Petitionen zu allem und jedem - der moderne Ablasshandel

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

kucaf hat in seinem Blog http://www.kucaf.de/ das Thema Petitionen aufgegriffen, das ich in meinem Blog hier link  angesprochen wieder einmal angesprochen habe. Er zitiert zunächst einen zentralen Satz bei HaBe http://www.barth-engelbart.de/:

 

 

Abgesehen davon, dass diese ganzen Petitionsportale nicht nur im Nebeneffekt gigantische E-Mail-Banken bilden, betreiben sie strukturell eine Art Ablass-Handel, eine moderne Form der Auftragspilgerei, mit der man sich im späten Mittelalter vom Pilgern freikaufen konnte, heute heißt das “Petit Petiteur” oder “rent a Demo” oder “Buy-by-ebay-Occupy” als Alibi und Ersatz für reales politisches Engagement ….“

 

kucaf fährt fort

 

"Die Macht der Petitionen ist also auch Ausdruck für praktizierte Machtlosigkeit der Menschen, welche sich in der Hoffnung ausdrückt, mittels Petitionen die Welt verändern zu können. Früher wurde so etwas als Bettelbrief bezeichnet, sie wurden an Fürsten geschrieben, in der Hoffnung, dass sich so die missliche Lage der Bauern z. B. verändern ließ. Geschrieben wurden diese Briefe, da die Bauern des Lesens und Schreibens meistens unkundig waren, von Priestern, was diese allerdings hinein formulierten konnten die Bauern im Allgemeinen nicht überprüfen! Heute können die meisten Menschen zwar lesen und schreiben, ihre Interessen lassen sie sich oft nach wie vor (von „Priestern“ im übertragenem Sinne) vorbeten, in der Hoffnung das diese wissen was sie tun! Wissen sie auch! Nur in wessen Interesse? Letzterer Frage sollte sich in keinem Fall verschlossen werden.

Übrigens hatte ich vor Jahren auch die eine und andere Petition per Internet gezeichnet, werde regelmäßig über neue Petitionen zu den verschiedensten bewegenden Themen benachrichtigt, zeichne diese heute aber nicht mehr."

 

Den Vergleich mit den mittelalterlichen Bettelbriefen finde ich sehr treffend.kucafs Konsequenz "Übrigens hatte ich vor Jahren auch die eine und andere Petition per Internet gezeichnet, werde regelmäßig über neue Petitionen zu den verschiedensten bewegenden Themen benachrichtigt, zeichne diese heute aber nicht mehr." ist auch meine. So tun als ob schnell mal per Mouseclick ist ... mittelalterlich.

 

Quelle der Zitate: http://kucaf.de/2012/08/04/petitionismus-konnte-eine-neue-bewegung-genannt-werden/

Veröffentlicht in Kultur und Gesellschaft

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kucaf 08/05/2012 21:21


 


Einige hinschleppende Gedanken zu Petitionen und Bloggen


Ja Winfried,


ist dem so, das Blogger um Zustimmung betteln? In Blogs spiegeln sich letztlich die gesellschaftlichen Verhältnisse, werden Auseinandersetzungen geführt, Ansichten ausgetauscht, Informationen
gesammelt und weiterverbreitet. So möge auch mancher Blogger als Priester daher kommen, Missionierend in Erscheinung treten und Glauben befördern, sowie verbreiten. Andere wiederum, welche dazu
neigen nicht zu Glauben, sondern nach Wissen zu streben, die Welt zu erkennen und was diese zusammenhält, möchten Erkennen und diese Erkenntnisse prüfen, verfestigen, bestätigt bekommen wissen,
oder auch nicht. Sie streben nach Aufklärung, der Eignen, wie auch der Anderer. Das ist eben auch hier der Fall, wobei historische Parallelen durchaus taugen Erkenntnisse zu untermauern. Somit
kann zur Klärung gefragt werden, wird der Glaube an bestehende gesellschaftliche Verhältnisse und deren Richtigkeit bestärkt, oder werden diese Verhältnisse berechtigterweise in Frage gestellt?


Praktische Beispiel aus der Geschichte, es gibt keine Revolution welche einen gesellschaftlichen Wandel bewirkte, welche mittels Petitionen ausgefochten wurde! Eher waren sie der Erkenntnis
geschuldet, dass Petitionen an die Herrschenden nur mäßigen bis keinen Erfolg hatten.


...


Hoffnung und Glaube sind Zwillinge und so möge auch mancher Blogger hoffen und meinen, denn die Meinung ist ja frei, soll sie jedenfalls sein! Letztlich bedeutet dieses aber auch nur, dass es
einen jeden Menschen vergönnt sein muss, seine Meinung offen zu äußern, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Auch heute noch ein Ideal! Die Forderung ist in einer Zeit entstanden, als unbequeme
Meinung, als nicht systemkonforme progressive Erkenntnisse verboten waren, sie der Zensur unterlagen und ihre praktische Äußerung mit Sanktionen verbunden. Letztlich ging es aber nicht darum
Meinung zu unterdrücken, sondern erkannte Wahrheiten. Meinung in ihrer Allgemeinheit kann sowohl Wahrheit als auch Lüge sein, somit bedeutet die Freiheit der Meinung auch die Freiheit der Lüge!
Was letztlich nicht nur die Klärung des Freiheitsbegriffes erfordert, sondern auch die Auseinandersetzung mit der Meinung selbst. So gesehen verbreiten viele Blogger nicht ihre Meinung, sondern
konfrontieren mit ihren Erkenntnissen und fordern im öffentlichen Raum zur Diskussion! Auf welcher weltanschaulichen Grundlage Erkenntnisse gewonnen werden, macht auch bei Bloggern den
Unterschied! Im obigem Fall geht es um Erkenntnisse, welche weiterverbreitet werden und es durchaus verdienen auf Widerspruch zu stoßen, denn auch hier sind Widersprüche Triebkräfte, welche die
Auseinandersetzung mit dem Thema fördern und damit Erkenntnisse infrage stellen, sie befördern oder negieren! Der Fatalismus, welcher dem Petitionismus folgt, besteht in der Weiterverbreitung und
Verfestigung der Meinung, dass man ohnehin nichts machen könne, immerhin wurde es ja versucht, meistens erfolglos! Und somit gebe ich Deiner „Hoffnung“ Sepp einen Dämpfer und biete Dir den
Widerspruch an, welcher eine Erkenntnis, auch wenn sie Meinung genannt wird, verdient!


Hier mal nicht die 11. Feuerbachthese, sondern die: 8.) Das gesellschaftliche Leben ist
wesentlich praktisch. Alle Mysterien, welche die Theorie zum Mystizismus verleiten, finden ihre rationelle Lösung in der menschlichen Praxis und im Begreifen dieser
Praxis.


...


Teil 3: So ist es gelegentlich, es wird gelesen, es wird gemerkt und Gedanken werden niedergeschrieben, dann wird das geschriebene liegen gelassen, aus welchen Gründen auch immer und
zwischenzeitlich erscheint ein weiterer Gegenstand zu Betrachtung. Der dritte hier und das ist gut so, denn gerade von Diskussionen wie diese leben Blogs. Wobei der Schein gelegentlich eben auch
täuschen kann und gerade in der Diskussion ein entscheidender Unterschied begründet ist. Also ist der Aussage: „die beiden Arten (Blogger und Petitionen) sind sich ähnlicher, als es auf den
ersten Blick erscheinen mag. Sie sind 2 Seiten derselben Medaille.“ zu widersprechen. Übereinstimmung besteht sicher darin, das sich beide an andere Menschen wenden, nicht zum reinen
Selbstzweck betrieben werden, sondern um Interessen zu Artikulieren und gegebenenfalls auch durchzusetzen. Wo eine Petition, wenn sie nicht dem eigenem Tun entspringt, Unterstützung verlangt und
unterstellt, das andere Menschen selbe Interessen haben und durchsetzten möchten, sie aber nur die Wahl haben diese zu unterstützen oder nicht, also die dort vorgebrachte Erkenntnis annehmen kann
oder nicht, sind Blogs Mittel zur Erkenntnisfindung. Auch unterscheiden sich beide im Adressaten, eine Petition ist zweckgebunden und in der Regel an vorherrschend, oder beherrschende Politik
gerichtet. Ein Blog in der Regel an die gesamte Leserschaft. Dabei kann die Motivation einen Blog zu betreiben sehr verschieden sein, von der Bewahrung bestehenden, bis zur konsequenten
Infragestellung des selbigen, aber auch schlichtweg der Selbstdarstellung dienen. Bei allen Unterschieden, die größte Gemeinsamkeit besteht darin, dass beides Instrumente zum Erreichen von Zielen
sind, Instrumente ideologischen Kampfes.


Das auch Blogger Eitelkeiten pflegen, sich über Resonanz freuen, liegt in der Sache selbst begründet und es ist durchaus menschlich, das sich über einen gehobenen Daumen gefreut wird. Petitionen
oft mit einen Blog zu ergänzen, damit über diese diskutiert werden kann, ist unter Umständen nur dem Umstand geschuldet, dem Menschen wenigsten die Illusion zu geben, mitgeredet, oder in diesem
Fall mitgeschrieben, zu haben. Verändern wird sich dadurch am Inhalt der Petition in der Regel nichts! Auch das Petitionen in der Vergangenheit erfolgreich waren, ist nicht von der Hand zuweisen,
denn ganz ohne Erfolg würden die Menschen sich ziemlich schnell von einer solchen Möglichkeit verabschieden. Petitionen sind ein demokratisches Instrument, sie entsprechen der allgemein
praktizierten Form der Demokratie, sie dienen dem Interessenausgleich innerhalb der herrschenden Klasse. Und bei allem Erfolg einer Petition, sollte so die Frage nach den praktischen Folgen für
die Menschen nicht gespart werden. Letztlich ist aber entscheidend, welches eigentliche Interesse hinter einer Petition steckt und wer die treibenden Kräfte sind. Was nichts daran hindert, dass
Petitionen auch ein Bekenntnis zum bestehenden politischen System mit seinen Strukturen ist und Petitionen ein probates Mittel sind Stimmungen zu erfassen. Zum vorgebrachen Beispiel Aavaz sei auf
die Erkenntniss von Barth Engelbart verwiesen und wem und was nutzt letztlich ein Abgeordnetencheck, außer das etwas die
Volksseele erregt wird? Ein realistischer Einfluss auf Kandidatenwahl und das Wahlsystem entsteht dadurch nicht!

Winfried 08/05/2012 13:32


In Ihrer Antwort sind div. Fehler.


Jeder Blogger will etwas erreichen, hofft auf Zustimmung. Egal ob sein Anliegen politisch, gesellschaftskritisch oder wie auch immer ist. Vereinfacht: einen Daumen nach oben (bitte).


Jeder Initiator einer Petition hofft auf Gleichgesinnte. Viele Petitionen sind mit einem Blog ausgestattet ( s. Petitionen an den Petitionsausschuß des Deutschen Bundestages ) Viele Petitionen
sind bereits erfolgreich gewesen. International als Beispiel: aavaz, abgeordnetencheck u.a.


 


Richtig ist, es gibt sowohl unter den Bloggern, wie auch den Petitionen vieles, was entweder zu speziell für das Medium ist, oder auch einfach nicht durchdacht genug gepostet wird.


 


Die beiden Arten (Blogger und Petitionen) sind sich ähnlicher, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Sie sind 2 Seiten derselben Medaille.

Sepp Aigner 08/05/2012 19:31



Die Wirksamkeit von Petitionen bestreite ich gar nicht. Ich bestreite ihre Wirksamkeit für politische Forderungen, die sich auf gesellschaftliche Veränderungen richten. Wenn AVAAZ Unterschriften
für die Einrichtung einer "Flugverbotszone" sammelt und die NATO-Luftwaffe Lybien bombardiert, ist das natürlich "erfolgreich". AVAAZ hat in dem Fall die Zustimmung von ein paarhunderttausend
Leuten für ein Kriegsverbrechen erheuchelt. "Petitionsmaschinen" wie AVAAZ sind schlicht ein Mittel der - in dem Fall USamerikanischen - Staatspolitik. Und AVAAZ ist bei weitem nicht die einzige
"Petitionsmaschine" dieses Typs, die "Graswurzelpolitik" heuchelt, während sie in Wirklichkeit an der Leine Clintons und der CIA läuft. Angesichts der Masse von Leuten, die über das Internet
beeinflussbar sind, wäre es ja auch ein Wunder, wenn diese Mimikkry nicht praktiziert werden würde.



Winfried 08/05/2012 09:14


Mit der Meinung mag ich mich nicht anfreunden. Wäre sie richtig, träfe der "Vorwurf" der modernen "Priesterschaft" genauso auf jeden Blogger zu, der ja nichts anderes tut, als um "Zustimmung zu
betteln".

Sepp Aigner 08/05/2012 12:03



Da ist ein Unterschied, finde ich. Blogger verbreiten halt ihre Meinung und hoffendabei natürlich auf Leserschaft und Zustimmung. Internet-Petitionen sollen dagegen definitionsgemäss politisch
etwas durchsetzen. Weil das nicht funktioniert ist es pseudo, Ersatzhandlung, auch zur eigenen "seelischen Entlastung" - "ich hab mich ja dagegen/dafür ausgesprochen.". Anders sehe ich die
Funktion von Petitionen, die als Mittel wirklicher politischer Bewegungen dienen. Die können, finde ich, schon sinnvoll sein. Aber das ist ja bei den Petionen, die von den diversen
"Petitions-Maschinen" im Internet so gut wie täglich lanciert werden, kaum der Fall.