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Die "Neue Synagoge" in Berlin-Mitte. Am 10. November 1988 fand die symbolische Grundsteinlegung für den Wiederaufbau statt. |
Ein Augenzeugenbericht über Legenden und die Wirklichkeit
Etwas, das in der Darstellung der Problematik meist gar nicht beachtet wird, muß man auf alle Fälle berücksichtigen: In den 40 Jahren ihres
Bestehens war die DDR durchaus differenziert zu betrachten. Sehr viel hing überdies von äußeren Umständen ab, auf die sich das Land einstellen mußte. Das gilt auch für die Haltung der DDR
gegenüber "den Juden". Nach der Befreiung 1945 standen die politischen Widerstandskämpfer zunächst an erster Stelle der Beachtungsskala. Sie hatten sich bewußt und ohne Vorbehalte dem Kampf
gegen den Faschismus gewidmet und waren bereit gewesen, selbst ihr Leben zu opfern. Juden wurden als vom Faschismus Verfolgte anerkannt. Zwischen 1949 und 1959 gab es aus meiner Sicht eine
gewisse Verdrängung des Problems. Seit Beginn der 60er Jahre näherte man sich dann den in der DDR lebenden Juden vorsichtig an. Ab 1970 war man bemüht, das Wirken in den Jüdischen Gemeinden
zu unterstützen, was dann nach 1985 besonders belebt wurde.
Charakteristisch war, daß es in der DDR nur ein Kriterium dafür gab, wen man als Juden betrachtete. Man rechnete dazu lediglich die Mitglieder
der Jüdischen Religionsgemeinschaft. Alle anderen waren wie die übrigen Menschen Bürger der Deutschen Demokratischen Republik. Allerdings wurde bereits am 5. Oktober 1949, also unmittelbar
vor der Staatsgründung, das "Gesetz über die Rechtsstellung der Verfolgten des Naziregimes" beschlossen, das allen aus politischen oder rassischen Gründen Betroffenen eine besondere Betreuung
garantierte. Dabei spielte die Tatsache, ob jemand zur Jüdischen Religionsgemeinschaft gehörte oder nicht, keine Rolle.
In das Buch Mario Keßlers "Die DDR und die Juden - Zwischen Repression und Toleranz" wurden etliche Kurzbiographien jüdischer Bürger
aufgenommen, die eine politisch herausgehobene Funktion bekleideten. Dabei muß unbedingt beachtet werden, daß Juden im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung der DDR nur eine verschwindende
Minderheit darstellten. Bei Betrachtung der von Keßler angeführten Persönlichkeiten ergibt sich folgendes Bild: 15 Juden waren Mitglieder des ZK der SED, zwei gehörten dem Politbüro an; drei
Juden waren Minister oder stellvertretende Minister in der Regierung der DDR; 15 arbeiteten als Professoren in herausgehobener Position an Universitäten, einer davon als Rektor; zwei
vertraten die DDR als Botschafter im Ausland; elf waren namhafte Journalisten, darunter Chefredakteure; fünf bekannte Schriftsteller und zwei Schauspieler.
Zehn der erwähnten 64 haben die DDR im Laufe des vom Autor behandelten Zeitraums in Richtung BRD verlassen.
Noch ein Wort mehr zum Leben jener Juden, welche der Gemeinde angehörten. Es gab den Verband der Jüdischen Gemeinden in der DDR. Sein
Vorsitzender war Helmut Aris, der in Dresden lebte. Insgesamt bestanden acht Gemeinden. Ihre Standorte waren Berlin, Dresden, Leipzig, Halle, Erfurt, Magdeburg, Karl-Marx-Stadt und
Schwerin.
Synagogen oder kleinere Bethäuser gab es nicht nur in Halle, Karl-Marx-Stadt und Schwerin, sondern auch in den anderen erwähnten Städten.
Hervorzuheben ist die Tatsache, daß wir in den Jahren der Existenz der DDR vor diesen Einrichtungen niemals irgendwelchen Polizeischutz benötigten. Allerdings kam es zu Grabschändungen auf
jüdischen Friedhöfen.
Meistens wurden die Täter gefaßt und verurteilt. Aus der Arbeit des Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde von Berlin ist mir folgendes bekannt:
Er konnte an allen internationalen Tagungen, zu denen er eingeladen wurde, ungehindert teilnehmen und unterhielt Kontakte zu vielen anderen Jüdischen Gemeinden in Europa. Nur jene in der BRD
und in Berlin-West lehnten jegliche Beziehungen zu diesen "Kommunisten" ab, obwohl kaum ein Gemeindemitglied der SED angehörte. Jeden Sabbat pünktlich um 8 Uhr wurde im Deutschlandsender eine
Sabbatfeier übertragen, oft sang Nachama. Solange unser Rabbiner, Herr Riesenburger, lebte, sprach dieser, später trat Herr Aris an seine Stelle. Ein Gemeindeblatt erschien alle drei Monate.
1988 fand anläßlich des 50. Jahrestages des 9. November 1938 im Ephraim-Palais eine eindrucksvolle Ausstellung statt, in der die Verfolgung der Juden durch die Nazis in allen Einzelheiten
dargestellt wurde. Sämtliche Bücher, die zu dieser Thematik in der DDR erschienen waren, lagen dort aus. Auch die entsprechenden DEFA- und Fernseh-Filme fanden Erwähnung.
1987 versuchte man, einen Rabbiner für unsere Gemeinden aus den USA einzuführen. Leider interessierte sich Mr. Newman für alles andere als für
die gläubigen Juden der DDR und ging bald wieder in die Vereinigten Staaten zurück.
Vielleicht wäre am Ende dieses Berichts noch zu erwähnen, daß bemerkenswerterweise nicht wenige Juden, die in den 20er Jahren in Deutschland
gelebt hatten, Kommunisten waren. Wenn diese der Vernichtung auf irgendeine Weise zu entgehen vermocht hatten und nach Deutschland zurückkehrten, dann nur in die DDR. Sie zählten indes nicht
zu den Mitgliedern der Gemeinden. So lebten in der DDR etliche Juden, die nie als solche in Erscheinung traten und lediglich als anerkannte Verfolgte galten. Sie waren voll in die
Gesellschaft integriert.
Brigitte Rothert-Tucholsky, Berlin

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