Schlüsselfrage: Wie kann die Arbeiterklasse (wieder) kämpfen lernen ?

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

Mit dieser Frage beschäftigen sich Thomas Hagendorfer und Nina Hager in einem Aufsatz, der in der UZ vom 10. Dezember 2010 erschienen ist. Nina Hager ist stellvertretende Vorsitzende der DKP, Thomas Hagendorfer Beriksvorsitzender der Partei im Saarland.

 

Den Text haben Willi Gerns und Robert Steigerwald in zwei weiteren Beiträgen, die in der UZ  vom 24.Dezember erschienen sind, komentiert.  Im folgenden alle drei Artikel. Zunächst der von Hagendorfer/Hager:

 

Eine Schlüsselfrage:
Wie lernt die Klasse (wieder) zu kämpfen?

 

Ein Diskussionsbeitrag - Von Thomas Hagenhofer und Nina Hager

Die Akteure sind kritisch. Auch wir diskutieren und streiten derzeit, warum es so schwer war, den angekündigten "heißen Herbst" der Gewerkschaften und sozialen Bewegungen Wirklichkeit werden zu lassen, warum der wachsende Zorn vieler Menschen nicht in mehr Widerstand mündet. Dabei waren in diesem Herbst auch in der Bundesrepublik Hunderttausende auf "der Straße": bei betrieblichen und gewerkschaftlichen Aktionen, bei Demonstrationen der sozialen Bewegungen, vor allem bei den Protesten gegen Stuttgart 21, gegen die Verlängerung der Laufzeiten der Atomkraftwerke und gegen die Atommülltransporte ins Zwischenlager Gorleben.

 

Ein Ursachenkomplex

 

Warum gab es in den Betrieben am Anfang der Krise offenbar mehr Bereitschaft zum Widerstand? Warum ist es hierzulande heute so schwierig, Menschen im größeren Umfang zu mobilisieren und zu organisieren? Nicht Wenige erkennen doch durchaus, wer die Schuld an der Krise, an Arbeitsplatzabbau, Kurzarbeit, Reallohnkürzungen, Betriebsschließungen und an den für die Mehrheit der Menschen immer unsicherer werdenden Lebensverhältnissen trägt, auch wenn die Propaganda vom "Aufschwung für alle" wirkt. Die Ursachen dafür sind vielfältig, "vielschichtig" und widersprüchlich. Aus unserer Sicht ist die heutige Situation nur erklärbar, wenn man dies beachtet. Also beispielsweise, um einige der wesentlichen Ursachen zu benennen:

 

1. jene grundlegenden ökonomischen, sozialen, politischen sowie kulturellen Veränderungen, die in den letzten Jahrzehnten und vor allem nach 1989/90 nach der Niederlage des Sozialismus in Europa im Zusammenhang mit der Durchsetzung der neoliberalen Politik und Ideologie des Kapitals auch hierzulande beschleunigt vor sich gingen. Die kapitalistische Entwicklung der letzten Jahrzehnte, vor allem seit 1990, hat dabei zu einer enormen Differenzierung der Arbeits-, der Existenzbedingungen und auch der Interessen der Werktätigen geführt (vgl. DKP-Bildungsthema 1-2010 "Arbeiterklasse heute") .

 

Zur Klassenpolitik der Kapitalvertreter gehört, die damit entstehenden neuen Spaltungslinien und auch die zunehmende Individualisierung "weiterzutreiben", Kolleginnen und Kollegen, ja ganze Belegschaften gegeneinander auszuspielen. Durch die Zerstörung der bisherigen sozialen Sicherungssysteme wird zudem - wie auch schon im 2006 beschlossenen DKP-Parteiprogramm festgestellt wird - ein Klima dauernder Verunsicherung geschaffen. Werner Seppmann schreibt in seinem aktuellen Buch "Krise ohne Widerstand?", dass es dem Kapital dabei darum geht "bei den Lohnabhängigen die Bereitschaft zu fördern, deutlich verschlechterte Beschäftigungsbedingungen als in der Vergangenheit zu akzeptieren. Es liegt in der kapitalistischen Funktionslogik, durch Zerstörung (hier die ´Deregulierung´ sozialer Absicherung) die Akkumulationsbedingungen zu verbessern. Die Hartz-Konzepte waren nur der sichtbare Höhepunkt eines ganzen Bündels von sozialpolitischen Rückstufungsmaßnahmen, die zu der Verallgemeinerung eines Unsicherheitsgefühls beitrugen, auch weit in die Zonen der Beschäftigung und einer ehemals stabilen ´Mitte´ hinein." (Werner Seppmann, Krise ohne Widerstand? Berlin 2010, S. 8)

 

Nicht erwähnt - oder nur am Rande - wurde im Bildungsthema, dass es heute - zumindest hierzulande - zudem nicht mehr die "klassischen" Arbeitermilieus und -familien gibt wie sie zum Beispiel noch Willi Bredel in seiner Trilogie "Verwandte und Bekannte" (1941 bis 1953) beschrieb. Auch weil es zum Beispiel die alten Werkssiedlungen nicht mehr gibt, auch weil frühere Arbeiterbezirke in den letzten Jahrzehnten teilweise zu Vierteln der Besserverdienenden wurden.

 

2. dass die bürgerliche Ideologie in allen Bereichen noch dominanter geworden ist. Entsprechende Denkweisen, Wertorientierungen, Normen etc. wirken und damit eignen sich die Beherrschten Vorstellungen, Denkformen, Wertvorstellungen an, die ihren eigenen und eigentlichen objektiven Interessen widersprechen. Mit Hilfe von alten und neuen Medien sowie des Bildungssystems wurde eine "Welt" der Informationen, die kaum noch jemand hinterfragen oder gar überprüfen kann geschaffen. Ihr zur Seite steht eine "Welt der Unterhaltung". All dies dient dem Ziel, falsches, "verkehrtes" Bewusstsein zu fördern, um vor allem in der Arbeiterklasse systemkonformes Denken zu erzeugen, sie auch über diesen Bereich in das System "einzubinden" und die Menschen weiter zu entsolidarisieren. Hinzu kommt, dass das Bildungssystem viele Menschen einerseits ausgrenzt, andere meist nur einseitig, wenn auch oft hervorragend, bildet - aber auch dies ohne Vermittlung tatsächlicher historischer Hintergründe und gesellschaftlicher Zusammenhänge.

 

3. dass Niederlagenerfahrung, Erfahrungen des Scheiterns und der Resignation offenbar tiefer und längerfristiger wirken als Erfahrungen erfolgreicher Kämpfe. Die Diffamierung der DDR und des Sozialismus (Kommunismus) denunziert zudem heute jegliches Nachdenken und alle Debatten über sozialistische Alternativen.

 

4. dass mit der Abwicklung der DDR-Industrie, der Deindustrialisierung ganzer Landstriche, der Entwertung von Qualifikationen usw. usf. das Kapital in diesem Land Erfahrungen gewonnen hat - wie die Deregulierung aller Lebensverhältnisse im Sinne der eigenen Interessen forciert werden kann - ohne das es spürbaren Widerstand gab. Der Osten war das Experimentierfeld nicht nur für Rekapitalisierung sondern auch für die Demoralisierung und Entsolidarisierung der arbeitenden Menschen.

 

5. dass in der BRD - weil weder die Kommunistinnen und Kommunisten noch andere linke Kräfte oder die Gewerkschaften den vor sich gehenden Differenzierungsprozessen und Veränderungen entsprechende Strategien entgegensetzen konnten - zudem ist nicht gelungen, Klassenbewusstsein, das in erfolgreichen Kämpfen (Streik um Lohnfortzahlung im Krankheitsfall 1956/57, 35-Stunden-Woche) oder in Niederlagen (Rheinhausen) entstanden war, nachhaltig zu festigen und in das "kollektive Bewusstsein" der nächsten Arbeitergenerationen zu übermitteln, "weiterzugeben". Das hat nicht nur etwas damit zu tun, dass aktive Akteure aus dem Berufsleben ausscheiden oder Betriebsbelegschaften, die wie in Rheinhausen kollektiv gekämpft haben, "in alle Winde zerstreut" wurden. Das hat auch etwas damit zu tun, dass immer weniger Menschen gemeinsam mit vielen anderen über Jahrzehnte in nur einem Betrieb arbeiten und ihre Erfahrungen damit unmittelbar an jüngere Generationen weitergeben können. Das hat vor allem auch damit zu tun, wie Lernprozesse, die im Weiteren Gegenstand der Betrachtung sind, tatsächlich verlaufen und zunächst jede Generation ihre eigenen Erfahrungen machen muss.

Lernprozesse und Entscheidungsfindung

 

Lenin entwickelte in "Was tun?" die auch heute völlig richtige Überlegung, dass die Arbeiterklasse nicht spontan zu sozialistischem Bewusstsein gelangen kann, sondern durch "wissenschaftliche Einsicht", oder wie Engels schreibt, in dem sie sich zur "Marxschen Theorie der Entwicklung (...) emporarbeiten" muss. (Brief an Friedrich Adolph Sorge im Mai 1894, MEW, Bd. 39, S. 245)

Lenin: "Wir haben gesagt, dass die Arbeiter ein sozialdemokratisches Bewusstsein gar nicht haben konnten. Dieses konnte ihnen nur von außen gebracht werden. Die Geschichte aller Länder zeugt davon, dass die Arbeiterklasse ausschließlich aus eigener Kraft nur ein trade-unionistisches Bewusstsein hervorzubringen vermag. (...) Die Lehre des Sozialismus ist hingegen aus den philosophischen, historischen und ökonomischen Theorien hervorgegangen, die von den gebildeten Vertretern der besitzenden Klassen, der Intelligenz, ausgearbeitet wurden." (Was tun?, LW, Bd. 5, S. 62)

Zustimmend zitierte er Karl Kautsky: "Der Sozialismus als Lehre wurzelt ebenso in den heutigen ökonomischen Verhältnissen wie der Klassenkampf des Proletariats, (...) aber beide entstehen nebeneinander, nicht auseinander, und unter verschiedenen Voraussetzungen. Das moderne sozialistische Bewusstsein kann nur erstehen auf Grund tiefer wissenschaftlicher Einsicht. In der Tat bildet die heutige ökonomische Wissenschaft ebenso eine Vorbedingung sozialistischer Produktion wie etwa die heutige Technik, nur kann das Proletariat beim besten Willen die eine ebenso wenig schaffen wie die andere. (...) Der Träger der Wissenschaft ist aber nicht das Proletariat, sondern die bürgerliche Intelligenz. (...) Das sozialistische Bewusstsein ist also etwas in den Klassenkampf des Proletariats von außen Hineingetragenes, (...)." (Was tun?, S. 72) Lenin spitzte zu: "Dies heißt selbstverständlich nicht, dass die Arbeiter an dieser Ausarbeitung nicht teilnehmen. Aber sie nehmen daran nicht als Arbeiter teil, sondern als Theoretiker des Sozialismus (...)." (Ebenda, S. 72)

Lenin beschrieb in "Was tun?" vor allem auch die Situation der Arbeiterklasse in Russland: Von der Zahl her klein, meist in der ersten Generation Arbeiter mit bäuerlicher Herkunft, oft ohne jegliche Klassenkampferfahrung und zudem oft ohne Schulbildung - also eine Situation, die schon auf das damalige Deutschland, in dem seit der Mitte des 19. Jahrhunderts Arbeiterbildungsvereine wirkten und den in der Sozialdemokratie organisierten Arbeiterinnen und Arbeiter, die eine weitaus längere Erfahrung organisierter Kämpfe hatten, nicht 1:1 übertragen werden konnte. Unbedingt zu unterstreichen ist unter anderem sein Hinweis: "Erst der Kampf erzieht die ausgebeutete Klasse, erst der Kampf gibt ihr das Maß ihrer Kräfte, klärt ihren Verstand auf, stärkt ihren Willen." (LW, Bd. 23, S. 249)

 

Manches Bildungsprivileg wurde durch die Kämpfe der Arbeiterbewegung zeitweise gebrochen. Zudem existiert die strikte Trennung zwischen Produktionsarbeiter und geistiger Arbeit bzw. Wissenschaft seit einigen Jahrzehnten nicht mehr. Teile der heutigen Arbeiterklasse - gerade auch in den mehrwertproduzierenden Sektoren der Klasse - sind wissenschaftlich gebildet, haben einen Ingenieursabschluss oder andere wissenschaftliche Grade. Wie sonst wären heute Belegschaften in der Lage, Alternativkonzepte z. B. gegen Betriebsschließungen auf hohem fachlichem Niveau zu erarbeiten?

Das bedeutet, die heutige Arbeiterklasse ist in mehrfacher Hinsicht in einer anderen Lage als die am Anfang des 20. Jahrhunderts, ohne dass der Grundwiderspruch zwischen Kapital und Arbeit verschwunden wäre, und zugleich ist die Arbeiterbewegung in einer weitaus komplizierteren Situation. Zudem gibt es heutzutage weitere Einsichten darüber, wie sich Lernprozesse vollziehen und diese unterstreichen die Erkenntnis, dass Wissensvermittlung vor allem auch im gesellschaftlichen Bereich ohne praktische Auseinandersetzung und Erfahrung "unfertig", "unvollständig" bleibt. (zur Problematik siehe auch Willi Gerns, Klassenbewusstsein und Partei der Arbeiterklasse, Frankfurt a. M. 1978)

 

Zu diesen Erkenntnissen trug auch die Niederlage des Sozialismus in Europa bei. Selbst in den sozialistischen Ländern Europas, in denen die Macht des Kapitals gebrochen war, in denen die Betriebe, das Bildungswesen vom Kindergarten bis zur Hochschule, die Medien, die Kultur usw. dem Einfluss der Bourgeoisie entzogen waren, in denen in allen Lebenssituationen versucht wurde auch proletarisches Klassenbewusstsein zu vermitteln, verteidigten 1989/90 die Arbeiterinnen und Arbeiter, in der DDR "erzogen" und gebildet, ihre Betriebe nicht. Die Mehrheit der Bevölkerung zumindest in der DDR hoffte 1990 sogar, man würde die sozialen Errungenschaften der DDR (und damit u. a. auch die Arbeitsgesetzgebung der DDR, die soziale Sicherheit, Frieden, die Bildung und Kultur usw.) auch unter kapitalistischen Bedingungen bestätigen können und zugleich die "Wunder des Westens" wie Reisefreiheit, kompatible Währung und ein riesiges Konsumangebot erhalten. Früher galt oft - und auch in der DDR waren streitbare Debatten in Schulklassen meist die Ausnahme: Der Lehrer bzw. Vortragende steht vor der Masse und vermittelt Wissen an die Unwissenden.

Marxistinnen und Marxisten haben in Erziehungswissenschaft und Psychologie über Jahrzehnte jedoch zu einer "Revolution" beigetragen (vgl. zum Beispiel Alfred Kossakowski, Die pädagogische Psychologie der DDR im Spannungsfeld zwischen kindorientierter Forschung und bildungspolitischen Forderungen, in: Pädagogik in der DDR, Hrsg. E. Cloer, R. Wernstedt, Weinheim 1994)

 

Heute ist allgemein anerkannt, dass Lernen ein gesellschaftlicher Prozess ist, der das aktive (Mit-)Wirken der Lernenden und eine vielfältige Rückkopplung erfordert. Die Lehrenden müssen unter anderem mit der Vermittlung von Wissen (objektive) Möglichkeiten für zunehmend selbstständiges und eigenverantwortliches Handeln der Lernenden schaffen, dieses fördern, Aktivitäten stimulieren und orientieren. Gelerntes muss immer wieder praktisch erprobt und hinterfragt werden können. Erst dann wird es zu Wissen und zur eigenen Überzeugung. Lernformen berücksichtigen heute zunehmend, dass Menschen über verschiedene Wege Wissen "aufbauen", d. h. sich Wissen in unterschiedlicher Weise "erarbeiten" - es gibt unterschiedliche Aneignungsformen.

 

Zu Letzterem nur ein Hinweis: Manche sind in der Lage theoretische Aussagen schnell und umfassend zu verstehen, andere müssen die Dinge unmittelbar "anfassen", mit ihnen hantieren, sie wenn nötig verändern, um sie "zu begreifen". Pädagogen sprechen von "Ermöglichungsdidaktik" und verabschieden sich zudem von der Vorstellung, Wissen könnte in einem möglichst konfliktfreien Prozess vermittelt werden. Lernen hat etwas mit Arbeiten zu tun. Arbeiten bedeutet geistige wie praktische Tätigkeit, Auseinandersetzung mit Gegenständen, Werkzeugen und Methoden, mit Kollegen, Vorgesetzten und Unternehmern. Das meiste Wissen entsteht bei uns in Krisensituationen, in denen wir uns neue Wege zur Lösung unserer Probleme überlegen müssen, wo wir nicht einfach so weiter machen können wie bisher. Dies gilt natürlich auch für gesellschaftliche Entwicklungen. Gute Lehrer - und wir hatten und haben etliche davon in unseren Reihen - wissen das. Sie erschüttern die Lebensvorstellungen ihrer Schüler/innen, machen sie neugierig und verunsichern sie zugleich. Erst dadurch entstehen wirkliche Lernsituationen, in denen es möglich wird, kreativ zu werden, sich neue Kompetenzen zu erarbeiten, sich zu begeistern für neue Lösungen. Dies gilt bereits für das Erlernen von einfachen Problemlösungen. Ungleich komplexer ist die Aufgabe, Gesellschaftsveränderung "zu lernen". Die DKP hat nach wie vor viele Gesellschaftsveränderungs-Experten in ihren Reihen, von ihren Betriebsrät/inn/en bis zu Wissenschaftler/inne/n. Ihr Wissen, ihre Autorität haben sie sich in langjährigen oftmals schmerzlichen Lernprozessen erarbeitet.

Verbreiter, Vermittler der wissenschaftlichenWeltanschauung, Organisator und Lern-Partner im Kampf

 

Aufgabe von Kommunistinnen und Kommunisten - der Partei - ist es für die Bildung von Klassenbewusstsein in der Arbeiterklasse und die Herausbildung einer kämpferischen Arbeiterbewegung zu wirken. Dazu ist es nötig Wissen zu vermitteln, Zusammenhänge und Ursachen der gegenwärtigen Entwicklungen aufzuzeigen, gesellschaftliche Widersprüche aufzudecken. Mit unserer wissenschaftlichen Weltanschauung können wir damit ein Lern-Partner im Kampf um gesellschaftliche Veränderungen im Interesse der arbeitenden Menschen sein. Wir haben eine ganze Wissenschaft zu bieten, die muss verbreitet und vermittelt werden - sie muss sich vor allem aber in den gemeinsamen Auseinandersetzungen, in der Praxis, bewähren und wird sich dadurch auch weiterentwickeln. Übersetzt auf unser Problem "Wie lernt die Klasse (wieder) zu kämpfen?" bedeutet das: Die theoretische Arbeit und die Vermittlung theoretischen Wissens muss organisiert werden. Doch dies muss verbunden werden mit der Organisation von Gegenwehr, von Kämpfen, und damit von Entscheidungsprozessen, in denen Erfahrungen (durch die Lernenden und zugleich Handelnden) gewonnen werden können. Das zusammenzuführen ist eine wesentliche Aufgabe der kommunistischen Partei. Und das ist heute die "Krux", der "wunde Punkt" - siehe "heißer Herbst".

Die "Schulen" sind vor allem die Betriebe, die Gewerkschaften, die Arbeit in Betriebsräten und in Bewegungen. Und die "Lehrenden", die selbst Vorbild sein müssen, wie die "Lernenden" werden letztlich nur gemeinsam durch die Vermittlung von Erfahrungen, den Austausch und die Verallgemeinerung gewonnener neuer Einsichten, vor allem aber durch das gemeinsame organisierte Handeln weiterkommen. Auch die "Lehrenden" müssen beständig lernen. Wer von uns jemals einen Kampf um einen Betrieb geführt oder eine Belegschaft für einen Streik mobilisiert hat, weiß, worum es hier geht und kann viele Erfahrungen vermitteln.

Warum haben wir derzeit offenbar so große Probleme in unserer Partei damit, uns auf den Prozess der Diskussion über eine so komplizierte, aber entscheidende Aufgabe einzulassen? Lasst uns darüber offen und gründlich diskutieren, denn es geht um eine "Schlüsselfrage".

 

Hier der Beitrag von Willi Gerns:

 

Bewusstseinsbildende Arbeit einer marxistischen Partei unverzichtbar

In: unsere zeit von 24.12.10

 

In dem unter dieser Überschrift in der UZ vom 10. Dezember erschienenen Beitrag werden interessante Probleme des Klassenbewusstseins behandelt. So weisen die Autoren u. a. auch im Zusammenhang mit Lenins 1902 veröffentlichter Schrift "Was tun?" zu Recht auf die gravierenden Unterschiede zwischen dem Bildungsniveau der russischen Arbeiterklasse jener Zeit und dem unserer heutigen Arbeiter und Angestellten hin. Während viele russische Arbeiter damals noch in erster Generation aus der Bauernschaft kamen und vielfach Analphabeten waren, hat die heutige Arbeiterklasse einen vergleichsweise hohen Stand der Allgemeinund teilweise auch der technischen sowie naturwissenschaftlichen Bildung. Bezüglich des Klassenbewusstseins der Arbeiterklasse sagen die genannten Unterschiede meiner Ansicht nach aber offenbar wenig aus. Wie wäre es sonst zu erklären, dass gerade diese wenig gebildete russische Arbeiterklasse schon anderthalb Jahrzehnte nach der Veröffentlichung von "Was tun?" die erste erfolgreiche sozialistische Revolution in der Weltgeschichte durchführte und diese während der Interventionskriege und des von der Konterrevolution entfesselten Bürgerkrieges auch verteidigen konnte? Den Grund dafür sehe ich vor allem darin, dass die russische Arbeiterklasse in dem Jahrzehnt vor der sozialistischen Oktoberrevolution durch die Schule zweier bürgerlich-demokratischer Revolutionen (1905-1907 und Februar 1917) gegangen ist und reiche Kampferfahrungen gemacht hatte. Diese bildeten den Boden dafür, dass das elementare Klassenbewusstsein der russischen Arbeiter das ihrer Klassengenossen in den fortgeschrittenen Ländern sozusagen im Eilverfahren überholt hatte.

Hinzu kommt, dass die von Lenin geführte Partei der Bolschewiki in diesen Kämpfen letztlich den maßgeblichen Einfluss in der Arbeiterklasse erringen konnte.

 

Es war dies eine Partei, die im Unterschied zu den vom Reformismus und Revisionismus zerfressenen sozialdemokratischen Parteien konsequent am Marxismus festhielt und diesen für die Bedingungen des Imperialismus weiterentwickelte; die ihre wichtigste Aufgabe darin sah, den Arbeitern in den Klassenkämpfen ein immer höheres Klassenbewusstsein zu vermitteln; die eine revolutionäre Strategie sowie eine bewegliche Taktik verfolgte und nicht im Parlamentarismus versackte sondern alle Kampfformen beherrschte; die unter Bedingungen besonders harter Illegalität zu einer disziplinierten Kampfpartei geformt worden war; die eine kluge Bündnispolitik entwickelte, was in dem Bauernland Russland besonders wichtig war; die sich mit Opportunismus und ultralinkem Sektierertum in ihren Reihen gleichermaßen entschieden auseinandersetzte und sich im Unterschied zu den revolutionären Linken im Westen rechtzeitig als eigenständige revolutionäre Partei formiert hatte.

 

Für das eigenständige Studium politischer und gesellschaftlicher Prozesse bringen die besonders qualifizierten Teile der heutigen Arbeiterklasse zweifellos die besseren formalen Bildungsvoraussetzungen mit. Allerdings stellt sich die Frage, wie es da zu erklären ist, dass sie nicht weniger durch die bürgerlichen Medien geprägt sind als einfache Arbeiter, dass sie in der Regel die gesellschaftlichen Zusammenhänge nicht besser durchschauen als jene, ja dass bei ihnen der gewerkschaftliche Organisationsgrad und damit selbst elementares gewerkschaftliches Bewusstsein wesentlich niedriger sind als bei einfachen Industriearbeitern? Die Aneignung von Allgemeinbildung, von technischen und anderen naturwissenschaftlichen Qualifikationen ist offenbar etwas anderes als die von gesellschaftlichen, insbesondere sozialistischen Erkenntnissen. Diese stößt auf andere und größere Schwierigkeiten als die zuvor genannten Bereiche, auf die Übermacht der bürgerlichen Ideologie, auf die Klassenherrschaft, auf das kapitalistische Eigentum an den wichtigsten Produktionsmitteln auf die "heftigsten, kleinlichsten und gehässigsten Leidenschaften der menschlichen Brust, die Furien des Privatinteresses" von denen Marx im Vorwort zum ersten Band seines Hauptwerks "Das Kapital" in Bezug auf die Erforschung der politischen Ökonomie spricht.

 

All das unterstreicht meiner Überzeugung nach nachdrücklich die Feststellungen Lenins in "Was tun?", dass politisches und erst recht sozialistisches Bewusstsein nicht im Selbstlauf entsteht, sondern das an die Erfahrungen der Arbeiter und Angestellten im Klassenkampf anknüpfende vermittelnde Wirken von Marxisten und Kommunisten, einer revolutionären marxistischen Partei in der Arbeiterklasse und eigene geistige Anstrengungen erfordert. Dabei müssen allerdings zugleich die Bildungsvoraussetzungen, Arbeits- und Lebensumstände der verschiedenen Abteilungen der heutigen Arbeiterklasse und die modernen Erkenntnisse der Erwachsenenbildung - mehr als das heute der Fall ist - beachtet werden.

 

Willi Gerns

 

 Und hier der Text von Robert Steigerwald:

 

Zur Diskussion: Wie lernt die Klasse (wieder) zu kämpfen?

In: unsere zeit von 24.12.10

 

Es geht um die wichtigste unter all unseren wichtigen Fragen

 

Der Beitrag der Genossen Nina Hager und Thomas Hagenhofer behandelt m. E die wichigste unter allen unseren wichtigen Fragen. Er entwickelt viele Argumente, mit denen ich auch "arbeite", ein analoger Text befindet sich auch gegen Ende in den "Thesen", aber Hager/Hagenhofer machen dies in der "UZ" in seriöser Weise, frei von agitatorisch-saloppen Redewendungen. Es geht im Kern um die Frage, was ist zu tun, damit die Klasse aus einer solchen "an sich" zur Klasse "für sich" wird, und da kommt es entscheidend auf die Entwicklung des sozialistischen Bewusstseins an. Zu zwei Passagen möchte ich etwas sagen. Erstens würde ich einen Punkt ergänzen, der im Artikel behandelt wird, eine Ergänzung, die einen gewissen theoretischen Aspekt enthält aber auch agitatorisch wirksam ist. Beim zweiten Punkt geht es um Grundlegenderes. Also zum ersten Punkt, da geht es um das Problem des Sozialismus. Ich denke, die "Delegitimierung" der Idee und der Realität des Sozialismus ist so sehr gelungen, dass den Massen der Gedanke, es könne und müsse ein Jenseits des Kapitalismus geben, nicht ins Bewusstsein tritt. Geislers Wort, der Kapitalismus sei schlecht, der Sozialismus nicht besser, ist kennzeichnend und weithin das Bewusstsein der Massen bestimmend. Folglich ist gescheite Propagierung des Sozialismus ideologische Aufgabe Nr. 1. Nun zum zweiten Punkt, jenem der Bewusstseinsbildung im engeren Sinn. Dem Wesen nach geht es da um die Frage: ist eine Partei nötig oder nicht. Ihr arbeitet sehr schön die Positionen von Lenin und Kautsky (der hat eine solche Ehrenrettung durchaus verdient) heraus. Ich habe unlängst das Problem mal in Arbeiten von Engels aus dem November 1843 und von Marx aus dem März/April 1844 angeschaut, beide kamen unabhängig voneinander auf dieses Problem des "Hineintragens" - eine spannende Periode in der Frühgeschichte des Marxismus.

Ihr verweist auf eine Menge von Beispielen, wie die Klasse im Kampf lernen kann. Auch da wäre aus Lenins "Was tun?" einiges nachzulesen, wenn er etwa das Wirken des sehr erfolgreichen britischen Streikführers Knight mit dem Wirken von Wilhelm Liebknecht vergleicht. Liebknecht war auf dem Feld des sozial-ökonomischen Klassenkampfs, also etwa des Streiks nicht aktiv und dennoch bewertet Lenin Liebknechts Beitrag zur Entwicklung des Klassenbewusstseins höher als das von Knight, weil das sozialistische Klassenbewusstsein nicht bereits auf dem Felde des sozialökonomischen Klassenkampfes entsteht, dazu ist mehr nötig.

 

Warum ist mehr nötig?

 

Ihr macht richtig darauf aufmerksam, dass die Klasse zur Zeit Lenins (und dann auch noch "regional") und die heutige etwas qualitativ Unterschiedenes sind. Die Spontaneitäts-Vorstellungen damals bildeten sich auf einem anderen Boden, als dies heute der Fall ist. Die soziale Basis hat sich geändert, aber das Problem ist geblieben. Es stellt sich heute auf dem Boden veränderter Produktivkräfte und der wissenschaftlich-technischen Revolution, in teilweise qualitativ anderen sozialen, kulturellen usw. Zusammenhängen dar (die haben wir übrigens in den Hamburger Thesen von 1986 sehr gründlich dargestellt). Aber bedeutet dies, dass sich auf diesem Boden ohne das "Hineintragen" durch die Partei das sozialistische Klassenbewusstsein bildet? Dann wäre die Partei überflüssig.

Worin sehe ich den letzten Kern dieses sozialistischen Bewusstseins? In drei zusammenhängenden Punkten:

  1.  
    1. Die ursprüngliche Akkumulation hat die Scheidung von lebender und sachlicher Produktionsfaktoren bewirkt, die Herausbildung der beiden Grundklassen, und ihr Wirken prägt seitdem grundlegend alle gesellschaftlichen Entwicklungen. Unser eigentlicher Kampf geht doch dahin, diese Scheidung und damit die Klassenspaltung usw. zu überwinden (letztlich durch Lösung der Eigentumsfrage).
    2. Der Reproduktionsprozess stellt dieses Kapitalverhältnis immer wieder her, es kann durch Reformen positiv oder negativ beeinflusst, aber dadurch nicht aufgehoben werden.
    3. Darum sagte Rosa Luxemburg: Der Reproduktionsprozess beweist die Notwendigkeit der proletarischen Revolution.

Und nun meine Frage: Bilden sich solche Erkenntnisse ganz einfach auf dem Boden heutiger technischer, wissenschaftlicher, sozialer usw. Verhältnisse und Kämpfe? Das habe ich in meiner Kritik an diesem Teil der "Thesen" bestritten und ich sehe nicht, dass ich diese Argumente angesichts des Beitrags von Nina und Thomas zurücknehmen müsste. Ich bleibe dabei: Die Arbeit an noch so qualifizierten Produktionsinstrumenten erfordert gewiss hohes wissenschaftliches Know-how, aber es ist dies nicht identisch mit jenem Wissen, auf dem sich sozialistisches Klassenbewusstsein herausbildet. Nicht nur einfache "Malocher", auch noch gebildete Techniker und Ingenieure finden sich in großer Zahl unter den Lesern der Blöd-Zeitung. Das "Hineintragen", dieses die Massen vom ideologisch-politischen Gängelband des Kapitals, seiner Medien loszureißen, ist unsere ureigenste Aufgabe, ist recht eigentlich das Wesen der Partei.

 

Robert Steigerwald

 

 

Veröffentlicht in Kommunisten

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