Neu sehen lernen

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

 

Die Durchschlagskraft der Massenmedien auf die Hirne der Konsumenten ist nur dadurch erzielbar, dass beide Seiten ein gemeinsames Weltbild teilen. Dessen jeweils neueste Details werden von den Ersteren in die Köpfe der Letzteren transportiert und dort als mehr oder weniger zutreffend absorbiert, weil eben dieses gemeinsame Weltbild gegeben ist - oder in dem Mass, in dem das der Fall ist. Es ist aber förmlich spürbar, dass dieses Mass im Abnehmen begriffen ist. Das Misstrauen gegenüber "der Politik" und eben auch den Medien wächst und ist bereits ein gewichtiger Faktor der Bewusstseinsbildung, der gesellschaftlichen Stimmung. Die Medien berichten obektiv, einem journalistischen Ethos verpflichtet, frei und unabhängig ? Da kann der deutsche Bürger, der Westbürger im allgemeinen von heute nur lachen. Na gut, die SZ ist nicht ganz so schlimm wie BLÖD, und ausser dem Dschungelcamp gibts ja schliesslich noch Panorama - die Logik des "kleineren Übels" wirkt auch hier. Der Verdacht der Manipulation, der Verdrehung von Tatsachen, der absichtlichen Lüge ist aber bereits fast allgegenwärtig und nimmt gewöhnlich auch die noch am ehesten bevorzugten Medien nicht aus. Es gibt eine "Vetrauenskrise", eine Misstrauenskrise, ein Sich Abwenden. Die Glotze läuft vielleicht die ganze Zeit, in der man nicht gerade auf Arbeit oder beim Einkaufen ist, aber begleitet von misslaunigen Bermerkungen über "den Scheiss", ja einer Art schlechtem Gewissen ob der Inkonsequenz, nicht abzuschalten.

 

Dass auch auf dem Gebiet irgendwie alles eher schlechter wird, ist eine verbreitete Meinung - eine falsche. Die Medien waren vor, sagen wir dreissig Jahren, um keinen Deut weniger manipulativ und verlogen als heute. Die gute alte Zeit gibt es auch hier nicht. Geändert hat sich etwas anderes: das allgemeine Westwohlgefühl, auf der Welt auf der richtigen Seite, im besseren Erdenwinkel zu leben. Der Zukunftsoptimismus ist ziemlich ramponiert und mit düsteren Ahnungen durchmischt. Sogar das Klima ändert sich, und zwar, natürlich, zum Schlechteren. Die Rindviecher scheissen zu viel. Die Unzulänglichkeiten der gegebenen Gesellschaftsordnung, der Blödsinn und das Chaos, die sie hervorbringt, die "Schweinereien" von "Politik" und "Wirtschaft" sind offensichtlicher geworden. Diese Ordnung treibt unaufhaltsam auf ihr Ende zu, und, wie das in jeder untergehenden Kultur der Fall gewesen ist, wird dieses Ende gern gleichgesetzt mit dem bevorstehenden Ende der Menschheit, wird Apokalypse Mode. Zum ersten Mal in der menschlichen Geschichte ist das tatsächlich eine Möglichkeit: Das Overkill-Potential ist nicht gesponnen, sondern steht wirklich in den Raketensilos, liegt in den Bombenmagazinen und schwimmt auf den Weltmeeren herum.

 

Der Eisberg der mehr oder weniger vagen "unguten Gefühle" hat eine Spitze, die sich schon über den Wasserspiegel erhebt. Nicht wenige Leute nehmen für sich in Anspruch, kritisch zu sein, nicht im Mainstream zu schwimmen, nicht "jeden Scheiss" zu glauben. Davon zeugen nicht zuletzt die "alternativen" elektronischen Medien, darunter die politische und kulturkritische Bloggerszene und Twitterei. Man kann hier schon, einfach der Zahl nach, von einer Massenbewegung sprechen. Sie ist noch überwiegend virtuell in dem Sinn, dass die Schreiberei sich noch relativ selten in gesellschaftliches, politisches Handeln umsetzt. (Die Manipulateure haben das auch schon und genauer gecheckt als diese Szene selbst und bereits zu einer neuen Sphäre der Manipulation gemacht - "bunte Revolutionen" und "Regime Change" via Twitter.) Die Masse dieser Kritikversuche klebt noch am überkommenen Weltbild, beklagt die Nichtübereinstimmung der schnöden politischen, wirtschaftlichen und sonstigen gesellschaftlichen Praxis mit den schönen Idealen, regt sich über das unmoralische Betragen derer "da oben" auf, die das sozusagen in Fleisch und Blut übergegangenen fiktive Wir vor lauter Egoismus schädigen.

 

Die spitze Spitze des Eisbergs scheint mir zu sein, dass - auch nicht so wenige - Blogger (und Twitterer ? - da hab ich keinen Überblick) sich ein Erkenntnis-Instrumentarium basteln, das, bei aller Unterschiedlichkeit, nützlich ist, um aus dem Wehklagen über die Abgründe zwischen ideal und Wirklichkeit herauszukommen und eine neue Weltsicht zu gewinnen. Vier Beispiele sind mir in den letzten Tagen aufgefallen. Ich verweise hier auf sie, um zu veranschaulichen, was ich meine:

 

meryemdeutschemuslima:

"Früher, als ich noch nicht ganz so medienkritisch war, da habe ich Sätze wie: „Medienberichten zufolge…“, „nach übereinstimmenden Meldungen“, „aus Geheimdienstkreisen verlautete“, „nach einer zuverlässigen Quelle“, einfach so überlesen. Irgendwann, als ich dann feststellte, dass in einer Sache in der ich mich einigermaßen auskenne, riesengroßer Schwachsinn verbreitet wird, wurde ich dann aufmerksamer. Heute ist es so, dass ich eher das Gegenteil von dem annehme, was veröffentlicht wird."

(http://meryemdeutschemuslima.wordpress.com/2010/09/08/vergesst-sarrazin-schlimmer-geht%c2%b4s-immer/ )

 

opablog:

"Ach, wie ist's möglich dann,

daß ich ein wenig Gewißheit in dieser verrückten Welt gewinne?
Es gibt täglich so viele Neuigkeiten, daß ich vermute, wir sind Zeugen geradezu explosiver Veränderungen unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit.
Konstanten gibt es dennoch.
Leider gibt es keinen Prozeß kollektiven Nachdenkens bzw. er ist, wenn es ihn je gab, völlig zum Erliegen gekommen. (Ich finde es verlockend, den Zeitraum etwa vom Kommunistischen Manifest (das nicht ohne Hegel gedacht werden kann) bis zu Lenins Tod als einen der seltenen Prozesse kollektiven Denkens (und entsprechenden geschichtlichen Handelns) zu interpretieren.)

Eine Konstante heute scheint der ökonomische Niedergang der USA zu sein; bei intakter überdimensionaler Militärmacht (und natürlich massenhaftem, politisch-geistigem Kretinismus, wie seit Jahr und Tag). Wenn diese Macht ökonomisch tatsächlich mit dem "Rücken zur Wand" steht - könnte es nicht sein, daß wir gerade erleben, wie sie, ich umschreibe: ihr Tafelsilber in anerkannte Währung umsetzt, will sagen: ihre Kriegsmacht in die Sprache der Waffen? Und das nicht panisch, sondern kalkuliert.
Warum nicht eine Strategie der weltumfassenden Instabilität, die die Kräfte aller anderen Mächte (am besten gegeneinander) bindet und den dicken Sheriff mal im Vordergrund, mal mehr im Hintergrund zum letzten Retter und Gewinner macht?
Das würde wenígstens z. T. erklären, warum man zugleich in Libyen und Pakistan heizt, was das Zeug hält.
Und warum Mächte wie Rußland und China sich gleichsam vorausschauend beschränken (und hr Pulver trocken halten). Und warum zugleich Deutschland nicht - wie andere Möchtegern-Großmächte - in die erstbeste Falle getappt ist.
( http://opablog.twoday.net/stories/16605582/ )
Hinter-der-Fichte:
Analyse konkreter Beispiele von Manipulation - ein aufwendiges, aber lehrreiches, mehr induktives Verfahren; der Text ist mir zum Spiegeln zu lang, hier der Link:
http://hinter-der-fichte.blogspot.com/2011/05/ard-der-seite-der-verschworungspraktike.html
Noch ein Parteibuch:
Ein ähnliches Beispiel; der Autor verfährt mehr deduktiv; hier der Link:
 http://nocheinparteibuch.wordpress.com/2011/05/08/krieg-als-normalzustand/#more-960

 

 

In diesen Beispielen ist das fiktive Wir, die Gemeinsamkeit des Weltbildes von Manipulateuren und Manipulierten zerbrochen. Jenseits liegt nicht schlagartiger Durchblick und die "reíne Wahrheit". Es ist wie den Kopf aus dem Sumpf herausstrecken und sehen, dass wir darin stecken. Herauskommen ist noch einmal ein anderes Ding. Frei gucken ist dafür eine zwar nicht hinreichende, aber notwendige Voraussetzung. Ich kann mir natürlich Marx nicht verkneifen: "Die herrschenden Ideen sind die Ideen der Herrschenden." - Wo deren Durchschlagskraft zu versagen beginnt, wird es für die Herrschenden brenzlig. Mit einer neuen, realistischeren Weltsicht ist es nämlich nicht anders als mit der Weltsicht der Herrschenden: "Wenn die Idee die Massen ergreift, wird sie zur materiellen Gewalt."

 

 

 

 

 

 

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W
<br /> <br /> Und auf was soll das hinweisen? Auf einen dritten Weltkrieg oder Naturkatastrophe?<br /> <br /> <br /> <br />
Antworten
S
<br /> <br /> Aus meiner Sicht weder noch. Worauf ich hinaus will - aber vielleicght nicht verständlich ausgdrückt habe - ist, dass man für eine kritische Sicht der "offiziellen" öffentlichen Meinungen und<br /> Tatsachendarstellungen die Grundannahmen selbst hinterfragen muss, in denen wir alle per Erziehung und täglicher Berieselung mehr oder weniger gefangen sind.<br /> <br /> <br /> <br />