Literatur-Nobelpreis für einen chinesischen Nichtdissidenten

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

"Mo Yan benennt Fehler und Exzesse des kommunistischen Regimes, stellt es aber nicht in Frage.", schreibt Tante FAZ.

 

Lässt sich der Mann nicht doch irgendie dissidentiell verarbeiten ? Das ist doch das eigentlich Interessante.Tante FAZ klopft ihn daraufhin ab - und findet nichts. Resignierter Schluss: Es bleibe nichts anderes übrig, als "sich dem Werk von Mo Yan selbst zuzuwenden ..."

 

Die Gleichung Kultur = Dissidenz für die dem Imperialismus missliebigen Staaten funktioniert nicht mehr so recht. Sie funktioniert von Jahrzehnt zu Jahrzehnt weniger. Mit anderen Worten: Leute wie Mo Yan, die sich nicht vom Westen vereinnahmen lassen, stellen damit den Totalitätsanspruch der "westlichen Werte" praktisch in Frage. Hilflos muss Tante FAZ mitansehen, wie sich Kulturen entwickeln, die sich an den Freedom&Democracy-Idealen nicht einmal mehr abarbeiten, sondern sie einfach rechts liegen lassen. Das ist ja nicht nur in China so, sondern auch z.B. in Lateinamerika und Afrika.

 

Die westliche Lufthoheit über den Kulturstammtischen wird nicht gebrochen. Sie verdampft, verweht, löst sich auf. "Die Staaten wollen die Unabhängigkeit, die Nationen wollen die Befreiung, die Völker wollen die Revolution — das ist der unwiderstehliche Strom der Geschichte.", hat Deng Hsiao-ping behauptet. Aus Unabhängigkeit Unterordnung zu machen, aus Befreiung AVAAZ-gesteuerte Twitter-Kampagnen, aus Revolutionen CIA-gesteuerte Pseudo-Revolutionen, aus Kultur Subversion - da ist immer noch einiges möglich. Aber jedesmal blättert der bunte Lack schnell ab, müssen die Pussies wieder Höschen tragen, wird ganzen Optor-Subkulturen der westliche Geldhahn abgedreht, und der Dalai Lama wird auch nicht jünger. Jedesmal muss den hohen Idealen schnell der Pseudo-Bürgerkrieg oder gleich die offene Militärintervention folgen, weil die wahre Menschheitskultur irgendie nicht mehr recht zieht. Das ist die Radikalität derer, die gegen den "unwiderstehlichen Strom der Geschichte" anschwimmen. 

 

Wie soll sich der westliche Dünkel "dem Werk von Mo Yan selbst zuwenden", wenn es denn schon sein muss ? Indem er nach einem Strohhalm greift, rät Tante FAZ: Es bleibe nur, "seine verblüffende, Stammeszugehörigkeiten energisch sprengende Individualität wahrzunehmen ..." Tatsächlich, die Eingeborenen in aller Welt sprengen ihre "Stammeszugehörigkeiten" und entwickeln erstaunliche Individualität, ihre eigene. Das Blöde ist: Sie begreifen nicht, dass die höchste und erstrebenswerteste Individualität der Ego-Trip, die Kleinbürger-Neurose, der McDonalds-geblähte Wanst, das zum Kleiderständer  degradierte bulämische Model, die gehirnerweichende TV-Show ist.

 

Mo Yan zum Beispiel erzählt Geschichten aus seinem Heimatdorf und spiegelt in ihnen die werdende moderne Gesellschaft Chinas und die Welt. Und die "universellen westlichen Werte" sind dabei so schnurz wie der Kannibalismus der menschlichen Vorgeschichte. Man weiss: Das gab es, es wirkt noch, es treibt im Absterben zum Exzess und zum Wahnsinn im medizinischen Sinn des Wortes, aber es stirbt. Daran kommt ahnungsweise nicht einmal das ehrwürdige Nobelpreis-Komitee vorbei und nicht einmal Tante FAZ.

Veröffentlicht in Kultur und Gesellschaft

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