Meinungsfreiheit ? Demokratie ?

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

 

Seltsamerweise meinen die meisten Menschen in Deutschland (noch ?), bei uns ginge es demokratisch zu, naja, irgendwie. Das liegt wohl zu einem Gutteil daran, dass man privat und im "öffentlichen Raum" so ziemlich sagen kann, was man will, weil sich ohnehin niemand darum schert. Freilich, dem "Arbeitgeber" sollte besser nichts zu Ohren kommen, das nicht "politisch korrekt" ist. Da muss man schon aufpassen. Es ist kein Zufall und dient auch nicht nur dem Schutz der Privatsphäre, wenn zum Beispiel die meisten Blogger anonym bleiben wollen.

 

Hinter dem Betriebstor ist es mit der ach so "freien Meinung" aber spätestens so ziemlich vorbei - alos dort, wo wir einen Grossteil unserer wachen Zeit verbringen und wo es um den Einsatz des Grossteils unserer Energie geht. Kritisieren oder gar aufmucken muss man sich im Betrieb mindestens zweimal überlegen. Da liegen Nachteile fürs "Weiterkommen" ganz nahe, und die Entlassung ist auch nicht weit. Gründe finden sich immer, und kein Arbeitgeber, der nicht ganz doof ist, wird den wirklichen Grund angeben.

 

Das Resultat ist das bekannte deutsche Duckmäusertum. Sich viel gefallen lassen, lieber die Faust in der Tasche ballen, als sie zu zeigen oder gar zu verwenden. Der, wie alle Welt auch weiss, streng neutrale und nur dem Gemeinwohl verpflichtete Staat trägt dazu auch sein Schärflein bei. Es gibt den Rechtstitel "Störung des Betriebsfriedens". Ich weiss nicht, wer ihn eingeführt hat, aber er klingt sehr nach Tausendjährigem Reich. Da war das Ideal die "Betriebsgemeinschaft", natürlich unter Führung des Betriebsführers, also des Eignetümers oder eines von ihm Beauftragten - ganz analog zur "Volksgemeinschaft" und deren "Führer". Recht viel anders geht es heute in vielen Betrieben auch nicht zu, wenn es keinen Betriebsrat und keine Gewerkschaft gibt, die dagegenhält. Der "Herr-imHaus"-Standpunkt gilt weithin, ungeachtet des Gesäusels von den "lieben Mitarbeitern" und von "Sozialpartnerschaft".

 

Bei modesty habe ich einen Text gefunden, der darüber berichtet, wie eine Angestellte nicht gekuscht hat - und was das für sie für Folgen hatte. Sie hat ihren Fall bis vor den Europäischen Gerichtshof gebracht und dort sogar Recht bekommen. Entlassen bleibt sie trotzdem. Und wer tut sich sowas schon an - einer unter Millionen.

 

Die Zustände, die die Kollegin nicht hinnehmen sollte, sind im gesamten Gesundheitswesen und in der Pflege so weit verbreitet, dass man fast von Normalzustand sprechen kann. Die Überlastung der dort Arbeitenden ist in vielen Bereichen so gross, dass sie kaum auszuhalten ist. Die privaten Betreiber sparen - logischerweise, denn es geht um ihren Gewinn -, wo sie können, nicht nur am Personal, sondern auch an den Patienten und Heimbewohnern. Die Umgehung und der direkte Verstoss gegen Gesetze ist Alltag. Die staatliche Überwachung ist eine Farce. Dagegen ist die Kollegin angegangen, deren "Fall" modesty schildert:

 

http://gedankenerbrechen.wordpress.com/2011/07/22/meinungsfreiheit-gilt-auch-fur-arbeitnehmer/ 

 

Die Kollegin war sehr mutig. Aber wie es ihr ergangen ist zeigt, dass Gegenwehr im Vertrauen auf irgendwelche Rechtansprüche und zum Beispiel auf Meinungsfreiheit und Demokratie, auf den eigenen Status als vermeintlich rechtsgleicher Bürger, dazu führt, dass man sich selbst verheizt. Widerstand geht nur gemeinsam. Gemeinsamkeit ist schwer herzustellen. Die "Arbeitgeber" versuchen systematisch, die Belegschaften gegeneinander auszuspielen, keine Solidarität aufkommen zu lassen. Aber die Herstellung von Solidarität ist der einzige mögliche Weg. Aus Solidarität kann Macht entstehen, Gegenmacht. Und ohne Gegenmacht helfen die schönsten Rechtstitel nichts.

Veröffentlicht in Kultur und Gesellschaft

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andreas 07/23/2011 23:27



Eine mutige Frau!


Wenn ich in eine derartige Situation kommen würde, dann würde ich auch kämpfen - keine Frage. Allerdings stellt sich in unserer "Wohlstandsgesellschaft" die Frage: was hab ich zu verlieren? Ich
zumindest kann sagen: NICHTS! 



Sepp Aigner 07/24/2011 00:27



Mutige Frau - finde ich auch. Aber der "Fall" zeigt auch, wie nur-individueller Widerstand zu einem Kampf gegen Windmühlen wird, den man kaum gewinnen kann. Dass immer Menschen nichts mehr zu
verlieren haben, sollten die Herrschaften nicht unterschätzen. Dass jeder, oder jedenfast fast alle, mindestens ein kleines bisschen was hatten und die Schnauze hielten,weil sie fürchteten, es zu
verlieren, war schon ein wichtiger Teil der "politischen Stabilität". Damit geht es entschieden zu Ende.