In Zukunft war alles schlechter

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

Heute, auf dem Nachhauseweg von der Arbeit, B5, der "Nachrichtensender". Fünf Minuten lang wird das Thema Strompreiserhöhungen behandelt. Speziell: In München gibt es im Besitzstand einer Immobilienfirma noch Tausende Wohnungen, die nur mit Nachtspeicheröfen beheizbar sind. Zwei Leute werden interviewt.

 

Ein Rentner: 85 Euro Stromabschlag zahlt er im Monat, und bei der Jahresabrechnung sind noch einmal um die 300 Euro extra fällig. "Und ich hab doch bloss eine kleine Rente." Er sagt, er heize eh nur mit einem Heizkörper. Der Rest der Wohnung bleibt kalt.

 

Eine Frau: Sie heize den ganzen Winter durch nur am Wochenende, und das auch nur äusserst sparsam, das Schlafzimmer nie. Sie zählt auf, was sie anzieht, wenn sie zu Bett geht und erwähnt die schönen grossen Eisblumen am Schlafzimmerfenster. Die Frau ist Billiglöhnerin. Eine warme Wohnung ist nicht drin. Die Wohnungsmiete kalt ist ohnehin schon zu teuer.

 

Wir schreiben das Jahr 2012. Als ich die beiden Menschen sprechen hörte, erinnerte ich mich. Ich wuchs in einem alten, ziemlich unkomfortablen Bauernhaus auf. Lange waren die Schlafzimmer gar nicht beheizbar, erst viel später mit stinkenden Ölöfen. Ging man schlafen, war das Ausziehen ziemlich unangenehm. Um nachts nicht zu frieren, brauchte es zwei Wolldecken und ein federgefülltes Unikum, das man Tuchend nannte. An die schönen grossen Eisblumen an den Fensterscheiben erinnere ich mich auch. Morgens war die Stelle am "Tuchend", an die der Atem gegangen war, gefroren.

 

Klar kann man so leben. Aber in den 1950er/-60er Jahren träumten alle, die noch keine hatten, von einer kuscheligen Zentralheizung. Die kamen dann auch, fast in jede Wohnung. Und heute haben die Menschen Zentralheizung - aber die "am unteren Ende" können sie nicht mehr bezahlen. Es darf im Winter in den Wohnungen wieder gefroren werden.

 

In den Nachkriegsjahrzehnten hofften alle Leute, das Leben würde mit der Zeit immer besser werden. Über ein paar Jahrzehnte schien sich diese Hoffnung zu erfüllen. Dann begann die "Überflussgesellschaft" zu stagnieren. Dann wurden die Zeiten ganz allmählich, für die meisten Leute noch kaum bemerkbar, wieder schlechter, für die "ganz unten" natürlich zuerst. "Die ganz unten" spüren das inzwischen täglich. Es muss wieder jeder Cent umgedreht werden. Millionen Leute in Deutschland kommen nur noch gerade so über den Monat, für nicht so wenige gibts in der letzten Woche knapp zu essen. Kleidung, Schuhe - der Schrott aus den Billigmärkten, an ordentliche Sachen nicht mehr zu denken. Kontostand, die Wohnung halten, die ständigen "Kostenbeteiligungen" für die Kinder in der Schule - tägliche Sorge, für Millionen bestimmend für das Lebensgefühl.

 

2012 und folgende im reichen Deutschland, von anderen Ländern in Europa gar nicht zu reden. Soll das die Zukunft sein ? Das wird sie sein, wenn wir - "die ganz unten" und die, die gerade noch meinen, sie seien ja immerhin "Mittelschicht" - alles so lassen, wie es ist. "Leeres Wort: Der Armen Rechte. Leeres Wort: Der Reichen Pflicht." Und dann heisst es da noch: "Reinen Tich macht mit dem Bedränger ! Heer der Sklaven, wache auf !"

Veröffentlicht in Kultur und Gesellschaft

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Lumpy Gravy 10/21/2012 01:43


The rooms were so much colder then
My father was a soldier then
And times were very hard
When I was young

... sang Eric Burdon 1967 über seine Kindheit und Jugend in den 40er und 50er Jahren:

https://www.youtube.com/watch?v=72eUZqxROXY

Zum Glück verbesserte sich die Situation in Europa schnell und spätestens Mitte/Ende der 60er Jahre waren Elend und Härte der Nachkriegszeit für viele Menschen vorüber. Neubauten wurden mit
Zentralheizungen ausgestattet und alte Häuser wurden überall modernisiert. Eisblumen auf der Innenseite des Schlafzimmerfensters, an die ich mich auch noch gut erinnern kann, waren Vergangenheit.
Als ich 1973 zwanzigjährig in meine erste eigene Bude zog (33qm, KDB, 78 DM Monatsmiete inkl. NK), waren Strom- und Wasserrechnungen nie ein Grund zur Sorge, obwohl ich ziemlich arm war. Ich kann
mich noch an Wasserrechnungen der Stadtwerke erinnern, die unter 10 DM lagen und Stromrechnungen, die sich zwischen 20 und 35 Mark bewegten. Wer hätte sich damals vorstellen können, daß wir 40
Jahre später wieder in kalten oder unterbeheizten Wohnungen leben würden und daß wir über die Anzahl der Duschen, Bäder und Toilettenspülungen genauestens buchführen würden, weil wir Fehler in
aberwitzig hohen Wasserrechnungen suchen (und nie finden) etc.? All das ist selbstverständlich die direkte Folge der Privatisierung großer Versorger und der Zwangsprivatisierung vieler kommunaler
Versorgungsbetriebe. Ein großer Teil dessen, was wir heute mehr bezahlen müssen, wandert direkt in die Taschen einer neuen Klasse von Parasiten, die sich mit Hilfe korrupter Politiker an den
Trögen festgesetzt hat. Wie profitabel das Geschäft hier in Europa ist kann man schon daran sehen, wie verzweifelt RWE, Thames Water, EDF, Veolia und viele andere auf der Suche nach
Investitionsmöglichkeiten sind und skrupellos selbst Shanty Towns in aller Welt mit prepaid Metern beglücken ...