Griechenland: Zahlen und Fakten zur sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

Hier ein weiterer Auszug aus den Thesen der KKE (S. auch http://kritische-massen.over-blog.de/article-thesen-der-kke-entwicklungstendenzen-des-imperialismus-und-charakteristik-der-krise-in-griechenland-116815729.html ). - Ein Überblick über die Veränderungen zwischen und innerhalb der sozialen Schichten und Klassen und der Wirtschaftsstruktur in der letzten Dekade:

 

Wichtige Tendenzen bei der sozialen Zusammensetzung, der Beschäftigungsstruktur sowie der Wirtschaftsstruktur

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In der letzten Dekade ging die Gesamtbeschäftigung von 4,09 Millionen 2001 auf 3,7 Millionen Beschäftigte in 2012 zurück, während sie bis vor dem Ausbruch der Krise 2008 stieg.

Die Gesamtzahl der Beschäftigten in der Agrarwirtschaft ging von 16,1% 2001 auf 13% 2012 zurück. Groß ist auch der Rückgang im industriellen (sekundären) Sektor von 23% in 2001 auf 16,1% in 2012. Im Gegensatz dazu stieg die Beschäftigung im tertiären Bereich von 60,9% der Gesamtanzahl der Beschäftigten in 2001 auf 70,4% in 2012.

Die Anzahl der Lohnabhängigen ist 2012 etwa gleich mit der in 2001. Sie liegt bei 2,4 Millionen. Diese numerische Gleichheit verbirgt jedoch den rapiden Anstieg der Zahl der Lohnabhängigen vor dem Ausbruch der Krise und ihre rapide Minderung danach. 2001 lag die Anzahl bei 59,4% der Beschäftigten, 2012 bei 63,3%. Vor dem Ausbruch der Krise war die steigende Tendenz aber stärker.

Die Zahl der Selbstständigen erscheint leicht erhöht, von 23,6% in 2001 auf 24,3% in 2012, ihre absolute Größe bleibt aber mit 950.000 relativ stabil mit kleinen Schwankungen. Bis zum Ausbruch der Krise gab es einen Rückgang, während der Anstieg danach einen gewissen Anteil der Unterbeschäftigung verbirgt, der an Arbeitslosigkeit grenzt.

Es gibt einen signifikanten Rückwärtstrend der Zahl der Beschäftigten und Lohnabhängigen in der verarbeitenden Industrie und in der Baubranche. Im Gegensatz dazu verzeichnet sich ein Anstieg in den Sparten Tourismus, Hotel- und Gaststättenwesen, Telekommunikation, im Finanzsektor und bei den wissenschaftlich-technischen Dienstleistungen.

In der verarbeitenden Industrie ging die Zahl der Beschäftigten von 577.000 in 2001 auf 367.000 in 2012 zurück. Die Anzahl der Lohnabhängigen in der Sparte ging von 426.000 in 2001 auf 266.000 in 2012 zurück. Ihr Prozentsatz ging von 73,8% in 2001 auf 72,2% in 2012 leicht zurück, während der Prozentsatz der Selbstständigen von 11,5% in 2001 auf 14,1% in 2012 angestiegen ist.

In der Baubranche ging die Anzahl der Beschäftigten von 307.000 in 2001 auf 216.000 in 2012 stark zurück. Die Anzahl der Lohnabhängigen ging von 203.000 auf 128.000 in der gleichen Periode zurück. Der Prozentsatz der Lohnarbeit ging ebenfalls von 66% in 2001 auf 59% in 2012 stark zurück. Gleichzeitig stieg der Prozentsatz der Selbstständigen von 18,1% auf 27% und ihre absolute Zahl von 56.000 auf 58.000.

Im Einzelhandel ging die Zahl der Beschäftigten von 705.000 in 2001 auf 687.000 in 2012 leicht zurück (ein Rückgang um 2,5%), während die Anzahl der Lohnabhängigen von 345.000 auf 383.000 erheblich gestiegen ist. Ihr Prozentsatz ist von 49% in 2001 auf 56% in 2012 gestiegen. Gesunken ist die Zahl der Selbstständigen von 213.000 auf 190.000 und ihr Anteil von 30,2% 2001 auf 27,7% in 2012. In dieser Branche gibt es noch eine große Anzahl von Selbstständigen, aber die Tendenz zur Konzentration, Zentralisation und Proletarisierung ist deutlich.

In der Tourismus- und Nahrungsbranche beziehen wir uns nur auf die Periode 2001-2011, weil es auf Grund der Saisontätigkeit nicht die Möglichkeit gibt, Schlüsse über den Mittelwert des Jahres 2012 zu ziehen. Die Zahl der Beschäftigten in der Branche stieg 2011 von 269.000 auf 295.000 2011, die der Lohnabhängigen von 156.000 auf 170.000 in 2011. Der Prozentsatz der Lohnabhängigen ist stabil bei 58% geblieben. Die Zahl der Selbstständigen ist von 48.000 auf 50.000 leicht gestiegen, deren Prozentsatz ist von 17,8% auf 16,9% gefallen.

Im Bankensektor ist die Zahl der Beschäftigten von 108.000 in 2001 auf 121.000 in 2012 leicht gestiegen. Die Zahl der Lohnabhängigen ist von 96.000 in 2001 auf 107.000 in 2012 leicht gestiegen. Die Branche hat einen sehr hohen Anteil an Lohnabhängigen, der bei 90% liegt und zwischen 2001 und 2012 stabil geblieben ist.

Die Branche der wissenschaftlichen und technischen Dienstleistungen beschäftigt 221.000 Personen, davon sind 85.000 (39%) lohnabhängig, 103.000 (47%) selbstständig und 30.000 (13%) Arbeitgeber. Aus den zur Verfügung stehenden Daten können wir von einer Steigerung von 30% in den letzten 10 Jahren ausgehen.

Die offizielle Arbeitslosigkeit ist von 11,2% in 2001 auf 25,4% in 2012 gestiegen, nicht aber in Form einer einheitlichen Tendenz. Der Ausbruch der Krise führte zu einer rapiden Umkehr der Verringerung der Arbeitslosigkeit bis zum Jahr 2008. Der Anteil an der Arbeitslosenquote ist nicht homogen für die gesamte Bevölkerung. Die Arbeitslosigkeit ist bei den Frauen von 16,9% 2001 auf 12,3% 2008 gefallen, um in 2012 auf 29% zu steigen. Bei den Männern ist der Anteil von 7,5% 2001 auf 5,6% 2008 gefallen, und im Jahr 2012 auf 22,7% gestiegen. Bei den Ausländern ist der Prozentsatz von 11,7% in 2001 auf 7,4% in 2008 gefallen, um auf 30% in 2012 zu steigen. Nach diesen statistischen Daten sind von den 1,27 Millionen Arbeitslosen im Jahr 2012 180.000 Personen Ausländer.

Bezüglich des Bildungsstandes liegt die Arbeitslosigkeit bei den Absolventen einer Hochschule bei 16,2%, bei den Absolventen einer Fachhochschule bei 26%, den Abiturienten bei 26%, den Abgängern einer Grundschule bei 22% und bei denen, die keine Grundschule absolviert haben, bei über 33%. Bezüglich des Alters liegt die Arbeitslosigkeit bei den Jüngeren bis 24 Jahren bei 60%, während sie in der Altersgruppe zwischen 25 und 34 Jahren bei 32,9% liegt. Eine Folge der Krise ist die Steigerung des Prozentsatzes derjenigen Erwachsenen, die in einem Haushalt leben, in dem keine Person arbeitet, nämlich von 8,1% in 2008 auf 16,9% in 2012. 12,6% der Kinder unter 18 Jahren leben in einem Haushalt ohne einen einzigen Beschäftigten. Bezüglich der regionalen Unterschiede liegt die Arbeitslosigkeit in der Region Ipiros Westliches Mazedonien bei 28,5%, in Thessalien – Sterea Hellas bei 26,4%, während sie in Regionen mit geringerer Arbeitslosenquote bei 20% liegt (Kreta 19,6%, Ägäische Inseln 20%). In Attika liegt die Arbeitslosenquote bei 25,9%.

In der Periode 2008-2011 stieg die Langzeitarbeitslosigkeit (Arbeitssuche seit über einem Jahr) ebenfalls rasant an. Von 3,2% bei den Männern und 7,9% bei den Frauen in 2008 ist sie auf 11,7% bei den Männern und 16,9% bei den Frauen im 2. Quartal 2012 gestiegen. Die Anzahl der Langzeitarbeitslosen liegt bei über 680.000.

Laut Eurostat lebten in Griechenland 2011 offiziell 956.007 registrierte Migrantinnen und Migranten, ihr Prozentsatz liegt bei 8,45% der Gesamtbevölkerung (11.309.885) und ist damit höher als der Mittelwert der EU (6,63%). Der qualitative Unterschied zur EU ist, dass nur 16% der Migranten EU-Ausländer sind, während der EU-Mittelwert bei EU-Ausländern bei 38,45% liegt. Die Zahl der heutigen Migranten hat sich verändert, weil eine neue Welle von tausenden Migranten dazu gekommen ist, da Griechenland als das Eingangstor in andere europäische Länder gilt. Ein Teil von ihnen ist in ihre Heimatländer zurückgekehrt, weil sie wegen der Wirtschaftskrise und der Arbeitslosigkeit in Griechenland nicht mehr leben können.

Wenn die bürgerlichen Regierungen unter Krisenbedingungen und der rapiden Zunahme der Arbeitslosigkeit, wie in Griechenland, es nicht schaffen, die industrielle Reservearmee zu verwalten, gehen sie als kollektive Vertreter der Kapitalisten zum Angriff über, zur Einschränkung und Unterdrückung der Migration, sie schließen die Eingangstore und wenden Methoden von Massenverfolgungen und -abschiebungen an. Die migrantenfeindliche Politik, die mit Gewalt und Repression einhergeht, stärkt das rassistische Klima im Lande.

Innerhalb der Migranten gibt es günstige Bedingungen für die Aktivität von Geheimdiensten und Botschaften, so wie es in der Vergangenheit bei den sog. Emigrés der Fall war. Gleichzeitig steigt die Kriminalität bei Migranten bedeutend, die in die Kleinkriminalität oder die organisierte Kriminalität getrieben werden.

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Bezüglich der Struktur der Wirtschaft:

Die Agrarwirtschaft (Primärsektor) wies 2001 eine Gesamtproduktion von 8,6 Milliarden Euro auf (Bruttowertschöpfung). Dieser Wert ging im Jahr 2008 auf 6,5 Milliarden Euro zurück, während er in der Krise stabil bleibt (sogar leichte Steigerung auf 6,7 Milliarden Euro). In Prozentsätzen ausgedrückt, ging er von 5,8% 2001 auf 3,5% 2008 zurück, um 2011 erneut auf 4,1% zu steigen (nicht wegen der leichten Steigerung in absoluten Zahlen, sondern wegen des BIP-Rückgangs). Trotz der großen Verminderung ist die Produktion bei einigen Produkten gestiegen (z.B. Hartweizen, Mais und Reis).

Die Produktion von tierischen Erzeugnissen weist im Vergleich zu 1981 (Aufnahme in die EWG) einen starken Rückgang bei der Fleisch-, eine Stagnation bei der Milch-, und eine Reduzierung bei der Butterproduktion (bei der Herstellung von Frischmilcherzeugnissen ist eine Steigerung zu verzeichnen). Bei der Viehwirtschaft zeigt sich eine bedeutende Konzentration, obwohl ein Großteil der Betriebe eine beschränkte Anzahl von Vieh besitzt.

In der Agrarwirtschaft bleibt die durchschnittliche landwirtschaftlich genutzte Fläche sehr gering (etwa 25% des EU-Mittelwertes). Die Agrarbetriebe mit einem Standarddeckungsbeitrag (SGM) über 48.000 Euro deckten 2007 12,9% der landwirtschaftlich genutzten Fläche ab, gegenüber 3,94% 1990. Wir gehen davon aus, dass ein Betrieb mit einem SGM unter 48.000 Euro die erweiterte Reproduktion seines Kapitals nicht sichern kann.

Der Sekundärsektor (Industrie) ging als Anteil der Bruttowertschöpfung von 21,1% in 2001 auf 17,1% in 2011 zurück. Auf der Grundlage der Produktionsmenge, befand sich die Produktion 2011 bei 70% der Produktion von 2001. Gleichzeitig ging in diesem Zeitraum die Produktion in der verarbeitenden Industrie und in der Baubranche erheblich zurück.

Der tertiäre Bereich stieg als Anteil der Bruttowertschöpfung von 75,2% 2001 auf 78,8% 2011. Laut bürgerlicher Statistik gehört hierzu auch die zur Industrie gehörende Seefahrtbranche, deren Wertschöpfung von 4,1 Milliarden Euro in 2001 auf 7,8 Milliarden Euro in 2011 gestiegen ist. Ebenso der industrielle Sektor der Telekommunikation, deren Wertschöpfung von 3,1 Milliarden Euro in 2001 auf 6,2 Milliarden Euro 2010 gestiegen ist.

 

Quelle: http://de.kke.gr/news/news2013/2013-03-05-thesis/

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