futuristen Filippo Marinetti, der in den Anfangsjahren vor und nach dem Marsch auf Rom durchaus ein künstlerisch-ideologischer Wegbereiter des Faschismus war, diesen lud er sogar zu einem Vortrag in die Turiner Sektion des russischen Proletkult. Natürlich muss man hier die Frage nach der Zweckmäßigkeit so weit, im Grunde bis nach rechts, greifender Bündnispolitik stellen. Tatsächlich wurde ihm dies ja auch moralisierend vorgeworfen. Aber mit Moral allein ist nur schwer Politik zu machen. Denn Gramsci kam es bei der politischen Arbeit in der Zivilgesellschaft nicht auf Bündnisse um ihrer selbst Willen an, sondern Ausgangspunkt seiner Überlegungen war - und das unterscheidet ihn von den meisten seiner heutigen Apologeten - vielmehr der "Geist des Bruchs", der klare Trennungsstrich zwischen Fortschritt und Reaktion:

"Was kann man seitens einer Klasse, die die Erneuerung anstrebt, diesem gewaltigen Komplex von Schützengräben und Befestigungsanlagen der herrschenden Klasse entgegenstellen? Den Geist des Bruchs, d.h. die fortschreitende Aneignung des Bewusstseins der eigenen historischen Persönlichkeit, den Geist des Bruchs, der danach streben muss, sich von der führenden Klasse auf die potenziell verbündeten Klassen auszudehnen: All das erfordert eine komplizierte ideologische Arbeit, deren erste Bedingung die richtige Kenntnis des Gebietes ist, dem die Menschenmassen zu entreißen sind." /11/

Letzteres war auch mit ein Grund, dass sich Gramsci intensiv der Kultur gewidmet hat, aber nicht nur einer elitären bürgerlichen oder einer halbelitären fortschrittlichen, sondern, wie seine Theaterkritiken, Rezensionen und Kritiken selbst trivialster Kulturformen zeigen, jeder Form von Massenkultur schenkte er sein Augenmerk. Heute, wo die "professionellen Vermittler von Ideologie und Politik" der Zivilgesellschaft in einem ungeheuren Ausmaß die Lufthoheit über die Hirne der ArbeitnehmerInnen gewonnen haben, wäre diese Aufgabe um so wichtiger. Was aber machen die Marxisten, statt sich mehr und systematischer mit den Phänomenen der "Massenkultur" auseinander zusetzen ? Sie ignorieren diese offensiv, wenden sich mit Grauen ab und frönen linksintellektueller Nabelschau.

„Manche erhofften sich heute von der Kategorie ‚zivile Gesellschaft’ einen Universalschlüssel zu einem tieferen Verständnis der Gesellschaft. Aber eine eindeutige Definition wird man bei Gramsci vergeblich suchen. Noch mehr, noch aufschlussreicher: nach vielen Gedankenmodellen setzt er die ‚zivile Gesellschaft’, die er am Anfang seiner Suche dem Staat entgegengestellt hatte, mit diesem gleich. Nicht resignierend, nicht als Zurücknahme, bloß versuchsweise, die Erfahrung im Blickpunkt, dass immer engere Verzahnungen zwischen Staat, politischem System und ziviler Gesellschaft es ungemein erschweren, Unterschiede, Trennlinien und Gegensätze in ihnen zu erfassen. Gramsci hat sich keineswegs ‚im Labyrinth seiner Gefängnishefte verirrt’. Er hat seine ungeheure Energie unter ungeheuerlichen Bedingungen, seine analytische Schärfe auf immer neue Punkte gerichtet, wobei Unschärfen, Disproportionen zu anderen Punkten entstanden.“ /12/

In diese Zivilgesellschaft einzudringen, ohne in ihr aufzugehen (sic !), sich in ihr bewegen können, ohne sich zu verirren (!), sie zu formen, ohne selbst geformt zu werden (!), sie zu nutzen, ohne von ihr benutzt zu werden (!), ist für Gramsci jene Aufgabe, die eine revolutionäre Partei und ihre Mitglieder im Stellungskrieg zu bewältigen hatten, hätten und haben. Aber um diese äußerst schwere Aufgabe bewältigen zu können /13/ und "um in einem System von Bündnissen politisch, moralisch, ideologisch führend zu werden, bedarf es für die Arbeiterklasse der Ergründung möglichst aller Elemente, mit deren Hilfe die herrschende Klasse das Bewusstsein der Menschen beeinflusst, formt und deformiert: von Parteien, der Kirche, den Schulen, den besonders dynamischen Medien, über Vereine bis hin zu Theatern, Bibliotheken, bis zur Architektur, der Anlage von Straßen und deren Namen. Dazu bedarf es der Entwicklung der Fähigkeiten, das Aufgreifen und die Vertretung berechtigter mannigfaltiger Interessen im Kampf zumindest an den wichtigsten Frontabschnitten mit Bewusstseinbildung zu verknüpfen, um bestehen und siegen zu können." /14/

Zum Abschluss möchte ich an einem Beispiel zeigen, dass die falschen Leute auch zu richtigen Schlussfolgerungen gelangen können [daraus allerdings meist keine Konsequenzen ziehen]:

„Das Verdienst Wimmers bestand darin, die revolutionäre Intention Gramscis in allen seinen Überlegungen hervorzuheben, zum Unterschied von Interpretationen, die die politischen Begrifflichkeiten Gramscis insbesondere den Begriff der ‚Zivilgesellschaft’ auf politologische Begriffe reduzierten und sie zum Ausgangspunkt rein reformistischer Politik machten.“ /13/

Das klingt ja fast nach Selbstkritik Michael Grabers. Aber selbst eine solche würde ihm nach all seinen Wendungen und Windungen niemand mehr abnehmen.

Und ein kurzes P.S. zum Missbrauch des Begriffes Zivilgesellschaft:

Der chinesische angebliche Künstler Ai Weiwei, der in China Spenden sammelt, um die Steuerschulden für seine Firma Fake (!) Cultural Development zu begleichen, kommentierte die ersten einlangenden Spenden mit den Worten: "Ich sehe den Aufstieg einer Zivilgesellschaft in China. Ich sehe Hoffnung in der Jugend und für die Nation."

Fußnoten:

1) Wimmer, Ernst: Staat und Demokratie. Dritter Weg oder Revolution?, Globus Verlag Wien 1982, S. 70

2) http://www.politik-lexikon.at/zivilgesellschaft/

3) Gramsci, Antonio: Gefängnishefte, Argument-Verlag, Hamburg 1991-1996. Heft 7, §16, 874.
Auch die im Text folgenden Zitate Gramscis sind dieser Ausgabe der Gefängnishefte entnommen.

4) Lenin, W.I.: Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky, 1918. Zitiert nach: Kebir, Susanne: Antonio Gramscis Zivilgesellschaft, 1991, S. 74

5) Kebir, Susanne: Antonio Gramscis Zivilgesellschaft, 1991

6) Gramsci, Antonio: Zur Politik, Geschichte und Kultur, Frankfurt am Main 1980, S. 80

7) Gramsci, Antonio: Gefängnishefte, a.a.O.

8) Ernst Wimmer : Gramsci und die Revolution. Weg und Ziel
(zitiert nach: http://www.kominform.at/article.php?story=20111028001500711

9) Gramsci, Antonio: Zur Politik, Geschichte und Kultur, Frankfurt am Main 1980, S. 150

10) Wimmer, Ernst: Der Kampf an drei Fronten. Zum 100. Geburtstag Antonio Gramscis. Weg und Ziel, 1991

11) Gramsci, Antonio: Gefängnishefte a.a.O

12) Wimmer, Ernst: Der Kampf an drei Fronten. A.a.O.

13) nach: Fellner, Hannes: Gramsci und wir. Beitrag auf http://www.kominform.at 2007

14) Wimmer, Ernst: Staat und Demokratie. Dritter Weg oder Revolution? S. 70


Fotos:
(1) (c) KPÖ (2) (c) marxists.org

 

Quelle: http://www.kommunisten.at/article.php?story=20111120110154854

 

 

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