Quantcast
Tuesday, 17. july 2012 2 17 /07 /Juli /2012 14:57

Brigitte Rothert-Tucholsky  schreibt über das Leben der Juden in der DDR Übernommen von DDR-Kabinett-Bochum http://ddr-kabinett-bochum.blogspot.de/ ) : 

Lebenserfahrungen - Juden in der DDR

 
Die "Neue Synagoge" in Berlin-Mitte. Am 10. November 1988 fand die
symbolische Grundsteinlegung für den Wiederaufbau statt.
Ein Augenzeugenbericht über Legenden und die Wirklichkeit

Etwas, das in der Darstellung der Problematik meist gar nicht beachtet wird, muß man auf alle Fälle berücksichtigen: In den 40 Jahren ihres Bestehens war die DDR durchaus differenziert zu betrachten. Sehr viel hing überdies von äußeren Umständen ab, auf die sich das Land einstellen mußte. Das gilt auch für die Haltung der DDR gegenüber "den Juden". Nach der Befreiung 1945 standen die politischen Widerstandskämpfer zunächst an erster Stelle der Beachtungsskala. Sie hatten sich bewußt und ohne Vorbehalte dem Kampf gegen den Faschismus gewidmet und waren bereit gewesen, selbst ihr Leben zu opfern. Juden wurden als vom Faschismus Verfolgte anerkannt. Zwischen 1949 und 1959 gab es aus meiner Sicht eine gewisse Verdrängung des Problems. Seit Beginn der 60er Jahre näherte man sich dann den in der DDR lebenden Juden vorsichtig an. Ab 1970 war man bemüht, das Wirken in den Jüdischen Gemeinden zu unterstützen, was dann nach 1985 besonders belebt wurde.
 
Charakteristisch war, daß es in der DDR nur ein Kriterium dafür gab, wen man als Juden betrachtete. Man rechnete dazu lediglich die Mitglieder der Jüdischen Religionsgemeinschaft. Alle anderen waren wie die übrigen Menschen Bürger der Deutschen Demokratischen Republik. Allerdings wurde bereits am 5. Oktober 1949, also unmittelbar vor der Staatsgründung, das "Gesetz über die Rechtsstellung der Verfolgten des Naziregimes" beschlossen, das allen aus politischen oder rassischen Gründen Betroffenen eine besondere Betreuung garantierte. Dabei spielte die Tatsache, ob jemand zur Jüdischen Religionsgemeinschaft gehörte oder nicht, keine Rolle.
 
In das Buch Mario Keßlers "Die DDR und die Juden - Zwischen Repression und Toleranz" wurden etliche Kurzbiographien jüdischer Bürger aufgenommen, die eine politisch herausgehobene Funktion bekleideten. Dabei muß unbedingt beachtet werden, daß Juden im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung der DDR nur eine verschwindende Minderheit darstellten. Bei Betrachtung der von Keßler angeführten Persönlichkeiten ergibt sich folgendes Bild: 15 Juden waren Mitglieder des ZK der SED, zwei gehörten dem Politbüro an; drei Juden waren Minister oder stellvertretende Minister in der Regierung der DDR; 15 arbeiteten als Professoren in herausgehobener Position an Universitäten, einer davon als Rektor; zwei vertraten die DDR als Botschafter im Ausland; elf waren namhafte Journalisten, darunter Chefredakteure; fünf bekannte Schriftsteller und zwei Schauspieler.
 
Zehn der erwähnten 64 haben die DDR im Laufe des vom Autor behandelten Zeitraums in Richtung BRD verlassen.
 
Noch ein Wort mehr zum Leben jener Juden, welche der Gemeinde angehörten. Es gab den Verband der Jüdischen Gemeinden in der DDR. Sein Vorsitzender war Helmut Aris, der in Dresden lebte. Insgesamt bestanden acht Gemeinden. Ihre Standorte waren Berlin, Dresden, Leipzig, Halle, Erfurt, Magdeburg, Karl-Marx-Stadt und Schwerin.
 
Synagogen oder kleinere Bethäuser gab es nicht nur in Halle, Karl-Marx-Stadt und Schwerin, sondern auch in den anderen erwähnten Städten. Hervorzuheben ist die Tatsache, daß wir in den Jahren der Existenz der DDR vor diesen Einrichtungen niemals irgendwelchen Polizeischutz benötigten. Allerdings kam es zu Grabschändungen auf jüdischen Friedhöfen.
 
Meistens wurden die Täter gefaßt und verurteilt. Aus der Arbeit des Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde von Berlin ist mir folgendes bekannt: Er konnte an allen internationalen Tagungen, zu denen er eingeladen wurde, ungehindert teilnehmen und unterhielt Kontakte zu vielen anderen Jüdischen Gemeinden in Europa. Nur jene in der BRD und in Berlin-West lehnten jegliche Beziehungen zu diesen "Kommunisten" ab, obwohl kaum ein Gemeindemitglied der SED angehörte. Jeden Sabbat pünktlich um 8 Uhr wurde im Deutschlandsender eine Sabbatfeier übertragen, oft sang Nachama. Solange unser Rabbiner, Herr Riesenburger, lebte, sprach dieser, später trat Herr Aris an seine Stelle. Ein Gemeindeblatt erschien alle drei Monate. 1988 fand anläßlich des 50. Jahrestages des 9. November 1938 im Ephraim-Palais eine eindrucksvolle Ausstellung statt, in der die Verfolgung der Juden durch die Nazis in allen Einzelheiten dargestellt wurde. Sämtliche Bücher, die zu dieser Thematik in der DDR erschienen waren, lagen dort aus. Auch die entsprechenden DEFA- und Fernseh-Filme fanden Erwähnung.
 
1987 versuchte man, einen Rabbiner für unsere Gemeinden aus den USA einzuführen. Leider interessierte sich Mr. Newman für alles andere als für die gläubigen Juden der DDR und ging bald wieder in die Vereinigten Staaten zurück.
 
Vielleicht wäre am Ende dieses Berichts noch zu erwähnen, daß bemerkenswerterweise nicht wenige Juden, die in den 20er Jahren in Deutschland gelebt hatten, Kommunisten waren. Wenn diese der Vernichtung auf irgendeine Weise zu entgehen vermocht hatten und nach Deutschland zurückkehrten, dann nur in die DDR. Sie zählten indes nicht zu den Mitgliedern der Gemeinden. So lebten in der DDR etliche Juden, die nie als solche in Erscheinung traten und lediglich als anerkannte Verfolgte galten. Sie waren voll in die Gesellschaft integriert.
Brigitte Rothert-Tucholsky, Berlin
von Sepp Aigner - veröffentlicht in: DDR - Community: Kritische Massen
Kommentar hinzufügen - Kommentare (6)ansehen
Zurück zur Startseite

Kommentare

Wenn ich mich nicht irre, ist jeder Mensch, der von einer Jüdin geboren ist, automatisch Jude. Demnach ist die Mitgliedschaft einer jüdischen Gemeinde kein Kriterium dafür, Jude zu sein. Und im Gegensatz zu christlichen Religionen betreiben Juden keine Mission. Oder bin ich da falsch informiert.

Ich persönlich schätze den feinen Humor vieler Juden, die ich kennlernte.  Und was die jüdische Religion angeht, da macht sich bei mir die "Erziehung" in der Mongolei bemerkbar. Da besteht Religionsfreiheit, das geht auf Dschinghis Chan zurück, für den war nicht wichtig, woran seine Untertanen glaubten, sondern dass sie ihre Steuern zahlten  - vergleichbar dem Alten Fritz.

Kommentarnr1 gepostet von Kiat Gorina am 17.07.2012 um 17h35

"automatisch Jude": Das ist, glaube ich, ein wenig wie bei den (katholischen) Christen. Faktisch ist da auch jedes Neugeborene gleich Christ, sobald es getauft ist. Und es gibt ja ganz viele Leute, die formal katholisch sind, aber selbst kaum dran denken, und die anderen, die "praktizierende" Christen sind. So ist es bei den Juden wohl auch.

Dschinghis Chan: Du weisst ja dazu besser als ich Bescheid. Aberso weit ich mich mit der mongolischen Geschichte beschäftigt habe, habe ich auch den Eindruck, dass den mongolischen Herrschern die Rekigion ihrer Untertanen eher egal war. Auf dem Höhepunkt ihrer Macht  waren ihnen ja alle möglichen Völker mit ganz verschiedenen Religionen tributpflichtig. Über ihr Verhältnis zur Rus habe ich ein wenig mehr gelesen. Ich bin nirgendwo daraufgestossen, dass die Russen wegen ihres Christentums verfolgt worden sind. Bloss wenn der Tribut ausblieb, verstanden die Chane keinen Spass.

Antwort von Sepp Aigner am 17.07.2012 um 19h21

Was Dschinghis Chan und seine Nachfolger angeht, da habe ich ja geschrieben, dass denen die Religion ihrer Untertanen egal war - genau, ihnen kam es nur darauf an, dass sie Steuern zahlten. Zu meiner Zeit habe ich es öfter erlebt, dass Würdenträger unterschiedlicher Religionen um einen Obo schritten und ihre unterschiedlichen Gebete murmelten. Auch wenn ein Würdenträger als Gast ins Lager ritt, dann wurde er ehrfürchtig empfangen, ganz gleich welcher Religion er angehörte.

Kommentarnr2 gepostet von Kiat Gorina am 17.07.2012 um 21h20

 

Nein Sepp,

bei den Christen ist nicht jedes Neugeboren automatisch Christ, sondern es bedarf der Taufe. Da liegt auch der große Unterschied zum Judentum. Das Judentum hat zwar nur einen Gott, übrigens den Selben wie die Christen und Muslime, aber der antiken Tradition folgend war die Religion auf das Volk beschränkt.

Übrigens haben auch die Römer einem jedem unterworfenem Volk seine Götter gelassen, bis … ja, bis das Christentum Staatsreligion wurde. Die entscheidende Reform welche das Christentum in Folge der während der Zeit seiner Entstehung herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse mit sich brachte, war die Taufe als Einstig in die Religionsgemeinschaft. Damit wurde der vom Grunde her jüdische Glaube reformiert und konnte auf jeden übertragen werden. Nicht mehr die Geburt war entscheidend, sondern der rituelle Akt der Taufe. Dieser Akt selbst war letztlich die Grundlage für jegliche Form der Missionierung und führte dazu, dass Religion gerade im Mittelalter ein entscheidendes Mittel der Herrschaft, Machtausübung und -erweiterung wurde. Die Toleranz gegenüber anderen Religionen ging damit allerdings verloren!

Der obige Beitrag ist ein gutes Beispiel, dass es erstmalig der Sozialismus vermochte auf Religion als Instrument der Machtausübung zu verzichten, konsequent die Trennung von Stadt und Kirche praktizierte und religiöse Menschen sich gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben beteiligen konnten.

Gruß

Kommentarnr3 gepostet von kucaf am 17.07.2012 um 21h25

Hallo Thomas.

Ich hab geschrieben: "Faktisch ist da auch jedes Neugeborene gleich Christ, sobald es getauft ist."

Was die Funktion der Taufe betrifft, hast Du natürlich recht - und im Rest auch.

Grüsse

Antwort von Sepp Aigner am 17.07.2012 um 21h37

 

Entschuldige Sepp,

habe ich glatt überlesen. Asche auf mein Haupt, … oder so ähnlich!

Kommentarnr4 gepostet von kucaf am 17.07.2012 um 21h50

Ego te absolvo.

Antwort von Sepp Aigner am 17.07.2012 um 22h17

Hier wäre auch nachzulesen: Detlef Joseph: Die DDR und die Juden. Eine kritische Untersuchung. Mit einer Bibliografie von Renate Kirchner. Verlag Das Neue Berlin: Berlin 2010. 399 S., br., 19,95 € [ISBN 978-3-360-01990-5]

Herbert

Kommentarnr5 gepostet von Herbert am 18.07.2012 um 07h33

@kucaf: zu "dass es erstmalig der Sozialismus vermochte auf Religion als Instrument der Machtausübung zu verzichten" möchte ich anmerken, dass es auch in Europa ein Goldenes Zeitalter gab - im maurischen Spanien. Da lebten mehrere Jahrhunderte lang Juden, Christen und Muslime friedlich neben- und miteinander. Erst unter Ferdinand und Isabella änderte sich dies - auf Befehl aus Rom! sh. auch Andalusien und die Mauren In dieser Zeit blühten die Wissenschaften auf, ich denke da nur an die Schriften des berühmten Rabbi Maimonides!

Kommentarnr6 gepostet von Kiat Gorina am 18.07.2012 um 07h47

TeleSur

Debatte in der DKP

Aktuelle Texte zur Debatte in der DKP

 

Theorie & Praxis

 

 

http://www.topblogs.de/tracker

  • RSS-Feed der Artikel
Erstellen Sie einen Blog auf OverBlog - Kontakt - Nutzungsbedingungen - Werbung - Missbrauch melden - Impressum - Artikel mit den meisten Kommentaren