Leitzinsen und Gewichtsverschiebungen in der Weltwirtschaft

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

 

 

In den USA, Japan, Grossbritannien und im Euro-Raum halten die Zentralbanken die Leitzinsen zur Zeit bei nahe Null. Mit den Leitzinsen steuern sie indirekt das Zinsniveau aller Kredite in einem Land oder Waehrungsraum. (Die Leitzinsen sind Zinssaetze, zu denen sich die Banken Geld von der Zentralbank leihen koennen.)

 

Der gegenwaertige Fast-Nullzinssatz (und unter Einbeziehung weiterer Bedingungen sogar Negativ-Zinssatz) in den reichsten Laendern ist notwendig, weil anders die Kreditnetze reissen wuerden. Da sich die Banken gegenseitig nicht trauen und also einander nicht genuegend Kredit geben, werden die Zentralbanken zur Hauptquelle fuer "frisches Geld". Der Kreditfluss von den Zentralbanken an die Geschaeftsbanken ist quasi der kuenstliche Bipass, der die verstopften "natuerlichen" Kreditadern ersetzt. Fuer die Kredite der Zentralbank haftet, wenn sie faul werden, letzten Endes der Staat. Das bedeutet, dass ein grosser Teil der mit einer Kreditvergabe verbundenen Risiken von den Geschaeftsbanken auf den Staat, also letzten Endes die Steuerzahler und die Bezieher staatlicher Leistungen ueberwaelzt wird.

 

Die Null-Zinspolitik ist ein Symptom lahmender Geschaefte. Die Banken erhalten von der Zentralbank deswegen Kredit fuer praktisch umsonst, weil sie damit veranlasst werden sollen, ihrerseits in ausreichender Menge und zu guenstigen Bedingungen an Produktion, Handel und "Dienstleistungen" zu geben, wo Kredite vorgeschossenes Kapital auf kuenftige Geschaefte sind und aus letzteren getilgt werden sollen.

 

Nun befinden sich zwar viele kleinere und mittlere Kapitalisten tatsaechlich in einer "Kreditklemme", weil ihnen die Banken ebenso nicht trauen, wie sie sich untereinander nicht trauen. Aber auch wenn weltweit Millionen kleine Krauter und "solide Mittelstaendler" pleite gehen, ist das Hauptproblem nicht die Vorfinanzierung von Geschaeften, sondern ueberhaupt Geschaefte machen zu koennen, also fuer die hergestellten Waren Absatz zu finden. Der Massenkonsum ist wegen der von den Unternehmern und Staaten durchgedrueckten Lohnminderungen ("Flexibilisierung des Arbeitsmarkts") und der Arbeitslosigkeit ruecklaeufig. Und wenn nicht mehr Waren abgesetzt werden koennen, wird auch weniger investiert. Das Niveau der Investitionen liegt 2010 auf dem von 2005 und in einigen Sektoren deutlich darunter. (s. "Daten zur wirtschaftlichen Lage", http://kritische-massen.over-blog.de/article-einige-daten-zur-wirtschaftlichen-lage-52859703.html ).

 

In der gegenwaertigen Krise gibt es eine auffaellige Erscheinung: Waehrend in den reichsten Laendern die Leitzinsen bei Null gehalten werden, sind sie in vielen sogenannten Schwellen- und Entwicklungslaendern und auch einigen peripheren entwickelten Staaten hoeher. In Indien liegen sie zur Zeit bei 4,5 %, in Brasilien bei fast 11, in Neuseeland bei 5 und Australien bei 4 %, in China bei 2 %. In vielen dieser Laender geht der Trend weiter nach oben.

 

Hier einige Zahlen dazu: http://www.leitzinsen.info/zinsen.htm

 

Die hoeheren Leitzinsen in diesen Staaten haben auch damit zu tun, dass dort die Wirtschaft waechst - also auch Kredite fuer die Vorfinanzierung von Geschaeften der "Realwirtschaft" nachgefragt und auch gegeben werden, also die Kreditketten und das zugrundeliegende Vertrauen der Kreditgeber in die Kreditnehmer insofern intakt sind. "Nebenbei" wird mit den Leitzinsen der Inflationsdruck gemindert, der von wachsenden Geschaeften und wachsender Geldmenge kommt. Hoehere Leitzinsen und damit ein allgemein hoeheres Zinsniveau sollen die Nachfrage nach Krediten drosseln und, darueber vermittelt, konjunkturelle "Ueberhitzungen" vermieden werden. (Das Problem hatten die EU-laender gern.)

 

Die Ungleichheit der Entwicklung der verschiedenen Volkswirtschaften und Regionen ist ein allgemeines Charakteristikum des Kapitalismus. Interessant ist aber, dass diese Ungleichheit gegenwaertig darin besteht, dass die "Realwirtschaft" in vielen aermeren Staaten gegenueber den reichsten aufholt, sich also die wirtschaftlichen Gewichte weltweit zuungunsten der reichsten Laender verschieben. Das eindrucksvollste Beispiel ist natuerlich China.

 

 

Veröffentlicht in Weltwirtschaftskrise

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