Ist es auch Wahnsinn, so hat es doch Methode

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

 

So nebenbei verfolge ich die Entwicklung der wichtigsten Aktien-Indizes. Sie bilden schon lange nicht mehr die wirtschaftliche Entwicklung ab und erfüllen damit nicht mehr die Funktion, die ihnen von den bürgerlichen Wirtschaftswissenschaftlern zugeschrieben wird, nämlich die reale Entwicklung vorauszunehmen und so ein Indikator der Zukunft zu sein. Sie erfüllen diese Funktion deswegen nicht mehr, weil die Bewegungen des "Finanzkapitals" sich in hohem Mass von ihrer stofflichen Basis, von Produktion und Verteilung, gelöst haben und - scheinbar - ein "Eigenleben" führen. Das ist kein Fehler, der korrigiert werden könnte, sondern zwangsläufig. Es handelt sich um die Dominanz des "Finanzkapitals" über die "Realwirtschaft". Und das wiederum ist Ausdruck der Tatsache, dass die Kapitale unfähig sind, ihre Profite in ausreichendem Mass aus der Produktion zu generieren, sich real verwerten zu können, den Kreislauf G - W - G´ ganz zu durchlaufen. (Geldvorschuss für die Produktion von Waren - Produktion der Ware - um den Profit vermehrte Geldsumme nach deren Verkauf). Der Ausweg scheint zu sein, dass die Kapitale in der Zirkluationssphäre verbleiben und dort "Gewinne" machen. In der Zirkulationssphäre entsteht aber nicht für einen Cent Wert. Diese "Gewinne" sind fiktiv. Sie sind ausschliesslich Ergebnis von Spekulation und Gaunerei. Dem Wachstum dieser fiktiven Geldbeträge entspricht kein materieller Gegenwert. Das ist es, was die Aktienindizes heute abbilden. Sie sind ein Mass für die Unfähigkeit des Verwertungsprozesses, die vorhandenen stofflichen Ressourcen und die vorhandene Arbeitskraft in ihrer Gesamtheit zu nutzen, sie sich einzuverleiben und Profit daraus zu schlagen. - "Der Markt" leistet gerade nicht, was er angeblich leisten soll, nämlich die optimale Allokation der Mittel zum Zweck optimalen wirtschaftlichen Wachstums. Mit anderen Worten: Das Kapitalverhältnis selbst wird mehr und mehr zu einer Schranke der Produktion, ein Hemnis für weitere wirtschaftliche Entwicklung.

 

Was Marx/Engels aus der Analyse des Kapitalverwertungsprozesses extrapoliert haben - die historische Endlichkeit der kapitalistischen Produktionsweise - wird heute auf breiter Front zur Tatsache. Das Potential  dieser Wirtschaftsweise ist an der vordersten Spitze bis an seine Grenze entwickelt, stösst unablässig an diese Grenze, die Wachstumsraten verfallen, Stagnation und Rückentwicklung greifen um sich. Die "Methode", den gesellschaftlichen Reichtum auf der Basis des Privateigentums an den Produktionsmitteln zu mehren, erschöpft sich. Der Widerspruch zwischen gesellschaftlicher Produktion, in die heute in jeder Branche "Arbeitskörper" von -zig Millionen Menschen einbezogen sind, und deren privatkapitalistische Organisation mit dem Zentralmotiv Profit treibt auf seine entgültige Lösung zu - Fortschritt zum Sozialismus oder Untergang in der Barbarei, wie Rosa Luxemburg griffig formuliert hat.

 

Wenn die Folgen für die "Betroffenen", die Masse der Bevölkerung, nicht so hart wären, könnte man sich über die Diskussionen und Massnahmen in der gegenwärtigen Krise amüsieren. Die Überlebtheit des Kapitalismus spiegelt sich im zunehmenden Wirklichkeitsverlust seiner Apologeten und "Macher". Merkel und Sarkozy beschliessen Rettungschirm um Rettungsschirm, die US-Regierung wirft einen Papierbeg nach dem anderen in den Krisenstrudel - und jedesmal schnalzen die Aktienkurse hoch - um eine Woche später wieder zu kollabieren. Allen Ernstes wird der Abtritt eines Ministerpräsidenten in Griechenland, einem Land von der wirtschaftlichen Bedeutung allenfalls Bayerns, als Hoffnung auf die Rettung des Euro "diskutiert"; oder der angeblich angekündigte Rücktritt eines Berlusconi lässt die Risikoaufschläge auf italienische Staatspapiere innert eines Tages um ein Prozent sinken; oder irgendeine gezielte Bemerkung irgendeines Zentralbankchefs löst Milliardenumsätze am "Wertpapier"-Markt aus. Die Statements der "Macher" und ihre Taten strotzen vor Dummheit. Die Bewegungen auf den Papiermärkten sind buchstäblich irre. Sie wissen nicht aus noch ein. Aber sie machen immer so weiter, wie die Hamster im Rad. - Schaut, wie schnell sich das Rad dreht, das beweist, dass wir fitte Kerlchen (und Hosenanzüge) sind ! 

 

Vielleicht muss man das Wort von Rosa Luxemburg abwandeln: Fortschritt zum Sozialismus - oder Verwandlung der imperialistischen Weltregionen in eine gigantische Klapse.

  

Veröffentlicht in Vom Besten im Westen

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