Leo Mayer interpretiert Antonio Gramsci

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

 

Bei der Austragung der Differenzen in der DKP werden auch die Klassiker und herausragende kommunistische Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts bemüht. Den Befürwortern eines Bruchs mit der historischen Kontinuität haben es besonders Roa Luxemburg und Antonio Gramsci angetan; genauer: das, was sie in diese hineininterpretieren. Dazu kann in diesem Blog unter der Rubrik Kommunisten einiges nachgelesen werden.Auf diesen Aufsatz des Parteivorstandsmitglieds Hans Peter Brenner in junge welt http://www.jungewelt.de/2011/09-07/020.php hat Leo Mayer, einer der drei stellvertretenden Vorsitzenden der DKP, geantwortet, ebenfalls in junge welt. Die Replik H.P. Brenners bringe ich in einem nächsten Blogeintrag. Hier zunächst der Text von Leo Mayer.

 

Diese Diskussionen werden viele als rechthaberische und nutzlose oder schädliche theoretische Scharmützel empfinden. Aber wer das so sieht, täuscht sich. Es geht um die Zukunft der deutschen Linken und speziell der DKP, um die Frage, ob die DKP eine kommunistische Partei bleiben oder in etwas anderes verwandelt werden soll. Und, so klein die DKP zur Zeit auch ist, ist das eine Frage, von der für eine Arbeiter- und fortschrittliche Bewegung in Deutschland viel abhängen wird.

 

Hier also der Text von Leo Mayer:

 

Was sich von Antonio Gramsci lernen läßt. Eine Replik auf Hans-Peter Brenner

 

Leo Mayer

 

Die Theorien von Marx, Engels, Lenin und anderer Denker des wissenschaftlichen Sozialismus wie Luxemburg, Gramsci lassen uns vieles begreifen, wenn wir sie nicht als rstarre Orthodoxiel, sondern im kritischen und dialektischen Sinne verstehen und anwenden.«

 

Diese Passage in den Politischen Thesen des Sekretariats der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP)1 hat Hans-Peter Brenner derart in Rage gebracht, daß er in zwei Ausgaben der jW (6./7.9.11) darüber hergefallen ist. Die »theoretischen Grundlagen« der DKP sieht er in Gefahr, weil sie »in Beliebigkeit« zerfallen würden. Geradezu als Lästerung empfindet er, daß mit dieser Aussage Rosa Luxemburg und Antonio Gramsci »auf demselben politischen und theoretischen Rang« wie »die bisher vertrauten drei rGroßenl« stehen würden. Und er weiß auch warum ausgerechnet Luxemburg und Gramsci: »Luxemburg und Gramsci sollen endgültig zu Protagonisten eines nichtleninistischen oder gar antileninistischen rdemokratischen Kommunismusl bzw. rdemokratischen Sozialismusl stilisiert werden«, unterstellt er den Autoren der Thesen.

 

»Antonio Gramsci wäre es niemals eingefallen, sich mit Lenin zu vergleichen oder gar sich mit ihm auf eine Stufe zu stellen«, schreibt Brenner. Da hat er wahrscheinlich recht. Doch ist es nicht grundsätzlich fragwürdig, ein Koordinatensystem zu erstellen, in dem kommunistische Intellektuelle in Rängen hierarchisch kategorisiert werden? Verklärungen, Überhöhungen und Ikonisierungen versperren letztlich den Blick auf das eigentliche Werk und erschweren die sachliche Auseinandersetzung und kritische Aneignung. Im übrigen ist auch sehr fraglich, ob Brenner dem Selbstverständnis der »drei rGroßenl« gerecht wird. Vielleicht sollten wir es mit Antonio Gramsci halten, der in seiner großen Bewunderung für Lenin hervorhob: »Einen Vergleich zwischen Marx und Iljitsch anzustellen, um zu einer Rangordnung zu gelangen, ist dumm und müßig.«2

 

»Nichts grundsätzlich Neues«?

 

Wesentlich ist, welcher Beitrag zur Weiterentwicklung des wissenschaftlichen Sozialismus erbracht wurde und wie diese Erkenntnisse uns möglicherweise heute helfen können. Es muß einen doch umtreiben, daß die Krise immer weiter eskaliert, aber nicht zur Stunde der Linken und Kommunisten wird. »Occupy« bzw. »Echte Demokratie Jetzt« sind ein Ausdruck dafür, »daß die großen Massen sich von den traditionellen Ideologien entfernt haben, nicht mehr an das glauben, woran sie zuvor glaubten«.

 

(Gefängnishefte, Gf, Bd.2, S.354). Aber wenn sich die Bewegung nicht eine Interpretation der Krise erarbeitet, die zumindest ansatzweise von Klassenpositionen ausgeht, dann bleibt das Feld offen für eine konservativ-bürgerliche Interpretation der Krise, für integrative Bestrebungen und sogar für nationalistische und andere Ideologien, die die Spaltung unter den Opfern der »Sparpolitik« vertiefen und den Krieg der Armen gegen die Armen anheizen.

 

Die Ratlosigkeit bei den Herrschenden wird immer offensichtlicher, die neoliberale Hegemonie immer brüchiger, aber keine linke Kraft und keine alternative Hegemonie taucht auf, die den Kapitalismus herausfordern könnte. Zwingt das nicht dazu, unsere Formen und Methoden der Organisation, unsere Konzepte und gesellschaftlichen Diskurse auf den Prüfstand zu stellen? Und dann stellt sich doch die Frage, ob Antonio Gramsci - der Theoretiker des revolutionären Stellungskampfes - einer »von den anderen Marxisten«3 ist, bei dem wir Anregungen finden können.

 

Damit beschäftigt sich Brenner allerdings gar nicht, denn »beim Kommunisten Gramsci« sei »nichts grundsätzlich Neues« zu erfahren. Das sieht z.B. der marxistische Philosoph Hans Heinz Holz anders, wenn er schreibt: »Gramscis Konzeptionen der Hegemonie, der società civile, des senso commune, der drei Formen des Bewegungskriegs, Stellungskriegs und des unterirdischen Kampfes und der Partei sind Bestandteile einer kohärenten Theorie, mit welchen Zielen und wie der proletarische Kampf unter der konsolidierten Herrschaft der Bourgeoisie zu führen sei. Gramsci war der marxistische Denker, der nicht nur taktisch, sondern grundsätzlich und epochengeschichtlich die Determinanten kommunistischer Politik in hochkapitalistischen Gesellschaften herausgearbeitet hat.«4

 

Bereits 1990 forderte er uns zur Beschäftigung mit Gramscis Werk auf, denn dessen »Bedeutung für die Entwicklung der Theorie des Sozialismus und für die Ausbildung von Klassenbewußtsein ist heute größer denn je.«5 Nachdem die Rezeption Gramscis in den sozialistischen Ländern kaum und im deutschen Kommunismus nur sehr unvollständig stattgefunden habe, sei doch jetzt der Zeitpunkt dafür gekommen, weil wir »heute mehr denn je das Erbe Gramscis anzutreten haben« (ebenda, S.9). Für Hans Heinz Holz gilt Gramsci als »ein Klassiker der kommunistischen Weltbewegung« (jW, 2.5.07).

 

Und der italienische Philosoph Domenico Losurdo hebt hervor, daß Gramsci der erste im Westen war, der sich darum bemüht habe, philosophisch die historische Weltbedeutung der im Osten, in einem rückständigen Land, ausgebrochenen Revolution zu begreifen6. Bei aller Begeisterung für die russische Revolution betrachtete er diese trotzdem nicht als den entscheidenden Durchbruch zu Überwindung des Kapitalismus. Ihm war klar, daß erst der Sieg in den entwickelten kapitalistischen Ländern des Westens den Übergang zum Sozialismus sichergestellt hätte. Aber dort waren die revolutionären Anläufe gescheitert. Gramsci kommt zu der Schlußfolgerung, daß das russische Revolutionsmodell grundsätzlich nicht auf den Westen zu übertragen ist. Dieses war bekanntlich durch eine Rückständigkeit geprägt, in der, wie Gramsci schreibt, »der Staat alles, die Zivilgesellschaft in ihren Anfängen und gallertenhaft« war. Jeder Versuch, es im Westen anzuwenden, wo »zwischen Staat und Zivilgesellschaft ein richtiges Verhältnis bestand«, und das System sich als »robust« (Gf, Bd.4, S.874) erwies, mußte in Niederlagen führen.

 

Daraus leitet Gramsci die Notwendigkeit einer strategischen Korrektur ab, den berühmten »Übergang vom Bewegungskrieg (und vom Frontalangriff) zum Stellungskrieg«, den er als »wichtigstes von der Nachkriegszeit gestelltes Problem der politischen Theorie« (Gf, Bd.4, S.816) bezeichnet.

 

Vom Beginn seiner hegemonietheoretischen Untersuchungen an bezeichnet er als »das historisch-politische Kriterium, das den eigentlichen Untersuchungen zugrunde gelegt werden muß (...), daß eine Klasse auf zweierlei Art herrschend ist, nämlich rführendl und rherrschendl. Sie ist führend gegenüber den verbündeten Klassen und herrschend gegenüber den gegnerischen Klassen.« (Gf, Bd.1, S.101)

 

Theoretiker der Politik

 

Den italienischen Marxisten als Theoretiker zu verstehen, setzt voraus zu verstehen: »Gramsci war Theoretiker der Politik, vor allem aber war er ein praktischer Politiker, das heißt ein Kämpfer.«7 Da er mit Marx die Geschichte als eine Geschichte von Klassenkämpfen interpretierte, machte der Begriff »Hegemonie«, verstanden als »das rkulturelle Momentl« im Kontext der »praktische (n) (kollektive[n]) Tätigkeit« (Gf, Bd.6, S.1335) für ihn nur Sinn, wenn er mit Bezug auf »gesellschaftliche Hauptgruppen« verwendet wird, die ihr Subjekt bilden. Da, wie er mit Verweis auf Marx' »Zur Kritik der Politischen Ökonomie« schreibt, »die Menschen sich des Konflikts zwischen Inhalt und Form der Produktionswelt auf dem Terrain der Ideologien rbewußt werdenl«, (Gf, Bd.3, S.500) muß eine gesellschaftliche Hauptgruppe, um führend zu werden, das Feld der Ökonomie überschreiten und sich auf dem Gebiet der Politik, der Ideologie und der Kultur durchsetzen.

 

Gramsci geht davon aus, daß eine Klasse erst führend werden muß, bevor sie die Regierungsmacht erobern und herrschend werden kann. Dem Prozeß der Eroberung der Macht und der Umgestaltung der Staatsapparate muß die Eroberung der hegemonialen Macht vorausgehen. Vor der Revolution (und nachher natürlich auch) steht der Kampf der Ideen als die zentrale Form der Auseinandersetzung. Gramsci gibt eine Definition des Begriffes Hegemonie: »Jeder geschichtliche Akt kann nur vom rKollektivmenschenl vollzogen werden, setzt also die Erreichung einer rkulturell-gesellschaftlichenl Einheit voraus, durch die eine Vielzahl von auseinanderstrebenden Willen mit heterogenen Zielen für ein und dasselbe Ziel zusammengeschweißt werden (...).« (Gf, Bd.6, S.1335)

 

Wobei die Realisierung dieses Konsens die Fähigkeit der hegemonialen Gruppe voraussetzt, ihre Ideen, ihre Normen und Werte als führend durchzusetzen.

 

Führung wird dabei von Gramsci als Fähigkeit verstanden, eine politische, aber auch eine moralische und kulturelle Ausstrahlungskraft zu entwickeln, die über das eigene Lager hinauswächst und orientierend auf das Denken und die Lebensweise der Menschen wirkt.

 

Der Kampf um Hegemonie ist einer um die Herausbildung einer neuen Weltanschauung, mit neuen gesellschaftlichen Zielen, individuellen Lebenserwartungen, Wertvorstellungen und Verhaltensformen. »Der Widerspruch zwischen den Lebenserwartungen der Menschen und den unangemessenen Erfüllungen, die die bestehende Gesellschaft nur gewährt, wird zur politischen Kraft, wenn die Erwartungen und Ziele selbst zu Inhalten einer neuen, gesellschaftlich orientierenden Weltanschauung werden. Erst dann, wenn diese neue Weltanschauung - kritisch gegenüber der bisherigen, positiv in der Setzung von Alternativen - die Massen ergreift und sie mit einem neuen Ethos erfüllt, ist die Situation auch für den Übergang zu einer neuen Gesellschaftsordnung reif.«8

 

Das Ringen um (kulturelle) Hegemonie bildet daher keinen Ersatz des Klassenkampfes, sondern dehnt diesen auf das Terrain der Politik und der Ideen aus. Gramsci versteht das Konzept der Hegemonie als das allgemeine Prinzip der Herrschaftsausübung durch eine Klasse und erachtet deshalb eine »kulturelle Front als notwendig neben de (r) bloß ökonomischen und bloß politischen«. (Gf, Bd.6, S.1239)

 

Hegemonie, gepanzert mit Zwang

 

In diesem Theorem sind zwei Aspekte enthalten. Zum einen ein Konzept von Koalitionen, von Beziehungen zwischen definierten sozialen Kräften unter der Führung einer »Hauptgruppe«. Dies hatte auch Lenin seiner in den drei russischen Revolutionen erprobten Strategie zugrunde gelegt. Lenin wie Gramsci begreifen Macht und die Herstellung von für die eigene Seite günstigen Kräfteverhältnissen als die eigentlichen Gegenstände der Politik.

 

Hier geht es um Anziehung oder Neutralisierung gesellschaftlicher Kräfte, um Über- oder Unterordnung von Gruppierungen, um Bündnispolitik. Das erfordert eine Fähigkeit zum Kompromiß und die Bereitschaft einer »Hauptgruppe«, im Sinne ihrer historischen Möglichkeiten kurzfristige, egoistische, korporative Interessen einem politischen Universalinteresse unterzuordnen.

 

Gramsci dehnt die Untersuchung über diesen Aspekt der Hegemonie aus. Das Ergebnis besteht in der Modifizierung des von Lenin geprägten Verständnisses revolutionärer Prozesse. Dessen einprägsame Formel aus dem Jahr 1917 - »Die Hauptfrage der Revolution ist zweifelsfrei die Frage der Staatsmacht. Welche Klasse die Macht in den Händen hat, das entscheidet alles« (LW25, S.378) - war während der 20er Jahre und überdies in einer durch Stalin vergröberten Form zum Dogma der Kommunistischen Internationale geworden; verbunden mit autoritären Politikformen, vertikalen Parteistrukturen und bürokratischem Zentralismus.

 

Gramsci schreibt: »Nur hatte Iljitsch nicht die Zeit, seine Formel zu vertiefen, wobei zu bedenken ist, daß er sie nur theoretisch vertiefen konnte (...). Im Osten war der Staat alles, die bürgerliche Gesellschaft steckte in ihren Anfängen, und ihre Konturen waren fließend. Im Westen herrschte zwischen Staat und bürgerlicher Gesellschaft ein ausgewogenes Verhältnis, und, erzitterte der Staat, so entdeckte man sofort die kräftige Struktur der bürgerlichen Gesellschaft. Der Staat war lediglich ein vorgeschobener Schützengraben, hinter dem eine robuste Kette von Befestigungswerken und Kasematten lag, natürlich mehr oder weniger von Staat zu Staat, aber gerade dies erforderte eine eingehende Erkundung im Landesmaßstab.« (Gf, Bd.4, S.874)

 

Die Revolution kann im Westen unter diesen Bedingungen nicht in einem Frontalangriff gestartet und dann durch den darauf folgenden Aufbau der kulturellen Führungsrolle der Arbeiterklasse gesichert werden. Vielmehr muß nach Gramsci, unter den Bedingungen der noch ausgeübten Staatsmacht der Bourgeoisie, eine neue Kultur der Arbeiterklasse aufgebaut werden, die die gesamte Nation durchdringt und allmählich die Neuformierung des politischen Verhaltens und Handelns bewirkt.

 

Gramsci versteht unter dem Konzept der Hegemonie das allgemeine Prinzip der Herrschaftsausübung durch eine Klasse. Zwang ist unverzichtbar, aber auf keinen Fall ausreichend. Erst recht nicht, wenn es um eine tiefgreifende soziale Veränderung geht. Hegemonie ist im Konzept von Herrschaft durch Gewalt und Macht integral enthalten und nicht nur einfach ergänzend. Dies kommt in seinem »allgemeinen Staatsbegriff« zum Ausdruck, den er in eine nicht minder einprägsame Formel faßte: »Staat = politische Gesellschaft + Zivilgesellschaft, das heißt Hegemonie, gepanzert mit Zwang«. (Gf, Bd.4, S.783) Politisch-kulturelle Aktivitäten, die auf Veränderung und den Aufbau von Gegenhegemonie und -macht zielen, müssen deshalb die ständige Anwesenheit von Zwang durch die Institutionen des Staates berücksichtigen, der integraler Bestandteil der Herbeiführung von Zustimmung ist.

 

Angesichts der Komplexität dieses Themas macht es sich Hans-Peter Brenner doch etwas zu einfach, wenn er schreibt: »rHegemoniel kommt also ohne den rPanzer aus Zwangl nicht aus, wenn sie wirksam werden will - so einfach ist das.«

 

Sich selbst verändern

 

Gramsci führt den Gedanken von Marx in den Feuerbachthesen (MEW3, S.5) fort, daß jede Veränderung der Zustände mit einer Selbstveränderung der handelnden Subjekte verbunden sein muß, daß Lernen, politische Praxis und prozeßhafte Selbstveränderung eine Einheit bilden müssen. Die kulturelle Befreiung der untergeordneten Gruppierung durch Herstellung ihrer Hegemonie (inklusive der Eroberung der Macht) beschreibt er als eine (Selbst-)Transformation der unterdrückten in eine zur Herrschaft befähigten Klasse. Darin besteht der von Gramsci für den Kommunismus im Westen für erforderlich gehaltene Paradigmenwechsel. Er schließt damit wieder an Marx an, nach dem »die Emanzipation der Arbeiterklasse durch die Arbeiterklasse selbst erobert werden muß.« (MEW16, S.14)

 

Im Rahmen eines solchen Paradigmas läßt sich auch nicht mehr das traditionelle, sozialdemokratische, von Lenin im Hinblick auf die rückständigen Verhältnisse Rußlands sogar radikalisierte Bild einer Kommunistischen Partei aufrechterhalten, deren Funktion es sei, durch Agitation, Propaganda und Organisation einer unaufgeklärten Masse das sozialistische Bewußtsein »von außen« (bei)zubringen. (LW5, S.385)

 

Folgt man dagegen Gramsci, dann ist es die Funktion der Kommunistischen Partei und der ihr verbundenen Intellektuellen, zur Organisierung und Systematisierung eines in den Massen bereits vorhandenen Wissens beizutragen, das jedoch »eine auseinanderfallende, inkohärente, inkonsequente Weltauffassung« darstelle, »der Beschaffenheit der Volksmengen entsprechend, deren Philosophie« sie sei. Eine homogene, zum gemeinschaftlich solidarischen Handeln befähigende Weltauffassung einer sozialen Gruppe ist in solcher Sicht nur durch gleichzeitiges Anknüpfen an die rationalen Elemente der Philosophie des Alltagsverstandes wie gleichzeitig gegen ihn zu gewinnen. (Gf, Bd.5, S.1039)

 

Gramsci geht davon aus, daß alle Menschen das Bestreben haben, in irgendeiner Weise die spontane, bizarre Zusammensetzung ihres Bewußtseins, ihrer Haltungen und Gewohnheiten nach einem Lebensentwurf zu organisieren; sich in diesem Sinne einen Zusammenhang in den Anschauungen erarbeiten wollen. Aufgabe der marxistischen Partei ist, dieses Streben zu unterstützen und mit der Systematik der marxistischen Weltanschauung zu befördern, damit ein Bewußtsein über die gesellschaftliche Stellung und Aufgabe erarbeitet wird. Dazu soll die politische Praxiserfahrung lernend aufgegriffen werden, um ein Bewußtsein von der Fähigkeit zu erlangen, sich selbst und die Welt verändern zu können. »Unser Wahlspruch muß also sein: Reform des Bewußtseins nicht durch Dogmen, sondern durch Analysierung des mystischen, sich selbst unklaren Bewußtseins, trete es nun religiös oder politisch auf. Es wird sich dann zeigen, daß die Welt längst den Traum von einer Sache besitzt, von der sie nur das Bewußtsein besitzen muß, um sie wirklich zu besitzen. Es wird sich zeigen, daß es sich nicht um einen großen Gedankenstrich zwischen Vergangenheit und Zukunft handelt, sondern um die Vollziehung der Gedanken der Vergangenheit. Es wird sich endlich zeigen, daß die Menschheit keine neue Arbeit beginnt, sondern mit Bewußtsein ihre alte Arbeit zustande bringt«, schreibt Marx. (MEW1, S.346)

 

Das ist etwas anderes als die Methoden der Belehrung, der Aufklärung und der Agitation, die darauf zielen, ein »falsches Bewußtsein« durch ein vermeintlich »richtiges« zu ersetzen, und ist in erster Linie eine kulturelle und Aufgabe der Volksbildung und politischen Erziehung und erst in zweiter eine organisatorische. Diese muß von »organischen Intellektuellen« der Arbeiterklasse (die Kommunistische Partei bei Gramsci; heute eher ein Netzwerk von Parteien und Bewegungen) und nicht von »Berufsrevolutionären« bewältigt werden. Gramsci geht es darum, ein wechselseitiges Lernen zu entwickeln und einen Prozeß der gesellschaftlichen Selbstermächtigung und der politischen Handlungsfähigkeit zu befördern. Dabei gilt nach wie vor, was Lenin in seiner Schrift »Was tun?« entwickelte, daß die Arbeiterklasse nicht spontan durch ihr politisches Handeln zu einem sozialistischen Bewußtsein gelangen kann, sondern durch »wissenschaftliche Einsicht«, oder wie Engels schreibt, indem sich die Arbeiter zur »Marxschen Theorie der Entwicklung aus ihrem eigenen Klassengefühl heraus emporarbeiten«9. Klassenbewußtsein wird nicht in die Massen hineingetragen, sondern erfordert die selbständige geistige Arbeit ganz konkreter Menschen.

 

Vor dem Hintergrund, daß Erfahrungen der DKP heute verschüttet oder ignoriert werden, heißt es in den Politischen Thesen dazu: »Die Erfahrungen zeigen, daß Klassenbewußtsein nicht durch eine Praxis entsteht, die mit dem vereinfachten Bild vom rHineintragen des Klassenbewußtseinsl umschrieben werden kann. Dahinter steht eine viel komplexere und kompliziertere Aufgabe marxistischer Theorie und der Partei. Diese besteht nicht in erster Linie in einer platten rideologischen Aufklärungl, deren Inhalte von vorneherein feststehend sind und die man also annehmen kann oder auch nicht, sondern in der Kommunikation und Systematisierung von unterschiedlichen Erfahrungen und Wissen. (...) Es gilt deshalb, Lernprozesse zu organisieren; dafür zu wirken, daß aus dem bereits vorhanden Bewußtsein und den Erfahrungen eine systematische, zusammenhängende Sicht auf die Gesellschaft und der eigenen gesellschaftlichen Rolle entsteht (...). Wir wirken deshalb dafür, daß Politik als Lernprozeß organisiert wird, der auf die individuelle und kollektive Handlungsfähigkeit und Organisiertheit zielt. Der Kampf gegen die Abwälzung der Krisenlasten und um Reformen soll nicht nur zur Verbesserung der Lebenssituation großer Teile der Bevölkerung führen und zur Erweiterung demokratischer Freiheiten beitragen, sondern ebenso zur Veränderung der Lebenseinstellungen, der Erwartungen und des Handelns der Menschen. (...) Insofern ist radikale Demokratie nicht nur ein gesellschaftspolitisches Ziel, sondern auch Weg und wichtigste Methode, sich dem Ziel der Emanzipation des Menschen - ralle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen istl - zu nähern.«

 

Warum Gramsci?

 

Wenn es uns darum geht, die Bedingungen einer verändernden politischen Praxis genauer zu bestimmen, dann können die Marxisten und die Linke insgesamt viel von Gramsci lernen. Gramsci hat uns Grundgedanken einer Theorie des Kampfes für die gesellschaftliche Umgestaltung in Zeiten des »Stellungskrieges« im hochentwickelten Kapitalismus gegeben. Er gibt wichtige Anregungen für die »Herausbildung eines neuen Kollektivwillens« und fordert uns auf zu »erforschen, wie sich genau die dauerhaften Kollektivwillen herausbilden, (...) wie entwickelt sich ihre organisierte und sie zu gesellschaftlichem Einfluß befähigende Kraft usw«. (Gf, Bd.5, S.1050)

 

Ein weiterer Grund, sich mit Gramsci zu beschäftigen liegt im zeitgeschichtlichen Zusammenhang seines Werks mit der großen Krise in den 30er Jahren, der die Niederlage der Arbeiterbewegung und der Demokratie sowie der Machtantritt des Faschismus bald folgten. Heute befindet sich der Kapitalismus wieder in einer tiefen Krise. Es spricht alles dafür, daß es sich um eine »organische Krise« handelt und wir in eine längere Phase der sozialen und politischen Instabilität eintreten. Da lesen sich Gramscis Warnungen erstaunlich aktuell: »Wenn diese Krisen eintreten, wird die unmittelbare Situation heikel und gefährlich, weil das Feld frei ist für die Gewaltlösungen, für die Aktivität obskurer Mächte, repräsentiert durch die Männer der Vorsehung oder mit Charisma.« (Gf, Bd.7, S.1578) Gramsci kann uns helfen, die heutigen Widersprüche und Gefahren - und die Herausforderung für die marxistischen Kräfte - besser zu verstehen und zu bewältigen. Von Gramsci lernen heißt auch, die politische Aufgabe der heutigen Zeit zu erkennen: Die Verteidigung der Demokratie in Zeiten der ökonomischen und sozialen Krise.

 

Anmerkungen

 

1 Politische Thesen des Sekretariats des Parteivorstandes der DKP, Essen, Januar 2010, unter www.kommunisten.de

 

2 A. Gramsci: Gefängnishefte Bd. 4, Berlin/Hamburg 1999 ff., S.888 (im folgenden Gf)

 

3 Programm der DKP: »Fundament und politischer Kompaß der Politik der DKP sind die von Marx, Engels und Lenin begründeten und von anderen Marxistinnen und Marxisten weitergeführten Erkenntnisse des wissenschaftlichen Sozialismus, der materialistischen Dialektik, des historischen Materialismus und der Politischen Ökonomie.«

 

4 Hans Heinz Holz: Aufhebung und Verwirklichung der Philosophie Bd. 2, Theorie als materielle Gewalt - Die Klassiker der III. Internationale, Aurora Verlag, Berlin 2011, S.96

 

5 Hans Heinz Holz, Guiseppe Prestipino: Antonio Gramsci heute, Bonn 1992, S.6

 

6 Domenico Losurdo: Der Marxismus Antonio Gramscis, Hamburg 2000

 

7 Palmiro Togliatti: Ausgewählte Reden und Aufsätze, Frankfurt/M. 1977, S.

 

503

 

8 Hans Heinz Holz, Guiseppe Prestipino: Antonio Gramsci heute, Bonn 1992, S. 18

 

9 F. Engels: Brief an Friedrich Adolph Sorge im Mai 1894, MEW, Bd. 39, Berlin 1968, S. 245: »... die es fertiggebracht haben, die Marxsche Theorie der Entwicklung auf eine starre Orthodoxie heruntergebracht zu haben, zu der die Arbeiter sich nicht aus ihrem eigenen Klassengefühl heraus emporarbeiten sollen, sondern die sie als Glaubensartikel sofort und ohne Entwicklung herunterzuwürgen haben.«

 

Leo Mayer ist stellvertretender Vorsitzender der DKP und Mitarbeiter am Institut für sozial-ökologische Wirtschaftsforschung isw in München



via http://www.triller-online.de/index2.htm



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Siehe dazu auch:

 

 

Ernst Wimmer: Zur Problematik Hegemonie - Macht

 

Ernst Wimmer: Gramsci und Otto Bauer?

 

Ernst Wimmer: Gramsci und die Revolution

 

 

 

 

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Veröffentlicht in Kommunisten

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