Noch einmal zur "Escrache"-Bewegung in Spanien

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

Zu diesem Blogeintrag http://kritische-massen.over-blog.de/article-spanien-aufziehender-sturm-117013737-comments.html kam ein Kommentar , auf den ich besonders hinweisen möchte. Er ordnet die aktuelle "Escrache"- Bewegung in Spanien historisch und klassenmässig ein - als politische Ausdrucksform des Kleinbürgertums, das in Gegensatz zu Staat und Kapital gerät - und verweist auf die "Nachbarschaft" zu ähnlichen Bewegungen wie "Okkupy" oder "Indignados". Vielleicht finden sich Leute, die die Anregung aufnehmen, dieses Thema genauer auszuarbeiten. Falls es dazu kommt, stelle ich mein Blog gern als Plattform zur Verfügung. Es wäre m. E. nützlich, das genauer zu diskutieren.

 

Der spanische Staat geht gegen die Escrache-Bewegung mit Gewalt vor. Damit ist eine weitere "Front" der Konfrontation des Kleinbürgertums mit dem Staat eröffnet, an der nicht mehr die normalen Mittel der bürgerlichen Demokratie - die repressiv-vereinnahmende Domestizierung von Protest in die Konsensbildung mit Hilfe der parlamentarischen "Spielregeln" - angewandt werden, sondern das ultimative Mittel des Staates, die unmittelbare physische Gewaltanwendung gegen die Bürger, der Einsatz von Polizei-Schlägertruppen. Der Ausnhamezustand, das Kriegsrecht, der Militäreinsatz nach innen erscheinen auf der Bildfläche der politischen Auseinandersetzung. Die Verbotsdrohungen gegen eine Volksabstimmung über die Unabhängigkeit Kataloniens weisen in die selbe Richtung.  In Griechenland gibt es bereits Streikverbote und Dienstverpflichtungen für Arbeiter.

 

Wenn sich der Klassenkampf zuspitzt, wie jetzt in der Krise, beginnt die bürgerliche Demokratie zu zeigen, was ihr wahrer Kern ist: die Diktatur der Bourgeoisie, die in gewöhnlichen Zeiten verschleiert wird. Die andere Variante der (monopol-)kapitalistischen Herrschaft wird zur Option: die unverhüllte, terroristische Diktatur - der Faschismus. Die faschistische Gefahr wird grösser, je härter die Interessensgegensätze der Klassen in der Krise aufeinander stossen. Für die Arbeiterklasse und die Volksschichten tritt damit die gemeinsame Abwehr des Faschismus auf die Tagesordnung.

 

Hier der Kommentar:zu dem von Upuhardo http://uhupardo.wordpress.com/ übernommenen Beitrag zur spanischen "Escrache"-Bewegung:

 

 

Das ist eigentlich eine recht alte Aktionsform. Erstmals als dezidiert politische Aktion durchgeführt wurden diese Escraches in Mitteleuropa gegen Mitte des 19. Jh. beim Übergang zum bürgerlich-kapitalistischen System. Die Volksmassen nutzten diese Form der (oftmals abendlichen) "Katzenmusik", damals auch als Charivari bezeichnet, zur öffentlichen Brandmarkung von Bourgeois und Geldadel. Diese traditionellen Aktionsformen, die z.B. bei bestimmten dörflichen Festivitäten, aber auch beim Fasching/bei der Fassnacht ausgelebt wurden, erhielten so, in damaliger Ermangelung stärkerer Protest- und Widerstandsformen (Stichwort: Streiks, gewerkschaftlicher Zusammenschluss) einen politischen Kontext. Mit zunehmender organischer Zusammensetzung des Proletariats und dem Aufbau einer Arbeiterbewegung verschwanden diese Formen nach und nach, zumindest wurden sie weit in den Hintergrund gedrängt.

Die neuerlichen Aktionsformen in Spanien deuten meiner Meinung nach darauf hin, dass hier in größerem Maße kleinbürgerliche Schichten (prekarisierte Akademiker, abstürzende kleine Handwerker und Kleinhändler), die bisher keinen echten Bezug zur Arbeiterbwegung haben, in den Sog der Wirtschaftskrise geraten sind und sich - in Ermangelung von entsprechenden kollektiven Erfahrungen der Arbeiterklasse, sicher auch aus einer gewissen (vielleicht auch unbewussten) kulturell-ideologischen Abgrenzung - nun auf solche Aktionsformen stützen. Ganz ähnlich sind aus meiner Sicht auch die Indignados-, und Occupy-Bewegung zu verorten, die mit einer unglaublichen Naivität und tiefsitzender Organisationsfeindlichkeit (gegenüber den Strukturen der Arbeiterbewegung) auf die Straße gezogen waren. Das Ganze zeigt im Umkehrschluss auch, dass solche Bewegungen u.a. dadurch an Raum gewinnen, weil die Arbeiterbewegung derzeitig organisatorisch und politisch derart schwach dasteht, um solche Bewegungen zu führen und ihnen eine zielorientierte Stoßrichtung zu geben. Letztlich sind die kleinbürgerlichen Zwischenschichten hilflos, denen fehlen schlicht reale ökonomische Hebel. Daher orientieren sie sich auch tendentiell entweder zur Bourgeoisie (der sie ideologisch näherstehen) oder dem Proletariat (dem sie ökonomisch näherstehen), je nachdem, welche der beiden Hauptklassen gerade die gesellschaftliche Initiative innehat. (Und derzeit ist dies ganz augenscheinlich in den allermeisten Staaten der EU noch die Bourgeoisie.)

Das wäre mal ein schönes Thema für eine längere Ausarbeitung.

Veröffentlicht in Gegen Rechts

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