Saturday, 14. january 2012 6 14 /01 /Jan. /2012 16:27

 

 

Als Kim Jong Il starb und Kim Jong Un von Partei, Armee und Volksvertretung zu seinem Nachfolger gemacht wurde, gab es in den westlichen Medien viel Häme über den Kult, der in Nodkorea um die drei Kims veranstaltet wird. Untertöne: Die Kims üben ein quasi erbliche monarchische Herrschaft aus. In diversen Kommentaren, auch von Leuten, die sich zur Linken zählen, war von Feudalismus die Rede.

 

Ich habe kein einziges Mal gelesen, dass sich irgendjemand, der sich über den "sozialistischen Feudalismus" mokierte, wenigstens auch mit der Frage beschäftigte, was die Gründe dafür sein könnten oder gar, ob die angeblichen "sozialistischen Monarchen" vielleicht nicht Führungsfiguren sein könnten, die für das koreanische Volk eine nützliche Rolle spielen. Da ist das allgemein verbreitete Schreckensbild von Nordkorea vor. Wir "wissen" ja schliesslich, dass es sich um eine schreckliche Diktatur handelt, in der die Menschen darben und hungern.

 

Woher "wissen" wir von den "schrecklichen Zuständen" in Nordkorea ? Wer zeichnet dieses Bild ? Sind das Leute, die daran interessiert sind, ein wahrheitsgemässes Bild von Nordkorea zu zeichnen ? - Ein kleines Beispiel unter tausenden: http://www.nzz.ch/nachrichten/politik/international/wehe_dem_der_nicht_weint_1.14318288.html . - Das textet eine Zeitung, die allgemein als "seriös" gehandelt wird. Genau genommen textet sie nicht selbst. Sie gibt bloss so gut wie wörtlich wider, was in der einzigen angeführten Quelle behauptet wird - http://www.dailynk.com/english/ . Man sehe sich diese "Quelle" an ! Wer sich noch nicht völlig BLÖD gelesen hat, kann unschwer erkennen, dass es sich ein Propagandamachwerk handelt, das auf die Hetze gegen Nordkorea spezialisiert ist - mit Sicherheit um ein Geheimdienstprojekt zur Pflege der "öffentlichen Meinung". Die einzige Quelle wiederum, auf die sich Daily NK beruft, ist eine "North Hamkyung source" (http://www.dailynk.com/english/read.php?cataId=nk01500&num=8668 ), von der eher anzunehmen ist, dass sie im Hauptquartier des südkoreanischen CIA oder dem des US-CIA beheimatet ist. Aber der Dreck fliesst in die "seriöse" NZZ, die ihn mit keinem Wort problematisiert, und von dort in die Hirne der Leserinnen und Leser.

 

Diese geheime anonyme Quelle "North Hamkyung source" enthüllt auch, dass zu Ehren des verstorbenen Kom Jong Il Statuen, Bilder und Türme aufgestellt werden sollen. Diese geheime Information ist allerdings auch einfacher zu haben. Sie steht in einer Verlautbarung der nordkoreanischen Nachrichtenagentur: http://www.kcna.co.jp/index-e.htm . 

 

Mag ja sein, dass die "Berichterstattung" über Nordkorea feindselig zweckbestimmt ist - aber es bleibt doch eine Tatsache, dass mit den Kims ein Kult betrieben wird, der jedem aufgeklärten Menschen nur zuwider sein kann ?

 

- Das kann man so sehen. Aber Vorsicht ! Da steht also ein Mausoleum für Kum Il Sung, Kim Jong Il wird auch einbalsamiert und öffentlich zur Schau gestellt, überall sind Denkmäler errichtet und jetzt werden neue hinzukommen ...  Und wie ist es, um nur ein Beispiel zu nehmen, mit den Hinterlassenschaften des buddhistischen Klerus in Tibet ? Ist es in Tibet so disgusting wie in Nordkorea, dass auf jedem Maulwurfshaufen ein lamaistisches Kloster steht ? Oder ist das das edle Erbe einer Hochreligion, angesichts dessen man in ehrfürchtigem Schauder verfallen oder dem man wenigstens den weltläufig-toleranten Respekt zollen muss, der für die aufgeklärten Bürger des Westens so typisch ist ? Und wie ist es, um der Sache geographisch näher zu kommen, mit dem edlen christlichen und monarchischen Erbe in Europa ? Wollen wir die Kirchen, Klöster, Paläste, Schlösser, Denkmale Deutschlands zählen und sie dann mit den nordkoreanischen vergleichen ? Wie wird der Pro-Kopf-Durchschnitt ausfallen ? - Vorsicht also beim Werfen mit antimonarchistischen, antifeudalen, antimythizistischen Steinen auf Nordkorea, wenn man selber im deutschen Glashaus sitzt !

 

Noch ein anderer Gesichtspunkt - Führerkult. Vor dem deutschen geschichtlichen Hintergrund ist das natürlich ein besonders "sensibles" Thema. Bloss: Dafür können die Koreaner nichts. Sie haben Hitler weder an die Macht gehievt, noch haben sie sich vom nationalistischen Taumel und der rassistischen Raserei des GröFaZ verführen lassen, haben auch nicht einen ganzen Kontinent verwüstet. Das waren unsere Eltern und Grosseltern, die dabei mitgemacht oder das zugelassen haben.

 

Die Darstellung im Westen, Nordkorea sei unter die eigensüchtige Herrschaft einer Familiendynastie, ist falsch. Die Mystifizierung der Kims hat eine politische Funktion, die nicht in deren familiären Eigeninteressen wurzelt. Es handelt sich um das Zentrum des Gründungsmythos der modernen - noch ganz jungen -. koreanischen Nation. Die Kims sind Symbole, wie es die in Stein gemeisselten Gründerpräsidenten der USA sind, nur etwas jüngeren Datums. In diesem Blog gibt es einen ziemlich langen Originaltext von Kim Jong Il, in dessem zweitem Teil er selbst auf die Rolle von Führungspersonen eingeht, wie sie von der in Nordkorea regierenden Arbeiterpartei gesehen wird. Wer verstehen will, "was die Nordkoreaner da machen", sollte da mal reinlesen: http://kritische-massen.over-blog.de/article-kim-jong-il-ein-originaltext-in-deutscher-ubersetzung-teil-2-96081711.html .

 

Um ein mögliches Missverständnis vorbeugend auszuräumen: Ich bin kein Anhänger der koreanischen Juche-Ideologie. Wie die Koreaner selbst sagen, ist das ihr ureigenes Produkt, dessen Anwendung ausserhalb der eigenen Grenzen sie gar nicht propagieren. Es handelt sich um einen eigenständigen - und ich finde auch eigenartigen - Versuch, von einem schier aussichtslosen Ausgangspunkt aus und bei ständiger Bedrohung der staatlichen Existenz durch die USamerikanischen Imperialisten, nach den traumatischen Erfahrungen der barbarischen japanischen Besatzung und einem völkermörderischen Aggressionskrieg der USA, eine sozialistische Gesellschaft zu entwickeln. Nordkorea beansprucht nicht, irgendjemandes Vorbild zu sein. Die Partei der Arbeit erklärt im Gegenteil, dass jedes Volk seinen eigenen Weg zu einer sozialistischen Gesellschaft suchen muss, ausgehend von den eigenen Bedingungen und ohne andere "Modelle" zu kopieren. Wofür ich argumentiere ist, den eigenen Kopf über den Sumpf der antikommunistischen Hetze zu erheben, die tief eingewurzelten Stereotype in Augenschein zu nehmen und sich, wenn man sich denn dafür wirklich interessiert, die nordkoeanischen Gesellschaft mit kritischem Respekt anzuschauen.

von Sepp Aigner - veröffentlicht in: Kultur und Gesellschaft - Community: Kritische Massen
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