Ist Liberalismus links ? Eine Kritik an Sahra Wagenknecht.

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

 

Sahra Wagenknecht hat ein Thema aufgenommen, das in der Linkspartei schon länger immer wieder einmal "andiskutiert" wird: Liberalismus. Der Ansatz mag "gut gemeint" sein. Es gibt ja viele Leute, die sich für links halten, ja für Gegner des Kapitalismus, aber diese Gegnerschaft auf den sogenannten Neoliberalismus beschränken und von einer "sozialeren" Variante des Kapitalismus träumen. Für diese Leute liegt nahe, die westdeutschen "Wirtschaftswunder"-Zeiten für etwas zu halten, an das man wieder anknüpfen kann. Die kaltschnäuzigen und menschenverachtenden Shareholder-Value- Apologeten, die angeblich ausser Rand und Band geraten sind bei Spekulieren und Finanzbetrug, sollen gezähmt werden im Namen wirklicher freier Märkte und einer Kapitalverwertung, in der Profite brav re-investiert werden, wie es sich für anständige sozial denkende Kapitalisten gehört.

 

Sahra Wagenknecht ist zu klug und belesen, um diese geschichtlich überholten Idealismen einfach zu übernehmen. Aber vielleicht kann man ja linksliberale Bündnispartner gewinnen und sich mit ihnen gegen die "Bankster" und ihre gewerkschaftlich-sozialdemokratischen Co-Manager zusammenschliessen ? Und überhaupt: Liberale Ideen klingen nach Freiheit, Individualität, selbstbestimmtem Leben. Vielleicht steht für Linke an, diese "Werte" zu adaptieren und den Makel, der dem "Sozialismus des 20. Jahrhunderts" anhaftet, überwinden - nämlich eben diese Werte nicht nur nicht realisiert, sondern sogar mit Füssen getreten zu haben ? "Freiheit oder Sozialismus" war zu Strauss´ Zeiten eine Wahlkampfparole der CSU. Das kam damals nicht schlecht. Dass die Rechte für Freiheit steht, wird inzwischen stark angezweifelt, weil Menschen aus Erfahrung klüger werden. Vielleicht kann die Linke ja die Freiheit im liberalen Sinn für sich vereinnahmen und gegen den Kapitalismus, oder doch gegen seine übelsten Erscheinungsformen, wenden ? "Freiheit durch Sozialismus" - das müsste doch die antikommunistischen Dämme brechen. Liberale und Linke Hand in Hand gegen den "Neoliberalismus" - "breitere gesellschaftliche Bündnisse" sind kaum vorstellbar.

 

Was immer Sahra Wagenknecht sich auch gedacht haben mag, als sie die "Liberalismus-Diskussion" in der Linkspartei wieder aufnahm, hat sie dieses Andockmanöver zu einigen Fehlern geführt. Im folgenden Text unterzieht Helmut Dunkhase ihre Erörterungen einer Kritik. Ich finde seinen Hinweis interessant, dass Manfred Sohn ziemlich zeitgleich in die selbe Kerbe haut. Manfred Sohn, heute Fraktionsvorsitzender der Linkspartei im niedersächsischen Parlament, war einmal Führungsmitglied der DKP. Und Sahra Wagenknecht ist einer der herausragenden Köpfe der Kommunistischen Plattform in der Linkspartei, deren Mitgliedschaft in dieser Plattform zur Zeit wegen ihrer Funktion als stellvertretende Vorsitzende der Linkspartei ruht. Das derzeitige Liebäugeln mit dem Liberalismus kommt also diesmal, für PdL-Verhältnisse, von "ganz links".

 

Hier der erste Teil der Kritik von Helmut Dunkhase. Den zweiten Teil spiegele ich morgen. Gefunden habe ich ihn bei http://www.triller-online.de/index2.htm . Ursprünglich ist er in junge welt erschienen.

 

Sackgasse Liberalismus

Theorie. Kapitalismusanalysen auf Basis des Mainstreams der bürgerlichen Volkswirtschaftslehre helfen nicht weiter, wenn es um die Ausarbeitung linker Positionen geht. Es gilt, ein kohärentes marxistisches Projekt zu entwickeln (Teil I)

 

Helmut Dunkhase

 

In: junge Welt vom 07.07.2011

 

 

 

Der Liberalismus ist in der Partei Die Linke nach einigem Vorgeplänkel offenbar im Vormarsch. Vor vielen Jahren, 1996, wagte Lothar Bisky, damals Bundesvorsitzender der PDS, schon einmal einen Vorstoß mit seinem »Plädoyer für einen libertären Sozialismus«, das aber keine Konzeption enthielt, sondern im wesentlichen von einem Sozialismus bestimmte Attribute wie Stärkung der Individual- und Bürgerrechte einforderte. Auch der Berliner Landesvorsitzende der Linkspartei, Klaus Lederer, beschränkte sich in seiner Schrift »Links und libertär?« auf das Sinnieren über die Befindlichkeit der Individuen in »unserer postmodernen Welt«. Pech hatte Petra Pau mit ihrem Versuch, den Liberalismus als Wurzel für Engels, Marx und Luxemburg zu lesen. Marianna Schauzu wies in dieser Zeitung (jW-Thema vom 15.5.2010) nach, daß sie sich verlesen hatte.

 

Nun haben sich zu diesem Thema aber auch Autorinnen und Autoren geäußert, die bisher eher zum linken Flügel der Partei gezählt wurden. Manfred Sohn überraschte in seinem Büchlein »Hat das System einen Fehler oder ist es der Fehler?« nach einer marxistischen Analyse der gegenwärtigen Krisen mit der Schlußfolgerung, daß in einer Neuauflage der sozialliberalen »Freiburger Thesen« (1971) der Ausweg aus der Misere zu suchen sei. Dabei versuchte er noch- allerdings um den Preis einer Verfälschung -, an Lenins Gedanken zur Neuen Ökonomischen Politik (NÖP) anzudocken.1 Und Oskar Lafontaine sieht Die Linke gar als legitimen Erben der »Freiburger Thesen« an. In seinem Tagesspiegel-Artikel vom 4.6.2011 finden wir viele Gedanken wieder, die Sahra Wagenknecht in Buchform gebracht hat: »Freiheit statt Kapitalismus«.

 

Unzureichende Erklärungskraft

 

Man kann Wagenknecht nicht nachsagen, daß sie sich auf Französisch vom Marxismus verabschiedet hätte. Geradezu demonstrativ vermeidet sie jeglichen Bezug auf Marx oder den untergegangenen Sozialismus (bei ihr das »osteuropäische Gesellschaftsmodell«) und gibt auch durch die konsequente Benutzung der Terminologie des Mainstreams der Volkswirtschaftslehre (VWL) zu erkennen, an welche Tradition sie anknüpfen will.

 

Zwar beschreibt sie faktenreich das parasitäre, faulende Stadium des Kapitalismus: dessen Verlust von Innovation und Investitionsfähigkeit, die unproduktiven Investitionen in die »Finanzindustrie«, die Ausplünderung öffentlichen Eigentums (sie spricht fälschlicherweise vom geplünderten Staat). Auch wer wissen will, wie das mit der Riester-Rente so gelaufen ist, wird hier gut bedient. Doch die Erklärungsfähigkeit stößt an enge Grenzen.

 

Im Abschnitt »New Deal und Wirtschaftswunder« (S.

 

137f.) beschreibt sie den geschichtlichen Ablauf, der zur heutigen Situation führte: Nach dem Zweiten Weltkrieg eine lange Phase mit hohem Investitionsbedarf, steigenden Löhnen; dann Absorbtion der Nachfrage, wodurch »rentable Investitionsmöglichkeiten und mit ihnen die Profite« schwanden und dadurch die »neoliberalen Konzepte« auf den Plan traten.

 

An dieser Geschichte ist einiges nachzubessern. Wagenknecht erklärt die relativ hohen Löhne in der Nachkriegszeit mit dem diskreditierten Kapitalismus; richtiger wäre zu sagen, die Kapitalistenklasse war geschwächt, wodurch die Gewerkschaften eine stärkere Position hatten. Wesentlicher noch war aber die große Nachfrage nach Arbeitern; schon Anfang der 1960er Jahre kamen die ersten »Gastarbeiter« in die BRD.

 

Verstärkt wurde die Position der Gewerkschaften auch dadurch, daß die DDR als dritte Partei mit am Verhandlungstisch saß. Warum sollte die »Nachfragekurve abflachen«, da »in jedem Haushalt ein Fernseher und ein Kühlschrank und (...) auch ein Automobil standen«? Die Frage beantwortet sich von selbst, wenn wir uns die heutigen Haushalte ansehen: Computer, Smartphones, Mikrowellenherd, usw.

 

Nein, absorbiert waren die Arbeitskräfte, und damit kam ein wesentlicher Faktor in einer Gesetzmäßigkeit zum Tragen, die fundamental im Hintergrund der kapitalistischen Produktionsweise wirkt: das Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate.

 

Der Verlauf der Profitratenentwicklung wird nämlich letztlich entscheidend bestimmt durch das Verhältnis von Wachstumsrate der Arbeiterpopulation zur Investitionsrate.2 Angenommen, die Population wächst konstant um fünf Prozent jährlich, dann wird sich bei vollständiger Investition des Profits (und einer Ausbeutungsrate von 100 Prozent) die Profitrate auf fünf Prozent einpendeln. Das heißt, um bei wachsender organischer Zusammensetzung des Kapitals die Profitrate zu halten, müssen jährlich fünf Prozent mehr Arbeiter ausgebeutet werden.

 

Würde nur die Hälfte des Profits investiert, stiege die Profitrate auf zehn Prozent.

 

Jetzt wissen wir, warum das Kapital so reagiert hat, wie es reagiert hat. Mit der Absorbtion der Arbeitskräfte begannen die Profitraten zu sinken und erreichten in der BRD Anfang der 1980er Jahre ihren Tiefpunkt. So verlor das Kapital die Lust an der Akkumulation und investierte lieber in die »Finanzindustrie«. Die Position der Arbeiterklasse hier konnte entscheidend geschwächt werden durch die Möglichkeit, das riesige Arbeitskräftepotential in Ostasien, nach der Konterrevolution dann auch in Osteuropa, nutzen zu können. Und hier liegt denn auch der Schlüssel für die Erklärung der Deindustrialisierung, die Wagenknecht zu Recht beklagt. Ihre Erläuterungen dazu wirken ziemlich hilflos. Einmal bringt sie die Deindustrialisierung ohne weitere Begründung mit dem Rückzug des Staates in Verbindung (S. 297); ein anderes Mal (S. 140) führt sie die Deindustrialisierung »vor allem« auf eine ungenügende Investitionstätigkeit zurück - so wie die Armut von der Poverty kommt. Und wenn sie als Hintergrund auch »die schrumpfenden Konsummöglichkeiten der großen Mehrheit der Menschen und die damit sinkende Auslastung der Kapazitäten in den Industrien, die Gebrauchsgüter (...) herstellen«, sieht, verwechselt sie zum einen Ursache und Wirkung, und zum anderen ist zu fragen, wo denn all die schönen Dinge, die heute (immer noch) in den Haushalten stehen, herkommen. Nur ein eurozentristischer Blick kann zu einem solchen Urteil kommen. Die Deindustrialisierungstendenzen hier sind nur die Kehrseite der Medaille, deren andere Seite in der Tatsache besteht, daß die Fabrik des Weltkapitalismus heute in China steht.

 

Untaugliche Rezepte

 

Für Wagenknecht ist es die pure Größe der Betriebe, die das Unheil bringt (S. 135). Der Markt werde durch Wirtschaftsmacht verzerrt; die Wahrscheinlichkeit, die Profite zu investieren, werde kleiner; mit zunehmender Größe werde aus dem ursprünglich innovativen Unternehmer, der sich kreativ für seine Idee einsetzt, der Verwalter abstrakten Kapitals, den nur noch die Rendite interessiert.

 

In einem Rückgriff auf ordoliberale Ideen sieht Wagenknecht deshalb als zentrale politische Aufgabe die Beschränkung wirtschaftlicher Macht einzelner Unternehmen an, weil sie Demokratie und Markt zerstören würden. Damit der freie Markt »offen« gehalten werden kann, bedürfe er wie überhaupt die wirtschaftliche und politische Ordnung der Steuerung und Lenkung. Nur so könne die Verbindung von Eigentum und produktiver Tätigkeit (wieder)hergestellt und »Freiheit und Verantwortung« des Unternehmers (die die persönliche Haftung mit einschließen soll) verwirklicht werden.

 

Als praktische Maßnahmen schlägt sie vor: 1. Bereiche der Daseinsvorsorge und Banken gehören in öffentliche Hand. 2. Verstaatlichung großer Betriebe. Zur Debatte stehen für sie dabei nicht die »historischen Probleme des osteuropäischen Wirtschaftsmodells«, sondern die »Performance von Unternehmen im Marktumfeld« (S. 279).

 

3. Überführung kleinerer Betriebe in »Mitarbeitergesellschaften«3 nach Ideen des ehemaligen Protagonisten des »Prager Frühlings«, Ota Sik (was natürlich nicht das Geringste daran ändert, daß sich ihre Kapitale wie private Kapitale bewegen).

 

Das klingt alles ein bißchen nach Heimweh und ist es wohl auch; denn sie macht ihre Vorschläge, »damit wir in Zukunft wieder in einem demokratischen Gemeinwesen leben können« (S. 320). »Wieder« - das Reich des Guten hat es demnach schon einmal gegeben.

 

Das Zurückdrehen einer verhängnisvollen Entwicklung könnte man als Lösung der Probleme in Erwägung ziehen, wenn subjektive Fehlentscheidungen zu ihnen geführt hätten. Nun können sicherlich politische Entscheidungen und Einflußnahmen den Gang der ökonomischen Entwicklung erheblich beeinflussen. Gerade heute in der zugespitzten Situation sind alternative Entscheidungen möglich, und Wagenknecht hat eine Reihe vernünftiger Vorschläge dazu gemacht. Aber solange die kapitalistische Produktionsweise die Geschäftsgrundlage des Handelns ist- und etwas anderes steht hier nicht zur Debatte -, sind die Akteure auch deren Gesetzmäßigkeiten unterworfen.

 

Dazu gehört der Expansionszwang des Kapitals. Gerade auch in den von Wagenknecht so sehr herbeigewünschten »offenen Märkten« können Unternehmen in der Konkurrenzsituation nicht existieren, ohne fortlaufend zu investieren. Im liberalen Gesellschaftsmodell würde sich dann fortlaufend die Frage stellen, wann ein Unternehmen eine Größe erreicht hat, daß es reif für die Verstaatlichung ist. Auf dem Boden der kapitalistischen Marktwirtschaft die Macht der Großbetriebe neutralisieren zu wollen, gleicht einer Donquichoterie, und der Versuch der Bewältigung dieser Aufgabe würde beträchtliche Ressourcen verschlingen.

 

Erst recht nicht wird es zu den von Wagenknecht erwarteten Wohltaten der »offenen Märkte« kommen. Wenn sie schreibt, »die angepeilten Profite werden in einer solchen Situation (der offenen Märkte, HD) vorwiegend reinvestiert und halten dadurch das hohe Investitionsniveau ebenso aufrecht wie dieses Profitniveau« (S. 134), so mißachtet sie aus oben genannten Gründen das Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate. Es würde nur der Prozeß von neuem beginnen, den wir bei uns in den Nachkriegsjahren beobachtet haben - nur schneller, weil das Arbeitskräftereservoir hierzulande sehr beschränkt ist.

 

Geschichtsphilosophische Blindheit

 

Aber es soll hier weniger um immanente Widersprüche als um eine konzeptionelle Kritik gehen. Überlegungen zu einer Gesellschaftskonzeption, die sich auf eine auf den VWL-Mainstream reduzierte Theorie gründen, fallen weit hinter die Klassiker zurück. David Ricardo, einer der wichtigsten Vertreter der bürgerlichen Nationalökonomie und bedeutender Vorläufer von Marx' Arbeitswertlehre, beginnt seine »Grundsätze« mit der Feststellung: »Die Produkte der Erde (...) werden unter drei Klassen der Gesellschaft verteilt, nämlich die Eigentümer des Bodens, die Eigentümer des Vermögens oder des Kapitals, das zu seiner Bebauung notwendig ist, und die Arbeiter, durch deren Tätigkeit er bebaut wird. [...] Das Hauptproblem der Politischen Ökonomie besteht in dem Auffinden jener Gesetze, welche diese Verteilung bestimmen.« Als Marx sich daran machte, »die ökonomischen Lebensbedingungen der drei großen Klassen, worin die moderne Gesellschaft zerfällt«, zu untersuchen, kam er zum berühmten »allgemeinen Resultat«, das »meinen Studien zum Leitfaden diente (...): In der gesellschaftlichen Produktion des Lebens gehen die Menschen bestimmte, notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein, Produktionsverhältnisse, die einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktivkräfte entsprechen« (MEW 13, S. 7f.). Und die Untersuchung der kapitalistischen Produktionsweise führte ihn zu dem Schluß, daß diese, mit dem von ihr hervorgebrachten Proletariat als materiellem Träger, »ihre eigene Negation erzeugt. Der Punkt der »höchsten Entwicklung der kapitalistischen Produktion«, der ein »notwendiger Durchgangspunkt zur Rückverwandlung des Kapitals in Eigentum der Produzenten, nun aber als unmittelbares Gesellschaftseigentum«, ist (MEW 25, 453), ist längst erreicht. Mit der Oktoberrevolution wurde versucht, durch die Befreiung der Arbeiterklasse von der Unterwerfung unter die blinden Kräfte des Marktes zu einer neuen Stufe der Emanzipation der Menschheit zu schreiten, der planenden Gestaltung des Lebens, zunehmend »aus eigenen Stücken«. Es ist Sache der Kommunisten, in diesem Prozeß als »Hebammen der Geschichte« zu wirken.

 

Man muß solche Schlußfolgerung nicht richtig finden.

 

Doch zeugt es von einer Geringschätzung der epochalen Bedeutung der Oktoberrevolution, wenn Wagenknecht den alten Sozialismus mit dem Wort »gescheitert« (S. 319) abtut und ins Geschichtsbuch verweist. Mit demselben Recht, mit dem sie fragt, ob an dem gegenwärtigen System, »das nicht mehr auf menschenwürdige Weise funktioniert« (S. 319), nicht doch etwas zu retten sei, hätte sie auch fragen können, ob die Mängel des untergegangenen Sozialismus notwendigerweise jedem Sozialismus anhaften müssen.

 

Andere Traditionslinie

 

Jener Liberalismus, dem sich nun Wagenknecht und Sohn zuwenden, gehört einer anderen Traditionslinie als der Kommunismus an.

 

Bei dem italienischen Philosophen Domenico Losurdo läßt sich nachlesen, inwiefern sich beim »Kampf um die Geschichte« die westlichen Demokratien auf die Linie 1688 (Glorious Revolution) - 1776 (amerikanische Revolution) zurückführen lassen, der die »universalistische« Linie 1789 (Französische Revolution)-1917 (Oktoberrevolution) gegenübersteht.4 Liberale Demokratievorstellungen waren von Anfang an von einer »Herrenvolkdemokratie« (Losurdo) geprägt. Der von Wagenknecht (zu Recht) als großer Philosoph gerühmte John Locke, der vielen als Vater des Liberalismus gilt, war nicht nur Aktionär der Royal African Company für Sklavenhandel, sondern befürwortete auch die Landnahme der weißen Siedler in Amerika.5

 

Liberale Gesellschaftsvorstellungen sind insofern in einem »vorwissenschaftlichen« Stadium steckengeblieben, als es für sie das (bürgerliche) Individuum - in seiner prominentesten Ausprägung der einzelne, unternehmerische Kapitalist- ist, das die Gesellschaft bewegt. Wenn moderne (Ordo-)Liberale sich den Kopf über die Beschränkung von Macht zerbrechen, so ist der Doppelsinn zu beachten, der darin liegt, daß es nicht nur um die Beschneidung individueller Macht, sondern auch um die Beschränkung der Macht derjenigen, die nicht zur »Gemeinschaft der Freien« (Losurdo) gehören, geht. Wenn Liberale »alle« sagen, meinen sie nicht unbedingt alle. Das galt für die Unabhängigkeitserklärung von 1776, die allen Menschen Anspruch auf Glück versicherte und mit der größten Selbstverständlichkeit Sklavenhaltung zuließ, wie für die Aussage »Der Betrieb sind wir alle« aus den »Freiburger Thesen«, die nichts an der Existenz der Eigentumslosen nebst den sozialen Konsequenzen ändert.

 

Sicherlich gibt es unter den Marktliberalen eine große Bandbreite von Meinungen. Das zeigte sich schon bald in der Mont Pèlerin Gesellschaft6, die sogenannte Marktradikale wie Friedrich August von Hayek mit Ordoliberalen wie Walter Eucken vereinte. Es ist keineswegs so, daß nur die Ordoliberalen einen Ordnungsstaat vertreten, sie unterscheiden sich nur im »Wie« der Ordnung. Wagenknecht beklagt die Verwüstungen durch die Marktradikalen und stimmt mit den Ordoliberalen im Loblied auf die offenen Märkte und die Beschneidung der Wirtschaftsmacht großer Unternehmen überein; was Wagenknecht durch Überführung in Staatseigentum (was übrigens auch Eucken keineswegs ausschließt7) gewährleistet sieht, meinen die Ordoliberalen durch andere Formen der »Wettbewerbsordnung« garantieren zu können. Was alle Liberalen eint, ist das Streben nach Reinheit der Märkte - und die antisozialistische Stoßrichtung. Ihre Streitereien sind Streitereien von Brüdern oder Schwestern im Geiste. Wagenknecht scheint das auch so zu sehen, wenn sie im Vorwort den »philosophischen Grundlagen einer freien Gesellschaft«, wie sie der österreichische Ökonom Friedrich August von Hayek versteht, bescheinigt, nichts an Aktualität verloren zu haben.

 

Auf Hayeks »philosophische Grundlagen« kann hier nicht genauer eingegangen werden. Erkenntnistheoretisch ist für unser Belang von Bedeutung, daß er eine subjektivistische Philosophie mit einer strengen Dichotomie von Natur- und Sozialwissenschaften verficht. Sozialwissenschaften hätten es nicht, wie die Naturwissenschaften, mit »objektiven Fakten« zu tun, sondern, soweit »menschliche Aktionen betroffen sind, sind die Dinge das, was die handelnden Menschen denken, was sie sind«.8 Seine Gesellschaftskonzeption ist antiaufklärerisch (»Der Mensch ist und wird niemals der Herr seines Schicksals sein.«), schließt eine Polemik gegen den Begriff »soziale Gerechtigkeit« und ein mit »antitotalitärem« Pathos vorgetragenes Plädoyer für einen »autoritären, in seinen Machtbefugnissen nahezu uneingeschränkten Ordnungsstaat« ein.9 Seine Vorstellungen konnte er das erste Mal in Chile unter der Militärdiktatur Augusto Pinochets, mit dem er sich regelmäßig traf, umsetzen.

 

Anmerkungen

 

1 Näheres in einer Rezension von Helmut Dunkhase im Berliner Anstoß, April 2009

 

2 Die Wirkungen von Arbeitsproduktivität und Kapitalentwertung lassen wir hier außer Betracht. Genaueres hierzu in: Helmut Dunkhase: Zur Profitratendiskussion in den MB, Marxistische Blätter 1-11, vollständig auf www.helmutdunkhase.de

 

3 Georg Fülberth hat in seiner Rezension zu Wagenknechts Buch erläutert, wie die funktionieren sollen, in: jW-Thema vom 28.5.2011

 

4 Domenico Losurdo: Kampf um die Geschichte, PapyRossa, Köln 2007

 

5 Domenico Losurdo, Freiheit als Privileg. Eine Gegengeschichte des Liberalismus, PapyRossa, Köln 2010, S. 35f.

 

6 Siehe Georg Fülberth a.a.O.

 

7 Walter Eucken: Grundsätze der Wirtschaftspolitik, Rowohlt, Hamburg 1959, S. 168,

 

8 Friedrich August von Hayek: The Counter-Revolution of Science, p.

 

26-27; online unter: www.archive.org/details/counterrevolutio030197mbp

 

9 Jan Rehmann, Einführung in die Ideologietheorie, Argument Verlag, Hamburg 2010; mit einer guten Zusammenfassung S.

 

169ff.

 

Helmut Dunkhase ist seit 40 Jahren in der kommunistischen Bewegung aktiv. Er ist Diplommathematiker, Mitglied der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) und arbeitete als Lehrer in Berlin.

 

Texte unter: helmutdunkhase.de

Veröffentlicht in Kultur und Gesellschaft

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