Indien: Die Streikbewegung im Sommer

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

 

 

Arbeiterbewegung ? Gibts nicht mehr. - Diesen Befund hört man gelegentlich sogar in linken Kreisen; allerdings on letzter Zeit seltener. Die Behauptung wird von der Wirklichkeit ad absurdum geführt. Drei Massenstreiks in Frankreich innerhalb eines Monats, bei der letzten Welle drei Millionen auf der Strasse; Generalstreik in Spanien; die mächtige Streikbewegung in Griechnland; Massendemonstrationen, auf denen der Rücktritt der iumperialistenhörigen Regierung in Rumänien verlangt wird; die Streiks der Textilarbeiterinnen in Bangla Desh und Thailand; die -dort von der Regierung geförderte - Streikbewegung in China; und sogar die wirklichkeitsfremd zahme deutsche Arbeiterbewegung versucht einen "heissen Herbst" ... Es gärt rund um den Globus, und die Arbeiterbewegung ist dabei die dominierende Kraft.

 

So ist es in Indien auch. In der Oktoberausgabe des RotFuchs ist die indische Streikbewegung vom Sommer zusammengefasst:

 

 

Proletarisches Muskelspiel

Bisher grösste Streikwelle auf dem indischen Subkontinent 

 

 Die ausser Kontrolle geratene Preisexplosion vor allem bei einigen Grundnahrungsmitteln, Petroleum und Tarifen hat in Indien zu einer besonders heftigen Streikwelle gefuhrt. Drei landesweite Arbeitsniederlegungen von erheblicher Dimension und Durchschlagskraft

erschütterten zwischen April und September den sudasiatischen Staat.

 

Trotz jährlicher Zuwachsraten der nationalen Wirtschaftskraft von acht Prozent und einem damit verbundenen Boom vor allem, aber nicht nur des Finanzsektors, unterliegt der Lebensstandard der Arbeiter und eines Teils der Mittelschichten weiterhin stetiger Erosion. Hunderte Millionen Inder vegetieren in oder leben am Rande von bitterer Armut. Nach offiziellen Angaben begingen zwischen 1997 und 2008 nahezu 200 000 ins Elend getriebene Bauern Selbstmord.

 

Während China 9 % seines Bruttoinlandsprodukts (BIP) in den Ausbau der Infrastruktur und des offentlichen Dienstleistungssektors steckt, sind es in Indien gerade einmal 4 %. Stellen wir einen weiteren Vergleich an: Im Unterschied zu China, das Milliardenbeträge fur eine halbwegs ausgewogene Entwicklung der Regionen des Riesenlandes bereitstellt, vollzieht sich Indiens Wachstum höchst unausgeglichen. Neben den städtischen Vierteln der wohlhabenden Oberschicht und des mittleren Bürgertums gibt es riesige Slums fur Millionen und Abermillionen Unterprivilegierte. Der Landbevölkerung sie macht immer noch etwa 70 % der 1,15 Mrd. Inder aus geht es schlechter als vor 30 Jahren.

 

Nehmen wir noch einen dritten Vergleich mit China vor: Während Beijing Hunderte Milliarden Euro Jahr fur Jahr in seine alle Dimensionen sprengende Wirtschaft investiert, ist Indien auf die Gnade seiner Kreditgeber und Gläubiger angewiesen. Die Verschuldungsrate des Staates macht jetzt 82 % des indischen BIP aus. Das ist der elftschlechteste Platz in der Welt.

Seit dem Ende der britischen Kolonialherrschaft hat sich der Prozentsatz

Schreib- und Lesekundiger in Indien von 12 auf 66 % (2007) erhoht. Er liegt aber noch immer weit unter dem Weltdurchschnitt von 84 % und der durch China ausgewiesenen Erfolgsrate von 94 %.

 

Der Allindische Bandh vom 5. Juli war im Urteil der Presse der bis dahin umfassendste Streik seit 30 Jahren und wahrscheinlich auch die grösste Kampfaktion dieser Art seit dem legendaren Bombayer Textilarbeiterausstand von 1982. Er wurde durch die Linkskräfte die KP Indiens (Marxistisch), die KPI, den Allindischen Vorwärtsblock und die Revolutionare Sozialistische Partei gemeinsam ausgerufen.

 

Seine Durchschlagskraft war so stark, das sich sogar die rechtsgerichtete und hinduistische Janata-Partei (BJP) dazu entschlos, ihn wenn auch von den anderen getrennt zu unterstützen. Deren Gewerkschaftszentrale BMS, die rund 6,2 Millionen Mitglieder zählt, ist die derzeit grösste in Indien.

 

Im Lande bestehen insgesamt 13 gewerkschaftliche Dachorganisationen, die in der Regelmit politischen Parteien verbunden sind. Bei einer 2002 durchgefuhrten Erhebung wurden dem der Kongresspartei nahestehenden INTUC 3,9 Millionen, dem WMS des Vorwärtsblocks 3,3 Millionen, dem der KPI (M) nahestehenden Center of Indian Trade Unions (CITU) 3,2 Millionen

und dem Allindischen Gewerkschaftskongres der KPI 2,6 Millionen organisierte Anhanger zugeordnet. 2004 gehorten insgesamt 40 Millionen Inder gewerkschaftlichen Zusammenschlussen an ein Zehntel der Arbeitenden und ein Viertel der Lohn- und Gehaltsempfanger.

 

Über den diesmal auch vom Nationalen Gewerkschaftsdachverband der Kongresspartei unterstützten landesweiten Streik vom 7. September lagen bei Redaktionsschluss noch keine genaueren Informationen vor. Er soll den Bandh vom 5. Juli, den sogar die grossbürgerliche Times of India mit Respekt kommentierte, noch ubertroffen haben. Damals schrieb das Blatt,

die Streikenden hätten vielerorts ihre Muskeln spielen lassen und der regierenden Kongresspartei einen Schuss vor den Bug verpasst.

 

Unter Indiens grosstädtischen Zentren wurde allein Madras vor ernsteren sozialen Erschütterungen bewahrt. Wahrend in Mumbai (Bombay) die Börsenkurse im freien Fall abstürzten, schätzte der Verband Indischer Handels- und Industriekammern die Juli-Streikkostenauf 1,8 Mrd. britische Pfund.

 

Natürlich war die Polizei allerorts auf seiten der Unternehmer. Ihre brutalen Angriffe auf Streikteilnehmer lösten entsprechende Gegenreaktionen der Arbeiter aus. Allein in Mumbai gelangten 48 000 Beamte zum Einsatz. Uber 3500 Demonstranten wurden festgenommen. Im Unionsstaat Maharashtra arretierten die Ordnungshuter 4000 Teilnehmer von Streikmeetings, darunter 33 Mitglieder des lokalen und 4 Abgeordnete des zentralen Parlaments. Wie die Zeitung Volksdemokratie,das Organ der KPI (M), zu berichten wusste, zielte ein höherer Polizeioffizier in Kolhapur mit seiner Dienstwaffe direkt auf Streikende, was Erinnerungen an die britische Kolonialherrschaft wachgerufen habe. Auch in Delhi, wo insgesamt 77 000 Polizisten fur Ruhe und Ordnung sorgten, erfolgten 4300 Festnahmen. In Bihar waren es sogar 8500.

 

Wie man sieht, steht es in Indien um die Meinungsfreiheit nicht zum besten. Das Land ist Schauplatz erbitterter Klassenauseinandersetzungen. Die Wut der politisch Herrschenden, die ihren Repressionsapparat zu auserster Harte antreiben, ist ein Reflex auf die zunehmende

Kampfentschlossenheit der antikapitalistischen Massenbewegung. Auch wenn die Wahlresultate der letzten Zeit die Kongrespartei und andere Rechtskrafte extrem begunstigt haben, könnte schon das Ergebnis des nächsten oder ubernächsten Urnenganges ganz anders ausfallen.

 

 

RF, gest ützt auf „The New Worker“, London 

 

http://www.rotfuchs.net/Zeitung/Aktuell/RF-153-10-10.pdf

 

 

 

Veröffentlicht in Weltwirtschaftskrise

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