Neuer Anflug von Panik auf der Titanic

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

 

 

Gestern verzeichneten die Boersen weltweit einen scharfen Rueckgang. Die meisten Indizes fielen um die 3 %, der italienische Mib um fast 5, der spanische IBEX um nahe 6 %. Die Abwaertsbewegung setzte sich heute Nacht in Asien fort. Am staerksten ruecklaeufig sind Aktien des Bauwesens, der Industrie und der Banken. Einige verloren gestern um die 10 %.

 

Im Lauf des Tages war der neueste Stand des "Verbrauchervertrauens"-Index fuer die USA bekannt geworden. Anstatt des vorausgeschaetzten leichten Anstiegs fiel er dramatisch von 62,7 auf 52,9 Punkte.

 

Der morgige Donnerstag ist Faelligkeitstermin fuer Gelder, die die EZB im Rahmen ihres "Refinanzierungs"programms an die Geschaeftsbanken ausgereicht hat. Es handelt sich um ein Volumen von 442 Milliarden Euro - eine nie dagewesene Summe.

 

Das Bankwesen haengt vollstaendig am Tropf der Zentralbanken. Ohne diese "kuenstliche Ernaehrung", angewiesen auf die "Selbstregulierung" der Finanzmaerkte, wuerde der gesamte Kreditueberbau von einem Tag auf den anderen zusammenbrechen. Nur die staatliche "Geldschoepfung" (via Zentralbanken) erhaelt ihn am Leben. "So speist die EZB das Bankensystem mit jeder gewuenschten Summe", schreibt die FAZ heute, "... die (EZB) verleiht seit fast zwei Jahren jede Summe, die die Banken angesichts des gestoerten Geldmarkts benoetigen." Zitiert wird das EZB-Ratsmitglied Christian Noyer mit der Aussage: "Die EZB wird sicherstellen, dass es keine Probleme gibt." (bei der "Refinanzierung" der morgen faelligen 442 Milliarden Euro) Die EZB gibt die "Hilfsgelder zu einem Zinssatz von 1 % aus und akzeptiert als "Sicherheit" die Hinterlegung praktisch jeden beliebigen Schrottpapiers.

 

Umso bemerkenswerter ist, dass trotz des "Rundumsorglospakets" (FAZ) der EZB die Nervositaet so gross ist. Der Grund duerfte darin liegen, dass nicht nur der Geld- und Kreditueberbau nur noch kuenstlich am Leben erhalten wird, sondern auch die "Realwirtschaft" - entgegen den verfaelschten Statistiken - in Wirklichkeit weiterhin ruecklaeufig ist. Sowohl die Investitionen in Produktionsmittel als auch der Massenkonsum liegen nach wie vor unterhalb des Niveaus vor dem Crash vom September 2008. Die Arbeitslosigkeit verharrt auf einem hohen Stand, die Auslastung vieler Produktionsmittel am unteren Rand der Rentabilitaet. Die Zahl der Bankrotte bleibt in allen Wirtschaftssektoren hoch.

 

Wenn auch nicht im selben Mass wie das Geld- und Kreditwesen, haengt auch die "Realwirtschaft" an der Staatsfinanzierung. Ohne die diversen Massnahmen zur "Konjunkturbelebung", die staatliche Uebernahme von Betriebskosten der Privatunternehmen - wie in Deutschland etwa die Bezahlung der "Kurzarbeit" oder die Mehrwertsteuer-Reduzierung fuer die Hotelerie - kaeme es zu noch schaerferen Einbruechen und wuerden die Daten, die ohnehin geschoent sind, noch schlechter ausfallen.

 

Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Talsohle der Krise noch nicht erreicht ist und dass die Behauptungen, die Wirtschaft halte sich und es gebe Anzeichen einer beginnenden Erholung Zweckpropaganda sind.

 

Die neoliberalen Leitsaetze vom Selbstregulierungspotential der Maerkte werden in der Krise schlagend praktisch widerlegt. Haetten sich die Regierungen an sie gehalten, waere das gesamte wirtschaftliche Leben schon zum Erliegen gekommen und haette der voruebergehende Zusammenbruch ein in der Geschichte des Kapitalismus bisher noch nicht erreichtes Ausmass angenommen. Die Krise beweist unwiderlegbar, dass der monopolisierte Kapitalismus ohne staatliche Eingriffe grossen Ausmasses nicht lebensfaehig ist. Das ist das genaue Gegenteil der Behauptungen der neoliberalen "Theoretiker".

 

Obwohl praktisch widerlegt, bleiben die praktischen Konsequenzen einer "Theorie", die gerade auf so beschaemende Weise von der Wirklichkeit blamiert wird, praktisch ohne Aenderung in Kraft. Kein einziges der sogenannten "innovativen Finanzprodukte" wurde bisher verboten. Der eine kontinuierliche und laengerfristig ausgereichtete Profit-Strategie zerstoerende "shaerholder-value" - die Abzocke auf die Schnelle und ohne Ruecksicht auf die Desorganisierung und Ruinierung der "Realwirtschaft" - bleibt unveraendert das Leitmotiv, die ungezuegelte Bereicherung der Reichen auf Kosten der Lohnabhaengigen geht auch und gerade in der Krise weiter.

 

 

Veröffentlicht in Weltwirtschaftskrise

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