Vorabdruck. Über den »neuen
Kommunismus«
Von Radhika Desai
Die Ideen des französische Philosophen Alain Badiou, des Autorenduos Michael Hardt und Antonio Negri sowie des slowenischen Intellektuellen Slavoj Žižek haben Hochkonjunktur im Diskurs der Bewegungslinken. Doch vermögen sie wirklich, eine politische Orientierung zu geben?
In der Anfang Juli erscheinenden Ausgabe der KAZ. Kommunistische Arbeiterzeitung (zu beziehen über kaz-online.de; Einzelheft 1,50 Euro) erscheint eine ausführliche Kritik der Publizistin und Professorin für politische Studien an der Universität von Manitoba/Kanada Radhika Desai an der Theorie der vier »linksradikalen« Vordenker. jW veröffentlicht einen um Fußnoten gekürzten Auszug aus ihrem Aufsatz »Die ›neuen Kommunisten‹ der ›Commons‹. Proudhonisten des 21. Jahrhunderts« vorab.
Zu Negri/Hardt siehe auch: Helmuth Fellner: Die dunkle Seite der Macht ...
Die seit 2007 anhaltende große Krise und die in ihrem Verlauf ausgebrochene Finanzkrise schien zunächst einen tiefen Bruch mit der neoliberalen Orthodoxie zu fördern, die ihrerseits ein Werkzeug zur Herbeiführung der Krise war. Auf der ganzen Welt verlangten Regierungen nach fiskalischen Anreizen, einer Politik des leichten Geldes und massiver staatlicher Intervention. Viele waren gezwungen, von der Pleite bedrohte Finanzinstitutionen zu verstaatlichen, zu stützen und zu regulieren. John Maynard Keynes, den der Neoliberalismus vergessen machen wollte, war zurück. Er triumphierte insbesondere in den anglo-amerikanischen Bastionen des Neoliberalismus. (…)
Als die Krise sich hinzog, wurde aber deutlich, wie begrenzt das Bekenntnis zu Keynes war – und die darunter liegende Kontinuität wurde sichtbar: die ungebrochene Macht des Finanzkapitals über die Regierungen, insbesondere in den USA und in England. (…)
Radikale Rückkehr?
Warum wird an all das erinnert, wenn es um den »neuen Kommunismus« der »Commons«1 geht? Ganz einfach, weil die von einer Gruppe von prominenten westlichen Intellektuellen auf seiten der Linken groß verkündete, scheinbar radikale Rückkehr zum Kommunismus, mit dem Anspruch, ihn zu entdämonisieren, der scheinbar radikalen Rückkehr zu Keynes durch weiterhin dem großen Geld verpflichtete Regierungen und Intellektuelle ähnelt.
Die Veröffentlichung von Alain Badiou (»The Communist Hypothesis«, 2010), von Michael Hardt/Tony Negri (»Commonwealth«, 2009), des Tagungsbands »Die Idee des Kommunismus« und ähnlicher Publikationen wurde von den Autoren als großer politischer Aufbruch gesehen. Nach Costas Douzinas und Slavoj Žižek hat ihre für 180 Teilnehmer geplante und dann auf 1200 angeschwollene Konferenz in London 2009 »die Tür geöffnet für eine Reaktivierung der engen Verbindung zwischen radikaler Philosophie und Politik. Die große Beteiligung, die angenehme Atmosphäre der Konferenz (Fremde grüßten einander wie alte Freunde), die Frage- und Antwortsessions in einer guten und nicht sektiererischen Stimmung (auch ziemlich selten bei den Linken), all das zeigte, daß die Zeit des schlechten Gewissens (vermutlich wegen des tatsächlich existierenden Kommunismus – R.D.) vorbei ist. Diese Konferenz war mehr noch als eine wichtige intellektuelle Begegnung ein großes politisches Ereignis.« In nicht zu übertreffendem Bewußtsein der eigenen Wichtigkeit attestierte Alain Badiou der Konferenz, daß »neben den zwei Leuten hinter ihr (Žižek und ich selbst) die großen Namen der wahren, heutigen Philosophie (mit der ich eine Philosophie meine, die sich nicht auf akademische Übungen oder Unterstützung der herrschenden Ordnung beschränkt) stark vertreten waren«.
Auf den ersten Blick fügen sie sich zu einem beeindruckenden politischen Auftrag zusammen: Badious Vorschlag, daß die Linke das »Ende der Ideologien« beendet und nach Jahrzehnten der Distanzierung zur »Idee des Kommunismus« zurückkehrt. Dann der Vorschlag von Hardt und Negri, dies mit der Verteidigung der »Commons« zu verbinden, der natürlichen und kulturellen Welt, in der wir leben. Und schließlich Slavoj Žižeks Erweiterung dieser Idee: die Einbeziehung sowohl der »Commons von innerer Natur« als auch der »Ausgeschlossenen« wie etwa der Bewohner der Elendsquartiere.
Von unserer Seite wird argumentiert, daß sich bei genauerer Untersuchung des »Kommunismus« der Commons zeigt, daß er nicht viel mehr ist als der Wiedergänger des von Marx als Ideologie der Kleinbürger dargestellten Proudhonismus aus dem 19. Jahrhundert – jedoch mit einem geschichtlichen Unterschied. Der Proudhonismus war damals die Ideologie des von Nicos Poulantzas »traditionell« genannten Kleinbürgertums, »der kleinen Produzenten und Eigentümer, von selbständigen Handwerkern und Händlern«. Heute ist es die Ideologie der von ihm »neue Kleinbürger« genannten »nicht produktiven Lohnempfänger«. (…)
Marxismus ohne Marx
Tragikomischerweise suchte im 19. Jahrhundert das traditionelle Kleinbürgertum mit dem Proudhonschen Sozialismus die Revolution (die Proudhonisten dominierten die Vertretung der Internationalen Arbeiterassoziation in der Pariser Kommune) nur, um seine Klasse gegen deren speziellen Feind, die Großproduktion, zu schützen und Maßnahmen vorzuschlagen, von denen man annahm, sie könnten seinen Fortbestand als Kleinbürgertum sichern. Dagegen ist der »neue Kommunismus« des neuen Kleinbürgertums eher schlimmer: ein Hau-Ruck-Manifest, das ein allzu offensichtlich radikales Deuten auf Großunternehmen, die versuchen, die »allgemeinen Geistesleistungen« (verkörpert natürlich von der »kreativen Klasse«) zu privatisieren, enthält.
Dies basiert nicht nur auf unausgegorenen und schlecht begründeten Vorstellungen über den gegenwärtigen Kapitalismus, sondern sie machen weit vor dem Sozialismus halt. Ähnlich den Reaktionen der regierenden Rechten auf die Krise ist der »neue Kommunismus« der Linken ein Symptom der Spannung zwischen der durch die Krise hervorgerufenen Einsicht, daß – um Glaubwürdigkeit und Bedeutung zu gewinnen – die alten Pfade des Denkens und Handelns verlassen werden müssen, und der Unfähigkeit dieser intellektuell und politisch überforderten Repräsentanten, dies tatsächlich zu tun.
Bei all den Hinweisen auf und Beschwörungen von Marx und des Marxismus beteuern die »neuen Kommunisten«, wie schon seit Jahrzehnten, sie würden sich auf den Kern seines Werkes, die Kritik der politischen Ökonomie, beziehen. (…)
Klar ist jedoch die Fähigkeit der »neuen Kommunisten«, Marx als unerschöpfliche Quelle offensichtlich tiefschürfender, jedoch aus dem Zusammenhang gerissener und zusammengewürfelter Ideen zu nutzen und so einmal mehr einen »Marxismus ohne Marx« (Alan Freeman) zu präsentieren. Die »neuen Kommunisten« hängen dem klassischen Marxismus auch das falsche Etikett mangelnden politischen Verständnisses an und versprechen, dies zu bessern (zur Kritik eines früheren Versuches in diese Richtung siehe Desai 2010). Und sie lesen die Geschichte des Kommunismus im 20. Jahrhundert grundlegend falsch, wobei sie sich weitgehend der zu hinterfragenden »herrschenden Meinung« anschließen und sich faktisch auf die neoliberalen Ansätze über seine Probleme und seinen Niedergang stützen. (…)
Badious Bruch
Der Vorschlag, mit dem Badiou offenbar die Konstruktion des neuen Kommunismus angestoßen hat, bestand darin, daß die Linke sich wieder einmal »subjektivieren« sollte, nicht mit dem Kommunismus als solchem im Blick, sondern mit der »Idee« – einer »Synthese von Politik, Geschichte und Ideologie« – des Kommunismus. Wenn »die kommunistische Idee nur existiert an der Grenze zwischen dem individuellen und dem politischen Prozeß als jenes Element der Subjektivierung, das sich gründet auf der historischen Projektion von Politik«, dann erschließt sich die historische Projektion von Politik, auf der Badious Subjektivierung sich gründet, in seinen Diskussionen des Mai ’68, der chinesischen Kulturrevolution und der Pariser Kommune. Bei allen Unterschieden dieser drei Ereignisse entwickelt Badiou aus seinen Diskussionen zwei gemeinsame Themen: eine Zurückweisung des Etatismus und eine damit verbundene Zurückweisung der Partei als revolutionäres Instrument.
Tatsächlich lehnt Badiou alle »demokratische Politik« ab als »lediglich eifrige Bereitschaft, den Bedürfnissen der Banken zu dienen«. Er weist das als »Kapitalo-Parlamentarismus« zurück, fordert eine Politik, die »weit entfernt von der Staatsmacht ist«, und nimmt an, daß das »wahrscheinlich lange Zeit so bleiben wird«. Jedoch, was wie eine Verschiebung der Auseinandersetzung mit der Staatsmacht aussieht, zeigt sich dann als deren Zurückweisung. Die »unbedingte Ablehnung jeder direkten Einbindung in den Staat, jeder Forderung nach Finanzierung vom Staat, von jeder Beteiligung an Wahlen usw. ist auch eine unbegrenzte Aufgabe, weil das Schaffen neuer politischer Wahrheiten immer die Trennlinie verschieben wird zwischen staatlichen, also historischen, Tatsachen und den ewigen Konsequenzen eines Ereignisses«. Eine solche Politik, die die »neuen Proletarier, die aus Afrika oder anderswoher gekommen sind«, repräsentiert, »sowie die Intellektuellen, die die Erben der politischen Schlachten der vergangenen Jahrzehnte sind (so wie er selbst, muß man annehmen – R.D.), eine solche Politik wird »keinerlei organische Beziehung mit bestehenden Parteien oder dem Wahl- oder Institutionensystem haben«, auf dem sie fußen. Die Zurückweisung von Staat, Politik und Demokratie nimmt das marxistische Konzept des »Absterbens des Staates« für sich in Anspruch und lehnt »den Kommunismus als ein Ziel, das durch das Wirken eines neuen Staates erreicht werden muß« ab. Als Gegner einer solchen Auffassung von Politik findet Badiou Marx’ Darstellung der Pariser Kommune daher »zweideutig«:
»Auf der einen Seite preist er (Marx – R.D.) alles, was zur Auflösung des Staates führt, und, mehr sporadisch, auch zur Auflösung des Nationalstaats. In diesem Zusammenhang hält er fest: die Abschaffung der Berufsarmee zugunsten der direkten Bewaffnung des Volkes durch die Kommune; alle Maßnahmen, die sie ergriff in bezug auf die Wahl und Abwahl der Staatsdiener; das Beenden der Gewaltenteilung zugunsten einer Entscheidungs- und Exekutivfunktion und ihren Internationalismus (der Finanzdelegierte der Kommune war Deutscher, die militärischen Leiter Polen, usw.). Aber auf der anderen Seite bedauert er Schwächen, die faktisch staatliche Schwächen (›incapacités étatiques‹) sind: ihre schwache militärische Zentralisierung; ihre Unfähigkeit, finanzielle Prioritäten zu definieren und ihre Mängel in der nationalen Frage, ihr Aufruf an andere Städte, was sie sagte und nicht sagte über den Krieg mit Preußen und ihre Mobilisierung der Massen in den Provinzen.« (…)
Für Badiou hat die Pariser Kommune »zum ersten und einzigen Mal bis heute mit der parlamentarischen Ausrichtung der Volks- und Arbeiterbewegungen gebrochen«. Obwohl die Kulturrevolution »die Unmöglichkeit bezeugt hat, Politik wirklich und umfassend aus dem Rahmen des Partei-Staats zu befreien, der sie gefangen hält«, muß dennoch »jede emanzipatorische Politik dem Modell der Partei oder mehrerer Parteien ein Ende setzen und eine Politik ›ohne Partei‹ bejahen«, aber ohne in Anarchismus zu verfallen. Wenn die Linke »eine Zusammensetzung parlamentarischen politischen Personals ist, das von sich behauptet, es sei allein befähigt, die allgemeinen Konsequenzen einer besonderen politischen Bewegung zu tragen«, sei es Zeit, mit ihr zu brechen. Es sei in der Tat »ein Bruch« notwendig, »mit der repräsentativen Form von Politik«, sogar »ein Bruch mit der ›Demokratie‹«. (…)
Zusammengesetzter Irrtum
Marx’ Kritik an Proudhon in »Das Elend der Philosophie« von 1847 und in verstreuten Hinweisen, die sich durch seine späteren ökonomischen Werke ziehen, enthüllt Proudhons Ideen als Kompendium der typischen, aus dem Warenfetischismus kommenden Irrtümer der vulgären politischen Ökonomie (»Er will die Synthese sein, und er ist ein zusammengesetzter Irrtum«, MEW 4, S. 144) (…)
Proudhons Vorschläge zielten darauf, die Interessen der Kleinproduzenten zu artikulieren. Sie können jedoch nur Wunschdenken der Kleinbürger darstellen, in Anbetracht dessen, daß das Kleinbürgertum keine einheitlichen Interessen hat, weil diese sich im Widerspruch befinden einerseits zu den Interessen der Kapitalisten und andererseits zu jedem potentiellen Sozialismus.
Poulantzas hat darauf hingewiesen: »Das Kleinbürgertum hat auf lange Sicht keine eigene autonome Klassenposition. Das bedeutet einfach, daß es in einer kapitalistischen Gesellschaftsformation nur den bourgeoisen Weg und den proletarischen Weg (den sozialistischen Weg) gibt. So etwas wie den ›dritten Weg‹, auf dem verschiedene Theorien der ›Mittelklasse‹ beruhen, gibt es nicht. (…) Das bedeutet, unter anderem, daß das Kleinbürgertum nirgends jemals die politisch dominante Klasse war. (…)«2 (…)
Mit ihrer Ablehnung von Staat und Partei predigen die »neuen Kommunisten« nicht nur einfach einen neuen »dritten Weg«, wenn sie auch den der parlamentaristischen Sozialdemokratie ablehnen, sie lehnen auch, wie Proudhon, ab, was Marx »eine allgemeine Organisation der Arbeit in der Gesellschaft« nennt. Statt dessen unterstreichen sie ihren Glauben in die Marktorganisation der Gesellschaft und die Eigentumsordnung, die Privateigentum voraussetzt. Marx zeigt die Logik dieser Position wie folgt auf:
»Dasselbe bürgerliche Bewußtsein, das die manufakturmäßige Teilung der Arbeit, die lebenslängliche Annexation des Arbeiters an eine Detailverrichtung und die unbedingte Unterordnung der Teilarbeiter unter das Kapital als eine Organisation der Arbeit feiert, welche ihre Produktivkraft steigre, denunziert daher ebenso laut jede bewußte gesellschaftliche Kontrolle und Reglung des gesellschaftlichen Produktionsprozesses als einen Eingriff in die unverletzlichen Eigentumsrechte, Freiheit und sich selbst bestimmende ›Genialität‹ des individuellen Kapitalisten. Es ist sehr charakteristisch, daß die begeisterten Apologeten des Fabriksystems nichts Ärgres gegen jede allgemeine Organisation der gesellschaftlichen Arbeit zu sagen wissen, als daß sie die ganze Gesellschaft in eine Fabrik verwandeln würde.« (MEW 23, S. 377)
In der Tat fürchtet das Kleinbürgertum die Proletarisierung nicht nur, weil es so genau weiß, wie es nur Praktiker wissen können, was proletarische Ausbeutung und Unterdrückung bedeutet, sondern auch, weil es sich den Sozialismus nur vorstellen kann als eine Verallgemeinerung seiner gegenwärtigen Autonomie, die auf der radikalen Fremdbestimmung anderer beruht, und nicht als eine vergesellschaftete kollektive Autonomie aller. Marx hat im ›Kapital‹ ironisch bemerkt: Die »Sphäre der Zirkulation oder des Warenaustausches (…) war in der Tat ein wahres Eden der angebornen Menschenrechte. Was hier allein herrscht ist Freiheit, Gleichheit, Eigentum und Bentham«. (MEW 23, S. 189)
Diese Fiktion bildete die Grundlage des »Sozialismus« solcher kleinbürgerlichen »Sozialisten« wie Proudhon: »Proudhon schöpft sein Ideal der Gerechtigkeit, der ›justice éternelle‹, aus den der Warenproduktion entsprechenden Rechtsverhältnissen, wodurch, nebenbei bemerkt, auch der für alle Spießbürger so tröstliche Beweis geliefert wird, daß die Form der Warenproduktion ebenso ewig ist wie die Gerechtigkeit.« (MEW 23, S. 99). Weil solche Utopien, die gerne über das Herausziehen von Mehrarbeit in der Produktion hinwegsehen, auf einem engen, einseitigen Blick auf die kapitalistische Gesellschaft beruhen, vermögen ihre Verfechter notwendigerweise auch nicht zu begreifen, daß nur der Kapitalismus und die Lohnarbeit, als dessen notwendige Grundlage, die Warenproduktion und den Markt verallgemeinern und dies notwendigerweise auf Kosten eines »dialektischen Umschlags« der Gesetze der Warenproduktion. (…)
Engels – in seiner Einleitung zur deutschen Ausgabe von »Elend der Philosophie« – legte den Finger auf den widersprüchlichen politischen Kern des Proudhonismus, nämlich dessen Bestreben, die große Industrie und das Proletariat abzuschaffen als Vorbedingung für die Wiederherstellung der einfachen Warenproduktion.
»Und namentlich der Kleinbürger, dessen ehrliche Arbeit – wenn sie auch nur die seiner Gesellen und Lehrlinge ist – täglich mehr und mehr entwertet wird durch die Konkurrenz der Großproduktion und der Maschinen, namentlich der Kleinproduzent muß sich sehnen nach einer Gesellschaft, worin der Austausch der Produkte nach ihrem Arbeitswert endlich einmal eine volle und ausnahmslose Wahrheit wird; in andern Worten: Er muß sich sehnen nach einer Gesellschaft, in der ein einzelnes Gesetz der Warenproduktion ausschließlich und unverkürzt gilt, aber die Bedingungen beseitigt sind, unter denen es überhaupt gelten kann, nämlich die übrigen Gesetze der Warenproduktion und weiterhin der kapitalistischen Produktion.« (MEW 21, S. 180)
Zu dieser Unfähigkeit zu verstehen, daß die Kleinproduktion nur existiert auf Grundlage der Verallgemeinerung der Warenproduktion, die der Kapitalismus mit industrieller Großproduktion und Lohnarbeit verwirklicht, was die Grundlage von Proudhons Ablehnung des Staates bildet, kommt bei den »neuen Kommunisten« noch ihr eigenes politisches Gepäck hinzu, ein Produkt der weiteren Geschichte.
Liberale Staatskonzeption
Wenn Badiou behauptet, daß Marx’ Darstellung der Pariser Kommune zweideutig sei, und er Engels’ Ausarbeitung darüber so interpretiert, daß sie diese behauptete Zweideutigkeit zusätzlich bezeuge; wenn er sein Argument gegen den Etatismus des real existierenden Kommunismus des Ostens und des »Kapitalo-Parlamentarismus« des Westens auf die Schriften von Marx und Engels über die Pariser Kommune stützt, dann jubelt er ihnen eine Staatskonzeption unter, die sie nie hatten: schlicht die liberale und neoliberale Konzeption des Staates als dem Reich des Zwangs und des Marktes als des Reichs der Freiheit.
Diese Konzeption übersieht nicht nur die gegenseitige Abhängigkeit dieser zwei in der kapitalistischen Gesellschaft, sondern läßt zu, was viel schwerwiegender ist, daß das Konzept der Diktatur des Proletariats zu dem des »Absterbens des Staates« in Gegensatz gebracht wird. Aber in dem, was Marx und Engels über den Staat sagten, war das erstere das notwendige Instrument des letzteren. Denn der Staat war nicht der von den Liberalen und Neoliberalen gefürchtete Verwaltungsapparat, sondern ein Instrument der Klassenherrschaft. In diesem Sinn war Marx’ und Engels’ Beurteilung der Pariser Kommune als eine beispielhafte Diktatur des Proletariats alles andere als zweideutig: »Wollt ihr wissen, wie diese Diktatur aussieht? Seht euch die Pariser Kommune an. Das war die Diktatur des Proletariats.« (F. Engels, Einleitung von 1891 zu »K. Marx: Bürgerkrieg in Frankreich«, MEW 17, S. 625)
»Ihr (der Pariser Kommune – R.D.) wahres Geheimnis war dies: Sie war wesentlich eine Regierung der Arbeiterklasse, das Resultat des Kampfs der hervorbringenden gegen die aneignende Klasse, die endlich entdeckte politische Form, unter der die ökonomische Befreiung der Arbeit sich vollziehen konnte.« (K. Marx, Bürgerkrieg in Frankreich, MEW 17, S. 342)
In »Der Bürgerkrieg in Frankreich« hält Marx zuerst den vollen Umfang der Gewalt und des Betrugs fest, den die Konterrevolution mit Thiers an der Spitze gegen die Sache des Volkes aufgeboten hatte. Das war es, was der Kommune jenen Charakter gegeben hat, den Marx und Engels später als die Diktatur des Proletariats identifizieren sollten, das notwendige Instrument des »Absterbens« des Staates als Klassenherrschaft und ihr Ersetzen durch frei assoziierte Produzenten, den Kommunismus.
»Das bewaffnete Paris war das einzige ernstliche Hindernis auf dem Wege der konterrevolutionären Verschwörung.« (Marx) Er betont dann den skrupulös defensiven Charakter des Kampfs der Kommune gegen die Konterrevolution. In wenigen ungemein dichten Absätzen zeichnet er die Umwandlung des absolutistischen Feudalstaats in ein Instrument der kapitalistischen Klassenherrschaft nach, bevor er die Maßnahmen beschreibt, durch die die Kommune in ihrem allzu kurzen Leben anfing, dieses wiederum in ein Instrument der Arbeitermacht umzuwandeln; unter anderem: Unterdrückung des stehenden Heeres und seine Ersetzung durch das bewaffnete Volk; das Zusammenlegen von vollziehender und gesetzgebender Macht; das Durchsetzen der Verantwortlichkeit der Polizei; öffentlicher Dienst zu Arbeiterlohn; Erziehung und Wissenschaft von aller Einmischung des Staats und der Kirche befreit und für jedermann zugänglich gemacht. (…)
Und die Kommune verkörpert das Bewußtsein, daß »die Ersetzung der ökonomischen Bedingungen der Sklaverei der Arbeit durch die Bedingungen der freien und assoziierten Arbeit nur das progressive Werk der Zeit sein kann (jene ökonomische Umgestaltung), daß sie nicht nur eine Veränderung der Verteilung erfordern, sondern auch eine neue Organisation der Produktion, oder besser die Befreiung der gesellschaftlichen Formen der Produktion in der gegenwärtigen organisierten Arbeit (erzeugt durch die gegenwärtige Industrie) von den Fesseln der Sklaverei, von ihrem gegenwärtigen Klassencharakter, und ihre harmonische nationale und internationale Koordinierung.« (MEW 17, S. 546)
Beschwörung ohne Verständnis
Es ist diese »allgemeine Organisation der Arbeit in der Gesellschaft«, die Badiou und die neuen Kommunisten ablehnen. Es steht ihnen frei, das zu tun. Es steht ihnen aber nicht frei, zu behaupten, daß irgendeine
»Zweideutigkeit« in den Darstellungen von Marx oder Engels sie dazu berechtigt.
Es war nicht aus irgendeiner Sympathie für Zentralisierung oder Autorität heraus, sondern weil es historisch notwendig war in einer Gesellschaft, deren Leistungsfähigkeit auf Produktion im großen Maßstab beruht, daß Marx und Engels sich so entschieden gegen anarchistische Tendenzen stellten und kleinbürgerliche Phantasien über die Abschaffung aller Gesamtkoordination der Wirtschaft so vernichtend kritisierten, Phantasien, die faktisch nämlich die Koordination durch den Markt akzeptierten. (…)
Die Beschwörung von Marx und Kommunismus durch die »neuen Kommunisten« mag ein aufrichtiges Anliegen zum Ausdruck bringen, ihr Verständnis von Kapitalismus mit Marx’ machtvoller Kritik kompatibel zu machen, aber in allen wichtigen Punkten, bei denen sie sich um Marx’ Autorität bemühen, beweisen sie letztlich nur, daß Beschwörung noch nie Verstehen erfordert hat.
Anmerkungen
1 Anmerkung der Übersetzer: Das Wort »Commons«, das hier nicht übersetzt wird, ist zentral für die Theorie von Hardt und Negri und erhält darin eine eigene Bedeutung. Ursprünglich bedeutet es das gleiche wie das deutsche Wort »Allmende«, gemeinschaftlich genutzte Gründe der Gemeinde, später wird es im Englischen auch gebraucht im Sinn des deutschen Worts Genossenschaft. Hardt und Negri gebrauchen aber auch den Singular »the common«, auf Deutsch »das Gemeinsame«.
2 Poulantzas, Nicos: Classes in contemporary capitalism. London 1975, 297f.
3 Anmerkung der Übersetzer: hier im Sinn von »Allmende«
Der Artikel erschien zuerst in: International Critical Thought, vol. 1, nr. 2, June 2011. Übersetzung aus dem Englischen Richard Corell, Ernst Herzog, Stephan Müller
übernommen von http://www.kominform.at/article.php/2012062419294025

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