Peter Handke - auch im aufrechten Gang kann man 70 werden

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

 

Einfach ist das nicht, zumal im bürgerlichen Literaturbetrieb, in dem den wenigen, die vom Schreiben leben können, in aller Regel schon beigebracht wird, dass die politische Mainstreamigkeit Karrierebedingung ist. Die Verblendung des Anpassertums mit ein paar Schrullen und der einen oder anderen gefälligen Provokation ist für die Marktposition förderlich. Aber am Grab von Slobodan Milosevic sprechen - das geht entschieden zu weit. So einer ist Peter Handke. Er hat am Grab von Slobodan Milosevic gesprochen. Er schreibt Bücher, die politisch nicht korrekt sind. Er sagt auf die Frage,ob er sein Eintreten für Serbien bereut habe: "Sind Sie bescheuert ? Das ist eine der wenigen Sachen, auf die ich wirklich stolz bin, das Hemdenstopfen und Bügeln vielleicht ausgenommen."

 

Jetzt ist er 70, der "Bewohner des Elfenbeinturms", den seine bürgerlichen bürgerlichen Rezipienten gern darin eingesperrt hätten. Er ist ihnen ausgekommen und läuft frei herum, aufrechten Ganges. 

 


Peter Handke beim Begräbnis von Slobodan Milosevic
Er nannte sich einst einen „Bewohner des Elfenbeinturms“. Seine dramatischen Provokationen wie "„Publikumsbeschimpfung"“ waren für Revoluzzer aller Schattierungen, waren für zahlreiche schriftstellerisch dilettierende Puberteure leuchtendes Vorbild. Seine Werke der Stilrichtung „Neue Innerlichkeit“ wurden von der marxistischen Literaturkritik oftmals als unpolitische Nabelschau abgewertet. Trotz und wegen alledem schrieb Handke österreichische Weltliteratur. Handke ließ und lässt jedenfalls niemanden kalt. Allein schon, dass Claus Peymann ihn neben Thomas Bernhard als Lieblingsdramatiker umhegte, rief das österreichische Kultursumpertum auf den Plan. Und an runden Geburtstagen möchten all jene, die ihm so oft in den Rücken gefallen sind, ihm wieder in die Arme fallen. Doch Handke macht ihnen nach wie vor einen Strich durch die kalkulierte Rechnung. Zum Interview lud er in sein Stammlokal, ein jugoslawisches Vorstadtbeisl in Chaville, jener Pariser Vorstadt, in der er lebt.

Ob er angesichts massiver Angriffe sein Eintreten für Serbien je bereut habe, wollte das Nachrichtenmagazin NEWS von ihm wissen. "Sind Sie bescheuert? Das ist eine der wenigen Sachen, auf die ich wirklich stolz bin, das Hemdenstopfen und Bügeln vielleicht ausgenommen. Ich warte immer noch drauf, dass einmal ein Chor derer angestimmt wird, die in ihrer eigenen Schuld gefangen sind: 'Das war richtig, das war gut, dass du das gemacht hast.' Aber natürlich kommt das nicht. Das nennt man sweet illusion. Es geht ja heute weiter wie immer. Nach wie vor werden die Völker zerrissen, erst Libyen, jetzt Syrien. Immer wird zuerst einer bezichtigt, sein Volk töten zu wollen. Das zweite Schlagwort lautet: 'Und wir sind Demokratie.' Damit wird die Welt zerrissen, der afrikanische Kontinent, der Mittlere Osten und so weiter."


www.peterhandke.at
junge Welt: Träumer, Sorger, Mensch

 

Veröffentlicht in Kultur und Gesellschaft

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landbewohner 12/07/2012 03:53


von dieser sorte mensch bräuchten wir wahrlich mehr.