Heinrich Mann und der deutsche "Ausschuss zur Vorbereitung einer Volksfront in Paris

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

 

 

Gerade in diesen Tagen des Februar 2011 haben Antifaschisten in Dresden einen Aufmarsch der Nazis verhindert. Faschismus in Deutschland - das ist nicht abgeschlossene Geschichte. Wer ihn heute als Überrest sieht, täuscht sich. Die gesellschaftlichen Ursachen für Faschismus sind auch nach dem Untergang des "3. Reiches" erhalten geblieben. Auch in der Weimarer Republik war die Hitlerbande bis weit in die 1920er Jahre hinein ein kleiner krakeelender Haufen. Als die stärkste Fraktion des deutschen Monopolkapitals entschieden hatte, die büergerlich-demokratische Republik zu beseitigen, flossen die Gelder für die Braunen und wuchs ihr Masseneinfluss schnell.

 

Antifaschistischen Widerstand gab es damals und heute. Auch das ist ein ungebrochener geschichtlicher Zusammenhang. Es ist notwendig, das antifaschistische Erbe zu bewahren und anzueignen. In der Februar-2011-Ausgabe des RotFuchs erinnert Dr. Dirk Krüger an eine wichtige Episode des Widerstands. In Paris gründeten deutsche politische Flüchtlinge einen "Ausschuss zur Vorbereitung einer deutschen Volksfront.

  

 Eine herausragende Rolle dabei spielte Heinrich Mann. 

  

 Hier der Text:

 

 

A

 

 

 

ls Heinrich Mann den Vorsitz übernahm

 

 

Im Pariser Hotel Lutetia entstand

die Keimzelle einer deutschen Volksfront

 

 

 

Das Pariser Luxushotel Lutetia ist an die israelische Gruppe Alrov verkauft worden. Diese Erwerbung trägtSymbolcharakter, weil das Etablissement

während der Naziokkupation beschlagnahmt worden war und Überlebende der Konzentrationslager nach deren Befreiung beherbergte.“ Diese Meldung erschien am 8. August 2010 in der französischen Zeitung „Sudouest“. Zur israelischen Gruppe Alrov und darüber, was sie mit dem Hotel vorhat, verlautete nichts. In der BRD blieb die Nachricht unbemerkt und deshalb auch unkommentiert. Dabei hätten wir Deutschen allen Grund, uns gerade an das Hotel Lutetia zu erinnern. Das soll im Folgendengeschehen.

 

Im Lutetia (es handelt sich um die römische Bezeichnung für das alte Paris) traf sich am 26. September 1935 eine Reihe deutscher Antifaschisten, die aus Hitlers Machtbereich in die französische Emigration hatten entkommen können, zu einer Beratung. Am Tisch saßen 22 Sozialdemokraten, vier Kommunisten und 25 Anhänger anderer Parteien und Strömungen. Es war die seit 1933 größte Versammlung von Nazigegnern unterschiedlicherweltanschaulicher und politischer Richtungen. Die Gruppe gab sich den Namen Lutetia-Kreis und ist so auch in die bewegte und bewegende Geschichte des Exils der Jahre 1933–1945eingegangen.

 

Die Diskussionen im Lutetia verliefen äußerst kontrovers und zugespitzt. Vor allem das Auftreten und die Vorschläge des SPD-Politikers Max Braun sorgten für Irritationen. Ein Chronist bemerkte dazu: „Seine Motive waren weniger auf die Schaffung einer deutschen Volksfront gerichtet als vielmehr darauf, den Einfluß der Kommunisten bei der Sammlung der antifaschistischen deutschen Opposition zurückzudrängen.“

 

Um nicht gänzlich ohne Ergebnis auseinanderzugehen und die weitere Arbeit des Kreises sicherzustellen, einigte man sich auf die Einrichtung und Unterhaltung eines Büros. Ihm gehörten Heinrich Mann als Leiter, Georg Bernhard, Max Braun, Emil Julius Gumbel, Otto Klepper, Willi Münzenberg und Leopold Schwarzschild an. Dem Büro wurde die Aufgabe übertragen, weitere Zusammenkünfte zu organisieren.

 

In die Diskussion schaltete sich entsprechend den Beschlüssen der unter strengster Geheimhaltung im Oktober 1935 bei Moskau abgehaltenen „Brüsseler Konferenz“ der KPD, die auf die Vereinigung aller Hitlergegner orientiert hatte, auch deren Politbüro ein. Es übermittelte eine „Konzeption … für die folgenden Zusammenkünfte in diesem Kreis“. Das Dokument der KPD endete mit den Worten:

 

„Wir schlagen vor, die Beratungen regelmäßig weiterzuführen, jedoch im Sinne einer fortlaufenden Stellungnahme zu den aktuellsten Fragen, die das deutsche Volk bewegen.“

 

 

Am 22. November 1935 fand eine zweite, diesmal bedeutend größere Zusammenkunft des Lutetia-Kreises statt. An ihr nahmen elf Sozialdemokraten, sechs Funktionäre der KPD, zwei SAP-Mitglieder sowie mehrere bürgerliche Politiker und antifaschistisch gesinnte Schriftsteller, insgesamt 44 Personen, teil. – Das Fehlen und die prinzipiell ablehnende Haltung des Sozialdemokraten Rudolf Breitscheid der Bewegung gegenüber wirkten sich zunächst hemmend auf die Arbeit aus. So kamen auch bei dieser Beratung keine Beschlüsse zustande.

Die von der Nazijustiz angeordnete Hinrichtung des Kommunisten Rudolf Claus, eines Mitglieds der illegalen Reichsleitung der Roten Hilfe

Deutschlands,bewirkte indes eine Änderung der Haltung der SPD und wurde zum Ausgangspunkt einer ersten gemeinsamen Protesterklärung von SPD und KPD im Exil. Sie trug die Unterschriften von Hans Beimler, Philipp Dengel, Wilhelm Koenen, Willi Münzenberg, Max Braun, Rudolf Breitscheid, Emil Kirschmann, Max Brauer und Victor Schiff. Heinrich Mann bemerkte dazu:

 

„Das ist der erste gemeinsame Schritt deutscher Sozialdemokraten und Kommunisten. Es geschah am 20. Dezember 1935. Vermerken wir den Tag, den spätere Geschichtsberichte nennen werden. An ihm vollzog sich tatsächlich die Einheitsfront der Sozialisten, mit ihr aber beginnt die Volksfront der Deutschen.“

 

Hier taucht erstmals bei deutschen Politikern und Intellektuellen der Begriff „Volksfront“ auf. Er wurde bald zum Synonym für das Bestreben, die unterschiedlichsten Kräfte im gemeinsamen Kampf gegen den Faschismus zusammenzuführen.

 

Doch die kontroversen Diskussionen und lebhaften Auseinandersetzungen im Lutetia-Kreis verstummten damit nicht. Im Gegenteil: Sie nahmen beständig und an Schärfe zu. Wortführer waren vor allem die auf sektiererischen Positionen stehenden Revolutionären Sozialisten, die in ihren Richtlinien zur Volksfront die Schaffung einer straff organisierten proletarischen Einheitspartei forderten. Georg Bernhard entwarf eine Verfassung für das „Vierte Reich“, Leopold Schwarzschild schrieb im Februar 1936 den „Entwurf eines Einigungsabkommens und Konzepts einer Grundgesetzgebung für das Deutschland nach Hitler“. Emil Julius Gumbel formulierte ein „Minimalprogramm der Deutschen Volksfront“.

In dieser recht aufgeheizten Atmosphäre kam es am 1. Februar 1936 zu einem Vorbereitungstreffen von Vertretern der SPD, der KPD und der SAP. Es ging um eine neue Konferenz des Lutetia-Kreises, die nur einen Tag später, wiederum im Hotel, stattfand. Nunmehr wurden 100 Teilnehmer gezählt. Sie berichteten dann übereinstimmend, die Beratung sei durch eine zumeist sachlicheDiskussion gekennzeichnet gewesen.

In verschiedenen Fragen erreichte man

eine Annäherung der Standpunkte. Einstimmig konnte ein Aufruf verabschiedet werden, in dem die faschistische Kriegspolitik verurteilt und der Zusammenschluß aller Friedenskräfte gefordert wurden. In der Folgezeit verbesserte und erweiterte sich

 

das Miteinander von deutschen Kommunisten und Sozialdemokraten in Frankreich. Auch Rudolf Breitscheid entschied sich nun für eine ständigeMitarbeit im Lutetia-Kreis. Die hinzustoßende Saar-Gruppe der SPD stärkte ebenfalls das Bündnis.

 

Zugleich wurden aber auch gegenläufige Tendenzen immer offenkundiger. Die an Schärfe zunehmenden Polemiken betrafen neben den unmittelbaren Zielen und Aufgaben der antifaschistischen Kräfte in der Emigration vor allem die Frage der politischen und sozialen Gestaltung Deutschlands nach Überwindung der Hitlerdiktatur. Hier traten extrem unterschiedliche Vorstellungen zutage. Daher konnte auf der Konferenz auch keine Einigung zu dieser elementaren Thematik erzielt werden. Man verständigte sich schließlich auf die Bildung einer Arbeitsgruppe. Diese wurde beauftragt, eine politische Plattform zur Sammlung aller Oppositionsgruppen und ein Programm für die Gestaltung des künftigen Deutschlands

zu entwerfen.

 

In zeitlicher Parallelität dazu fand Anfang März 1936 eine Beratung des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale mit Vertretern

der KPD zur Schaffung einer deutschen Volksfront statt.

 

Im Mai 1936 traten in den Mitteilungsheften der Pariser Deutschen Freiheitsbibliothek

neben Max Seydewitz, Victor Schiff, Heinrich Mann, Walter Ulbricht und Willi Münzenberg auch Georg Bernhard und Rudolf Breitscheid mit eindeutigen Plädoyers für die Volksfront auf. Der Gedanke, sich in ihr zusammenzuschließen, fand dadurch unter den in das Exil getriebenen Antifaschisten große Zustimmung.  Am 22. April 1936 beschloß der Lutetia- Kreis auf Drängen Heinrich Manns die Bildung eines Exekutivorgans aus 15 Personen. Das war ein weiterer Versuch, die Wirksamkeit der Arbeit zu verbessern und in anderen Ländern Mitstreiter zu gewinnen. Diese Entwicklung veranlaßte Wilhelm Pieck in einem Brief an Heinrich Mann zu der Bemerkung:

 

„Ich verfolge mit großem Interesse Ihre Arbeit im sogenannten Lutetia-Kreis, mit der Sie uns sehr bei der Schaffung einer Volksfront gegen Krieg

und Faschismus helfen.“

 

Es gilt, auf ein weiteres wichtiges Ergebnis dieser Bemühungen hinzuweisen: den gemeinsamen Aufruf „Seid einig, einig gegen Hitler!“, der am 24. Mai 1936 in allen bedeutenden Exilzeitungen deutscher Antifaschisten veröffentlicht wurde. Er richtete sich gegen die Aufrüstungspolitik der Nazis und die Besetzung des Rheinlandes. Unterzeichner waren alle relevanten Emigrantenorganisationen

und Einzelpersönlichkeiten.

 

In dieser Situation entschloß sich die KPD zu einer Sitzung ihres Politbüros in Paris. Sie fand vom 10. bis 24. Juni 1936 statt. Den wichtigsten Tagesordnungspunkt bildeten die „Richtlinien für die Ausarbeitung einer politischen Plattform der deutschen Volksfront“. Das von Wilhelm Pieck entworfene Dokument wurde am 16. Juni einer Kommission des „Ausschusses zur Vorbereitung einer deutschen Volksfront“ zur Diskussion übergeben. Seine erste und wichtigste Feststellung lautete:

 

 „Der Sturz der faschistischen Diktatur ist angesichts der von ihr zur Sicherung ihrer Herrschaft geschaffenen Machtmittel eine so gewaltige Aufgabe,daß keine der antifaschistischen Parteien mit ihren Anhängern allein die Kraft dazu hat. Diese Aufgabe kann nur im Zusammenwirken aller antifaschistischen Parteien und Organisationen, Gruppen und Persönlichkeiten durch die Schaffung der deutschen Volksfront erfüllt werden.“

 

 Als deren wichtigste Aufgabe bezeichnete die KPD den Kampf für Frieden, Völkerversöhnung, kollektive Sicherheit, Abrüstung, Freiheit und Demokratie. In einem weiteren Abschnitt wurden die „Staatsgrundsätze des neuen deutschen Reiches“ formuliert. Der Programmentwurf für die deutsche Volksfront vereinte – ganz im Sinne von Marx und Engels – die aktuellen Aufgaben des antifaschistischen Widerstandes mit der Perspektive des Kampfes für den Sozialismus. Die Richtlinien waren eine geniale Umsetzung der vom VII. Weltkongreß der Kommunistischen Internationale und der „Brüsseler Konferenz“ der KPD entwickelten und beschlossenen Strategie und Taktik im Kampf gegen den Faschismus.

 

Wilhelm Pieck stellte in Gesprächen und Begegnungen noch während der Juni- Tagung des Politbüros den im Lutetia- Kreis zusammengeschlossenen Parteien, Organisationen und Persönlichkeiten, unter ihnen Paul Hertz, Wilhelm Ferl, Siegfried Aufhäuser, Friedrich Stampfer, Rudolf Breitscheid, Alexander Schifrin, Jakob Walcher, Paul Frölich und Rosi Wolfstein, die Vorschläge der KPD persönlich vor. Auch Heinrich Mann – die Zentralfigur des Lutetia-Kreises – und Leopold Schwarzschild waren für ihn wichtige Gesprächspartner.

 

Dabei wurde – und darin besteht das Fazit – in allen wesentlichen Fragen der 1936 aktuellen Strategie und Taktik des Kampfes gegen

den Faschismus und in bezug auf die demokratischen Grundlagen nach seiner Beseitigung Übereinstimmung festgestellt. Und auch das war eine der Konsequenzen: Seit dem 9. Juni 1936 nannte sich der Lutetia-Kreis „Ausschuß für die Vorbereitung einer deutschen Volksfront“. Zu seinem Vorsitzenden wurde Heinrich Mann gewählt. Am 19. Oktober 1936 äußerte er sich in einem Brief aus Nizza an die Propagandakommission des Volksfront-Ausschusses so:

 

 „Zu dem Entwurf der Richtlinien der KPD erkläre ich meine Zustimmung und glaube, daß sie geeignet wären, eine Plattform der

Volksfront vorzubereiten.“

 

Das alles geschah im Pariser Hotel Lutetia. Es ist zu hoffen, daß dieser historische Ort auch unter den neuen Eigentümern als Erinnerungsstätte

erhalten bleibt. Zugleich möge er als Mahnung an die heute lebenden Generationen dienen, im gemeinsamen Kampf aller demokratischen Kräfte gegen Rassismus, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit, Krieg und Neofaschismus nicht nachzulassen.

 

 

Dr. Dirk Krüger, Wuppertal

 

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 http://www.rotfuchs.net/Zeitung/Aktuell/RF-157-02-11-Extra.pdf

 

 

 

 

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